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Eisenbahnforum Nordostbayern
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vor 2 Wochen, 5 Tagen
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OliverW., extirschenreuther, 219 006, Martin Pfeifer, JimKnopff, domos

Relikte aus einer anderen Zeit: Der Atombunker unter dem Nürnberger Hbf (mvB)

Startbeitrag von domos am 04.02.2018 01:25

Hallo zusammen,

nach langer Zeit wollte ich mal wieder einen Bildbericht posten - und zwar überden Atombunker unter dem Nürnberger Hbf. Dieser konnte kürzlich bei Sonderführungen anlässlich des Jahrestags der Bombenangriffe auf Nürnberg im zweiten Weltkrieg mit dem "Förderverein Nürnberger Felsengänge" [www.felsengaenge-nuernberg.de] besichtigt werden.

Fakten zum Bunker an sich:
- Er befindet sich unter der Bahnhofshaupthalle, und zwar zwischen den beiden Rolltreppen, die zur U1 hinuntergehen. Zum Einen Die Rolltreppe aus der Haupthalle zur U1 und zum Anderen die Rolltreppe vom Sperrengeschoss zur U1. Der Zugang befindet sich unter der Haupthalle, und zwar wenn man mit der Rolltreppe ins Sperrengeschoss und zur Unterführung Richtung Altstadt und U2 runterfährt am Ende der Rolltreppe rechts (wo der unterirdische Yormas ist und die kleine Treppe wieder zum Bahnhofsvorplatz hinaufgeht). Einen weiteren Zugang gibt es auch auf der Seite, wo die Bahnhofsmission ist. Den Standort der dritten Schleuse weiß ich leider nicht.

- Er sollte Platz für circa 2500 Personen bieten - getreu dem Motto: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Wenn 2500 Personen drinwaren, wurden die Schleusentore dicht gemacht. Alle anderen mussten draußen bleiben und wären einer Verstrahlung hoffnungslos ausgesetzt gewesen. (Ich spreche bewusst von Verstrahlung, einem Atombombentreffer wäre der Bunker nicht gewappnet gewesen. Er wäre vielmehr Rettung bei beispielsweise einer taktischen Atombombe der Sowjets auf einen Militärstandort der NATO im Nürnberger Umland gewesen)

- Die Aufenthaltszeit und demnach auch die Vorräte waren für etwa 14 Tage ausgelegt. Danach war angedacht, dass die atomare Strahlung schon soweit abgeklungen ist, dass es zumindest für eine Evakuierung des Bunkers gereicht hätte - Vielleicht. Denn andernfalls wäre das 14-tägige Ausharren im Bunker für die Katz gewesen.

- Der Bunker wurde bis Ende der 90er regelmäßig inspiziert und gewartet. Ende der 90er hat man dann beschlossen, dass dieses Bauwerk nicht mehr für den Zivilschutz erforderlich ist. (Wegen seines Status als Zivilschutzbauwerk wurde er übrigens nicht wie der Bunker der Bundesregierung totgeschwiegen sondern tauchte auch in einer Publikation für Schutzräume der Stadt Nürnberg auf). Seither liegt das Bauwerk großteils brach und ist mittlerweile endgültig nicht mehr nutzbar, da der Abluftkamin (eine Litfaßsäule auf dem Bahnhofsvorplatz) abgebaut und das Loch mit Beton zugekippt wurde.


Doch nun zu den Bildern: Hier muss ich noch erwähnen, dass ich leider nur miese Handyqualität bieten kann, aber aufgrund der sehr seltenen Möglichkeit zur Dokumentation möchte ich diese dennoch beisteuern:


- Lageplan:

Hier ein Lageplan der unteren Etage des Bunkers. Die obere Etage, die direkt unter der Rolltreppe Richtung U2 liegt, wurde bei unserer Führung leider nicht begangen, vielleicht werden die Räumlichkeiten auch schon anderweitig genutzt.
Die untere Etage liegt eingebettet zwischen den beiden Rolltreppen zur U1. Rechts müssten die Rolltreppen vom Bahnsteigtunnel zur U1 sein, links die Rolltreppen von der U2 zur U1. Ich kann mich auch täuschen, da wir ja nur kurz an dem Lageplan Halt gemacht haben und danach sofort weiter zu den nächsten Stationen der Führung gegangen sind. Wer also noch was zum Thema weiß, darf hier gern ergänzen ;-).


- Erstmal viel Technik: Einblick in die Strom- und Wasserversorgung:

Strom und Wasser kommt weiter unten detaillierte. Das Abwasser wäre im Fall des Falles einfach auf dem Bahnhofsvorplatz gelandet.


- Technisches Herzstück der Anlage: Das Dieselaggregat:

Der Motor ist tatsächlich gar nicht so groß, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt habe. Jedenfalls wäre es sicher ein tolles Stück, er hatte nur ein paar Betriebsstunden. Toll war die Notiz am Rande: Feuerwehr vor Test informieren! - Nicht dass mal jemand ausrückt, weil die Litfaßsäule am Bahnhofsvorplatz raucht ;-)
Letzte Prüfung des Motors war übrigens glaube ich 2002, ich kann mich aber auch täuschen.


- Wenn der Diesel läuft, gibt es auch Wasser:

Das Wasser konnte aus einem eigenen Tiefbrunnen bezogen werden. Es gibt aber sozusagen auch eine eigene eiserne Reserve von etwa 30 Kubikmetern.


- Ebenfalls abhängig vom Diesel: Die Luftfilteranlage.

Da man natürlich mit radioaktiv verseuchter Luft rechnen musste, war eine Reihe von zuschaltbaren Kohlefiltern vorgesehen, außerdem ein Sandfilter, um die ggf. sehr heiße Luft ein bisschen abzukühlen.


- Zugang zum Sandfilter:

Um die dann verseuchten Teile der Luftfilteranlage unzugänglich zu machen, wurden die hier schon angedeuteten Klötze davor gestapelt.


- Abriegelung der Luftfilteranlagen:



- Stromversorgung:

Ein riesiger Verteilerschrank für die komplizierte Stromversorgung. Leider kam man an die Schränke selbst nicht so leicht heran, weil ein Teil der Stromversorung der Geschäfte im Hauptbahnhof über diesen Raum läuft. In diesem Raum ist übrigens auch die Technik der Klimaanlage untergebracht. Schließlich heizen 2500 Menschen auf engstem Raum ordentlich ein.


- Nun der "Aufenthaltsbereich" des Bunkers:

Hier finden ein Teil der 2500 Menschen Platz in Etagenbetten. Es hat jedoch nicht jeder eine eigene Liege, sondern es gibt für einen festen Rhythmus. 8h Schlafen, 8h Sitzen 8h Stehen. (Bei anderen Führungen hieß es auch, dass 16h gesessen werden muss, aber da passt für mich das Verhältnis von Liegen zu Sitzen nicht.)


- Sitz- und Liegebereich:

Man beachte die Kopfstützen, mit denen früher alle Sitze ausgestattet waren. So konnte das ständige Herumfallen des Kopfes im Halbschlaf vermieden werden.


- Bei im Vergleich zum zweiten Weltkrieg wesentlich längerer Aufenthaltsdauer auch nötig: Toiletten und Waschmöglichkeiten:

Zugang zu den Waschräumen und Aborten. Duschen waren während der zwei Wochen nicht vorgesehen.


- Der Waschraum:

Auf ein Waschbecken kommen durchaus 50(!) Personen. Da man auch mit Eskalation und Depressionen rechnen musste, sind die Waschbecken übrigens aus Plastik, um "Waffenbau" zu verhindern.


- Toiletten:

Toiletten soweit das Auge reicht. Die gelbe Umrandung ist übrigens keine Zierde, denn auf sowas wurde bei Bunkern großzügig verzichtet. Das sind Leuchtstreifen für den Fall, dass das Licht ausfällt.


- ein einzelnes WC:

Um eine Dauerbesetzung von Toiletten durch das Schließen der Tür zu vermeiden (Stichwort Rückzugsraum und Privatsphäre), waren als Abtrennung nur Vorhänge vorgesehen.

- Überall Vorhänge:



- Bei einem längeren Bunkeraufenthalt ebenfalls nötig: Essen, natürlich aus der Bunkerküche:

Dieser Raum sollte für die komplette Essenszubereitung aller 2500 Ausharrenden ausreichen. Gekocht und gegessen werden sollte rund um die Uhr im Schichtbetrieb. Geschirr gab es selbstverständlich wieder aus Plastik. Im Bild ist außerdem das ganze Kochgeschirr zu sehen. Ein Topf und zwei Kannen. Es wurde zwei Wochen lang ausschließlich Tütensuppe gereicht und Tee dazu getrunken. Sonst nichts. Daher waren wohl auch keine eigenen Köche eingeplant, sondern die Arbeit sollte von den vorübergehenden Bewohnern als Beschäftigungstherapie betrieben werden.


- 2500 Bewohner brauchen natürlich auch einen "Chef" - Den Bunkerwart:

Das Zimmer des Bunkerwarts ist ähnlich spärlich. Eine TV-Überwachung der Schleusen, eine Sprechanlage für den ganzen Bunker (Ansage der Essenszeiten und der Schichtwechsel beim Schlafen), ein Kurbeltelefon zur Verständigung mit den anderen Räumen, ein paar Lagepläne und ein Telefon "nach draußen", sofern es noch ein Draußen gab bzw. davon noch viel übrig war.



Das wars auch schon mit der Bildserie. Für mich als jemand aus der Generation, die den kalten Krieg mehr oder weniger nicht mehr erlebt hat, eine absolut schaurige Vorstellung. Wie ernst die Lage tatsächlich war, ist (nachdem auf dem Kriegsschauplatz nichts passiert ist) im Nachhinein kaum mehr vorstellbar. Sonst ist ja von den Schreckensgespenstern des kalten Krieges nicht mehr vieles live erlebbar.
Etwas schade finde ich, dass der Bunker jetzt von der Öffentlichkeit meist unbeachtet verkommt, da er kein zivilschutzrechtliches Bauwerk mehr ist. Die Stadt Nürnberg als momentaner Eigentümer ziert sich wohl damit, den Bunker museal zu erhalten. Ich finde, dass heutige Geschichtsklassen solche Bunker genauso besichtigen sollten wie beispielsweise Konzentrationslager. Wir brauchen weltweit weder Nationalsozialismus noch irgendeine Form von Krieg. Und diese Bunker zeigen meiner Meinung nach, wie sehr auch unsere friedliche Welt heute noch bedroht ist. Allein die Anzahl von circa 15.000 atomaren Waffen finde ich sehr erschreckend.


Viele Grüße
domos

P.S. Danke an die Aktiven des Fördervereins Nürnberger Felsengänge für den interessanten Einblick!

Antworten:

Hochinteressant, das wusste ich gar nicht, obwohl ich da zigmale vorbeispaziert bin.
Für mich das Interessanteste ist eigentlich, dass beim Zivilschutz zwischen West und Ost kein grosser Unterschied war, es ging vor allem darum, die Regierungsangehörigen zu schützen, im Osten wie im Westen, das gemeine Volk war zweitrangig und es sollten nur genug übrig bleiben, um nach dem Atomschlag wieder ein neues Volk "züchten" zu können.
Als ich klein war machten wir in der Grundschule manchmal noch Übungen (was ist ein ABC-Alarm usw.). Da wurde einem immer eingetrichtert, ja im Osten lauern die Bösen, wir hier sind die Guten. Obs wirklich so war? Wahrscheinlich dachten die normalen Bürger im Osten genauso. Im Ernstfall wäre es wahrscheinlich besser gewesen gleich einen Volltreffer abzukriegen als in so einem Bunker dahinzugammeln und dann doch langsam zu sterben.

von extirschenreuther - am 04.02.2018 02:27
Servus!

Herzlichen Dank für den interessanten Beitrag über die "Nürnberger Unterwelt". Ich war vor drei Jahren in Berlin in so einem Bunker. Das war auch sehr interessant. Bloß gut, dass wir sowas nicht brauchen...

Schönen Gruß
Gabriel

von JimKnopff - am 04.02.2018 12:24
Als Ergänzung von mir noch ein Bild vom Zugang. Da ist sicher fast jeder schon daran vorbeigegangen... ;-)



Oliver W.

von OliverW. - am 04.02.2018 14:14
Zitat
JimKnopff
...Bloß gut, dass wir sowas nicht brauchen...


Gut, dass der kalte Krieg vorbei ist, da bin ich deiner Meinung! Obwohl es genug Bestrebungen gibt, diesen wieder einzuführen.
Was wäre aber nach einer zivilen Kastrophe? Ich erinnere an Fukushima, selbst das hochentwickelte Japan hat daran bis heute zu kämpfen. Wäre man auf einen solchen Ernstfall heute vorbereitet?

von 219 006 - am 04.02.2018 16:37
Stimmt, dachte das ist ein stillgelegtes Klo oder so...

von extirschenreuther - am 04.02.2018 18:12
Servus,

Danke für den Bericht! Eine Frage: konnte die Belüftung bei Stromausfall auch von Hand (mit einer großen Kurbel) betrieben werden? Ich habe einen Teil meiner Bundeswehrzeit in einem "schutzbelüfteten Bunker" verbracht, da war dieser Betrieb für den Fall eines Stromausfalls vorgesehen. Ich habe das im Rahmen der Einweisung mal geübt...

von Martin Pfeifer - am 06.02.2018 15:06
Es gab nur diesen einen Generator, also kein weiteres Reservegerät - wie es z.B. beim Bunker unter dem DB Museum der Fall ist.

Von einer manuellen Bedienung der Lüftung wurde nicht gesprochen, daher gehe ich nicht davon aus, das dies möglich war. Es wurde immer nur erwähnt, das man wohl darauf vertraut hat, das der Generator störungsfrei durchläuft...

Oliver W.

von OliverW. - am 06.02.2018 17:15
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