Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Forum der Schleswig-Holstein-Liga
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
Oberliga SH

Matthias Radden: 20 Jahre im Handball-Tor sind genug

Startbeitrag von Oberliga SH am 06.06.2007 07:05

Matthias Radden: 20 Jahre im Handball-Tor sind genug

Herzhorn / ml - Am 15. September beginnt für die Oberliga-Handballer des MTV Herzhorn die neue Saison. Dann starten die Schützlinge von MTV-Trainer Manfred Kuhnke den nächsten Anlauf auf die Regionalliga, aus der sie am Ende der Saison 2004/05 so unglücklich abgestiegen waren. Einer, auf den in den letzten Jahren immer Verlass war, wird dann nicht mehr dabei sein. Matthias Radden, der im Dezember 39 Jahre alt wird, hat nach dem Ende der vergangenen Saison seinen endgültigen Rücktritt erklärt.

Wegen nachlassender Leistungen ganz sicher nicht: Immer war er eine Stütze seines Teams - auch in der vergangenen Saison haben die Blau-Gelben allein ihm so manchen Punkt zu verdanken gehabt.

Dennoch findet der Neuendorfer, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist: "Man soll lieber dann aufhören, wenn die Leute es noch bedauern. Viel schlimmer wäre es doch, wenn es hieße: Gut, dass er von selbst geht, dann müssen wir ihn nicht rausschmeißen." Hinter ihm liegen 20 Jahre Senioren-Handball als Spieler, aber auch als Trainer.
Begonnen hat alles beim Münsterdorfer SV, wo Matthias Radden als Sechsjähriger in seiner Heimatgemeinde mit dem Handball in Kontakt kam und durch alle Jugendmannschaften ging. Doch auch die kleineren Bälle fesseln seine Leidenschaft: Bis zur A-Jugend spielte er parallel auch immer Tischtennis; in beiden Sportarten gehörte er zur Landesspitze. Letztlich entscheidet er sich für den Handball.

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn er nicht mit der A-Jugend des Münsterdorfer SV zum Abschluss der Saison 1986/87 am internationalen Turnier im italienischen Rimini teilgenommen hätte. Dort starten nämlich auch die Damen des MTV Herzhorn. Da er auch an der Adria gute Leistungen im Tor zeigt, gerät er erstmals in den Fokus der Blau-Gelben.

Bei den Männern des MTV steht gerade ein Umbruch an. Der Klub ist nämlich aus der 2. Bundesliga abgestiegen und da der später leider viel zu früh verstorbene Torhüter Reimer "Wuschi" Hinrichs seine aktive Karriere beendet, sucht der MTV nach einem neuen Keeper. Manfred Kuhnke, der damals wie heute das Zepter bei den Herzhorner Männern schwingt, lotst den Jungspind schließlich in das kleine Dorf der "Handball-Verrückten". "Ich war eigentlich skeptisch", sagt Radden im Rückblick. "Schließlich ist es ja ein Riesensprung von der Bezirksliga-Jugend A in die Regionalliga der Männer."

Er gibt sich selbst zwei Jahre: Wenn er sich bis dahin nicht durchsetzt oder ausreichend Spielpraxis sammelt, will er zu seinem Stammverein zurückgehen. Doch es kommt gänzlich anders: "Wir waren anfangs drei Torhüter, von denen aufgrund von Verletzungen nur einer übrig blieb: Das war ich. Ich musste also spielen, ob ich wollte oder nicht."

Diese "Wahnsinns-Herausforderung" meistert der 18-Jährige. Er braucht ein halbes Jahr, dann hat er sich in der neuen und ungewohnten Spielklasse akklimatisiert. Auch die größere Wurfhärte ist dann kein Problem mehr.

Mehr Gedanken macht er sich danach eher, wie er einen zeitweilig aushelfenden Teamkollegen ansprechen soll. Herzhorns Handball-Legende Klaus Lange, ehemaliger Nationalspieler und damals schon 48 Jahre alt, hilft seinem Klub in der Rückrunde aus personeller Not. Allerdings ist er auch Raddens Schuldirektor an der Kaiser-Karl-Schule im Abi-Jahrgang. "Das war schon komisch, denn Klaus Lange war für mich immer eine absolute Respektsperson. Seine Abwehrspieler muss ein Torhüter ja manchmal ein bisschen zusammenstauchen, aber geht das auch mit dem eigenen Direx? Andererseits konnte ich ja aber auch schlecht sagen: Herr Lange, würden Sie bitte mal die Arme hoch nehmen?"

Er findet offenbar den richtigen Ton, und wenn nicht, hat es keine negativen Folgen, denn 1988 legt Matthias Radden wie geplant seine Reifeprüfung an der KKS ab.

Beim MTV Herzhorn bleibt er dann zwei weitere Spielzeiten. Das Team hält in der gesamten Zeit die Regionalliga. Gemessen an den bescheidenen finanziellen Möglichkeiten, die der MTV damals wie heute hat, ist das immer wieder ein kleines Wunder. Heute wie damals geht fast alles über das Ehrenamt. Geld fließt kaum, nur die Auswärtigen bekommen die Fahrtkosten erstattet. Radden: "Von der Leistung her waren das für mich persönlich die besten drei Jahre meiner gesamten Laufbahn. In dieser Phase konnte ich am meisten aus meinen Möglichkeiten machen."

Man wird aufmerksam auf den jungen, 21-jährigen Torhüter. Gerade ist der ewige Herzhorner Rivale Bramstedter TS in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Neben vielen gestandenen Akteuren kommt auch der Youngster zur BTS und trainiert unter dem frisch geholten Coach Milomir Mijatovic. Dort bleibt das Team unter den eigentlichen Möglichkeiten, steigt nach einer Saison wieder ab und fällt auseinander. "Vom Spielermaterial her hätten wir eigentlich die Klasse halten müssen, aber menschlich passte es wohl nicht so recht zusammen. Das ist ja oft das Problem einer Söldnertruppe", sagt Radden. In Handballer-Kreisen munkelt man, die BTS habe sich bis heute nicht von dem finanziellen Abenteuer erholt. Der Keeper selbst macht nicht immer schöne, aber meist lehrreiche Erfahrungen.

Obwohl er in dem einen Jahr bei der BTS weniger Spielanteile bekommt als zuvor in Herzhorn, erhält er viele verlockende Angebote. Dennoch heuert er wieder beim MTV Herzhorn an. Das ist am besten mit dem Studium an der Wirtschaftsakademie in Elmshorn zu vereinbaren.

In Herzhorn hat Reimer Hinrichs nach dem Abstieg aus der Regionalliga zur Saison 1991/92 das Team übernommen. Tatsächlich gelingt nach der darauf folgenden Saison der Wiederaufstieg. Mit Matthias Radden als Torhüter spielen die Herzhorner in den nächsten Jahren meist gegen den Abstieg, halten aber die Klasse.

Dann hört der mittlerweile etablierte Keeper nach der Saison 1997/98 zum ersten Mal auf. "Ich bin jemand, der immer sehr über die Motivation kommt - und in der Hinsicht war ich zu der Zeit in ein Loch gefallen." Außerdem will er nicht, dass man sagt: Der steht ja nur, weil er schon zehn Jahre da ist. Und da es mittlerweile genügend gute Torhüter beim MTV gibt, erliegt er der Versuchung, mal kürzer treten zu wollen.

Doch man lässt ihn nicht: Sein Schwager Andreas Reese überredet ihn, als Spielertrainer der Herren seinem Stammverein Münsterdorfer SV aus der Patsche zu helfen. Das macht er ein Jahr lang und wird dann gefragt, ob er nicht die Regionalliga-Frauen des MTV Herzhorn trainieren will. Das erste Jahr läuft ganz gut, zu Beginn der nächsten Saison gibt es dann Probleme, er tritt zurück. "Ich muss sagen: Eine Frauen-Mannschaft zu trainieren ist jedenfalls für mich sehr speziell." Eine Erfahrung, die er später auch noch in zwei Spielzeiten beim VfL Kellinghusen macht. In beiden Jahren kommt man in die Aufstiegsrunde, verpasst dort aber jeweils den angestrebten Sprung in die Oberliga.

Das Gleiche wiederfährt ihm aber auch als Spieler, denn parallel zu seinem Engagement als Herzhorner Damen-Trainer lässt er sich von Jens Timm überreden, für eine Saison bei der SG Kollmar/Neuendorf zwischen den Pfosten zu stehen.

Nach einer zweijährigen Pause schließt er sich dem TSV Kremperheide an, auch dort scheitert man in der Oberliga-Aufstiegsrunde, will in der neuen Saison aber wieder angreifen. Radden steht im Wort, hat bei Kremperheides Coach Helmut Pingel und dem übrigen Team schon zugesagt.

Dann aber verletzt sich beim MTV Herzhorn Torhüter Torsten Nagel schwer. Mit Jan Sierck steht somit für die bevorstehende Regionalliga-Saison nur ein einziger Keeper zur Verfügung. Michael Janke, Trainer des Regionalligisten, nimmt schnell Kontakt auf. Doch erst nach der Zustimmung von Ehefrau Vera, die selbst Handball-Torhüterin ist und daher den Aufwand einschätzen kann, und nachdem man ihn in Kremperheide aus seinem Wort entlässt, gibt er Janke das o.k. für die schon begonnene Spielzeit 2004/05. Er bekommt das Zugeständnis, nur zweimal die Woche trainieren zu müssen. Schließlich ist Ehefrau Vera ebenfalls noch aktiv und Töchterchen Mette (heute fünf Jahre alt) bedarf auch der väterlichen Zuwendung. Er bekommt für seinen Wechsel nur deshalb keine Sperre, weil ihm der MTV Herzhorn einen sehr geringfügig dotierten Vertrag gab. "In der Saison war ich der Ein-Euro-Handballer."

Es wird die vorerst letzte Spielzeit des MTV Herzhorn in der Regionalliga sein. Nach einer katastrophalen Hinrunde versucht man es mit einem Trainerwechsel: Auf Michael Janke folgt wieder Manfred Kuhnke. Unter "Kuno" startet das Team eine furiose Aufholjagd, doch es nutzt alles nichts. Wegen des schlechtesten Torverhältnisses unter drei punktgleichen Teams muss man am Ende den bitteren Gang in die Oberliga antreten.

Nach zwei weiteren Jahren in dieser Spielklasse soll für den Betriebswirt, der in einer Norderstedter Druckerei in der Arbeitsvorbereitung und im Verkaufsinnendienst tätig ist, nun endgültig Schluss sein.

Gemessen an anderen Torhütern ist Matthias Radden ein echter Glückspilz, denn von schwereren Verletzungen ist er während seiner 20 Jahren im Senioren-Handball verschont geblieben. "Finger ausgekugelt und Trommelfell geplatzt, das wars. Keine Probleme mit den Knien und nichts mit den Bändern. Das sollte man aber auch nicht bis ins Unendliche ausreizen."

Ein paar "Sahneschnittchen" gab es zum Schluss auch noch. Im Rahmen des Hummel-Charity-Cups durfte er mehrfach gegen einen Teil der Bundesliga-Elite (THW Kiel, SG Flensburg-Handewitt, HSV Handball usw.) antreten und vor der Heim-WM in diesem Jahr stand er als Mitglied der Schleswig-Holstein-Auswahl in einem Testspiel gegen die argentinische Nationallmannschaft Seite an Seite mit Könnern wie Jan Holpert und Anders Eggert (beide SG Flensburg/Handewitt). "So etwas ist wie ein Geschenk. Das muss man einfach mitnehmen und genießen."

In seinen 20 Jahren als Handball-Torhüter hat der Sport eine rasante Entwicklung durchgemacht. "Es ist noch gar nicht so lange her, da gingen manche Partien auch schon mal 12:11 oder 15:14 aus. Das ist heute gar nicht mehr denkbar, weil das Spiel unglaublich schnell geworden ist." Auch die Raffinesse ist gewachsen: "Früher gab es nur im Notfall mal einen Heber, heute gehören sehr viel schwierigere Kunstschüsse schon fast zum Standard-Repertoire."

Direkte Vorbilder hat Matthias Radden nicht, aber ihn fasziniert stets eine kämpferische Einstellung: "Mich haben immer ganz besonders die Teamkollegen beeindruckt, die vielleicht nicht immer die talentiertesten Handballer waren, das aber durch einen unbändigen Einsatz für die Mannschaft ausgleichen konnten."

Dem Handball komplett Lebewohl sagen mag Radden aber dennoch nicht. Künftig will er zusammen mit anderen Mitstreitern dem leistungsbereiten Herzhorner Handball-Nachwuchs zusätzliche Förderung angedeihen lassen. Dabei ist er natürlich - wen wunderts - in erster Linie für die Torhüter zuständig.

Michael Lemm
www.shz.de


Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.