Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
Elen smla lzmenn` omentivelo

DIE MITTERNACHTSRABEN

Startbeitrag von Elen smla lzmenn` omentivelo am 23.10.2000 08:54

Geschrieben von Elen smla lzmenn` omentivelo am 23. Oktober 2000 10:54:13:
Ich fand die Legende von den Mitternachtsraben

unter einem Berg von Staub begraben

auf meinen wenig aufregenden Weg

durch eine alte Bibliothek,

wo Schritte durch die Gänge hallen

und Bücher aus Regalen fallen.

Das ist auch mit jenem Buch geschehen

sonst hätt' ich's wohl auch übersehen.

Ich hab's vom Boden aufgehoben,

hätt's fast wieder ins Regal geschoben,

da sprang das Buch ganz plötzlich auf

und mein Schicksal kam in Lauf.

Aus ihm ein Glühen wie von tausend Kerzen,

etwas erwachte in meinem Herzen,

mir war Angst, ein wenig beklommen,

das Buch aber habe ich mitgenommen,

denn ich muß sagen, daß diese Raben

mich irgendwie verzaubert haben...

-

Abends, in meiner Kammer konnt ich's wagen

hab' das Buch dann aufgeschlagen

und bei warmem Kerzenschein

und einem guten Glase Wein

begann ich andächtig zu lesen.

so war mir noch nie gewesen,

jedes Wort drang in mich ein,

wollte in mir, mit mir sein.

Jeder Satz, noch so seltsam gebaut

ging mir auf eine Art unter die Haut

als ob Zauberei im Spiele war.

Dann schien's, als ob die Rabenschar

sich aus ihren Bildern regte,

jede Zeichnung sich bewegte.

Und wollt' ich jetzt auch noch so sehr,

mich losreißen, das ging nicht mehr...
Während ich weiter in jenem Buch gelesen

ist mir noch merkwürd'ger gewesen:

ich merkte, wie ich mit den Raben fühlte,

Mitternachtsmagie in mich drang, mich umspülte.

In meinem Innersten ein leises 'Klick',

ein kalter Schauer im Genick

und langsam änderte mein Ich

in das eines Raben sich.

Ich las und konnte dabei fühlen

wie im Flug die seichten kühlen

Winde uns Raben umwehten

während wir unsere Runden drehten,

im Himmel, hoch über der Erde.

Es war, als ob ich wiederkehrte,

als sei ich schon einmal Rabe gewesen

bevor ich dieses Buch gelesen.
Ich las und las, war wie besessen

und mehr und mehr tat ich vergessen

was um mich herum geschah

und wie die Welt der Menschen war.
Bei jedem and'ren Buch wär' ich eingenickt.

Von jenem hab' ich einmal nur aufgeblickt,

und zwar in den Himmel inmitten der Nacht.

Da bin ich dann endgültig aufgewacht;

ich wollte da oben, nur da oben sein,

mit Mitternachtsraben kreisen und schrei'n.

Ich wollt' die Nacht umarmen, küssen,

hab' das Fenster aufgerissen

und an dessen Rahmen hab' ich mich verletzt,

mein Blut hat den Einband des Buches benetzt

und es begann ein seltsam's Gescheh'n.

Ein Wind tat den Mensch der ich war umweh'n,

mein Rückgrat bog sich, wurde krumm,

es wirbelte mich rundherum.

Ich schrie, es war ein seltsamer Laut

und aus meiner bleichen Menschenhaut

schoben sich schmale Kiele heraus

wurden Rabenfedern draus.

Meine Nase und mein Mund

wuchsen zusammen, wurden rund

und aus meinen Armen wurden Flügel.

Gesprengt die Ketten, gerissen der Zügel,

der mich an die Menschenwelt gebunden.

Das Tor zur Nacht war überwunden...
Und als aus dem Mensch ein Rab' geworden,

hörte man vom fernen Norden

den Ruf der Mitternachtsraben nah'n

die auf dem Weg zu mir nun war'n.

Der Schlag ihrer Flügel dunkelte den Mond

und ich wußte, daß es lohnt,

dem Ruf der Raben, die vor meinem Fenster kreisten

in dieser Nacht noch folge zu leisten.

Ich ließ die Menschen Menschen sein

und tauchte in die Nacht hinein.

Ich taumelte durch kalte Stürme,

erklomm die höchsten Wolkentürme,

schwarze Federn meine Zier

und ich trug Rabenblut in mir.
Ein letztes Mal, es mußte wohl sein,

flog ich mit den Raben in mein Zimmer hinein.

Zu dritt packten wir's Buch, das ich grad noch gelesen,

und das mein Schicksal wohl gewesen,

und trugen es sacht

hinein in die Nacht.

Seltsam war's, denn unser Weg

führt uns zu jener Bibliothek,

wo ich es Tage zuvor erblickt.

Durch off'nes Fenster, ganz geschickt,

so, daß man es hörte kaum,

schlichen wir Raben uns in den Raum

und wie schon so oft, ein erneutes Mal

verschwand das Buche wieder im Regal...
Ich begriff, mir wurde klar,

so wuchs die düst're Rabenschar,

durch dieses Buche dessen Bann

wohl jeden Menschen treffen kann.


Bin nun ein Teil vom Mitternachtsrabenland

und der Körper, den unter meinem Fenster man fand,

trug zwar, zerschmettert, mein Gesicht,

doch war's der meine sicher nicht,

denn ich bin nun ein Mitternachtsrabe unter vielen,

aufgebrochen zu neuen Zielen

in weiter, ungeahnter Ferne.

Und, glaube mir, ich bin es gerne...
(c) Christian von Aster















Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.