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Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
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vor 16 Jahren, 4 Monaten
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Fettkloß

Nagelschere

Startbeitrag von Fettkloß am 14.03.2001 09:05

Geschrieben von Fettkloß am 14. März 2001 10:05:08:
Fasziniert beobachtete ich wie meine Mutter die Spitze der Nagelschere langsam in die zarte Haut ihres linken Handgelenks stach.

Es hatte vorher einige Aufregung gegeben, als meine Mutter meiner Großmutter erklärte, ich dürfe ihr jetzt zusehen, wie sie sich die Pulsadern aufschneidet.

Ich war fünf und ich wusste, dass meine Mutter sich ab und zu an den Pulsadern herumschnitt. Bisher kannte ich nur die Verbände und Narben, darum fühlte ich mich auch sehr erwachsen und wichtig, dabei zusehen zu dürfen.

Meine Großmutter hatte sich allerdings schrecklich aufgeregt und wollte es verbieten. Sie standen sich beide gerade noch in der Diele gegenüber, ich dazwischen, und schrieen sich an. Eigentlich gehorchte ich meiner Großmutter, aber die Aussicht auf so etwas Spannendes wollte ich mir auch nicht entgehen lassen. Ich hörte dem Streit nicht genau zu, da hieß es „Du verdirbst das Kind“, „Sie kann es ruhig mal sehen“ und die Drohung „wenn Du jetzt nicht mitkommst, zeige ich dir das nie wieder“. Ich zupfte zart am schwarzen Rock meiner Großmutter „Ach, bitte, nur das eine mal“. Als sie zu mir herunter sah, hatte sie ein wutrotes Gesicht und schüttelte verständnislos den Kopf. Dabei hatte mich ihre, vor Zorn zitternde Hand an der Schulter festgehalten. Inzwischen hatte meine Mutter mich an der Hand gefasst und zog mich sanft in Richtung ihres Zimmers. Die Hand löste sich von meiner Schulter, ich ging mit meiner Mutter. Bevor wir die Zimmertür schlossen, hatte mich meine Großmutter noch einmal zu sich gerufen. Ich wollte nicht hingehen, weil ich befürchtete, sie würde mich dann nicht mehr weglassen. Aber sie versprach mir, mich gehen zu lassen, sie wolle mir nur noch was sagen. Schnell lief ich hin, sie beugte sich zu mir und sagte leise zu mir „sag deiner Mutter, dass du es langweilig findest“. Rasch versprach ich das und rannte ins Zimmer meiner Mutter. Sie hatte an der Tür gewartet, ließ mich herein und schloss zweimal ab.

Sie hatte sich feierlich an den kleinen schmiedeeisernen, Tisch mit den japanischen Kacheln gesetzt und mir gesagt ich solle gegenüber stehen bleiben.

Nachdem sie erst versucht hatte ihren engen Pulloverärmel hochzuschieben, hatte sie sich doch entschlossen den Pullover auszuziehen. Jetzt saß sie in BH und Rock vor mir und nahm andächtig die Nagelschere und die Hand. Ich hatte diese Schere noch nie gemocht, damit wurden mir auch immer die Nägel geschnitten, so kurz, dass es manchmal weh tat. Es war wohl auch eher eine Hautschere, vorne ganz spitz, ganz anders als die kräftige Nagelschere meiner Großmutter, mit denen sie sich immer ihre unglaublich dicken Fußnägel abschnitt.

Meine Mutter legte den linken Unterarm auf die Tischfläche, weil der Tisch so niedrig war musste sie sich weit vorbeugen. Damit ich besser sehen konnte, hatte sie diese niedrige Bühne für ihre Darbietung gewählt.

Die Schere war geöffnet, meine Mutter musste kräftig drücken um durch ihre feste, junge Haut zu dringen. Ich sah wie die linke Hand zuckte, sie wollte diesen immer wiederkehrenden Quälereien entkommen. Schnell bedeckte Blut das Narbenarmband an ihrem Handgelenk. Die Narben liefen alle quer, manche, frisch und dunkelrosa, lagen über alten weißverblichenen. Da meine Mutter anschließend immer ins Krankenhaus ging, um sich nähen zu lassen, gab es auch die kleinen Abzeichen der Nähte, die wie Stacheln am Stacheldraht.

Nachdem die Spitze eingedrungen war, versuchte sie die Schere zu schließen, er war gar nicht so einfach, das Fleisch widersetzte sich zäh und sie musste immer wieder nachstochern.

Ich hatte noch nie Probleme Blut zu sehen, eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich in der Küche auf dem Topf sitze und mit den Innereinen eines Huhns spiele.

Mich hatte immer interessiert wie die Dinge von innen aussehen. Das galt für den Wecker und das Radio genauso wie für meinen Wellenstittich, den ich nach seinem Tod auch aufgeschnitten habe, ebenso die Fische, wenn sie tot, den hellen Bauch schutzlos nach oben, im Aquarium schwammen.

Während meine Mutter weiter schnitt, trat ich einen kleinen Schritt zurück von der Tischkante, an die ich mich gelehnt hatte, um nichts zu verpassen. Jetzt wo das Blut heftiger zu fließen begann und sich die Fugen zwischen den Kacheln als Flußlauf in meine Richtung suchten, bekam ich Sorge um mein schönes Hemd.

Ich hatte gestern eine neues, weißes Russenhemd bekommen, mit blauem Stehkragen und weiten Ärmeln. Meine Großmutter nähte sie mir immer selber, aus feinem Leinen, mit bunt bestickten Bordüren.

Ich beobachtete den sich ausbreitenden See, mir gefiel dieses intensive, dichte und glänzende Rot. Da meine Mutter ihren Kopf tief über ihr Werk gesenkt hatte und ich mich nicht beobachtet fühlte, steckte ich mit schlechtem Gewissen den Zeigefinger in das Blut. Ihr Blick traf mich in dem Augenblick, als ich an meinem Finger roch. Der Geruch war enttäuschend, es roch völlig anders, als die Farbe auf mich wirkte, schwach und matt – da meine Mutter in ihren fröhlicheren Zeiten malte, liebte ich den kräftigen Geruch von Ölfarbe und Terpentin. Schnell versteckte ich meine Hände hinter meinem Rücken, den blutigen Finger abgespreizt, und konzentrierte mich wieder auf ihre Wunde.

Sie hatte inzwischen weiter gearbeitet, obwohl es schwer war etwas in dem stetigen Blutstrom zu erkennen, merkte ich doch, daß es Probleme bei den Sehnen gab. Die ließen sich von einer Nagelschere weder durchtrennen noch schien meine Mutter an Tiefe zu gewinnen. Irgendwie hatte ich etwas spektakuläreres erwartet, zumindest spritzendes Blut und vielleicht ihren Tod, aber ich merkte, es würde einfach noch eine Weile so weitergehen. Ich kannte das von meinen eigenen Erfahrungen, wenn nicht schnell was passierte, zum Beispiel die aufgezogene Feder der Uhr heraussprang, dann endete es meist in unbefriedigendem herumgemantsche.

Also konnte ich jetzt getrost das Versprechen einlösen, was ich meiner Großmutter gegeben habe. Ich trat wie ein Schauspieler, einige Schritte zurück um aus der Mitte des Raumes feierlich zu verkünden „ich finde das langweilig“. Dann ging ich erhobenen Hauptes zur Tür, schloss sie auf und verließ meine Mutter. Ihr „geh jetzt nicht, bitte“ überhörte ich hochmütig. Für eine Fünfjährige sicher ein starker Abgang, aber das theatralische wurde bei uns sehr gepflegt. Ich war zufrieden, was ich sehen wollte habe ich gesehen und meiner Großmutter die Treue gehalten. Schnell lief ich zu ihr um ihr alles zu erzählen, natürlich mit Betonung auf das Ende. Etwas in verlegen wurde ich, als sie meinen roten Finger bemerkte. Aber sie schloß nur daraus, daß meine verrückte Mutter mich gezwungen hat ihr Blut anzufassen. Ich konnte diese weiteren Schuld auf dem übervollen Konto meiner Mutter verkraften. Am Ende hielt ich zu der stärkeren – und das war meine Großmutter.
Meine Mutter wollte mir damit sicher imponieren, mein Mitleid erwecken, mich schockieren und ein unzertrennbares Blutband mit mir schaffen, die Nähe zu mir wiederherstellen die sie verloren hatte. Aber ich hatte mich schon mindestens ein Jahr vorher gegen sie entschieden.

Meine Mutter war ein Stück Treibholz, bisweilen fröhlich wie ein Kind auf den Wellen tanzend – aber in den langen Zeiten der Ebbe ein verrottendes Stück Abfall, morsch, hässlich und ohne Substanz.

Zu diesem Zeitpunkt hätte vor meinen Augen krepieren können, ich hätte nicht versucht sie zu retten – sie hat nie verstanden wie konsequent Kinder sind.

Für mich ist sie an einem schönen Sommernachmittag gestorben, ich bin kaum vier Jahre alt gewesen.

Dieser Tag fing so schön an, ich fuhr mit meiner Mutter auf meinem Kinderroller durch die Stadt, sie stand hinter mir und stieß sich viel stärker ab, als ich es konnte – ich liebte das Tempo. Wir rasten zwischen den Fußgängern dahin und ich war so glücklich und stolz.

Wir waren mal wieder zum Leihhaus unterwegs, sie wollte ihre Armbanduhr und eine alte Kette mit orthodoxem Kreuz versetzten. Es war ein langer, wunderbarer Weg dahin, an der Isar entlang, dann auf breiten Bürgersteigen Richtung Bahnhof. Wenn wir das Geld hätten, würde ich aus einem Automaten eine Packung Peez bekommen, vielleicht auch noch ein paar Pfennigkaugummis.

Meine Mutter bekam das Geld, und wir rollten weiter durch das Bahnhofsviertel, leider gab es hier keine Süßigkeitenautomaten, was man hier bekam war für Erwachsene, Zigaretten, Nylonstrümpfe, der einzige Kaugummiautomat war aufgebrochen und leer. Etwas enttäuscht war ich schon, aber diese Ausflüge mit meiner Mutter waren so schön, daß ich alles genoß. Meine Hände innen am Lenker, meine Mutter dicht an meinem Rücken sah ich die auffällig herausgeputzten Frauen vor den dunklen, kleinen Lokalen neugierig an. Ich versuchte auch immer in das geheimnisvolle Innere zusehen, aber entweder war es drinnen so finster, daß ich nichts erkennen konnte, oder Vorhänge aus rotem Samt oder bunten Perlen versperrten mir die Sicht. Meine Mutter hielt vor einem unscheinbaren Eingang, ich brauchte nicht mal abzusteigen, sie schob mich mitsamt Roller in einen rauchigen, kleinen Raum. Hier gab es nur wenige, niedrige Tische mit dicken Sitzkissen darum auf denen fremd aussehende Männer lagerten. Afrikaner kannte ich, die waren oft bei uns zu Besuch, diese hier waren ganz anders, manche trugen bunte Mützchen, viele waren älter und hatten graue Bärte, aber einige jüngere waren auch dazwischen. Sie hatten alle eine dunklere Haut, aber wie von der Sonne, nicht die schwarze Haut die mir vertraut war. Die alten Männer waren voller runzeln, wie meine Großmutter. Die meisten saßen da und tranken aus kleinen Gläsern Tee und spielten Karten. Nur einer der jungen Männer hatte ein Bierglas vor sich. Alle wurden still als wir den Raum betraten. Meine Mutter grüßte unbefangen, lehnte den Roller neben die Klotür und setzte sich neben den Mann mit dem Bier. Mir war das alles etwas unangenehm, ich hatte das Gefühl, daß wir störten, es blieb eine ganze Weile ruhig und wir wurden von allen angestarrt. Die Stimmung löste sich etwas, als meine Mutter mit fröhlichem Lachen auf das Bier deutete und fragte ob sie einen Schluck haben könnte. Der junge Mann bestellte ihr ein Bier und mir ein merkwürdiges Getränk, es sprudelte nicht wie Limo und war schrecklich süß. Da ich Durst hatte bedankte ich mich mit einem Knicks und trank es.

Die Männer die an anderen Tischen gesessen hatten rückten langsam näher an meine Mutter heran. Ich blieb ganz dicht neben meiner Mutter stehen, obwohl ich fühlte, daß ich ihnen im Weg stand. Meine Mutter trank so schnell sie konnte die vielen Biergläser leer, die immer wieder vor ihr standen, nicht weil sie es eilig hatte zu gehen, sie mochte es nur nicht wenn der Schaum zusammenfiel. Mir war es langweilig und ungeheuer zugleich. Ich konnte den unbekannten Geruch der Männer riechen, einer versuchte mich unauffällig zur Seite zu schieben, aber ich hielt mich an meiner Mutter fest. Von meiner Seite beschützte ich sie so gut ich konnte, allerdings schien sie keinen großen Wert darauf zu legen, der junge Mann hatte bereits den Arm um ihre Schulter gelegt und als sie über eine Bemerkung von ihm lachte, ließ sie sich in seinen Arm ziehen. Bis auf einen alten Mann der ganz still zusah, sprachen sie alle ein schwer verständliches Deutsch. Wenn sie miteinander sprachen und anschließend grinsend auf meine Mutter sahen, sprachen sie in einer fremden Sprache, aber ich fühlte daß sich alles immer enger zusammenzog. Diese Männer waren zu einem Geschöpf verschmolzen, was meine Mutter verschlingen will. Meine Mutter war inzwischen zu betrunken um die Gefahr zu merken. Immer wieder hatte ich an ihr gezupft, sie leicht angestoßen und gebettelt, daß wir jetzt gehen. Sie beachtete mich kaum und sagte nur immer wieder, gleich, in fünf Minuten.

Ich hatte keine Vorstellung davon was passieren könnte, aber es kam immer näher, das fühlte ich. Eingezwängt zwischen den Männern und dem Tischchen, machte ich den einzigen Befreiungsschlag den ich konnte, ich fing an laut zu weinen und zu schreien. Die Wirkung war erstaunlich, einer der Männer rannte zur Tür um nach draussen zu sehen, andere versuchten mich mit Süßigkeiten zu beruhigen. Aber ich zerrte heulend an meiner Mutter, bis die Männer ihre protestierende und schwankende Gestalt samt mir und Roller auf den sonnigen Bürgersteig geschoben hatten.

Der Rückweg war nicht schön, nachdem wir einmal umgekippt waren, gab meine Mutter schnell den Versuch auf, mit dem Roller zu fahren. Jetzt musste ich selber fahren, sie ging schimpfend neben mir her, jeden Spaß würde ich ihr verderben..

Ich wurde schnell müde und wollte nicht mehr weiter. Es dauerte lange, bis sie ein Taxi fand, was bereit war eine Betrunkene mit Kind und Roller zu fahren.

Zuhause angekommen, nahm sie mich mit in ihr Zimmer und öffnete schnell eine Flasche. Sie war sehr ärgerlich und mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich, ließ sie aus einem Glasröhrchen alle Tabletten auf den Tisch rollen. Einige kugelten auf den Boden, mit schlechtem Gewissen, weil ich sie so verärgert hatte, hob ich sie auf und legte sie sorgfältig auf den Haufen zurück.

Während sie mich ansah, wischte sie etwas ungeschickt alle Tabletten mit der rechten Hand in die linke Handfläche an der Tischkante und warf sie mit einer geübten Handbewegung in den Mund, schnell spülte sie, mit verzogenem Gesicht, den Rest der Flasche hinterher.

Es war noch heller Tag, aber sie ließ die Rolläden herunter, setzte sich mitten im Zimmer auf den Boden und rief mich zu sich. Als ich neben ihr saß versuchte sie mir was zu sagen, aber ich konnte sie nicht verstehen, sie lallte, kicherte und hustete zwischen den Worten dann brach sie plötzlich ab und sank zur Seite. Verzweifelt zerrte ich an ihrem leblosen Körper herum, rief und schüttelte sie. Ich begann leise zu weinen und versuchte ihre Augenlider zu öffnen, ich legte meinen Kopf an ihre Brust um zu hören ob ihr Herz noch schlägt. Von den Augen war, im dämmrigen Licht, nur schwach das Weiße zu sehen, ihren Herzschlag konnte ich nicht hören.

Schließlich begann ich sie mit den Füßen zu treten, keine Reaktion. Ich war mir sicher, daß sie tot war, und sie war bis zuletzt böse auf mich gewesen. Schluchzend schlich ich zur Tür, sie war abgeschlossen und der Schlüssel steckte nicht. Ich musste noch einmal zurück und ihre Jackentaschen durchsuchen. Sie lag auf der Seite, in der oberen Tasche war nichts. Es ist fast unmöglich für ein vierjähriges Kind einen bewußtlosen Erwachsenen zu bewegen. Ich zwängte meine kleine Hand unter ihren Körper und tastete bis ich den Schlüssel fühlte, und schließlich aus der Tasche fingerte. Weil das Schluchzen mich schüttelte, konnte ich den Schlüssel kaum ins Schlüsselloch stecken, als es mir gelang, stürzte ich zu meiner Großmutter, damit sie meiner Mutter half. Sie kam schnell hinter mir her, machte Licht und sagte nach einem kurzen Blick auf die Flasche und das leere Röhrchen „sie ist nicht tot, nur betrunken und voller Tabletten, morgen wacht sie wieder auf“.

Für mich blieb sie gestorben.
















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