Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
ThyBeloved

Der Schlüssel

Startbeitrag von ThyBeloved am 26.03.2001 18:41

Geschrieben von ThyBeloved am 26. März 2001 20:41:46:
Das Feuer des Kamins prasselte fröhlich vor sich hin und warf tanzende Schatten an die Wände des grossen Wohnzimmers, und der gigantische Elchkopf über der Feuerstelle bekam ein bedrohlich anmutendes Eigenleben. Ansonsten war das Zimmer recht gemütlich eingerichtet. Es beherbergte Unmengen an Büchern, und die Stellen an der Wand, die nicht von Regalen verdeckt wurden, waren von dicken Wandteppichen verhüllt. In einem Schaukelstuhl in der Mitte des Raumes saß ein alter Mann in eine Decke gehüllt und schmauchte ein kleines Pfeifchen, dessen Rauch er ab und an in kleinen, kunstvoll geformten Ringen auf die Reise durch das Zimmer schickte. Sein langes, graues Haar war zu einem Zopf geflochten, der neben ihm aus dem Stuhl heraus bis auf den Boden hing. Tief in Gedanken versunken bemerkten die dunklen Augen des Alten nicht, wie sich eine der Türen öffnete, und auch das leise Knartschen der Tür und das Tappen von Kinderfüssen blieben von seinen betagten Ohren ungehört. Mit einem Rumms fuhr die Tür wieder ins Schloss, und der Alte schrak auf, aber der Schreck wich aus seinem Gesicht, als er das kleine Mädchen in dem bunten Nachthemd sah, dass barfuss über das Parkett tappte.

"Wieso bist du denn noch nicht im Bett?" fragte der Alte etwas besorgt, doch wich sein gütiges Lächeln nicht von seinen faltigen Lippen. "War ich doch schon, Grossvater. Aber ich kann nicht schlafen, der Regen ist so laut an meinem Fenster!" entgegnete die Kleine verschlafen, "Kann ich etwas bei dir bleiben, bis der Regen aufgehört hat? Und erzählst du mir eine Geschichte?". Sie baute sich mit grossen fragenden Augen vor dem Schaukelstuhl des Alten auf und wartete, bis dieser sie zu sich auf den Schoß nahm und in die Decke einwickelte. Die Wärme geniessend, kuschelte sie sich eng an ihren Grossvater, der die Pfeife beiseite legte und das Wort erhob:

"Du bist wegen des Regens noch wach, ja?" Die Kleine nickte kurz. "Dann möchte ich dir auch eine Geschichte erzählen, die sich ohne Regen wahrscheinlich gar nicht so zugetragen hätte. Sie beginnt mit sehr viel Regen. Es regnete nämlich schon einen ganzen Monat, und wie es schien, würde es im Nächsten auch nicht anders sein. Und da gab es einen kleinen, blonden Jungen. Immer nur am Fenster hockend, den Blick nach draussen gerichtet und sich nach den Strahlen der Sonne sehnend, war er zum einsamsten Wesen der Welt geworden, oder es schien ihm jedenfalls so. Sein einziger richtiger Freund durfte nicht bei ihm sein, denn Mutter hatte es ihm nicht erlaubt, den Hund mit ins Haus zu bringen. Er vermisste die schier endlosen Streifzüge durch die grossen Wälder, die das Anwesen seiner Eltern umgaben, zusammen mit dem Schäferhund, der, wenn er sich aufrichtete, fast grösser war als Vater. Und nun, bei diesem Wetter, konnte er ihn nur ein paar Mal am Tag besuchen. Mutter hatte Angst, er könne sich erkälten, denn der Hundestall, den Vater vor einiger Zeit gebaut hatte, lag etwas abseits des Wohnhauses, wahrscheinlich aus dem Grunde, dass Vater nicht des Nachts von lautem Gebell geweckt werden wollte, nur weil sich ein Igel auf der Jagd nach ein paar Mäusen in die Nähe des Gatters verirrt hatte.

Nun, da der Junge wieder vor dem Hundezwinger stand, brach er fast in Tränen aus. Unter dem mittlerweile morschen Holzboden bohrte sich ein von zwei kräftigen Pfoten gegrabener Tunnel ins Freie, durch den wahrscheinlich selbst Vater hätte kriechen können. Verzweifelt suchte er den aufgeweichten Boden nach Spuren ab, fand aber nichts, was ihm hätte einen Anhaltspunkt geben können."

"Wie heisst der Junge denn überhaupt?" fragte die Kleine neugierig, und der Alte sagte: " Nun, weißt du, die Geschichte ist schon so alt, dass sich keiner mehr richtig an den Namen des Jungen erinnern kann. Fällt dir denn ein Name ein?" - "Wie wäre es mit deinem Namen, Grossvater? Lass ihn uns doch Janosz nennen, ja?" sie strahlte ihn an, und er schmunzelte etwas verlegen und dennoch verschmitzt zurück.

"Wenn du das so möchtest, heist der Junge Janosz. Und nun stand er da, und sein Hund war weg. Ohne noch lange zu überlegen, rannte er los. Schlamm und Wasser spritzen auf, als seine Gummistiefel den schmalen Feldweg traten, gerade so, als ob dieser Schuld daran trug, dass sein Hund weggelaufen war. In gewisser Weise war der Weg ja auch schuldig. Hätte er ihn nicht aufhalten können? Aber Feldwege schienen nun mal kein Gewissen zu haben, denn jeder Fussabdruck, den der aufstampfende Stiefel in den Matsch drückte, füllte sich gleich wieder mit Wasser und verschwand in der trüben Soße, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

So rannte er nun schon eine ganze Weile. Der Regen hatte nicht nachgelassen, nein, im Gegenteil schien er noch ruchloser als der verräterische Feldweg zu sein, denn der Himmel zog sich mit immer finstereren Wolken zu und ergoss sich mittlerweile in wahren Sturzbächen von den Bäumen, die nun beiderseits den Weg säumten. Plötzlich blieb der Junge stehen. Er wusste nicht warum, es kam ihm wie eine Ahnung vor, als er den Blick zur Seite wandte und in den Wald starrte. Vielleicht war es nur so ein Gefühl, ein Gedanke, vielleicht aber auch die Vertrautheit zu seinem Freund, die ihm sagte, er solle hier den Wald betreten, wenn er finden wollte, was er suchte. Unsicher bahnte er sich nun den Weg durch das Unterholz seitens des Weges. Es wurde noch dunkler, aber wenigstens regnete es hier unter dem Dach des Waldes kaum, abgesehen von ein paar grossen Tropfen, die immermal hier und dort durch das dicke Laub sickerten und mit einem lauten, klackenden Geräusch in viele kleine, durchsichtige Perlen zerstoben, wenn sie auf den Regenmantel und nicht auf Waldboden fielen. Mit einer ungeschickten Handbewegung striff Janosz sich die Kapuze vom Kopf und wischte die nassgewordenen Haare von der Stirn. Ihm war irgendwie seltsam zumute. Es war ein ganz anderes Gefühl, mitten im Wald allein zu sein, zumal es hier drinnen gespenstisch finster geworden war und, anders als bei seinen sonstigen Ausflügen, kein einziger Sonnenstrahl durch das Blätterdach schien und den vermoderten Boden in goldgelbes Licht tauchte. Auch war es bis auf das Prasseln des Regens hoch oben in den Wipfeln der uralten Bäume totenstill, und um so mehr fehlte ihm das allvertraute Hecheln und das wachsame Schnuppern seines Freundes, dem nichts verborgen zu bleiben schien.

Mit einem Seufzer und enttäuscht herabhängenden Armen setzte sich der Junge wieder in Bewegung. So begab er sich immer tiefer in den Wald, ohne das sich irgendetwas am trostlosen Bild, das sich ihm von Anfang an bot, änderte. Langsam gediehen auch die ersten Zweifel in seinem Kopf. Was, wenn sein Hund nur hinterm Haus sass und nicht in den Wald gelaufen war? Was, wenn er sich nun verirrte? Und was sollte er tun, wenn er Hunger bekommen würde? Letzteres schien ihn mittlerweile am ehesten zu interessieren, denn noch war er nicht bereit, so einfach aufzugeben. Also setze er sich unter einen grossen Baum und kramte alles aus seinen Taschen heraus. Eine bunte Schnur, ein kleines Taschenmesser an einem Schlüsselring, ein Taschentuch und ein kleiner runder Hundekuchen waren alles, was zum Vorschein kam. Nein, dachte er sich, so ausgehungert war er nun auch wieder nicht, als dass er nun auch schon Hundefutter essen würde. Andererseits knurrte ihm schon gewaltig der Magen, und was gut für einen Hund ist, kann Menschen auch nicht Schaden. Vorsichtig riss er ein Stück des Hundekuchens ab, aber schon der muffige Geruch des getrockneten und gepressten Fleisches liessen ihn sein Vorhaben und seinen Hunger blitzschnell vergessen und das unappetitliche Ding zusammen mit den anderen Sachen wieder in seinen Taschen verschwinden. Unverrichteter Dinge rappelte er sich wieder auf und begann, seine Suche fortzusetzen. Es schien ihm jedoch, als würde er nun wieder den Weg zurückgehen, den er bis zu seiner Pause genommen hatte. Oder war er doch auf dem richtigen Weg? Was war hier überhaupt der richtige Weg? Der Wald schien an diesem Tage den Charakter des Regens und des Feldweges angenommen zu haben, denn alles sah gleich aus, in welche Richtung er den Blick auch wandte. Ohne das Licht der Sonne fehlte ihm jeglicher Bezugspunkt, und durch die Pause war er von seinem stur geradeaus führenden Weg abgekommen. Ohne Zweifel hatte er sich nun verlaufen und begann, seine Unbesonnenheit zu verfluchen. Ob sich Mutter und Vater schon Gedanken machten? Sicherlich, denn eigentlich wollte er ja nur kurz den Hund besuchen und nicht eine Weltreise durch das Dunkel der Wälder machen. Also zwang er sich zur Ruhe. Wenn er nur immer geradeaus gehen würde, müsste er schon irgendwann einmal wieder auf einen Pfad stossen oder ganz und gar aus dem Wald herauskommen. Wasser gab es im Überfluss, und als Notration besass er ja auch noch den übelriechenden Hundekeks. Also trieb er sich immer weiter voran und versuchte dabei, so unverzagt wie nur möglich auszusehen.

"Wie schmeckt denn so ein Hundekeks?" unterbrach ihn die Kleine erneut. "Das habe ich selber auch noch nicht probieren können, aber glaube mir, ich bin deswegen nicht traurig, denn köstlich ist er mit Sicherheit nicht" entgegnete Janosz seiner Enkelin, die sich wieder in die Decke schmiegte und sich insgeheim vornahm, irgendwann einmal die Hundekekse ihres Bernhardiners auf ihre Schmackhaftigkeit zu überprüfen. Von diesem Entschluss nichts wissend, fuhr der Alte fort.

"Nach geraumer Zeit, mochten es nun Minuten oder Stunden gewesen sein, wich Janosz`s Unverdrossenheit aber langsam Resignation, denn der Wald blieb so, wie er war: unbarmherzig trostlos und dunkel. So trottete er entmutigt und langsam noch eine ganze Weile vor sich hin, bis etwas in der Ferne seine Aufmerksamkeit erregte. An einem anderen Tage hätte er es wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, aber es war die erste Veränderung des Waldes seit Stunden, und der Junge kam sich vor wie ein Seemann, der nach Monaten auf See am Horizont etwas zu entdecken schien, das nach Land aussah. Nun gut, mit Land konnte man es nicht vergleichen, vielleicht eher das Gegenteil, denn das, was nun die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich zog, war im Grunde genommen Nichts. Das Grau, in dem die Stämme der Bäume und das wenige Unterholz nach einigen hundert Metern verschwanden, wurde dort von tiefem Schwarz abgelöst, als ob von dieser Stelle das Licht vor langer Zeit verbannt worden war. Neugier und Angst kämpften miteinander, als der Junge überlegte, was er nun tun sollte. Er konnte weitergehen, seinen Weg heraussuchen und wenn möglich, die Stelle wiederfinden. Aber er kannte die Sache mit den Stellen im Wald. Immer dann, wenn er unbedingt an eine Lichtung oder zu einem schönen, leicht zu erklimmenden Baumstamm zurückkehren wollte, fand er ihn mit Sicherheit nicht wieder. Ausserdem machte es nun eh keinen Unterschied mehr, ob er nun hier- oder dortentlang ging. Also entschloss er sich trotz seiner Angst vor dem, was dort auf ihn warten könnte, dazu, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit jedem Schritt, den er vor den anderen setzte, wurde die Schwärze grösser, ohne jedoch an Gestalt zu gewinnen. Erst, als er wenige Meter vor der nun vor ihm aufragenden Dunkelheit stand und einige feine Konturen wie Zacken und Vorsprünge ausmachen konnte, wurde ihm klar, dass dies keine Wand aus Dunkelheit, sondern ein riesiger schwarzer Felsen war, der sich steil in die Kronen der ihn umringenden Bäume bohrte. Er wagte sich noch näher an das steinerne Ungetüm heran und staunte über die Beschaffenheit des Materials, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Es besaß eine solche Reinheit, dass nichts ausser der einheitlichen schwarzen Färbung auf der Oberfläche zu sehen war. Nicht einmal Wasser oder Schmutz schienen auf dem Fels zu haften, und in den filigranen Ritzen zwischen den einzelnen Segmenten wuchs kein einziges Quentchen Moos, was sich doch sonst an jedem und Stein jeder Wurzel ansiedelte. Unsicher streckte der Junge seine Hand aus und legte sie an die Wand, die zu seiner Verwunderung warm war. Es war richtig angenehm, nach der langen Wanderung durch den nasskalten Wald diesen Fels zu berühren. Kurzerhand schwang er sich auf den nächstbesten Vorsprung und streckte sich der Länge nach auf dem schwarzen Stein aus, um sich die kalten Glieder aufwärmen zu können. Was war das nur für ein seltsames Ding, was er hier entdeckt hatte? Er konnte sich keinerlei Vorstellung davon machen, was es war oder zu welchem Zweck es sich hier im Wald befand. Seinen allerersten Gedanken, es könne die Heizung des Waldes sein, tat er sogleich wieder beiseite, denn wieso war es, wenn an dem etwas wäre, auf dem Weg hierher so unangenehm kalt gewesen? Mit der Absicht, dem Geheimnis des Felsens auf die Spur zu kommen, richtete er sich wieder auf. Links und rechts von ihm verschwanden die Seitenwände wie alles andere irgendwann im Grau des Waldes, und der Blick nach oben war ihm durch die Baumkronen verwehrt. Nachdem er kurz seine Erfolgschancen abgewogen hatte, begann er nun, den Felsen mit zweierlei Absicht zu erklimmen. Erstens wollte er von dort oben nach einem Weg aus dem Walde Ausschau halten, und zweitens erhoffte er sich auch ein paar Antworten auf seine Fragen über dieses Ding, auf dem er gerade herumkletterte. Da er das Herumtollen im Wald und das Spielen sowohl unter als auch auf Bäumen gewohnt war, fiel es ihm nicht schwer, den gleichmässig perforierten Fels zu erklimmen.

Die Baumkronen waren jedoch ein grösseres Hinderniss, als er vorerst angenommen hatte. Äste zerrten an seinem Regenmantel, Blätter und Zweige kitzelten ihn unangenehm an den Ohren und aufgescheuchte Insekten surrten um sein Gesicht. Auch wurde so, wie die Dicke des Blätterdaches über ihm abnahm, der Regen wieder stärker, doch lief er nun durch die zurückgeschlagene Kapuze in den Kragen des Mantels. Der Junge liess einen abschätzenden Blick nach unten wandern und verkniff es sich, die Kapuze wieder überzustreifen. Das Risiko des Absturzes war zu gross. Er befand sich schon an die zwanzig Meter über dem Boden, und selbst, wenn er einen Fall überlebt hätte, wäre ihm doch auch nicht weitergeholfen, wenn er mit einem gebrochenen Bein mutterseelenallein im Wald liegen würde. Mit zunehmender Höhe wurde es auch heller, und als er endlich die Spitze des Felsens erreicht hatte, kam er sich beinahe wie geblendet vor. Seine Augen brauchten jedoch nicht lange, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen und so sah er sich um, besser gesagt sah er nichts, denn hier oben war alles in einen dichten Nebelschleier gehüllt, der zwar hell, aber absolut undurchsichtig war, und ein kalter Wind pfiff ihm durch die nassen Haare. Janosz setzte wieder die Kapuze auf und fragte sich, wozu er hier heraufgeklettert sei. Nur um einmal zu erleben, wie es ist, wenn man seine Hand ausstreckt und sie nicht mehr sehen kann? Mit einem enttäuschten Ausdruck im Gesicht wollte er sich an den Abstieg machen, als er auf etwas trat. Tastend glitten seine Hände über den feuchten warmen Untergrund, bis sie etwas griffen und es ihm vor die Augen hielten. In seiner Hand hielt er einen winzigen silbrig schimmernden Schlüssel, der kaum grösser war als sein kleiner Finger. Und dieser Fund warf natürlich sogleich die Frage seiner Herkunft in seinem neuen Besitzer auf. Irgendwo musste es ja ein Schloss geben, vielleicht sogar eine Tür, denn niemand würde wohl einen Schlüssel anfertigen, ohne ein Schlüsselloch dafür zu haben. Bei genauerer Betrachtung fielen ihm viele kleine Ornamente auf dem Schlüssel auf, die allesamt in das Metall geritzt zu sein schienen. Wer auch immer diesen Schlüssel verziert hatte war ein Künstler auf seinem Gebiet, das stand fest. Und was, wenn sich die Tür hier oben befand und es einen Eingang in dieses seltsame Ding gab? Bei dem Nebel schien es schier unmöglich, etwas zu suchen, ohne Gefahr zu laufen, in die Tiefe zu stürzen, und auf ein Aufklaren zu warten, schien genauso unvernünftig. Schweren Herzens machte er sich also wieder an den Abstieg. Unter den Bäumen war es wenigstens trocken und windgeschützt, und so machte er es sich wieder auf dem warmen Vorsprung mehr oder weniger bequem. Wie lange mochte er jetzt schon unterwegs sein? Selbst, wenn er es gewusst hätte, konnte er sich doch keinen Nutzen von davon erhoffen, denn eine Uhr konnte ihn auch nicht aus dem Wald herauszaubern. Eine Tür müsste es hier geben, dachte er bei sich, eine Tür, die mich von hier direkt zu einem warmen, sonnigen Ort bringt, wenn ich sie öffne und durch sie durchgehe. Und während er dieses dachte, fiel ihm ein goldener Schimmer an der sonst pechschwarzen Felswand auf. Was war das denn nun auf einmal? Erschrocken sah er sich um, und zu seiner Verwunderung musste er feststellen, dass neben ihm ein goldenes Licht in der Luft schwebte und seine Strahlen durch die feuchte Luft in alle Richtungen schickte. Erstaunt richtete er sich auf und betrachtete die seltsame Erscheinung."

"Ist das eine gute Fee, die ihm jetzt drei Wünsche erfüllt?" platze es aus der Kleinen heraus. "Nein," antwortete der Alte, "und obwohl das auch Janosz`s erster Gedanke gewesen war, wurde er doch eines Besseren belehrt, denn in der Mitte des Lichtes war ein Loch. Und es war nicht nur ein Loch, sondern es war ein winzig kleines Schlüsselloch, das nicht einmal den Umfang seines kleinen Fingers hatte. Also kramte er in seiner Tasche herum und holte den Schlüssel hervor, der nun auch ein goldenes Licht ausstrahlte. Verblüfft und mit vor Angst zitternden Händen steckte er den Schlüssel in das Loch - und, wie sollte es anders sein, passte dieser auch. Zögerlich drehte Janosz ihn herum, und nach und nach zeichneten sich die Umrisse einer Tür in der Luft ab. Langsam zog er den Schlüssel wieder heraus und stiess die Tür auf, konnte aber nichts ausser dem goldenen Licht sehen. Er fasste sich ein Herz und schritt durch die Tür in das Licht hinein, um kopfüber mit einem Entsetzensschrei zu fallen. Sein Fall dauerte aber nur sehr kurz, denn plötzlich lag er mit dem Gesicht in einem Sandhaufen. Als er sich aufgerichtet und den Sand aus den Augen gerieben hatte, stellte er jedoch fest, dass dies der grösste Sandhaufen war, den er je gesehen hatte, denn er reichte vom einen Ende des Horizonts bis zum anderen und wogte in unzähligen rotbraunen Dünen wie ein staubiges Meer dem strahlend blauen Himmel entgegen, in dessen Mitte die Sonne wie ein gelber Feuerball hing. Ein warmer, sonniger Ort... Hatte er sich nicht genau das gewünscht? Hinter diesem kleinen Schlüssel schien also mehr zu stecken, als es den Anschein hatte. Janosz kramte ihn wieder hervor, und aus Angst, ihn wieder verlieren zu können, nahm er die Schnur aus seiner Tasche, zog sie durch den Schlüssel, verknotete sie und hing sich seinen neuen Schmuck um den Hals. Und nun kam ihm auch sogleich eine neue Idee. Wenn dieser Schlüssel ihn hierher bringen konnte, war es sicherlich auch wieder möglich, mit seiner Hilfe zu seinem Hund zu gelangen! Und just in diesem Moment erschien wieder der goldene Schimmer in der Luft, und diesmal drehte Janosz den Schlüssel ohne zögern um und Schritt durch die entstandene Tür. Auf einen erneuten Fall vorbereitet, kam er wieder mitten im Wald auf die Beine. Das Wetter war immernoch dasselbe, und es war auch noch genauso düster wie zuvor, doch gabes da etwas, was ihm das Herz vor Freude beinahe aussetzen liess. Neben einem Baum lag ein Schäferhund und sah ihn mit verdutzt an. Nichts schien ihn je mehr erschrocken zu haben als das plötzliche Auftauchen eines kleinen Jungen mitten aus dem Nichts. Doch seine Angst legte sich sofort, als er merkte, wer da so mirnichts dirnichts aus der Luft gesprungen war. Der Hund sprang auf und lief Janosz entgegen, der ihn sogleich in die Arme nahm und an sich drückte. Zwar machte er dem Hund einige Vorwürfe, konnte aber auch nicht umhin, ihm dankbar zu sein, denn hätte er ohne seine Suche diesen Schlüssel gefunden? Sicherlich nicht."

Der Alte legte eine Pause ein. Ungeduldig fragte das Mädchen auf seinem Schoß: "Und was geschah dann?" - "Nun, Janosz wünschte sich natürlich eine Tür zu sich nach Hause, die er wieder mit dem Schlüsselchen öffnete und die ihn und seinen Hund zu seinen besorgten Eltern brachte. Er erzählte ihnen nichts von dem Schlüssel, wohl aber, dass er seinen Hund gesucht und auch gefunden hatte. Seinen Eltern blieb nichts anderes übrig als ihm zu glauben und ihn ob seiner Unvernunft zu schelten, was aber nach ein paar Tagen auch wieder vergessen war. Und so endet die Geschichte von Janosz und seinem Schlüssel."

Enttäuscht fragte die Kleine:" Wieso endet die Geschichte denn schon? Hat er den Schlüssel denn nie wieder benutzt?" - "Oh, das hätte er sicherlich gerne getan, wer will denn nicht den einzigen Schlüssel zu einer Tür haben, die einen überall hinbringen kann? Aber es funktionierte einfach nicht mehr. So sehr sich Janosz auch andere Orte und Türen vorstellte, es passierte einfach nichts mehr. Wahrscheinlich öffnete der Schlüssel nur drei Türen für jeden, der ihn besitzt, oder vielleicht wollte er auch einfach keine Türen mehr für Janosz öffnen, weil er ja im Grunde das gefunden hatte was er wollte. Wer weiss?" schloss der Alte geheimnisvoll und stand, seine Enkelin im Arm haltend, aus dem Schaukelstuhl auf. "Und dich werde ich jetzt ins Bett bringen, denn, hörst du"-die Kleine horchte kurz auf-"der Regen hat aufgehört." Mit einem Lächeln sagte sie: "Vielleicht hat ihm die Geschichte gefallen und er will sie jetzt woanders weitererzählen?" und liess sich von ihrem Grossvater in ihr Bettchen tragen.

Später in dieser Nacht sass der Alte wieder in seinem Schaukelstuhl und liess Rauchringe durch das Zimmer schweben, jedoch war sein Gesichtsausdruck wesentlich zufriedener als zuvor. Seine Enkelin wurde jedoch mitten in der Nacht wieder munter. Im blassen Licht des Mondes bemerkte sie eine kleine Schnur, die unter ihrem Kopfkissen hervorschaute. Kurze Zeit später war ihr Zimmer in ein goldenes Licht getaucht.















Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.