Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren
Beteiligte Autoren:
Janosch

Expeditionsbericht

Startbeitrag von Janosch am 12.05.2001 17:44

Wie jedermann bekannt ist, der aus dem Lande Logistan zurückgekehrt ist, ist es dort Sitte, daß jeder, der älter als sechs Jahre ist, am Anfang eines neuen Tages eine logisch entscheidbare seinem Alter angemessene Frage beantwortet.
Unglücklicherweise war mir, als ich dieses Land bereiste, der Brauch nicht bekannt, denn ein intriganter Kollege am Institut fuer Absonderliche Studien hatte aus dem Reiseführer die letzten Seiten entfernt, mit der Begruendung, sie enthielten Informationen, die man auf Zeitreisen nicht mitnehmen duerfe, und eine Zeitreise war ja nötig, denn Logistan ist lange untergegangen.
Das Gesetz Logistans aber kennt, oder genauer sollte ich sagen: kannte, jedenfalls keine Gnade, und keine Gerechtigkeit, sondern eben nur das logistanische Recht, und so musste auch ich, wie alle anderen, frühmorgens geweckt durch das dumpfe Geräusch, das durch die Brote erzeugt wird, die in den logistanischen Baeckereien zersaegt und zu groesseren Broten wieder zusammengesetzt werden - denn Logistan deckte seinen Bedarf an Lebensmitteln durch Anwendung des Satzes von Banach und Tarski* - zum Logikappell auf der Strasse antreten und konnte, mangels Vorbereitung und auch sonst ausgelaugt und kraftlos, natürlich die Frage des Beamten nicht beantworten. In Logistan ist das eine Straftat, die mit dem Tod durch Zersägen und nicht wieder zusammensetzen bestraft wird, und nur der Kalif kann eine Begnadigung aussprechen, und so wurde ich denn vor den Kalifen geführt. Der Kalif war kein grausamer oder lügnerischer Mann, soviel wusste ich, aber eben einer, der fuer strikte Gesetzestreue bekannt war. Und die logistanschen Psychologen hatten bereits ihr Urteil gesprochen und mich fuer zurechnungsfähig erklärt....
und so sprach nun der Kalif:
"Du hast schwere Schuld auf Dich geladen und sollst dafuer die gerechte Strafe erleiden. Doch eine Chance will ich Dir noch geben. Wir haben hier eine Liste aus einer Anzahl Logikfragen, von denen eine zufällig ausgewählt wird und diese musst Du beantworten. Du wirst einem meiner Diener eine Frage stellen dürfen, um herauszubekommen, welche die Frage ist, die Du beantworten sollst. Doch wisse, der Diener lügt manchesmal, und wir werden zufällig aus den Fragen eine auswählen, von der wir dem Diener gegenüber behaupten, es sei die Frage, die Du beantworten sollst, ohne dass dem unbedingt so sein muss. Du wirst nur wissen, daß die Antwort des Dieners " - bei diesen Worten erschien ein breites ironisches Grinsen auf dem Gesicht des Kalifen, während ich sehnsüchtig an die nur einen Kilometer entfernte, aber unerreichbare Zeitmaschine dachte - " entweder richtig oder falsch ist, das heisst, daß ein drittes nicht gegeben ist, was ja nur ein logischer Grundsatz ist.". Damit entliess er mich in mein Verliess.
Sie fragen sich nun vielleicht, wie ich dieser Situation entkommen bin. Vielleicht behaupten Sie auch, es gäbe keine Zeitmaschinen und keine Institute für absonderliche Studien; vielleicht sagen Sie, ich wäre ein Lügner und könne nur Geschichten erzählen, und ich sei nicht einmal darin besonders gut.
Was den ersten Punkt angeht, ich habe nie in meinem Leben so intensiv nachgedacht wie in jener Nacht in einem logistanischen Kerker, besonders in den Morgenstunden, als die schon erwähnten Sägegeräusche aus den Bäckereien mich besonders stark an die mir bevorstehende Strafe denken liessen. Dabei machte mir nicht so sehr der mögliche eigene Tod Sorgen - dem sah ich furchtlos entgegen - als vielmehr die Möglichkeit, die Logistanier könnten, sobald die Sägen angesetzt würden, Dinge aus mir herausholen, von denen sie nichts wissen sollten...
Da ich jetzt vor Ihnen stehe, ist es offensichtlich, daß ich eine Lösung fand; die Details werden Sie nicht interessieren, und es würde der Sache auch die Spannung nehmen, nur falls Sie einmal in Logistan sein sollten, wenn ich Ihnen die Lösung verriete ...
Warum ich Ihnen das alles erzähle? Nun, das hat persönliche Gründe. Sie müssen nämlich wissen, ich komme auch nicht aus Ihrer Zeit. Und Logistan liegt aus Ihrer Sicht in der Zukunft, ebenso das Institut für Absonderliche Studien und alle anderen der Dinge, über die ich eben Bericht erstattet habe. Und ich habe für meine jetzige Zeitreise keine Erlaubnis...
Der intrigante Kollege, den ich schon erwähnte, nun befasst sich hauptberuflich mit der psychomathematischen Analyse gewisser gesellschaftlicher Veränderungen, die in der archaischen Gesellschaft auftauchten, die am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf der Erde existierte. Wenn meine Berechnungen Ihre Psyche und die ihrer Mitmenschen betreffend richtig sind (und glauben Sie mir - sie sind richtig), dann werde ich Sie durch diese kleine Geschichte so verändern, daß alle Berechnungen meines Kollegen kaputtgehen, und es bereitet mir eine diebische Freude, wenn ich sehen kann, daß zwanzig Jahre seiner Arbeit umsonst gewesen sein werden...
Möglicherweise wollen Sie nun auch wissen, wie ich und mein Kollege in der Lage sein können, Ihre Psyche auf ein mittelgroßes Gleichungssystem zu reduzieren. Ich meinte es durchaus wörtlich, als ich sagte, die Logistanier hätten im Zweifelsfall seltsame Dinge aus mir herausholen können. Das liegt daran, daß ich kein Mensch bin. In meiner Zeit gibt es keine Menschen, auch wenn die Gründe für ihr Aussterben für verschiedene Zeitlinien verschieden sind. In dem Universum, daß Sie erleben werden, wird die Menschheit aussterben, weil sie zuviel über das logische Problem nachdenkt, das in diesem Text aufgeworfen wird und dabei vergisst, sich fortzupflanzen.
Und glauben Sie mir, diese Möglichkeit ist humaner als alle Alternativen, die ich in anderen Zeitlinien kennengelernt habe...

* Das Theorem von Banach und Tarski gibt, grob gesagt, ein Verfahren zur Volumenverändeurng beliebiger Gegenstände durch geschicktes Zersägen und Wiederzusammensetzen besagter Gegenstände an. In Ihrer Zeit ist man noch der irrigen Ansicht, daß es keine praktischen Anwendungen habe.

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.