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Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
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vor 15 Jahren, 10 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 10 Monaten
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Älis, Trollchen

Die Hexe von Marelou

Startbeitrag von Trollchen am 12.05.2001 17:46

Wenn man durch die Straßen von Marelou geht fallen einem zuerst die altertümliche Bauweise der Häuser auf, die brachliegenden Felder und die staubigen Straßen. Zumindest würde einem Fremden das zuerst ins Auge stechen. Doch Auswärtige verirren sich selten in diesen kleinen Ort. Eigentlich nie. Denn er liegt weit ab von den großen Städten, der neuen Welt. Wenn ich sage der neuen Welt, dann ist das, weil es wirkt als wäre in Marelou die Zeit stehen geblieben, als bewege sich das Leben weiter im Mittelalter fort. Hinter einer Biegung befindet sich ein Supermarkt, der einzige in diesem Ort. Nur 1, 2 mal im Monat kommt ein Lastwagen vorbei der den Laden mit den nötigsten Lebensmitteln füllt. Süßigkeiten gibt es dort kaum, sie werden auch fast nie gekauft, denn die wenigsten Einwohner haben genug Geld übrig, ihre Kinder mit solchen Luxusgütern zu verwöhnen.
Früher einmal blühte der Ort, war reich an Nahrung und Freude. Doch nur die ältesten der Dörfler erinnern sich daran und schwelgen manchmal in Erzählungen von der guten alten Zeit. Und wenn man auch in jedem Land und jedem Ort den altgedienten Satz "früher war alles besser" vernehmen kann, so scheint es hier doch zu stimmen. Denn es erscheint schwer vorstellbar das ein Dorf entstehen und weiterleben kann an einem Ort der so von Krankheit und Hunger geplagt wird, wie diesem.
Gelegentlich kommt die alte Frau in den Ort, schlurft gebückt in den Supermarkt und sucht mit gesenktem Blick das nötgste zusammen. Manchesmal kauft sie einen Bonbon oder etwas Brausepulver um es einem Kind zu schenken dass mit gierigen Augen in die Auslage schaut. Doch noch nie ist es geschehen, das ein Kind erfreut und dankend zugegriffen hätte. Immer weichen sie schreckerfüllt zurück.
Die alte Frau ist im Ort nicht gerne gesehen. Viele Gerüchte ranken sich um sie. Und wie es bei Gerüchten so ist sind sie ausnahmslos böse. Kaum jemand kennt die Geschichte wie die alte Frau zur Hexe wurde, und diejenigen, die sie kennen verschließen fest die Lippen wenn ihre Enkel oder Urenkel sie danach fragen. Es scheint als würde das Wissen darum mit den Groß - und Urgroßeltern ins Grab gelegt und für immer von Erde und Mündern, die nicht reden wollen, umschlossen werden.
Kaum jemandem ist je aufgefallen dass die Füße der Frau manchesmal auf ihrem Gang verharren, dass sie langsamer wird, stehen bleibt, jedes Mal an der gleichen Stelle. Dann hebt sie ihren Blick, sieht hoch, immer zu dem selben Haus. Dem Haus in dem Miranda lebt.
Die wenigen, die dies beobachtet haben deuten ihren Blick als niederträchtig, rachsüchtig, hasserfüllt. Sie glauben, die alte Frau wollte einen Fluch auf das Haus legen, auf Miranda. Und so ist auch Miranda von den Menschen in Marelou gemieden.
Es ist nicht böswilligkeit die die Einwohner zu solch hetzerischen Deutungen verleitet, es ist die Folge von Armut und Angst.
Die Urgroßeltern erzählten es den Großeltern, die Großeltern den Eltern, und die Eltern ihren Kindern. Dass die alte Frau böse ist, eine Hexe, vom Teufel beseelt. Dass sie ihren Bruder getötet hat - wie, da gehen die Meinungen auseinander - ihre Eltern auf dem Gewissen hat, und nun danach trachtet, Miranda zu töten, die ehemals vor langer Zeit ihre beste Freundin war. Alle haben Angst die aufmerksamkeit der alten Frau auf sich zu lenken und doch tun sie es ständig. Jedesmal wenn sie auf die andere Straßenseite weichen, den Blick abwenden. Und Jedesmal wenn ein Kind mit dem Finger auf sie zeigt oder ein Spottlied singt und von einem Erwachsenen eilig von der Straße weg in einen Hauseingang gezogen wird. Jedesmal dann kann man beobachten, wie ihre Augen leicht flattern, wie ihre Lippen zucken.
Denn die alte Frau ist nicht böse.
Ich selbst bin in Marelou aufgewachsen, war eines dieser Kinder, dass die alte Frau als Hexe beschimpft und ausgelacht haben. Ich war auch eines der Kinder, die sie auf dem Heimweg mit Steinen bewarfen. Ich war sogar das dreisteste überhaupt. Ich folgte der alten Frau bis zu ihrem Haus. Nicht nur einmal, nein, mehrmals tat ich dies. Auch wenn ich dafür zu Hause prügel bezog, wenn jemand mich dort oben auf dem Hügel gesehen hatte oder ein Spielkamerad mich verpetzte.
Es muss wohl das kribbelige Gefühl des Abenteuers gewesen sein, die Faszination am Bösen die mich verleitete immer wieder an ihrem Fenster zu stehen und in die dunkle, rauchige Hütte zu starren.
Eines Tages jedoch stolperte ich auf dem steinigen Grund, und da stand die alte Frau vor mir, von der ich geglaubt hatte, sie hätte meine Anwesenheit nie bemerkt. Nun, sie stand da, schimpfte mich nicht aus und schickte mich nicht nach Hause, sondern reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Und in dem Moment als ich ihre Hand ergriff und mich aufrappelte geschah etwas eigenartiges. Ihre Mundwinkel hoben sich leicht und sie lächelte. Es war kein gemeines lächeln, kein bösartiges. Es war das Lächeln einer alten Frau die ein schweres Schicksal und vielleicht auch die Schuld daran auf ihren gebückten Schultern trug. Und in diesem Moment verlor sie für mich ihren Schrecken, der Teufel verschwand aus ihrer Seele, und was übrig blieb war tiefes Mitgefühl - und ein wahnsinnig schlechtes Gewissen.
Und so kann ich mit Sicherheit sagen dass es nicht Rachegedanken sind die die Frau dazu bringen den Blick zu heben und zu Mirandas Haus zu sehen sondern vielmehr tiefe Sehnsucht und Trauer.
Ich gewöhnte mir an selber oft vor Mirandas Tür zu sitzen und einfach nur zu warten. Nicht oft geschah es, dass die rostigen Angeln quietschen, die Tür aufschwang und Miranda ihr Haus verließ. Doch jedes mal spürte ich, wie im Vorbeigehen ihr Blick mich streifte, ein seltsamer Blick, der weder Fragen noch Antworten zu enthalten schien und mich doch drängte aufzustehen zu ihr hinzugehen und ihr zu erklären was ich von ihr wollte. Doch es war als würde ich erstarren unter dem Ausdruck in ihren Augen. Und so blieb ich zu keiner Bewegung fähig einfach sitzen, jedesmal, und wartete was passieren würde.
Vielleicht sind es Sphinxen die so blicken, wie Miranda es tat.

.....

Antworten:

Bald nun werde ich sterben. Täglich fühle ich den Tod ein Stückchen näherkommen. Es ist ein angenehmes Gefühl. Jeden Tag werde ich etwas müder, jeden Tag wächst die Sehnsucht, mich hinzulegen und ein letztes Mal auf den Tod zu warten.
Doch noch hindert das Leben mich. Ich möchte diese Welt erst verlassen, wenn ich den kleinen Teil dazu beigetragen habe, sie wieder ein Stück in ihr Gleichgewicht zu versetzen. Den kleinen Teil, den ich imstande bin beizutragen. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Ich trage Schuld am Übel der Welt und möchte diese Schuld begleichen. Nein, es ist nicht die Schuld am Tod meiner Familie, wie die Dorfbewohner glauben. Ich weiss, daß sie so denken, in ihren Blicken kann ich es lesen, Betrunkene haben es ausgesprochen.
Es ist die Schuld, nicht verziehen zu haben.
Vor vielen Jahren war ich bereit für mein Grab, nur die Hoffnung hielt mich am Leben, ein Funke Hoffnung, der täglich weniger hell glomm und kurz vor dem Erlöschen war. Hoffnung darauf, daß alles wieder gut wird. Selbst damals war ich noch ein naives Ding ...
Und dann fürchtete ich, das Kind in meinem Garten hätte sich verletzt. Dies war der einzige Grund, auf es zuzutreten, und das schwöre ich, ich hatte keinen andren Grund als die Befürchtung eines erneuten Unglücks. Kein Unglück mehr, das geschieht, weil ich es nicht verhindert habe ...
Als ich dem Kind in die Augen sah und die Augen von x. erblickte, erlosch mein Hoffnungsfunke. Ich wusste, es würde nicht alles wieder gut werden. Es würde nicht mehr werden wie es einst war. Tote bleiben tot und ich bleibe ich und werde mein schreckliches Wissen in mir haben, so lange ich lebe. Und das Erlöschen des Hoffnungsfunkens schuf Platz für das Bestreben, dem schrecklichen Wissen seinen Schrecken zu nehmen.
In all den vielen Jahren, die ich mich nun schon in dieser Welt befinde, habe ich nicht sehr viel von ihr begriffen. Die Welt ist mir bis heute ein Rätsel, ebenso wie das Leben und die Menschen mir ein Rätsel sind. Es ist gut so, schon lange liegt mir nichts mehr daran, schwierige Rätsel zu lösen.
Doch eins weiß ich gewiss: Dinge sind, wie sie sind, nichts lässt sich ungeschehen machen, Schrecken bleibt Schrecken. Er vergeht nicht nicht durch Ignorieren, nicht durch verzweifeltes Ungeschehen machen wollen, nicht durch die Zeit - die dämpft ihn nur ein bißchen ab, lässt die häßliche Fratze in den Hintergrund treten, um daß sie im unerwarteten Augenblick umso häßlicher ins Bewusstsein dringt.
Der Schrecken muss ausgeglichen werden, er braucht ein Gegengewicht, alles braucht sein Gegengewicht, um daß Gleichgewicht bestehen kann.
Wenn dem Häßlichen das Schöne, dem Starken das Schwache, dem Schrecken der Friede entgegentritt ist es gut. Schuld braucht Verzeihen, dann kann die Fratze lächeln.
Sie halten mich für eine verbitterte, böse, vielleicht auch verwirrte alte Frau, eine Hexe sogar. Ich leide nicht mehr darunter, ich habe ihnen ihre Dummheit verziehen.
Doch welche Kraft hindert mich daran, Miranda zu verzeihen? Ich weiss es nicht, ich weiss nur, daß solange ich es nicht getan habe, weder ich noch sie friedlich werden sterben können.
Ich brauche das Kind, die Enkelin von x., das schon lange kein Kind mehr ist, sie ist der Schlüssel ohne es zu wissen, sie kann mir helfen, doch wie errreiche ich sie?
Wird sie die Kraft aufbringen, die ich nicht mehr habe, wird sie den Mut haben, der mir fehlt?

von Älis - am 12.05.2001 17:48
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