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Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
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Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
Judith

Stille

Startbeitrag von Judith am 24.06.2001 13:49

Stille.

Die Nacht rund um mich ist blau wie die Haut einer Nachtigall. Ich bin mitten im Wald. Ich weiss nicht so genau, ob ich jetzt Angst haben soll, oder ob es schoen ist. Es ist still. Wind ist da. Wind, der rauschend durch mich hindurchblaesst. Ich bin ein Nebel. Ich bin da, und weit weg. Niemand kann mich beruehren. Ich fuehle alle. Schwerkraft haelt mich zusammen. Ich bin nicht wie andere Winde, ich kann mich nicht aufloesen.

Ich sehe die Sterne. Sie sind meine Eltern. Sie passen auf mich auf. Leider sind sie ein wenig weit weg. Der winterliche Hochnebel versperrt mir die Sicht auf sie. Ein Nachtvogel fliegt durch mich hindurch. Als er aus mir herauskommt, froestelt er. In mir ist es sehr kalt. Er kann froh sein, dass er nicht erfroren ist. Ich schwebe weiter.

Weil ich dem Wind keinen Widerstand bieten kann, kann er mich auch nicht weiterblasen. Ich bin keine Materie, eigentlich kann es mich gar nicht geben, und doch bin ich da. Ich dreh mich um mich selbst. Es ist die einzige Moeglichkeit vorwaerts zu kommen, und ich muss vorwaerts kommen, denn ich habe ein Ziel.

Feuer.

Irgendwo in diesem Wald steht ein Baum den ich anzuenden will. Ich habe keinen Grund dazu, aber ich werde es tun. Die Kaelte in mir wird immer groesser. Eines Tages werde ich erfrieren. Ich werde keine Schmerzen haben, Kaelte ist schleichend.

Der Baum wird Schmerzen haben, dafuer geht es schneller. Ich beneide ihn. Ihn gibt es, ich bin Nichts. Mit ihm wird man Mitleid haben, ich werde einfach so verschwinden. Wahrscheinlich hoffe ich, dass sein Feuer mich aufwaermen wird, damit ich weiterleben kann.

Die Stille rund um mich herum gefaellt mir. Ich mag Tiere, auch Baeume, aber nicht diesen.

Alles ist blau. Blau und einsam. Die Gefuehlslosigkeit in mir erstaunt mich eigentlich. Frueher war ich sehr leidenschaftlich. Jetzt, da ich so nahe an meinem Ziel bin, funktioniere ich nur noch. Da vorne ist eine Lichtung.

Er steht da. Wir schauen uns an, er weiss, was ich will. Ich rieche seinen Angstschweiss. Es gefaellt mir. Er kann nicht davonlaufen. Ich werde danach wieder verschwinden.

Ich sammle alle in mir noch verbleibende Waerme, nein, Waerme reicht nicht, Hitze muss es sein. Erschoepft entzuende ich das letzte Feuer. Dann gehe ich zu ihm. Ich lege mich um ihn herum. Er ist alt, harzig und trocken. Er brennt schnell und gut.

Fasziniert bleibe ich an ihm kleben. Ich weiss, dass ich gehen muesste, das Feuer wird uebermaechtig. Triumph und Euphorie uebermaechtigen mich. Er schreit nicht einmal. Wir hassen uns. Wir koennen nicht ohne einander leben. Ich habe die Hitze unterschaetzt. Ich schmelze. Ich versuche vom Baum wegzukommen. Schnell wird mir klar, dass ich die Kraft dazu nicht mehr habe.

Wir sterben beide.

Still ist die Nacht. Der Wind vertreibt die letzten Rauchschwaden. Alles ist wie vorher. Die Menschen werden sich fragen, wie in einer wolkenlosen Nacht ein Blitz in den Baum einschlagen konnte.

Stille.

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