Wueste

Startbeitrag von Judith am 24.06.2001 13:50

Wir befinden uns in der Wueste. In einer gnadenlosen, lebensverachtendenden Wueste. Sie flimmert so vor sich hin. Die Steine werden von der Hitze gesprengt. Tiere koennen nur weit unter der Erde existieren. Alles schreit nach Abwechslung. Weg aus dieser Oede. Ausgewaesserte Stauden warten darauf, dass gutmuetige Frauen aus ihnen Magiegestecke formen. Der Rechtsverkehr ist schon lange erlahmt, die Atmosphaere schleichend vergiftet.
Mit langsam kreisenden Bewegungen schrauben sich die Steine vom Boden los. Sie bieten sich endlose Eifersuchtsszenen darueber, wer als letzter noch ganz bleiben wird. Die Sonne geht unter und wieder hoch.

Ein Maedchen sitzt da. Keiner kann sich erinnern, wann sie kam. Grund genug fuer die Steine ihr erdbebenverhuetendes Gezaenk wieder aufzunehmen. Das Maedchen friert. Sie streckt sich aus im kochenden Sand, und legt gluehnde Steine auf ihren Koerper. Das Blut in ihren Adern fliesst immer langsamer. Bald wird es stocken, das Maedchen sterben. Die Steine huepfen um sie herum.

Von weitem ertoent ein Akkordeon. Wehmuetige Klaenge mischen sich mit rauhen Seemansliedern. Am Horizont akkumuliert sich ein Mann. Das Maedchen bittet die Steine, sie doch ganz zuzudecken. Sie will nicht gesehen werden. Sie will sterben, nicht gefunden werden. Mit grosser Muehe stapeln sich die Steine ueber das Maedchen. Schliesslich ist es nicht mehr zu sehen.

Der Mann kommt naeher. Verwundert bleibt er vor dem Steinhaufen stehen. Er setzt sich davor und singt mit verrauchter Stimme polnische Liebeslieder. Vor Begeisterung explodieren die Steine, und das Maedchen wird sichtbar. Der Mann beugt sich ueber sie. Sie spuckt ihn an.

Na gut, meint er, und geht weiter.

Stunden spaeter erscheint er wieder mit einer Thermodecke. Er legt sie ueber das Maedchen. Sie zuendet die Decke an.
Er setzt sich neben sie. Beide sagen kein Wort. Er nimmt eine Kerze heraus, tropft ein wenig Wachs zwischen ihre Brueste, und stellt die Kerze darauf. So muss sie sie immer anschauen. Es widert sie an. Sie spuckt auch auf die Kerze, trifft aber die Flamme nicht.

Die Nacht verschlingt die Umgebung. Die Kerze sieht man meilenweit, ein Totenlicht.

Traurig sitzt der Mann da. Er summt leise, und streichelt das Maedchen. Verloren sind sie beide, Ausgestossene. Sie macht die Augen auf, schaut ihn aus dunklen Augen an. Der Glanz darin ist verschwunden. Sie stirbt.

Lange noch bleibt der Mann sitzen, bevor er sie wieder unter den Steinen begraebt. Er geht weiter, eine Traene laeuft an seiner Wange herunter. Er wischt sie nicht weg.

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