Wiedersehen

Startbeitrag von Judith am 24.06.2001 13:50

Heute ist ein besonderer Tag. Heute kommt Karl zurueck. Ich habe so eine schreckliche Angst, dass sein Flugzeug abstuerzt. Jede Stunde hoere ich die Nachrichten. Alle fuenf Minuten schaue ich in den Spiegel, ob ich auch schoen genug bin. Ich finde mich blass. Mir gefaellt blass. Er wird sicher ganz braun sein. Ich hoffe, es steht ihm. Normalerweise mag ich keine braungebrannten Maenner. Etwas vom SChoensten an Karl sind seine Arme. Sie sind sehnig. Sein Koerper ist voller Leben.
Trotz heftiger Gegenwehr nehme ich Duscha in meine Arme. Sie miaut und ich zeige ihr wieder einmal die Nummer des Tierschutzvereines. Das Wetter ist stuermisch. Ich mag das. Es windet mich nur so die Strasse runter. Der Zug faehrt viel zu langsam.

Das Flugzeug landet. Zwei Monate war ich jetzt weg. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich wieder zurueck will. Ich bin neugierig, was sich alles getan hat. Ich freue mich auf Lili. Sie ist so chaotisch. Sie teilt sich in Chaos und Pedanterie. Ich denke, wir sind beide anstrengend, ach, das ist jetzt alles so theoretisch, und ich habe ueberhaupt keine Lust zu erklaeren, warum ich sie liebe. Es ist einfach so.

Gleich kommt er aus der Tuer. Mir ist schlecht. Er liebt mich sicher nicht mehr. Er wird mit dem naechsten Flugzeug wieder gehen.

Ich seh sie zuerst.

Er kommt, wir umarmen uns. Er riecht so gut. Nach Flugzeug und Abenteuer. Nach Karl. Es ist, als haette ich nur auf diesen Duft gewartet. Er verspricht Geborgenheit. Lange stehen wir dort, und atmen.

Ich merke, wie muede mich das Reisen gemacht hat. Ich will ueberhaupt nichts mehr tun. Ich will nur stehen, atmen, umarmen und kuessen. Ich bin froh, bin ich da. Sie ist nervoes, klein und nervoes. Ich werde sie lieben. Aber jetzt bin ich zu muede. Wir stehen immer noch da. Wir sind beide zu muede um wegzulaufen. Sie nimmt meine Hand. Wir gehen.


Ich bin in der Badewanne. Karl liegt noch in meinem Bett und schlaeft. Ich schneide mich. Blut vermischt sich mit dem Wasser. Es ist ein Symbol fuer etwas, was eigentlich in mir sein sollte, aber ploetzlich aussen ist. Ich schwimme in Blut. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil Karl es bestimmt auf sich beziehen wird. Dabei hat es nur mit mir und meinen Gefuehlen zu tun.

Ich liebe ihn, aber ich bin auch froh, wenn er wieder geht. Er ist sehr selbstaendig. Anders ist eine Beziehung zu mir nicht moeglich. Alle meine Freundschaften bauen darauf auf, dass es moeglich ist, sich eine Weile nicht zu melden, ohne dass das gleich zu Missverstaendnissen fuehrt.

Blut beruhigt mich. Es ist ein Bild. Ich glaube, es ist ein Irrtum zu meinen, dass ich mich eines Tages genug geschnitten haben werde. Noch vor einem Monat habe ich gedacht, dass ich mich nie mehr schneiden werde. Ales dreht sich im Kreis.

Karl ist aufgestanden. Er kommt in's Badezimmer. Er sieht das Blut. Wortlos zieht er den Stoepsel heraus, damit das Wasser ablaufen kann. Danach lassen wir neues einlaufen.
Wir waschen uns jungfraeulich rein. Es ist still. Wir sprechen wenig. Ich rede nicht gerne. Manchmal rede ich zwar wirklich sehr viel, aber die Sprache ist wie etwas eigenes, was mit mir nichts zu tun hat.

Ich streichle ihn. Fuer mich ist sein Koerper eine ganze Welt. Er erzaehlt von fremden Landschaften. Ich war noch nie ausserhalb von Europa. Ich hoere ihm gerne zu. Er ist ein humorvoller Mensch.

Wir gehen wieder in's Bett. Unsere Muedigkeit ist unendlich. Zusammen schlafen wir ein.

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