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Die *Trash*Kom*Hallen* - Ort der Geschichten
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vor 15 Jahren, 7 Monaten
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K r i t

**STEIN**

Startbeitrag von K r i t am 15.08.2001 09:00











STEIN



Der Stein kommt an ihrem Geburtstag, über ein Jahr später.
Es ist ein trüber, feuchter Frühsommertag. Auf dem Rad gleite ich still zwischen den Gräbern durch das Labyrinth der in unsterblichem Ordnungssinn angelegten Wege.
Ich finde es, erkenne es an der kränklichen Fichte daneben und den Schalen mit den Blumen, die jetzt, beiseite geräumt, daneben stehen.
Es ist ein liegender, grauer Quader.

Ich bin mit ihrem Vater verabredet, durch den leisen Regen kommt er mir auf dem schmalen Friedhofsweg entgegen.
Nach einer kurzen Umarmung stehen wir mit hochgezogenen Schultern zusammen.

"Es ist nicht so wie es uns gefällt ..." sagt er, unsicher fragend.
"Nein, nicht wirklich" denke ich, überlege kurz und sage dann nur : "Aber die Grablaterne ist schön."

Ob ich noch ein bisschen alleine sein will, fragt er.
Nein, nicht jetzt.

Wir gehen zügig fort.

--

Einige Tage später bin ich wieder dort. Es ist heiss, ich setze mich unter die Äste der müden Fichte auf den Boden, umschliesse mit den Armen mich schützend meine Beine und betrachte feindselig den Stein.
Mit seiner wuchtigen Masse begräbt er das Grab unter sich, dieses ohnehin doch schon so winzige.
Als solle das, was immer sich darin befindet, noch ein weiteres Mal versiegelt sein. Nein, was immer sich darin befindet: dieser Stein wird es niemals freigeben. Selbst wenn es sich aus seinem metallenen Gehäuse befreien könnte: an diesem Wächter, der der Ewigkeit trotzt, kommt nichts und niemand vorbei.
Ich fühle ein zorniges Drängen ihn wegzuhebeln, auszugraben, etwas freizulasssen.

Als sei nicht damals schon, vor meinen eigenen Augen, ihre Seele von einer fremden Kraft unaufhaltsam jedem nur möglichen irdischen Halt entrissen worden.
Dabei glaube ich doch gar nicht an Seelen.

Ich versuche mich aus der Beklemmung zu lösen, hole tief Luft, fühle meine Lungen. Es geht noch. Fast war mir, als läge dieses Monstrum auf meiner eigenen Brust.
Hinter der Mauer dröhnt böse der Fluss der Strasse.

Leute kommen näher, Kinderwägen werden geschoben und Bälger in bunten Sommerkleidern bestaunen in unbefangener Unschuld die Gräber.
Sie sollen weg gehen, weg! Meine Sonnenbrille schützt mich nicht genug vor ihrer grellen Fröhlichkeit.

"Mama? Was tut der Mann denn da machen ?"

Am liebsten würde ich aufspringen und sie anschreien:
"Haut ab ! Der Mann da tut weinen !"

Natürlich lasse ich es, sie können ja nicht wissen wofür dieser Stein da liegt. Nicht mal ich selbst weiss es wirklich. Selbst jetzt, nach über einem Jahr in dem es mir Tag für Tag den Atem nimmt, weiss ich es noch immer nicht.
Ausserdem weine ich gar nicht, schon lange nicht mehr. Was fühle ich denn noch ?

Trauer ?
Nein.
Verzweiflung, ja!
Und wohl Verachtung für die Unwissenheit derer, für die das Leben einfach immer weiter geht.

Und doch weiss ich gar nicht mehr als sie. Vielleicht nur besser was es heisst, nichts zu wissen ?
Über das Nichts ?

"Komm' jetzt !" sagt die Mutter und zieht das Kind an der Hand mit sich fort, weiter.


"K r i t", August 2001


von K r i t :

Felice im Mondlicht

Seepferdchen


Über die Liebe, die Hoffnung und vom Ritter, der kein Ritter mehr sein konnte

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