Halbzeit im Schachduell Kramnik vs. Fritz

Startbeitrag von searcher am 10.10.2002 11:43

Halbzeit im Schachduell Kramnik vs. Fritz

Das Schachduell zwischen Weltmeister Wladimir Kramnik und der ChessBase-Maschine Deep Fritz geht in eine entscheidende Phase. Vor Beginn der heutigen 4. Partie, die um 14 Uhr aus Manama (Bahrain) übertragen wird, führt Kramnik mit 2,5 - 0,5. Verliert Fritz erneut, käme das einer Vorentscheidung für Kramnik gleich. Um allen Usern von heise online die Gelegenheit zu geben, das Duell in Bahrain zu verfolgen, haben wir eine Seite ohne Flash-Plugin eingerichtet. Das von ChessBase programmierte Plugin basiert auf Flash 6 und wird zum Beispiel von Linux nicht unterstützt. Da Fritz in den ersten Runden die zur Live-Übertragung benötigte Spieldatei (game.pgn) nicht zuverlässig erzeugt hat, konnte diese Seite erst nach Tests in Partie 3 freischaltet werden.

In der ersten Partie ließ sich die Fritz-Mannschaft entgegen allen Voraussagen mit Weiß auf die "Berliner Mauer" ein, eine Verteidigung, an der sich auch Kasparow im Weltmeisterschaftskampf gegen Kramnik schon die Zähne ausgebissen hatte. Den Versuch, es besser zu machen als Kasparow, hält ChessBase-Chef Mathias Wüllenweber nicht für vermessen. "Fritz versteht solche Stellungen", sagte er und wies darauf hin, dass das Programm den Weltmeister unter Druck setzen konnte. Zum Gewinn reichte es aber dennoch nicht, die Partie endete mit einer Punkteteilung.

Die zweite Runde ging an Kramnik. Zwischendurch musste er jedoch kurz zittern; er hatte einen Verteidigungszug des Programmes (Lc4) übersehen und hielt sich kurzzeitig für verloren, fand jedoch nach einigem Nachdenken den schmalen Pfad zum Sieg. Die dritte Partie brachte einen Eröffnungswechsel, Fritz probierte mit Weiß die Schottische Partie und erreichte eine optisch viel versprechende Stellung. Kramnik verteidigte sich aber gut und konnte nach einem Patzer des Programms (a3) Druckspiel erlangen, das ihm den vollen Punkt einbrachte. Die Probleme bei der Übertragung der Bedenkzeit, die während der Partie deutlich wurden, will ChessBase heute zumindest mit Nachbesserungen beseitigen.

Kritik wurde auch an Fritz' Eröffnungswahl laut, ließ das Programm doch in allen drei Partien schon in der Eröffnung den Damentausch zu. Schachprogramme sind besonders in taktischen Stellungen stark; durch einen Tausch der Damen sinkt jedoch das Potenzial für taktische Verwicklungen. Wüllenweber verteidigte aber die Eröffnungswahl: "Es hat sich im Match gegen Robert Hübner gezeigt, dass es keinen Sinn ergibt, die Stellung um jeden Preis aufzureißen. Wir müssen Hauptvarianten spielen, weil Fritz nur damit Eröffnungsvorteil bekommen kann. Den hatte er ja auch in seinen beiden Weißpartien, leider ohne was draus machen zu können."

Das Fritz-Team zeigte sich überrascht über Kramniks Eröffnungswahl, der schwächere Varianten spielt, die aber dem Programm nicht liegen. "Offenbar hat Kramnik sehr genau herausbekommen, welche Stellungen Fritz nicht so gut versteht -- er lockt das Programm in solche Positionen", sagte Wüllenweber, der nach wie vor auf ein Endergebnis von fünf zu drei für Kramnik tippt und an mindestens einen Sieg des Programmes glaubt. Dazu soll Fritz jetzt Varianten spielen, in denen die Damen länger auf dem Brett bleiben und das Zentrum nicht abgeriegelt wird. Heute wird es aber schwer für Fritz, der dem Weltmeister mit den schwarzen Steinen standhalten muss.

"Ein fairer Wettkampf Mensch gegen Maschine ist es aber ganz sicher nicht", sagte der Autor des Schachprogrammes Shredder, Stefan Meyer-Kahlen, mit Blick auf die Fritz benachteiligenden Bedingungen. Kramnik hatte die Bahrain-Version von Fritz Mitte September erhalten und konnte sich, zeitweise sogar mit dem Originalrechner, auf das Programm einschießen. Die verwendete Eröffnungsdatenbank ist die, die auch mit dem im Handel erhältlichen Deep Fritz 7 verkauft wird -- allerdings mit einigen kleinen Änderungen, über die Kramnik keine Informationen bekommen hat. Es dürfen zwischen den Partien nur maximal zehn Züge darin ergänzt werden, und auch das nur in der zuletzt gespielten Variante. Frei sind die Bediener jedoch in der Wahl der Eröffnungsvariante, die Fritz spielen soll.

Kramnik erhält für einen Matchsieg eine Million US-Dollar Preisgeld. Bei einem vier zu vier beträgt seine Prämie 800.000 und im Falle einer Niederlage 600.000 Dollar. Das Match ist gewonnen, wenn ein Spieler mehr als vier Punkte erreicht hat. Auch bei einem vorzeitigen Sieg werden alle acht Partien gespielt. (lab/ct) / (em/c't)

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