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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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Erster Beitrag:
vor 9 Jahren, 4 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 9 Jahren, 4 Monaten
Beteiligte Autoren:
Joachim Piephans, awp, AAW, Schwandorfer, schumlau, wxdf

Bahnfrei! - In den äußersten Winkeln Südböhmens - Reko

Startbeitrag von schumlau am 22.01.2009 20:48

So liebe Gemeinde, nachdem sich der Pixova-Server bis heute nicht wieder rekreierte, habe ich mit einem nicht gewollten Surrogat das Ganze einer mühsamen Rekonstruktion unterzogen und bitte um freundliche Aufnahme meiner Bilder.

Wie ich schon erwähnte, mutmaße ich mit Verlaub weitgehende Unkenntnis über den einst potentiell per Schiene zu erschließenden, aber tatsächlich bahnfrei gebliebenen Raum Südböhmens. Die großen Siedlungslücken auf neuzeitlichen Karten haben stets Interesse wachgerufen. Da die Regionen im Grenz- oder militärischem Sperrgebiet lagen, mußte ich bis zur Inaugenscheinnahme lange in Demut und Geduld verharren. Fehlende Verkehrslinien problematisierten die Unternehmungen zusätzlich. Vorteilhaft allerdings, dass der Kletr-Verlag aus Plzeň 1991 – 1995 für einige der Grenzgegenden reichillustrierte, historisch-geografische Führer herausbrachte, so auch das Bändchen „Novohradské Hory – Český Krumlov – Třeboň“. Erst im November 1993 startete dann endlich die erste Exkursion ins Kaplitzer Land und Gratzener Gebirge, der äußersten Südostflanke des Böhmerwaldes.


Ausschnitt Soubor turistických map Českobudějovicko 1 : 100 000 Kartografie Praha, a. s., 1998

Am Sonnabend starteten wir 6.30 mit dem Bus in Kaplice um Bene¨ov nad Černou zu erreichen, wo wir uns 30 Minuten später im Laden mit einigen Notwendigkeiten für die 47 km lange sportliche Wanderung rüsteten. Die nahende Helligkeit noch abwartend gings voran nach Pohorská Ves.

Dort verpasste mir die freundliche Postagentin einen bereits auf den Montag vordatierten Stempel.

Weiter auf dem 11 km langen Talweg, vorbei am letzten Weiler Leopoldov und dem letzten bewohnten Haus Baronův Most oder Oberzeughütten nach Pohoří na ¦umavě, einem Dorf, das zwar bereits seit 1970 unbewohnt ist, in dem sich aber noch 1993 eine Menge bebauter Grundstücke befand, wenn auch ungenutzt und desolat. Bis auf eine kleine Laube am grenznahen Dorfrand, die vielleicht mal den Grenzern als Unterstand diente, war das Dorf auch nicht grenzpolizeilich genutzt worden. Der unausgegorene Plan von 1991 mit tschechischen Remigranten aus Wolhynien die 800 m hoch gelegene Einöde - praktisch ohne Verkehrsanbindung, ohne wirtschaftliche und integrative Chancen - zu revitalisieren, wurde schnell wieder verworfen.


Das Bild zeigt die mit Turm, Dach und Außenmauern erhaltene, im Inneren aber ausgeräumte Kirche.

Gegen Mittag – wir hörten die Glocken vom 5 km entfernten Karlstift in Österreich - mussten wir uns auf den Rückweg machen. Wir hatten erst etwas über 1/3 unseres Weges hinter uns.

Durch tiefe Wälder und über Hochflächen erreichten wir bei Nachmittagssonnenschein, etwas Schnee und Frost das letzte Überbleibsel von Janova Ves – ein noch bewohnter Hof und eine ruinöse Kapelle - auf dem Kartenausschnitt ist Kapelle und Haus 400 m von der Fárský vrch zu finden.
Dagegen ist die frühere Siedlung Dolní Příbrání - Sinetschlag nur noch als Wegkreuzung zu finden.








Im nächsten Dörfchen Bělá mit einigen bewohnten Häusern hatte uns die Zivilisation wieder...



...aber die Sonne verschwand schon hinter den Hügeln von Malonty.
Dann warens noch schlappe 12 km auf der kaum befahrenen Landstraße bis zur Schänke in Kaplice.

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Frostiger Oktobermorgen 1997 am Lipno-Stausee bei ´lábek.
Damals unternahm ich von Jelíneks Sommerhäuschen am Lipno eine kombinierte Solo-Radtour zur Wüstung Cetviny.


Ausschnitt Soubor turistických map Českobudějovicko 1 : 100 000 Kartografie Praha, a. s., 1998


Überraschend, dass das einzige historische Bauwerk die gotische Marktkirche in Rekonstruktion stand, die benachbarte Kaserne der Grenzwarte aus den 50er Jahren war dafür schon in Verfall gegangen.


Vielleicht ist der Traditionsstein mit dem Hundskopf von Bilderstürmern oder Souvenirjägern bis heute verschont geblieben.


Auf der nutzlosen Dorfstraße am Friedhof krachte mein Fahrrad um.


Der Einödshof von Janova Ves im Herbst 1997.

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Vor zehn Jahren čunderten wir innert drei Tagen die Moldau von Ro¸mberk bis Bor¨ov hinab.


Ausschnitt Soubor turistických map Českobudějovicko 1 : 100 000 Kartografie Praha, a. s., 1998


Brücke bei Zátoň. Drei Jahre später tobte hier die Moldau. Die Brücke dürfte vollkommen überspült sein, die Moldau hat den ganzen Talboden eingenommen. Beachte das tiefgelegene Wohnhaus.


Am Wehr bei Větřní


Wieder beim Thema – hinter der Papierfabrik.


Felsen voraus. In den Moldauschlingen bei Domoradice.


Mein oberfauler Ex-Kommilitone kann sich die Sonne aufs Fell scheinen lassen und sich meiner nautischen Fähigkeiten sicher sein.
Ich schmeiße nicht die Kamera in die Moldau, haue nicht das Boot um und setze es nicht in den Sand. Ich steuere das Schifflein sicher an den Killerfelsen vorbei.
Soviel Gottvertrauen (in sich selbst) möchte man beim Čundern schon mitbringen. Ahoj!

Alle Fotos "schumlau"

Antworten:

Re: In den äußersten Winkeln Südböhmens

Grüß Dich, *schumlau*!

Nach Fukov (Fugau) nun Cetviny (Zettwing) - du bist ja hier eindeutig unser Devastations-Experte, sprich in Sachen "wüst gefallener" Orte. Dafür muß man sicher einen gewissen sensus haben, darf die Nachdenklichkeit nicht fürchten. Aber dann gibt es auch solche Momente, Motive, Ansichten und Bilder wie die von Janova Ves, einfach klasse eingefangen!

Ich habe dann nochmal im Buch "Zmizelé Sudety / Das verschwundene Sudetenland" nachgeblättert, dort sind zwei Luftaufnahmen von Cetviny aus den Jahren 1951 (bereits entvölkert, Fluren brach, aber Häuser noch vorhanden) und 1971 (bis auf Kirche und Grenzwacht alles weg) enthalten.
Ich muß meine Aussage von neulich wohl korrigieren, als ich Zettwing/Cetviny im Zusammenhang des Lokalbahnprojekts als "Einöde" bezeichnet habe. Habe mich sicher auch von jetzigen Karten täuschen lassen. Im Zusammenhang mit den umgebenden Wäldern, den kleineren Orten in denselben und den oberösterreichischen Ortschaften unmittelbar an der Maltsch hätte das Projekt als Regionalförderung wohl Sinn gemacht.

Darum ist es gut, sich von Zeit zu Zeit durch solche Beiträge zu devastierten Ortslagen / Regionen daran erinnern zu lassen, daß manche Gebiete einst ganz anders ausgesehen haben.

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Eins noch: woher hast Du eigentlich das Wort "Čundern" und was bedeutet es genau? Habe ich in meinem Tschechisch-Wörterbuch nicht gefunden. Auch "Čundrak" nicht.


Freue mich auf weitere Berichte über Wanderungen und Wüstungen zu gegebener Zeit,
schönen Gruß,

Joachim


von Joachim Piephans - am 23.01.2009 16:12

auch ohne Eisenbahn sehr interessant!

Vielen Dank für diesen Beitrag!

Noch ein kleiner Link am Rande: [de.wikipedia.org]

Zitat daraus: "Nach der Samtenen Revolution wurde der Ort, in dem vordem nur Angehörige der Grenzpolizei stationiert waren, wieder zugänglich und 1991 seine Wiederbesiedlung geplant. Am 30. Mai 1999 stürzte der Kirchturm auf das Langhaus und zerstörte es. Inzwischen hat der aufgelassene Ort wieder einige Einwohner. Im Jahre 2006 war ein neu errichtetes Haus bewohnt und weitere drei befanden sich im Bau."

Viele Grüße

Tobias

von Schwandorfer - am 25.01.2009 00:27

Was ist nun 'cundr' ?

Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass sich der Sender schumlau selbst zu einer Erklärung aufrafft, aber so helfe ich mal nach:
Dazu gibt's sogar eine Internetseite:
[www.cundr.cz]
Und eine Erklärung in der tschechischen Wikipedia:
[cs.wikipedia.org]
Kleine Teilübersetzung daraus:
Entsprechend pflegt der Begriff tramping auch als vandr oder vandrování (was man mühelos als das deutsche Wort "Wandern" erkennt) bezeichnet zu werden, was eine Bedeutungsverschiebung von der ursprünglichen heute bereits veralteten Bedeutung dieses Wortes ist; weiterhin pflegt er auch mit dem Slang-Ausdruck čundr resp. „čundrák“ (Wanderer) bezeichnet zu werden, vom ursprünglich deutschen "tschundern" - sich herumtreiben. Der Begriff „čundrák“ pflegte ursprünglich eine recht abschätzige Bedeutung zu sein, später verlor er seine herab würdigende Bedeutung und bürgerte sich bei den Leuten ein.
In welchem Dialekt der Begriff "tschundern" üblich ist, ist mir allerdings nicht klar. Ist das nicht zufällig was bayerisches? :)


von wxdf - am 25.01.2009 08:18

Re: Was ist nun 'cundr'

[zinnwald.de]

Kleines Mundart - ABC zum “Alt-Zinnwalder-Dialekt”

Vorwort:

In Erinnerung an Max Tandler, dem Dichter des Erzgebirges und Mundartdichter aus Zinnwald. ...

Das folgende kleine Wörterbuch bezieht sich auf die östliche Erzgebirgsmundart,
die ursprünglich in den Erzgebirgs-Kammdörfern zwischen Peterswald, Zinnwald und Katharinaberg gesprochen wurde.

Wir sprechen hier also nur sporadisch von einem “reinen” Alt-Zinnwalder-Dialekt,
da diese Mundart nicht nur in Zinnwald gesprochen wurde, bzw. auch heute noch gesprochen wird.

Viel Spaß beim “Ziewalderisch” und Glückauf!


Interessant auch:


[www.ostarrichi.org]



von awp - am 25.01.2009 09:02

'cundr' - nun wissen wir's

Danke, beide Beiträge klären die Frage. Also wandern.
"Tschundern" habe ich im Süddeutschen noch nie gehört. Interssant aber, daß in der Grazer Region "tschindern" auftaucht, jedoch mit erheblicher Bedeutungsverschiebung; denn rasen sollte man beim Wandern eigentlich nicht.
Auch "schlittern" hat sich da wohl verschoben, sodaß wir es beim von schumlau reklamierten tschechischen Lehnwort mit einer ziemlichen Neubildung zu tun haben.

Lautmalerisch allerdings gefällt es mir, vor allem als Hauptwort. Hat was, und ist nicht so bieder wie unser "Wanderer".

Joachim

von Joachim Piephans - am 25.01.2009 09:46

Re: 'cundr' - nun wissen wir's

Zitat
Joachim Piephans
Danke, beide Beiträge klären die Frage. Also wandern.
"Tschundern" habe ich im Süddeutschen noch nie gehört. Interssant aber, daß in der Grazer Region "tschindern" auftaucht, jedoch mit erheblicher Bedeutungsverschiebung; denn rasen sollte man beim Wandern eigentlich nicht.
Auch "schlittern" hat sich da wohl verschoben, sodaß wir es beim von schumlau reklamierten tschechischen Lehnwort mit einer ziemlichen Neubildung zu tun haben.

Lautmalerisch allerdings gefällt es mir, vor allem als Hauptwort. Hat was, und ist nicht so bieder wie unser "Wanderer".

Joachim

Die von awp genannte Seite enthält auch den Ausdruck "tschundern", was demnach ugs. in Teilen Österreichs soviel wie "schnell und wild fahren" oder eben "wandern" bzw. "beim Gehen die Füße nicht heben" heißt.

[www.ostarrichi.org]

Gruß André

.

von AAW - am 25.01.2009 16:41

nochmals: 'cundr'

Trotzdem: "beim Gehen die Füße nicht heben" (bei uns sagt man "schlorfen" dazu) paßt ebensowenig zum steten Gehen (was Wandern ja meint) wie "schnell und wild fahren" - es hat eine erhebliche Bedeutungsverschiebung stattgefunden, wenn es sich um eine aus deutsche Dialekten entlehnte tschechische Neubildung bzw. Übernahme handelt.

von Joachim Piephans - am 25.01.2009 17:13

noch ein Lehnwort

¦laftrunk - nach Geheimrezeptur des Dr. Kittel aus dem Isergebirge. Habe mir ein Fläschchen mitgebracht – und wird vor dem nächsten Diaabend verabreicht :joke:

www.kitl.de

von awp - am 25.01.2009 17:53
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