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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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brejlovec750, img893, Joachim Piephans, Dirk SaDiablo, ChristianMUC

Brněnský drak – Brünner Drachen (Teil 2)

Startbeitrag von brejlovec750 am 29.08.2013 13:24



19. Juni 2013

Das Gewitter zeigte am Vorabend keine durchschlagende Wirkung, denn es fiel bereits sang- und klanglos in sich zusammen, als ich mich noch einmal durch die tolle Speisekarte des K1 in Židenice futterte. Noch in der vorherigen Nacht war die Bettdecke gegen drei Uhr geboten, jetzt aber zeigte das Thermometer bereits kurz nach sechs Werte jenseits der 20°C an. Bäh! Etwas später als an den Vortagen stürze ich mich nach dem Zusammenpacken meiner Siebensachen ins Großstadtgewühl. Heute ist Umzugstag, schon in der furchtbaren Hitze von Řečkovice ließ ich über einen kleinen, aber nützlichen Umweg Pan David vom „Eska-Mnichov“-Führerstand aus mein neues Quartier in Břeclav buchen. „Getürkte“ Anrufe in tschechischer Sprache haben sich in der Vergangenheit insofern als großer Vorteil erwiesen, als das selbst „ausgebuchte“ Herbergen doch noch ganz plötzlich das eine oder andere Zimmer im Haus entdecken. Überhaupt ist verbale Kommunikation häufig die einzige Möglichkeit, Unterkunftsbetriebe trotz vorheriger „E-Mail-Flut“ zu kontaktieren. Vitamin B schadet bekanntermaßen nur dem, der keines hat.

Meine ursprünglichen Pläne, bereits heute zwischen Břeclav und Znojmo aktiv zu werden, ließ ich spätestens am Vortag fallen. Schließlich möchte ich wenigstens noch einen Blick ins Svitava-Tal werfen. Im Nachhinein eine goldrichtige Entscheidung, sollen doch dort bereits im kommenden Jahr einige „RegioPanter“ die Leistungen von der Reihe 560 übernehmen. Viele Fotostellen konnte ich beim Blick aus dem Speiswagen trotz landschaftlicher Reize nicht ausmachen, aber an eine theoretische Möglichkeit im nahen Bílovice nad Svitavou kann ich mich dann doch erinnern. Der Straßenatlas varrät, daß man dort optimal am späten Vormittag aufschlägt. Also zunächst wieder dem Betrieb der Brünner Straßenbahn gewidmet. Die Linie 5 mit „Steckschildern“ hatte ich gestern, da soll es heute noch eine Steigerung geben: Die Linie 1 von Řečkovice (geografisch zwar identisch, aber bitte nicht zu verwechseln mit der grünen „SŽDC-Hölle“) nach Bystrc, Ečerova. Wie ich bereits erwähnte, treiben es die Brünner Verkehrsbetriebe ganz schön bunt, aber die stark nachgefragte Linie 1 toppt in Sachen Wageneinsatz wirklich alles. Faktisch gleicht kein Kurs dem anderen. Vielfalt ist Trumpf:



Zwischen 1978 und 1981 modernisierten die Brünner Verkehrsbetriebe insgesamt 47 Fahrzeuge des Typs T3 durch Einbau einer TV1-Steuerung (anstelle des Beschleunigers) zum neuen Typ T3M. Der älteste der damals ausgewählten Wagen ist der 1530 mit Baujahr 1967, den ich zusammen mit dem Wagen 1601 am Malinovského náměstí antreffe. Optisches Charakteristikum des Typs T3M ist der große Dachaufbau im hinteren Teil des Wagens. Zwischenzeitlich wurden beide Wagen abgestellt und ihre Nummern an werksneue VarioLFR.E übertragen.

Der Platz trägt den Namen des Marschalls Rodion Jakowlewitsch Malinowski, der während des Zweiten Weltkrieges maßgeblich an der Befreiung Brünns mitwirkte. Am rechten Bildrand ist ein kleiner Teil des 1882 eröffneten Deutschen Stadttheaters zu sehen, dessen heutiger Name an den tschechischen Dramatiker, Dichter, Journalist und Bibliothekar Jiří Mahen (bürgerlich: Antonín Vančura) erinnert, der mit Beginn der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei im Jahr 1939 den Freitod wählte.




Fußläufig nur wenige Minuten vom Malinovského náměstí entfernt, hieß der Moravské náměstí von 1946 bis 1990 „vervollkommnend“ náměstí Rudé armády (Platz der Roten Armee). Rot sind dort heute noch die Straßenbahnen, beispielsweise der K3R.N mit Nummer 1752 als eine der markantesten Brünner Straßenbahnspezialitäten. Es entstanden zwischen 2004 und 2006 insgesamt vier Fahrzeuge bei PARS Šumperk, wobei nur für die Wagen 1751 und 1752 Spenderwagen des Typs K2 herangezogen wurden.



In die Zange genommen: Waren die beiden Triebwagen 1551 (VarioLF.R) und 1569 (T3R.EV) noch am 17. Juni als Duett unterwegs, bildet man jetzt zusammen mit dem Beiwagen 1304 (VV60LF) – ebenfalls ein Produkt aus dem Haus Pragoimex – ein reichlich ungewöhnliches Sandwichgespann. Straßenbahn-Klassisch dagegen die durchfahrene Umgebung, befährt die Linie 1 die kerzengerade Kuřimská doch ganz herkömmlich im Straßenraum. An der Haltestelle Hucovska zweigt eine kurze Betriebsstrecke zur…



…Vozovna Medlánky ab. Da in der Kürze der Zeit an einen möglichen Eintritt auf das Gelände nicht zu denken ist, suche ich für den passend geparkten K2P 1024 einen außerterritorialen Fotostandpunkt. Der findet sich auf dem Dach eines Umspannhäuschens, und zwar so genial, daß der kaum sichtbare Lampenmastschatten auf der Fahrzeugfront der Perfektion keinen Abbruch tut.



Ab der Haltestelle Semilasso wird die Linie 1 von der im Tagesverkehr ebenfalls im Fünfminutentakt verkehrenden Linie 6 von bzw. nach Královo Pole, nádraží unterstützt. Entsprechend dicht ist an der Haltestelle Jungmannova die Wagenfolge, was dem regen städtischen Leben aber durchaus gerecht wird. Mit der letzten Liniennetzreform hielten auf der Linie 6 verstärkt 30-Meterzüge Einzug, wobei auch einige KT8D5R.N2 (hier 1719) zum Einsatz gelangen.

Damit endet mein eigentlicher Aufenthalt in Brno. In Bílovice entsteige ich eine Stunde später an einem im Außenbogen befindlichen Bahnsteig einen 560er, daß das Zugpersonal so seine liebe Mühe und Not hat, den Zug einigermaßen ordnungsgemäß abzufertigen. Den drei Tage zuvor erspähten Standpunkt entdecke ich nach einem kurzen Spaziergang wieder, nur eine entsprechende Aufstiegsmöglichkeit erschließt sich mir erst einmal nicht. Zudem bemerke ich beim Observieren des Sonnenstands, daß es der Atlas nicht so genau nimmt und ich mich im Grunde eine Stunde zu spät vom Straßenbahngeschehen losgerissen habe. Nach einigem Umherirren um den potentiellen Hügel – ohne Ergebnis – stehe ich wieder am Ausgangspunkt meiner Erkundungen. Und einem schmalen, zielstrebig empor führenden Trampelpfad, der sich mir noch eine halbe Stunde zuvor wie ein bloßer Grundstückszugang gebar. Der Rest ist schnell erzählt, die Stelle hält, was sie beim Anblick aus dem Zug heraus versprach. Ganze Schnellzüge bringt man nicht unter, bei weitem nicht, aber die im Foto zu integrierenden Gebäude sind schon Hingucker. Ein erster sofort durchfahrender Schnellzug mit einer nicht „trapezierten“ 362 hat sogar noch einen Hauch von Seitenlicht, was aber leider binnen weniger Minuten vollkommen verloren geht. Bemerkenswert finde ich weiterhin einen mit 242 bespannten Nahverkehrszug, wo doch nach meiner Recherche (und meinem Bauchgefühl) die 560er allenfalls im Berufsverkehr durch lokbespannte Garnituren und anderes „Gedöns“ Unterstützung erfahren. Mir fiel die Diskrepanz zwischen Umläufen und Realität bereits beim Besuch in Maloměřice auf, nur daß man da noch regelrecht im Luxus schwelgte und auf eine 363 als Zugpferd setzte. Sollten die urigen 560er demzufolge schon jetzt schlapp machen, wo sie doch selbst bei baldiger Lieferung der „RegioPanter“ noch benötigt werden?



Gerade noch rechtzeitig habe ich im Schweiße badend meinen erhöhten Fotostandpunkt erreicht, als schon 362 124 mit dem „hauptstadtverbindenden“ Schnellzug R 867 „Slavkov“ durchs Motiv rauscht. Bildbestimmend sind auch die umfänglichen Gebäude der örtlichen Mühle. Am unteren Bildrand wartet am Flußufer ein gemütliches Hostinec auf Gäste – so denn geöffnet ist.

Das Lichtmalheur macht mich trotz passendem Zugverkehr nicht gerade wohlgelaunt, weshalb ich nun die Talseite wechsle und doch tatsächlich nahe der hundertjährigen Kirche des hl. Kyrill und Method zwischen zwei Grundstücken einen schmucken Blick auf die Streckengleise erhaschen kann, wo die Züge über den Dächern der Stadt hinwegzuschweben scheinen. Mehr als die Lok und die ersten beiden Wagen wird man auch hier nicht sehen, aber die Gesamtkomposition ist stimmig und deshalb als Motiv zugelassen. Da sich das Gleis in einem langen Bogen durch den Ort schwingt, ist hier – kurz vor dem Haltepunkt – das Licht noch nicht herum. Zeit kann man aber in Mähren locker überbrücken, eine Einkehrmöglichkeit mit Starobrno-Ausschank findet sich auf ganz kurzer Distanz. Im Schatten der Sonnenschirme läßt sich diese eine Stunde meiner Sonnenstand-Kalkulation gut überbrücken und neben der Observation jeglichen Zugverkehrs (und seiner Nutzer…) auch die durch den Triebfahrzeugredakteur der „Drehscheibe“ erst Tage zuvor persönlich überreichte aktuelle Ausgabe restlos auswerten. Heiko, solltest Du hier mitlesen, Prost und Dank für Eure Arbeit!



So richtig ausreizen mögen die Tschechischen Bahnen die Mehrsystemfähigkeiten ihres neuen Zugpferdes nicht, denn die Reihe 380 ist derzeit im Svitava-Tal nur ein seltener Gast. Zu den wenigen Gelegenheiten, sie beispielsweise in Bílovice nad Svitavou anzutreffen, gehört die Leistung vor dem Ex 571 „Zdeněk Fibich“, der Prag mit Břeclav verbindet. Schon in Bälde wird der Lokführer von 380 015 zusammen mit seinen Reisenden einen längeren, unfreiwilligen Aufenthalt gewinnen…

Die Sonne brennt an diesem Tag besonders erbarmungslos von einem fast wolkenfreien Himmelszelt und wiegleich sich die thermisch bedingten Schreckensmeldungen vom heimischen Schienennetz auf meinem Mobiltelefon anhäufen, so gelassen geht es – von vernachlässigbaren Verspätungsfällen mal abgesehen – zu meinen Füßen zu. Doch ganz reibungslos werde ich Brno hl.n. nicht wiedersehen. Nachdem ich meinen Fotothron verlassen habe, trudelt sogleich einer der viertelstündigen „Osobny“ ein. Wieder ist es eine 242 nebst Klassen (arghh, glühend heiße Bdmtee), als wären jetzt endgültig sämtliche „oběhy“ außer Vollzug gesetzt. Eigentlich wollte ich mich gerade über das AWT-Brillenpaar ärgern, welches Minuten zuvor mit Kesselwagen nordwärts strebend unterwegs war. Nicht sinnvoll fotografierbar, doch man darf auch einfach mal so verschnupft sein?! Doch die Relevanz dieses Ereignisses fällt schnell zurück, da unsere südgewande Reise nach nur wenigen Fahrtmetern an einem Blocksignal vorübergehend endet. Was in der kommenden halben Stunde folgt, läßt sich mit Stillstand umschreiben, der gelegentlich von einem vorsichtigen Herantasten ans nächste Hindernis abgelöst wird. Daß wir nicht immer an einem Signal zum Stehen kommen, läßt die Vermutung zu, daß sich der Zug permissiv fortbewegt. Bis dato informationslos endet unsere Reise inmitten der Gleise des Güterbahnhofs Maloměřice. Nebenan parkt der zuletzt fotografierte Ex 571, dessen Zuglok sich als 380 015 vorstellt. So gewinne ich der Situation etwas erstes Positives ab, denn ich kann neben der etwaigen Eruierung der Störungsquelle sogleich zwei Pünktchen im Notizbuch in die Wüste schicken. Ich rechne mir mal meine Möglichkeiten durch: Erstens steht genau unserem Glutnest der verlockende Speisewagen mit Klimaanlage und Zapfhahn gegenüber und zweitens sind bis zur vorgestern besuchten Fußgängerbrücke allenfalls zweihundert Meter zu überbrücken. In D-Land mit seinen personalbefreiten Gleiswüsten – wären wir überhaupt je so weit gekommen – hätte ich zumindest letztere Variante auch ganz aktiv durchgespielt. Hier aber springen nicht etwa hilflose Passagiere durch den Schotter, sondern sogleich besorgte Rangierer mit Funkgeräten um die beiden gestrandeten Wagenschlangen. Geben den Lokführern kurze Einweisungen in geplante Rangierbewegungen, und schwuppdiwupp setzt sich der Ex rückwärts wieder in Bewegung, um einen gefühlten Wimpernschlag später – auf das offenbar nicht gestörte Havlíčkůvbroder (ich wollte das wenigstens einmal niederschreiben…) Streckengleis bugsiert – wieder Fahrt aufzunehmen. Mit unserem Personenzug wiederholt sich das scheinbar so unkomplizierte Spiel und nach einem weiteren kurzen Halt an einem Hilfsbahnsteig zum Absetzen des hilfsbereiten Rangierpersonals trudelt der Zug erst in Židenice und sogleich auch im Hlavní nádraží ein. Ich muß allen Beteiligten meinen Respekt zollen, denn in der Gesamtsumme haben wir allenfalls dreißig, vierzig Minuten zugesetzt. Vielleicht bin ich schon von Berufswegen traumatisiert, aber dem weltgrößten Mobilitätsdienstleister und ganz besonders dessen heimischer Netzsparte traue ich die Bewältigung derartiger Situationen längst nicht mehr zu. Und was nützt pausenloses Gequassel („…unbedingt die Reisenden informieren!“), wenn sich real doch kein Rad mehr drehen kann, wenn nach unersättlichem Personalabbau und ebensolcher Netzdezimierung vorgegebene Hilflosigkeit den Ton angibt. Da bevorzuge ich den tschechischen Weg. Einerseits möchte ich solche Situationen nicht tagtäglich erleben, andererseits habe ich bei SŽDC und ČD das Gefühl und die Gewissheit, daß man fast immer auch eine Lösung für das Problem parat hat.



Variabel, wie man den Betrieb auf großen Bahnhöfen gern abwickelt, läßt SŽDC den dank seines Stammzugpferdes 754 012 (namens Albert) „berühmt“ gewordenen Os 4149 nach Kyjov heute von einem der hinteren Bahnsteiggleise abfahren. Schiebend geht es dabei stets erst einmal nach Brno-Židenice, im Vordergrund die baldige Großbaustelle, welche für umfangreiche Umleitungen rund um die mährische Kapitale sorgen sollte.

Da es jetzt auch nicht mehr auf die letzte Sekunde ankommt (Urlaub!), strebe ich vor meiner geplanten Weiterfahrt in die Bahnhofswirtschaft und lasse mir Flüssigkeiten für Körper und Geist kommen. Einen Plan habe ich noch für den heutigen Tag, nämlich zwei oder drei Streckenaufnahmen auf der in der Vergangenheit recht oft von mir befahrenen Magistrale nach Břeclav. Die Richtung stimmt, doch eine innere Stimme meint doch tatsächlich, den „tonnenschweren“ Rucksack angesichts der Hitze und eventueller Laufstrecken entlang der Fotostrecke im Schließfach zu belassen, auch wenn ich so nochmals nach Brno zurückkehren muß. Klingt doch selten dämlich, und beinahe hat mich diese im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbare Entscheidung mein Quartier gekostet. Ohne Bagage nehme ich in der nächsten Lok-Wagen-Eska Platz und an der Einfädelung der im Vorfeld der umfangreichen Bauarbeiten in Brno hl.n. komplett erneuerten Strecke aus Richtung Brno dolní nádraží wartet zur Freude nichts Geringeres als die bei IDS Cargo untergekommene ehemalige Prager 749 181 samt Kesselwagenzug auf ihre Weiterfahrt. Da nun ein haltepunktnaher Fotostandpunkt ausgemachte Sache ist, fällt meine spontane Wahl auf Zabřice, wo eine wenig befahrene Straßenbrücke die Streckengleise unmittelbar vor dem Bahnsteig überspannt. Ein besonders mildes Licht (ganz dünne Wolkenschleier als Ergebnis aufsteigenden Wasserdampfs aus dem nahen Stausee „Neue Mühlen“) egalisiert den für Südfahrer nicht mehr perfekten Sonnenstand. Gut so, denn beinahe alle interessanten Züge fahren in der kommenden Stunde in Richtung Břeclav! Sogar ČD Cargo mischt aus Versehen mit und schickt eher alibimäßig einen kurzen Güterzug, welcher vom baldig fünfzigjährigen Urgestein 230 006 gezogen wird. Wirkt die Gegend um den Haltepunkt ein wenig abweisend, bin ich doch sehr erstaunt, in einer der Hütten hinter dem Bahnsteig doch tatsächlich einen Softeisstand vorzufinden. Die Versorgung in diesem Land ist Spitze! Verwöhnt vom bisher dichten Personenzugtakt mache ich mir um meine Rückfahrt nach Brno so lang keine Gedanken, bis ich nach zufriedenstellender Fotoausbeute einen prüfenden Blick ins Kursbuch werfe und feststellen muß, daß das Angebot bereits nach 19 Uhr auf einen glatten Stundentakt deutlich ausgedünnt wird. Im Gegensatz zum plötzlich einschlafenden Schienenstrang bricht bei mir „Hektik“ aus, denn die zwei Kilometer zurück nach Zabřice sind nunmehr in exakt 20 Minuten zu bewältigen!



Kaum stehe ich auf der Brücke, ist auch schon die 749 181 von IDS Cargo am Horizont auszumachen. Vor wenigen Minuten hat der Zug die Gebäude der Zuckerfabrik Hrušovany u Brna passiert, welche in der heutigen Form erst 1916 nach vorheriger Vernichtung der historischen Gebäude aus dem Jahr 1881 entstanden.



Schmierfinken allerorten! Die Reisenden des kunterbunten EC 274 „Jaroslav Hašek“ Budapest – Prag werden allerdings vom ZSSK-Rennpferd 350 012 blitzschnell in Richtung Brno gezogen, so daß sie derartigen Frevel kaum wahrnehmen dürften. Die „schwejksche“ Eisdiele zu Zabřice indes erwartet den überraschten Fotografen in einer der Hütten am linken Bildrand.



Durch laufende Abstellungen und Neulackierungen nimmt die Zahl der Farbtupfer im 242-Bestand laufend ab. Schön, deshalb kurz vor Toresschluß noch die 242 284 mit einer stilreinen Garnitur auf der Fahrt als Os 4913 Žďár nad Sázavou – Vranovice vor Erreichen des Zugendbahnhofs anzutreffen. Im Bildhintergrund erkennt man Teile der Zuckerfabrik Hrušovany u Brna und die Ortschaft Zabřice.

Ein Verpassen des Personenzugs bedeutet – angesichts der unkalkulierbaren Verspätungen der EC aus Deutschland aufgrund Hochwasserschäden – durchaus ein Eintreffen im Hotel in Břeclav erst gegen 23 Uhr. Kein schöner Gedanke, zumal das Zimmer nur bis etwa 21.30 Uhr zugesagt ist. Vollkommen reibungslos besteige ich mit dem Tagesrandschnellzug 817 nach Hodonín eine der letzten noch nicht mit Steuerwagen ausgestatteten Garnituren auf dieser Linie und lasse mir im gemütlichen B-Single-Abteil den warmen Fahrtwind durchs Gesicht wehen. So könnte der Tag doch schön ausklingen, wenn da nicht das mückenverseuchte Břeclav wäre. Ein gieriges Dutzend der stechfreudigen Biester wirft sich bereits am Bahnhofsvorplatz auf mich und dann empfängt einem überdies ein total aufgeheiztes Hotelzimmer mit Fenster – ausgerechnet hinüber zum vermuteten Mückenaufzuchtsbecken namens „Dyje“. Zwei kühle Gambrinus und ein torkelnder Zimmerpropeller bringen keine Abkühlung – ich öffne schließlich todesmutig gegen zwei Uhr das Fenster. Um es nach Anflug und Landung eines fies surrenden Stechgeschwaders schon zwei Minuten später wieder ganz fest zu verschließen… Was habe ich nur getan? Ich habe eine angenehm mückenarme Umgebung in Brno gegen so etwas wie die Stechhölle getauscht. Ich schwimme im eigenen Schweiß. Und davon noch eine Nacht, mir graut.

20. Juni 2013

Ich bin ganz froh, als erstes Tageslicht seinen Weg durchs Zimmerfenster findet und stehe beinahe freiwillig kurz nach fünf auf. Ich habe so etwas wie eine Idee, deren Mittelpunkt die Einnahme des im Zimmerpreis inkludierten Hotelfrühstücks sein soll. Zunächst aber lasse ich mich in einem im Inneren behutsam rekonstruierten 842 ins Weinstädtchen Mikulov na Moravě befördern, um dort den entgegenkommenden Zug, der laut Plan von einer 714 gezogen werden soll, zu fotografieren. Das Angebot, um kurz vor sechs im Bahnhofsladen bereits Kaffee und Gebäck zu erwerben, nehme ich dankend an. Leicht irritierend und doch erfreulich der zur frühen Stunde schon mit vielen gut gelaunten Ausflüglern ( Fahrräder!) und müde dreinblickenden Arbeitern besetzte Zug. Bei meist zügiger Fahrt peitschen mehrfach lichtraumtorpedierende Sträucher gegen den frischen Lack des Triebwagens. Leider ist die Strecke 246 genau so furchtbar zugewachsen, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Auswahl der möglichen Motive für den „Entgegenkommer“ schmilzt entsprechend der in der aufgehenden Sonne schnell ansteigenden Temperaturen. Nach (in Nachbetrachtung) leichtfertigem Ausschlagen des Hp Valtice město bleibt meine Aufmerksamkeit schließlich an einer mechanischen Schrankenanlage am Ostkopf des Bahnhofs Mikulov hängen. Im Grunde geht aber in der folgenden Stunde fast alles schief, die 714 entpuppt sich als weiterer 842, ein motorisierter Murphy muß mühsam und unter seinem ungläubigem Kopfschütteln vom Schrankenbaum entfernt werden und – na klar doch – der nächste Zug nach Osten bringt mich nicht nur zurück nach Břeclav, nein, ich blicke auch auf die Lüfterklappen einer 714. Damit die Feststellung: TS 710 ist ein nutzloses Stück Papier. Znojmo ist weit, Břeclav ist weit, weit weg von den regelnden Schalthebeln der Prager Zentrale. Mal ganz ehrlich, diese seltsame Unterteilung in die Verkehrstage Montag oder Dienstag bis Donnerstag usw. kam mir schon immer spanisch vor. Um mal der Tageszusammenfassung (ein Mitglied der Polenfraktion bezeichnet es in seinen Reiseberichten auch als Verbraucherhinweis) zuvor kommen zu wollen, ist von einer schnörkellosen Einteilung der 714 vor festgelegten Zügen stets von Montag bis Freitag auszugehen.



Zu diesem Foto fällt mir spontan der bekannte Refrain eines Liedes von Jürgen von der Lippe ein: „Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Habt ihr auch so gut geschlafen? Na, dann ist ja alles klar.“ Übernächtigt können mich die Abwesenheit der erwarteten 714, die Stellung eines 842 und mürrische Automobilisten auch nicht mehr erschüttern. Nach diesem Fehlstart in Mikulov sollte sich schließlich doch noch ein schöner Tag entwickeln.

Nach einem eher enttäuschenden und beinahe restlos geplünderten Büffettisch im Hotelrestaurant schreite ich nach neun zum zweiten Anlauf meiner Mission „Lego im Weinland“. Jetzt sind 842 und Bdtx/Btx-Anhang sogar noch besser gefüllt, also über mangelnde Nachfrage können sich die ČD hier nicht beklagen! Motivgucken ist jetzt die Maxime. Doch wo nichts ist… Wobei ich wenigstens den vor vielen Jahren entdeckten und vorgenommenen Stadtblick als jenen von Valtice entlarve und ihn als abschließenden Tageshöhepunkt geografisch exakt eruieren kann. Am Hp Dobré Pole lasse ich mich von seinem idyllischen Ortsnamen täuschen und entsteige nach einem ersten Zögern dem Zug im nachfolgenden Bahnhof Novosedly, wo selbst nach über 20 Jahren des Entfernens noch immer der Abdruck des roten Leuchtsterns am Empfangsgebäude sehr gut sichtbar ist. So nah an der Grenze zum Klassenfeind waren diese von Freundesland übergestülpten Symbole von elementarer Bedeutung zur (Bewußts)ein(s)bildung der ländlichen Bevölkerung. Jedenfalls feiert man schon bald ein Vierteljahrhundert „Keine neue Farbe“, meinen Glückwunsch! Ich trotte nach Ausfahrt einer kreuzenden Gleisbaumaschine zurück in Richtung des „guten Feldes“, immer den dichten Buschreihen links und rechts des Schienenbandes folgend. Unterwegs begegne ich lediglich einem ausrangierten, unscheinbaren Hochspannungsmast, der heute aber noch große Bedeutung erlangen soll. Am Haltepunkt angelangt, frage ich mich, was ich aus dem Zugfenster eigentlich gesehen haben könnte?! Ländliche Häuser? Nein. Vielleicht der Haltepunkt selber? Ebenso wenig. Ich bin mitten in der südmährischen Pampa einer Fata Morgana aufgesessen. Da ist nichts. Nur der Mast, gute fünf Gehminuten entfernt. Ich werde ihn an diesem Tag zweimal erklimmen, um dieser nichtssagenden Umgebung durch Höhengewinn ein klein wenig Gestaltung zu verpassen.



Dobré Pole. Wo ist das Motiv? Karel Fleks ist mit seiner schnittigen Tätigkeit im Rückstand und hat einen Mast übriggelassen, der hilft, topfebene Umgebung und Streckenbewuchs zu überwinden. Es ist bereits Nachmittag, als der Kirchturm und einige höhere Gebäude des ehemaligen Guttenfeld als Beiwerk für 714 226 und Os 4518 dienen.

Mit laut schrillender Hochlichtglocke lande ich im immer wieder gern besuchten Freilichtmuseum, welches im Kursbuch unter Hrušovany nad Jevišovkou auffindbar ist. Zwei Dinge haben sich im Gegensatz zu früheren Aufenthalten verändert: Die Dächer der herrlichen Dienstgebäude sind neu eingedeckt und der betriebliche Belang ist nach massiver Ausdünnung (Ri. Moravské Branice) oder gar Streichung der Fahrpläne (Ri. Hevlín) beinahe futsch. Und so kommt es. Der kreuzende 842 verschwindet im Bogen gen Břeclav und im gesamten Terrain bricht sofort eine eigenartige Todesruhe aus, wie man sie auch zuhauf auf polnischen Knotenbahnhöfen finden kann. Ein Unterschied besteht aber doch, nämlich an der belebten Bahnsteigkneipe, wo gerade einige neue Fässer des beliebten Gerstensaftes angeliefert werden. Sogleich die Öffnungszeiten observiert und festgestellt, daß der Wirt erst in einer Stunde gestört werden möchte. Ein Fehler ist, nicht gleich nach einem Bierchen zu fragen. Fatal sogar, denn zur angeschriebenen Zeit bleibt die Tür diskussionslos verschlossen. Der Zapfhahn unerreichbar, sein Besitzer klammheimlich entflogen. So bietet sich der mittels Durchzug angenehm klimatisierte Warteraum mit seinen Sitzbänken als vorübergehende Ruhestätte an. Bemerkenswert die großzügig geöffnete Fahrkartenausgabe, wo doch der namensgebende Ort und damit die eventuelle Klientel eine kleine Ewigkeit vom Eisenbahnbetrieb entfernt ist. Da wurden in der Republik zuletzt schon ganz andere Fahrkartenausgaben aufgelöst. Der Versuch, dort für ein wenig Umsatz zu sorgen, scheitert an dieser seltsamen Dauerabwesenheit aller für mich nützlichen Personen auf diesem Bahnhof. Ach, was hätte es mir eine Freude gemacht, für die paar Kilometer nach Jevišovka in boshafter (Lehr-)Absicht meinen FIP-Ausweis zu zücken. Aber wie beschrieben – niemand da. Nicht jetzt, nicht in fünf, zehn oder fünfzehn Minuten. Es mündet in einer Schwarzfahrt.

Hrušovany nad Jevišovkou – was war, was ist, was nie wieder kommt



Von der einst so wichtigen Nordwestbahn als kürzester Verbindung von Wien und Berlin sind nach 140 Jahren ihres Bestehens besonders im Südmährischen nur noch dünne Gerippe übriggeblieben, die allenfalls lokalen Bedürfnissen diesen. Auch links und rechts dieser einstigen Hauptbahn scheint der Niedergang der Eisenbahn kaum noch aufzuhalten sein, wie es der Gleisbelegungsanzeiger im Nachbarfenster verlautbart. Von Hevlín keine Spur mehr, von Zügen nach Laa mal ganz zu schweigen. Selbst nach Brno sind in den kommenden Stunden keine Zugabfahrten zu erwarten, zudem auf einem Großteil der Strecke baubedingt der Karosa regiert.



Zum ausschließlichen Wundenlecken bin ich nicht gekommen. Die Sonne steht faktisch im Zenit, als sich beide „Plantage“ (welcher Plan?) einmalig zu einem Gruppenfoto vor stattlichem Hintergrund vereinen. Als Akteure treten mit 714 230 (Os 4512) und 714 226 (Os 4515) zwei Maschinen auf, welche die ČD erst zwischen 2004 und 2006 aus der ČKD-Konkursmasse erwarben.



Der Netzdienstleister SŽDC hält im Nebenbau noch immer die (Büro-)Stellung. In diesen Tagen nicht uninteressant, kann man mit dieser kuriosen Vorrichtung die Schienentemperatur messen.



Was war, was ist, was nie wieder kommt: Während eine geöffnete Fahrkartenausgabe die Flagge der Eisenbahn hochhält und in der Realität doch nur diesen Schein erweckt, kann man am Nebenschalter sicher schon seit einer gefühlten Ewigkeit kein Gepäck mehr aufgeben. Alles in diesem Raum wirkt wie einbalsamiert, beinahe nicht mehr real. Fern ist er nicht mehr, der Tag, an dem der allerletzte Schalterist den Warteraumschlüssel zur finalen Drehung ansetzt. Die voll funktionstüchtige Personenwaage aus dem südmagyarischen Biberwiesenmarktplatz (Hódmezővásárhely) sollte man aber vor dem Schneidbrenner retten.

Gerade habe ich eine halbwegs bequeme Liegeposition erreicht, als mein noch gar nicht richtig begonnenes Nickerchen schon von einem langsamer werdenden Rollgeräusch unterbrochen wird. Der Gedanke an (Halb-)Schlaf ist fix hinweggefegt, der verschwundene Schankkellner kann mir jetzt auch mal gestohlen bleiben, denn zwei blaue 742 der ČD Cargo sind mit einer museal anmutenden Wagenleine zum Stehen gekommen. Kreuzung – und für mich noch viel wichtiger – Überholung durch die folgenden Personenzüge! Ich habe da wieder eine Idee, ja, und diesmal geht der Plan auch auf! Während der Hinfahrt hatte ich nämlich am vorliegenden Hp Jevišovka eine ganz und gar landesuntypische Fotostelle gesehen, die mehr Platz ließ als nur für eine Lok- und Wagenlänge. Jetzt bekommt dieser Tag ein Gesicht, eine angenehme Note. Die 714 ist im Kasten, ein ansehnlicher Güterzug, auch im Kasten. Schnell ist mit Hinblick auf den unbedingt einzufahrenden Stadtblick Valtice die restliche Zeit an der Strecke verplant. Auf dem dazugehörigen Feldherrenhügel angelangt, werde ich der kaum zu bändigenden Murphy-Gefahr gewahr. Ohohoh, das geht schief, denn die dicht befahrene Straße zieht sich doch glatt dreimal durch den gesamten Bildausschnitt. Es reicht ein einziger weißer LKW, ein knallgelber Lieferwagen (oder was sich M. so aneignet) zur Zerstörung des Gesamteindrucks. Doch irgendwas muß ich richtig gemacht haben, denn das in den buntesten Farben ausgemalte Horrorszenario bleibt schlicht und ergreifend aus! Nur ein unscheinbarer LKW wartet am BÜ und die 714 hat in Břeclav einen von zuvor noch drei Wagen eingebüßt. Beides fällt unter die Kategorie Künstlerpech.



Drei der einst weitverbreiteten Hadgs zieren seit einigen Monaten im Maßstab 1:120 die heimische Vitrine. Fast hatte ich die Hoffnung aufgegeben, diese zwischen 1974 und 1976 für den Transport von landwirtschaftlichen Gütern in Česká Lípa gebauten Wagen noch einmal in Natura im Einsatz zu erleben, gleich gar nicht in so reicher Anzahl. Enttäuschend begann er, dieser 20. Juni 2013. Doch spätestens in Jevišovka – am Ufer des gleichnamigen Flusses – war meine Welt wieder in Ordnung.



Der 120. Kilometer der Strecke Břeclav – Znojmo (von Wien?) befindet sich bei Jevišovka. Seine Markierung dient mir nicht nur als Fotoobjekt, sondern auch als behelfsweiser, erhöhter Standpunkt, um 842 033 und Brücke festzuhalten.



Finaler Höhepunkt der Reise, kurz vor dem späten Ende der Rapsblüte: Schloß und Pfarrkirche Valtice glänzen im schönsten Spätnachmittagslicht, als 714 230 das Kapitel der lokbespannten Garnituren zwischen Břeclav und Znojmo für diesen Tag beendet.

Nach diesem Erfolgserlebnis geht es mit mir durch. Ich werde noch einmal an die Hauptstrecke gen Brno zu fahren, um den gestrigen Abbruch beinahe jeglichen Zugverkehrs in Fahrtrichtung Norden näher zu untersuchen. Ganz war dort nämlich das Licht nicht aus, weil wir doch tatsächlich in Hrušovany (aber das „u Brna“) von einem langen Autozug überholt worden. Gesagt, getan, in Šakvice erst den Hustopeče-Pendler 809 057 am Empfangsgebäude verwurstet und dann auf der nahen Straßenbrücke Position beziehen. Da der Autotransportzug heute ausbleibt und auch sonst kein Güterzug diese Trasse belegen möchte, begebe ich mich faktisch ergebnislos zurück zum Bahnsteig und kann auf der Rückfahrt wenigstens noch einen der neuen Steuerwagen der ČD einer genaueren Überprüfung unterziehen. Große Überraschungen bietet er nicht: Die Laufruhe ist sehr lobenswert, eine übermotivierte Klimaanlage läßt beinahe Eiszapfen am Wagendach wachsen und Außentüren müssen heute scheinbar zwingend mit einem trommelfellerschütternden Gepiepe auf- und wieder zugehen.

Eigentlich wollte ich das Mückennest zu Břeclav weitgehend meiden und etwas außerhalb essen gehen. Da ich jedoch kein passendes Lokal ausmachen kann, finde ich mich doch auf halbem Fußweg zum Hotel in einem Lokal mit üppiger Speisekarte wieder. So erstaunlich gesittet sich die Biester vor und auch noch unmittelbar nach dem Essen geben (eine nach der anderen, gut beherrschbar), so brutal fallen sie plötzlich beim zweiten Blonden über alle Gäste auf dem Freisitz her. Es hilft nur noch die Flucht ins gut geheizte Hotelzimmer, wo ich mich durch eine abschließende Nacht quälen werde.

21. Juni 2013

Nein, Břeclav ist für einen Aufenthalt im Sommerhalbjahr zu streichen. Gestrichen auch das magere Frühstückangebot des Hotels, denn zwei Minuten nach der gestrigen Abfahrtszeit nach Mikulov entschwebe ich der Tschechischen Republik im noch leeren Oberdeck eines Wiesel-Doppelstockwagens der ÖBB gen Kernland. Leser mit einer Österreich-Allergie sollten jetzt das Lesestudium sofort einstellen, denn eine Rückkehr nach Mähren wird dieser Reisebericht nicht mehr zu bieten haben.

Im sich stetig füllenden Pendler-REX in die nahe Hauptstadt erreiche ich minutiös pünktlich den Knoten Gänserndorf, wo ich nunmehr zur (finalen?) „Aktion Weinviertel“ aufbreche. Der mit meiner Ausnahme faktisch nur mit (sich einigermaßen sittlich benehmenden) Schülern besetzte Regionalzug nach Groß Schweinbarth wartet wie gewohnt bahnsteiggleich und völlig überraschend ist auch der bordinterne Fahrkartenautomat in Funktion. Löblich muß ich mich zur separaten FIP-Funktion dieser Geräte äußern, wenngleich man im Verkehrsverbund bei weiterführender Nutzung – beispielsweise der Wiener Linien – unbedingt zuvor eine kleine Rechnung aufmachen sollte. Vor Matzen lacht mich für zukünftige Besuche nicht nur ein erster Hügel an, ich habe ab dem nahen Haltepunkt einen ganzen 5047 für mich allein. Ab Raggendorf wird sogar nur noch warme Luft befördert, denn ich verlasse das gemütliche Transportgefäß, da die Motivlichkeiten der folgenden Stunden sich von hier viel besser erreichen lassen. Das „große“ Schweinbarth werde ich heute nicht zu Gesicht bekommen, haben wir doch dieses Nest schon als dreimänniger AKAK (Arbeitskreis Abschiedskultur) an einem frostig kalten Dezemberfreitag anno 2010 unsicher gemacht. Nein, heute möchte ich jene vielversprechenden Hügel unmittelbar am Streckenreißverschluß der Schienenstränge aus Gänserndorf und Obersdorf in Angriff nehmen, deren Besteigung bislang an der vordergründigen Dokumentation des eingestellten Abschnitts Bad Pirawarth – Sulz-Nexing scheiterte. Gut Ding will Weile haben. Droben angekommen zunächst eine schattige Bleibe für den schweren Rucksack gefunden – und dann gestaunt. Und neu verliebt. In eine verschwiegene und für mich doch so anziehende Landschaft mit ihren welligen Kuppen (die Bezeichnung „Erdmeer“ trifft es gut), Sonnenblumenfeldern, Ölpumpen.



Bei Fahrt des 5047.016 von Obersdorf nach Groß Schweinbarth zeichnet sich schon am Horizont die riesige Sauerei auf der Fahrzeugseite ab, so daß für dieses Foto ein spitzer Winkel gewählt wird. In Raggendorf kann man schon am Freitag sehen, wer am Samstag aus Groß Schweinbarth zu Besuch kommt.

Eines jedoch ist seltsam an diesem Morgen. War der Horizont doch eben noch wolkenfrei, zeichnen sich schon im nächsten Moment erste Schattenspender ab. Und kurz nach einem ersten sonnigen Foto ist es soweit – ist stehe im Schatten. Vollschatten! Um mich herum nur noch eine kontrastlose Masse! Genau das, was ich im Weinviertel nicht brauchen kann. Ich beschließe, diese „Kalamität“ zunächst mal eine Stunde auszusitzen – und werde belohnt. Noch vor dem Eintrudeln des nächsten Taktknotens löst sich die flache Suppe ebenso schnell auf, wie sie sich bildete. Überlegte ich bis zu diesem Zeitpunkt, noch eine Nacht im Weinviertel zu verbringen, habe ich diese gottlob noch unschädliche meteorologische „Mahnung“ sehr wohl verstanden und beschließe, heute Nachmittag einen Schlußpunkt unter meine gut einwöchige Reise setzen.





Zickige Wolkenfelder bestimmen die (Licht)stimmung am späten Morgen, können aber nicht alle Aufnahmen verderben, wie diese kleine Fotogeschichte des 5047.024 beweist. Auf der oberen Aufnahme befährt er das Streckengleis der Stammersdorfer Lokalbahn, um als R 7213 die letzte Frühverbindung nach Bad Pirawarth herzustellen, bevor in den nächsten Stunden jeglicher Zugverkehr nördlich Groß Schweinbarth erstirbt. Eine gute halbe Stunde später befährt er zusammen mit dem 5047.041 als R 7215 das vordere Gleis, welches zum kläglichen Betriebsrest der Lokalbahn nach Mistelbach gehört und beide Triebwagen nach Gänserndorf bringen wird. Linkerhand sind einige Häuser von Raggendorf zu sehen, rechts hinter einem Hügel lugt gar der Lagerhausturm von Auersthal hervor. Dutzende Windräder begrenzen neuerdings die zuvor meist unendlichen Weiten.

Unter jetzt wieder wolkenfreiem Firmament setze ich zu einer längeren Streckenwanderung an, biege hier und dort zu ausgesuchten Fotostandpunkten ab. Als der graffitiverschmierte 5047.016 nach Stunden wieder auftaucht, mir ein schönes Foto in der Ortslage Raggendorf verdirbt, sehe ich unter schmerzfreiem Auslassen seiner Rückfahrt die Chance auf einen Gasthausbesuch. Die nahe Station heißt vielversprechend Raggendorf Markt, und ein Markt läßt auf ein wenig dörfliche Geschäftigkeit schließen! Vermutlich ist es so auch im Rest der Welt, nicht jedoch im Weinviertel. Denn hier ist absolut nichts dergleichen, kein Leben, keine Geschäfte, erst recht kein Gasthaus. Da ist sie wieder, diese Selbstgenügsamkeit, wie sie mich bereits einmal an einem heißen Sommersamstag im Jahr 2010 beinahe verdursten ließ, wie sie Joachim Piephans im LOK Report 3/2011 ab Seite 4 beschrieb. Meine Vorräte neigen sich dem Ende zu, das letzte Gebäck aus Břeclav verzehrt, der finale Tropfen Wasser in nicht mehr allzu großer Entfernung. Ich suche neuerlich, gebe erst Auersthal eine Chance, dann auch noch Pillichsdorf. Nichts, jedenfalls in näherer Bahnumgebung! Kein Tante-Emma-Laden, keine Tankstelle, vom Gasthausluxus habe ich ohnehin längst Abschied genommen. Da lernt man die Vollversorgung in böhmischen und mährischen Landen zu schätzen! Oder Polen mit seiner alle Zeitenwenden überstehenden Sklep-Kultur, traumhaft. Die finalen Stunden am Schienenstrang halten mich nur noch die herrlichen Motive bei der Stange. Unter anderen Umständen hätte ich mich längstens in einen der 5047er Triebwagen gesetzt, geflüchtet ins nahe Wien, Stadt von Welt mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten.



Vor Auersthal lassen sich die für das Weinviertel so charakteristischen Öl- und Gasförderpumpen endlich mit Weinstöcken bildlich vereinen. Wenngleich meilenweit an der Realität vorbeigehend, stehen die ÖBB mit ihrem leicht antiquierten 5047.032 hier im Mittelpunkt.



Den mit Sicherheit schönsten Blick auf Raggendorf mit mittelalterlicher Kirche (barocker Umbau um 1733) und vierflügeligem Renaissanceschloß genießt man am Nachmittag und Abend von einem Feldweg zur anderen Seite der Bahnstrecke. Der auf dieser Seite nicht beschmierte 5047.016 ergänzt die Szene vorteilhaft.



Mager die Resonanz an Reisenden, schließlich verkehrt die „Stammersdorferin“ in der HVZ sogar im Halbstundentakt mit perfektem Schnellbahnanschluß! Doch keine Regel ohne Ausnahme, denn ein echter Fahrgast im Bedarfshaltepunkt Pillichsdorf läßt die beiden gewünschten Einstellungen des Fotografen mit nur einer Zugfahrt erledigen. Nur selten gelingt es zudem, ein hundertjähriges Postkartenmotiv ohne jeden Krampf in der Jetztzeit nachzustellen. Eine in den Spielplatz integrierte Wasserpumpe (für ein Wasserspiel) sorgt an diesem heißen Tag für eine angenehme Abkühlung.

Heimwärts! Erschöpft und halb vertrocknet entere ich in Obersdorf einen Schnellbahnzug der Reihe 4020, wehre mich unterwegs mehrfach gegen übermannende Schlafgefühle. Mit dem allerletzten Tropfen Energie gehe ich am Handelskai vor Anker. Und „Anker“ bietet in diesem Moment alles, was mein Herz seit Stunden begehrt: Verlängerter, Happen und Römerquelle fegen zumindest die körperliche Leere hinweg, welche die ländliche Schlichtheit der vergangenen Stunden hinterließ. In gestärkter Verfassung setzte ich meinen Rückweg fort, bestaune mal wieder die herrlichen Stationen und Kulissen entlang der U6 (müßte man mal einige Fotos ansetzen), ergänze in einem gut sortierten Lebensmittelmarkt im Westbahnhof meine Lebensmittelvorräte – und mache Schluß. Aus und vorbei, in den Sitz des Railjet gefläzt (so gut das eben geht), die finstere Wolkenwand am Wiener Stadtrand zur Kenntnis genommen. Bis zum Einbruch der Dämmerung wird kein einziger Sonnenstrahl meine Heimfahrt tangieren. Petrus´ warnenden Zeigefinger am Morgen – ich habe ihn richtig verstanden. Und lasse mich gleich für eine „Bonusschicht“ am Sonntag vormerken.


ENDE

Antworten:

Re: Schicke Bildauswahl...

...aber wie bitte kommt man AUF ein Umspannhäuschen? Leiter wirst du als Bahnreisender ja eher keine passende dabei gehabt haben?

von ChristianMUC - am 29.08.2013 15:21
Moin Daniel,

das ist echt ein Superbericht von dir!
Da wäre ich gerne dabei gewesen...
Schade das man aus Norden so weite Wege hat nach Tschechien.
Die Ecke Mährens bis auf Brno und das Weinviertel gehen mir noch ab.
Schön das auch noch die 5047 fahren.

Grüße aus Norden im Norden,

Dirk!

von Dirk SaDiablo - am 29.08.2013 18:31

Großen Dank! (m 1 B)

Daniel,
bist doch der fleißigste von uns allen, großer Meister der fotografischen Arbeit, des Aussitzens und des Darbens! Besten Dank für den umfangreichen Bericht aus der mährischen Hitzehölle - es muß die südmährischen Trauben vom Veltliner und Svatovavřinecké doch schon im Juni regelrecht zerhutzelt haben, das wird alles Auslesen geben ... Worunter auch Deine eingefahrene Ernte zu zählen ist, die Kreuzung in Hrušovany n.J. ist einfach klasse, 714er "Vollbetrieb" - wie lange noch?

Bilder und Geschichten kamen heute abend grade recht nach einem fotografisch völlig verplanten Urlaubstag. Wollte nach zwei Tagen "Holz o'schnei'n" an der Kreissäge endlich an der Hofer Pachtbahn (für weiter Entfernte: Hof - Selb-Plößberg - Asch - Cheb/Eger) ein paar Motive lösen, besonders Rehauer Bahnhofsensemble vor Umbau; stehe im stillen Schwesnitztal unterhalb der Wojaleite und warte ... vergeblich auf agilis. Völlig verpeilt, daß die wegen Lokführermangel immer noch SEV fahren. Immerhin 844 017 in Aš m. gelichtet und dann mit meiner Besten noch vergängliche Euros in Weißes Gold umgesetzt. Ansonsten könnte ich mir in den A... beißen.
Umso besser tun deine fotografischen Ergebnisse.

Ja, das selbstgenügsame Weinviertel. Nach Hohenruppersdorf fährt ja nix mehr, dort hättest Du im Dorfgasthaus sicher Einkehr gefunden, auch wenn Dich die Einheimischen angeschaut hätten wie einen vom Mond. "Heasd, dea laafd ba solchana Hiitz umanaunda..."

Zur Abkühlung, zur Erinnerung, und für alle, die es nicht kennen, das betriebliche Herz des kümmerlichen Lokalbahnrestes im Weinviertel: Groß Schweinbarth noch mit drei Zügen, für grad noch anderthalb Tage - voilá:


(10. Dezember 2010)


Und jetzt eine frische Halbe zum Abend! :cheers:

Grüße,
Joachim

von Joachim Piephans - am 29.08.2013 18:34

Re: Schicke Bildauswahl...

Hallo Christian,

...ich hatte meinen Lift dabei...nein, Spaß beiseite, eine Leiter wurde von umsichtigen Menschen bereits fest am Gebäude angebracht.


Beste Grüße

Daniel

von brejlovec750 - am 30.08.2013 11:25
Servus Daniel,
besten Dank für Deinen Bericht, überaus sehenswerte Perspektiven, Du uns beiderseits der Grenze zeigst, ergänzt um einen nicht minder lesenswerten Text!
Beste Grüße aus Wien,
Martin

von img893 - am 01.09.2013 11:06
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