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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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vor 3 Jahren, 4 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 3 Jahren, 4 Monaten
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nix mehr, PKP-ST44, Mario Morgner, Joachim Piephans, awp, svoigt69

Luditz

Startbeitrag von nix mehr am 01.02.2015 17:28

Servus,

…auf tschechisch Zlutice, liegt an der KBS 161 Rakovnik – Blatno – Becov nad Teplou. Das ist eine der wenigen lokalkas mit reinem kufr-Betrieb. Wie lange dort noch Züge fahren, ist Sache der Besteller und des Geldes.
Alleine vom Fahrplanangebot, und dessen was den Zug nutzt, sprich Beförderungszahlen, grenzt es schon an ein Wunder, das auch für 2015 Verkehre bestellt worden sind.
Vielleicht wird diese Strecke noch einmal ein kurzes Dauerthema bei mir, ähnlich den bageta im Kaiserwald.

Nennen wir dies Thema mal „Projekt 161“.
Ein Gebiet, in dem man sich verstecken, die dahin rasende Zeit für Momente ausgeblendet werden kann. Nochmals in eine Vergangenheit zurück kehren, die noch gar nicht so lange zurück liegt.
Ganz einfach, Böhmen zu erleben, wie es war, wie es zu sein hat!
Ob es gelingt, ist zum einen die Frage des Wetters und zum anderen, die Zeit die hierfür zukünftig investiert werden kann. Jeder hat da so seine Vorstellungen.

Für mich sind es ca. 80min Anreise mit dem PKW via Cheb und Karlovy Vary. Die Jahresvignette ist gekauft. 1500 Kc, bzw. 60 Euro investiert. Ich werde sie heuer brauchen. Das Elbtal rund um Usti und Litomerice, zwei, drei Transitfahrten nach Polen kommen bestimmt dazu.

Zlutice ist eine Unterwegsstation auf der 161. Dennoch auch Anfangs- und Endbahnhof von Zugläufen. „Züge“, in der Regel das solo fahrende orchestrion, der kufr, das kalibudka, Brotbüchse, etc... Und fallweise der Manipulak für Bochov und Zlutice.


Da stand er nun und tuckerte vor sich hin. 810 594. Dazu Lokführer, Zugführer, zwei Reisende. Das Wetter ruhig, um Null Grad herum, aufklarend.


Irgendwo etwas trist und grau. Freitagnachmittag, ausklingende Arbeitswoche. Jeder macht sein Ding. So vernehmbar von den Geräuschen und Geschäftigkeiten rund um das Bahnhofsareal herum. Zeit zur Inspizierung der unmittelbaren Umgebung. Zweimal kam ich in all den Jahren zuvor hier her, oder hier durch, als Reisender mit und im Zug. Nun also auf die „übliche“ Art, als von draußen drauf sehender Fotograf.


Der örtliche Kohlenhändler noch völlig intakt! Zwei kurz zuvor entladene Emil. Die frische Kohle unter einer Plane abgedeckt, damit sie nicht noch nässer wird und am Ende zum Abtransport zum Empfänger nicht als großer Klumpen während kalter Wintertage vorhanden ist.


Ein „Weimar“-Bagger, was sonst. Undenkbar, was anderes in Böhmen und Mähren zur Kohlentladung zu nehmen. Da steht er und hat Feierabend. Noch nicht völlig ausgekühlt, umgeben von einer leichten Wolke warmen Hydrauliköl-Geruches und den Schwaden tropfenden Diesels irgendwo in seinen Eingeweiden.


Schnee so schwarz wie die Matschpampe und der Kohlengrus. So muß es sein. Bei gutem Geschäft der an die Ladestraße anschließende öffentliche Verkehrsweg ebenso damit überzogen ist. Ach Halt!, die Rutschgefahr. Der „Wagen“, das Vehikel des ordentlichen Bürgertums, würde schwarz werden. Sauberkeit und Ordnung?


Jenes Ding hier hat unlängst, wohl Mitte Dezember 2014, das örtliche „dopravni kancelar“ personallos und den Bahnhof jetzt unbesetzt werden lassen. Hier hat sich nun das Personal zu melden. Nicht mal mehr drinnen im Bahnhof. Raus aus der Immobilie. Da wohnt auch keiner mehr. Nun ist es kalt, die Feuchtigkeit kriecht. Und dann?


Noch gibt es touristische Hinweise vor dem Aufnahmsgebäude. Vielleicht ist die Tafel aus sozialistischer Zeit, vielleicht auch aus den Anfängen der Ceska Republika, nach der Trennung von den Slowaken.


„100m“ zum Anfang des Touristenweges. Es beginnt einzuwachsen. Die Rinde des Baumes vereinnahmt es. Und das Gestell nebst Wanderkarte, dem Böhmen-Kenner nur all zu vertraut. Ich möchte es nicht missen.


Das kurze Stück Bahnhofstraße zur Ortschaft hin, auf einer Seite, mit einem Zaun, wie er immer war. Noch beinander. Noch in der Lage den Hund zu halten, der da im Verschlag hausen muß. Sicher ein Areal zum Bahnhof gehörend.


Die Funzel an der Hausecke, da bei der Hausnummer 310. Wenn sie nur erzählen könnte. Mit ihrer Glühwendel. Der leuchtende analoge Wurm, gefangen in der Glaskugel.


Eine Fassade mit Fenstern. Und nicht mit Höhlen, wo tief drin eine Scheibe wohnt. Der Putz gegliedert durch Rillen und Simse. Und nicht glatt gemacht durch Isolationsmaterial.


Eine „Cons.“-Nummer? Nie gehört. Vielleicht sogar noch aus der k&k-Zeit. Wer weiß.


Gegen 16 Uhr verdrückte ich mich ins „Nad Hradbami“ unweit des Marktplatzes. „Turecka kava“ in einem gut geheizten und Rauch geschwängerten Wirtshaus. Man könnte hier Unterkunft bekommen. 2,3,4-Bettzimmer. Das 2-Bett für 400 Kc. Nun ja, den Krach abends von der Wirtsstube wird man oben drin aushalten können.
Der Blick von einem westlichen Fenster der Gaststube läßt Studien an örtlichen Schornsteinen zu. Der Gruß aus dem Sokolover Kohlenrevier war da gerade sicher gewesen.

Dann war sie da, die „Blaue Stunde“.


Aber wie blau. 810 073, zum Glück nicht im Najbrt-Lack, hatte etwas vom Bahnsteig vorgezogen. Das Personal nutzte abseits die 45min Wendezeit zu einem 30-minütigen Nickerchen, um dann für den Zustieg zweier Reisende an den Bahnsteig zu setzen.


17.30 Uhr, da war es fast klar geworden. Und die Temperatur hatte etwas angezogen.


Der Blick von der Bahnmeisterei hinüber. Abfahrt 17.39 Uhr als MOs 16717 nach Rakovnik. Und hier war klar, wo DAS! Bild dieses Abends für mich zu machen wäre…


Hinten das „Halt“ zeigende Ausfahrtsignal nach Richtung Becov nad Teplou.


Schade, das keiner mehr im Bahnhof Dienst tut, oder gar oben im ersten Stock wohnt.


Der Weg für Reisende zum Bahnhof gar beschwerlich. Eisplatten und verharschter Schnee. Die hier her kommen kennen es nicht anders. Und das wird hier sich kaum bis zum Ende eines Schienenverkehres ändern. Und dann braucht es gar keinen Räumdienst mehr.


Zunehmender Mond übern Westgiebel.




Um 18.12 Uhr Ankunft des 16712 mit 810 304 aus Rakovnik. Mit sieben Reisenden. Aus Richtung Prag hatte er kaum Wochenendpendler dabei. Ehern waren es nur spät heimkehrende Schüler.



Schnell ist der „Schluss“ rein gedreht. Und im Warteraum wurde vom Zugführer Licht gemacht. Sinn und Zweck? Und das Schlußsignal?


Auf was warten?
Der blieb stehen, und ging ans Kabel. Nix mehr Leerreise gen Rakovnik. Das Personal entschwand mit Sack und Pack in Richtung Ort. Vielleicht zuvor auch einkehrend auf ein Pils im „restaurace“ da am Bahnübergang. Und dann weiter zur ubytovna irgendwo. Wohl kaum, das es sich um Zluticer Personal handelt, was hier heimisch ist.


Und hier um 18.42 Uhr, der Becover Zug 16749, mit fünf Reisenden eintrudelte, und auch nicht leer weiter fuhr. Der setzte sich hier vor das bereits mit bullernder WEBASTO schlafen gelegte Schwesterfahrzeug.


Rangieren, abstellen. Ankabeln. Man schlurfte ins Dunkel von dannen. Ruhe war wieder.


Und ich verzog mich abermals ins „Nad Hradbami“. Nun war Betrieb. Treff am Freitagabend. Mehr alt als jung. Lebhaft palavernd saß man in der mit Holz geheizten Stube. Und man rauchte, dass die Luft zum Schneiden dick war...
Die „jidelni listek“ kredenzte für jeden Wochentag drei Menüs und dazu die obligatorische Tagessuppe. Mehr braucht es nicht! So hatte ich mein Schnitzel mit gekochten Kartoffeln, einem grünen Tee, für lumperte 105 Kronen, was um vier Euro sind. Im großen TFT-Monitor an der Wand, lief das Eishockey-Spiel Pardubice – Hradec Kralove. Welche Sportart sonst bei den Tschechen.


Einen Zug hatte ich noch. Besser deren zwei.
Und den bestimmten Bilderwunsch.
Von/nach Rakovnik, 20.03 auf 20.05 Uhr. Drei kufr also im Bahnhof.


Mittlerweile war es um –4°C geworden. Der Himmel völlig klar. Und der Mond schien mit den Bahnhofslaternen um die Wette. Da gaben nach 30sec Belichtung bei hoher Blendenzahl die Sterne am Himmel schon Linien von sich!
Und eigentlich hatte ich damit MEIN Bildchen von Zlutice an diesem Abend.


Dann war der 16714 mit 810 319 etwas vor Plan gekommen. Gut für mich, so war etwas mehr Zeit beim Hantieren mit dem Stativ.


Drei Einstellungen gelangen. Und der 810 319 trollte sich pünktlich um 20.05 Uhr als 16719 gen Rakovnik von dannen, wo er um 21.36 Uhr ankommen sollte.


Alles in allem überschaubar. Das „stinkt“ förmlich nach mehr.

Es gibt in Zlutice außer dem „Nad Hradbami“ noch die Penzion „U Kostela“ bei der Basilika im unteren Ort. Und das „Harmonie“, ganz neu, weit oben im Neubaugebiet.
Doch es soll nicht bei Zlutice bleiben. Über Blatno hinaus weiter östlich gen Rakovnik, will ich an der Strecke gar nicht Foto-arbeitsam werden.
Das ganze „Projekt 161“ soll anders werden wie die letzten Jahre.
Mehr Ruhe, weniger „Stress“ bei der Motivejagd. Freilich wird es jeden Bahnhof und Haltepunkt in gutem Licht mit passendem Zug geben. Aber es schweben so allerhand „Experimente“ im Kopf herum. Ein Abwandern meinerseits ins „abstrakte Lager“ der Fotografen?
Digital hin oder her. Mal sehen, was im Hochsommer früh um halb vier Uhr bei einer Nächtigung im PKW im Büchsenlicht möglich ist. Wenn der Dunst in den Tälern liegt, andere sich im Bett auspelzen, und das orchestrion durch die Gegend trötet . Oder gar „Schlafen im Berg“, wie es Freund Honza immer nennt: „Nanga Parbat“, im Flecktarn durch Wald und Flur, mit Isomatte und Schlafsack. Ganz den Tschechen gleich. Nur den Kochtopf dabei, eine Schachtel Zündhölzer, die Essenszutaten dazu aus dem örtlichen „potraviny“.
Ob man hier eine ganze Woche den „Reset“-Knopf drücken kann? Anreise und Heimreise per Zug von daheim, also völlig ohne PKW. Das mobile Telefon, abgeschaltet, dabei als Notnagel. Und die digitale Knipse mit mehreren Akkus.
Der Winter ist jetzt zumindest schon ein erstes mal bildlich erfasst. Jede Jahreszeit sollte werden. Zwei mal wenigstens... Und wenn es zünden sollte, als ganzes Thema, gerne auch ein Jahr 2016 und 2017.

Verweilen ist erlaubt! Schau `mer mal!


malo

Antworten:

:spos: Ich krieche dort seit einem Dutzend Jahren umher, und du wirst gewiß noch viel Freude an "Böhmens Längster" finden. Vielleicht auch einige awp-Steige begehen. ;) Dein Auftakt paßt!


Es war sehr schön!
Es hat mich sehr gefreut!

von awp - am 01.02.2015 18:17
Der Genosse Kollektivleiter war schneller. Phantastische Dokumentation eines Abends!! Bei Aufnahme in einen Bildband müßte man eigentlich alle bringen, eine Geschichte erzählend wie an der Perlenschnur. Sehr, sehr fein.

"der analoge Wurm, gefangen in der Glaskugel" - laß Dir diesen Wort-Schatz patentieren!


Alles digital? Und wann gemacht?

Beste Grüße an die Eger,
Joachim

von Joachim Piephans - am 01.02.2015 18:36

Jo

Jo Joachim ;-).

gemacht am Freitag, dem 30.Jänner 2015.
Ich hab einen Schlechtwetteranfall bekommen. Irgendwann hält man es nicht mehr aus und dann los.

Gelichtet wurde nur digital. Schlimm? Es sind RAW-Dateien geworden, keine jpg.
Mit dem Diafilm in der Dunkelheit hantieren? Man könnte, nur wollte ich nicht.
in mir steckt derzeit ein klein wenig Erkältung, sonst wär ich gleich mal über Nacht vor Ort geblieben. Samstag vormittags schneite es wie dolle, halt daheim an der Eger. So hätte ich dort vielleicht während dieses Schauerstreifens ein oder zwei Wunschaufnahmen machen können.
Nichts bestimmtes in einer Station. Einfach nur "Schneefall und kufr".

Ich bin neugierig, was werden kann. Es muß also nicht das übliche perfekte Fotowetter sein.
Nur sind diese Stimmungen nicht unbedingt gezielt und planmäßig einfangbar...

Aber diese Stimmung "lokalka", oder "Böhmen", das lässt sich noch finden.

malo

von nix mehr - am 01.02.2015 18:55
D A N K E ! Und Grüße!

Sven

von svoigt69 - am 01.02.2015 20:46
Hallo Zusammen

da das Wetter immer noch Winterlich ist und ich immer noch frei habe ging es gestern wieder nach Böhmen!
diesmal war ich an der KBS 161 unterwegs bei doch schönen Wetter was hier in Deutschland schon sehr selten gewurden ist :mad:.


810 073-7 kam mit MOs 16709 bei Protivec durch nach Rakovník



810 320-2 am MOs 16706 vor Protivec



kurz von Hp Záhořice



Bü zwischen Borek u Žlutic u. Štědrá



in Bečov nad Teplou



810 320-2 u. 810 226-7



810 669-2 am MOs 7106 nach Karlovy Vary



Zugkreuzung in Štědrá

810 319-4 am MOs 16709 nach Rakovník



810 594-2 am MOs 16708 kurz vor den Bf Štědrá



zuletzt noch im Bf Štědrá beim kreuzen



das war es erst mal wieder!!

Gruß
Mario



von Mario Morgner - am 04.02.2015 16:40

Wolkenlotto

Mario,

hervorragend!
Und das Glück war Dir hold, keinen Wolkenschaden erlitten zu haben.

Stredra Kreuzung? Auch Protivec und Chyse.
So weit hab ich die Nase noch gar nicht ins Kursbuch gesteckt.
Bleibt also allerhand zum entdecken.


malo

von nix mehr - am 05.02.2015 19:14
Ahoj,

sehr schöne Eindrücke aus Žlutice.
DANKE!!!

Gruß Ronny

von PKP-ST44 - am 11.02.2015 15:55
Ahoj,

sehr sehr schön der Bilderbogen.


Gruß Ronny

:vlak:

von PKP-ST44 - am 11.02.2015 16:14
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