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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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Erster Beitrag:
vor 1 Jahr, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 7 Monaten
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Joachim Piephans, awp

Sonntagskoffer

Startbeitrag von awp am 11.04.2016 15:36

Eher zufällig geriet ich den Sonntag außer Haus. Auch mußte ich nach Tagen mit Tragen von Veteranen einfach mal raus. Die Wolkenlücken wurden größer, die Sicht besser. Offensichtlich machte die Warm- und Dröselfront frischer Luft Platz. Wobei es schon so ist, wie es Malo unlängst beklagte. Sie sind nicht in der Lage, auf 24 Stunden eine verläßliche Prognose abzugeben. Oder haben sie die Aufgabe, mit optimistischen Wochenendprognosen die werktätigen Menschen draußen im Land bei Laune zu halten, auf das sich durchs Ausquetschen eben jener das Füllhorn der Steuereinnahmen nie leeren möge? Also packte ich eine Truppe Veteranen ins Auto und schaute einfach mal bei einem netten Buchhändler in der näheren Umgebung vorbei, um zunächst einen Musterveteranen abzugeben. Würde es mit den Wolken weiter passen, wäre es nicht allzu weit zum Sonntagskoffer.



Sonntags, am Nachmittag, treffen sich nämlich die Koffer auch in der nordwestlichsten Ecke der Republik. Ob stabil, zum Rollen, Sporttasche oder Rucksack – meist begleiten sie ihre Träger-/Schlepper*innen in höhere Bildungsanstalten, zur Lehre – oder auch zum Heere.




Zur Abholung der Koffer schickt eine hochlöbliche Bahnverwaltung deshalb ein Wägelchen in den letzten Winkel des Landes. Und vom Koffertransport rührt wohl einer der Spitznamen kufr für das Gefährt selbst her? Von weiten hörte es sich jedoch an, als ob ein gefräßiger Hai kommen würde, in dessen Bauch viele Reisende mit ihrem Gepäck hineinpassen. Nicht das typische Böp-böp-böp. Aber das wäre zu unwahrscheinlich. Zwischen den Zweigen war er alsbald darauf in Form der zwei Achsen gesehen, farblich bestens auf den Himmel abgestimmt. Und kurvt hier im S-Bogen haarscharf an der Nahtstelle zwischen Sozialismus und Imperialismus vorbei – letzterer ist an diesem Punkte, rechterhand, kaum 150 Meter entfernt. Früher standen auch rechts und links der Straße mehr Häuser samt Gastwirtschaft, von denen kaum ein Handvoll übrig. Die Wirtschaft auch nicht. In Verlängerung hinter dem Wagen Nr. 425 ist der Kamin der vormaligen Textilfabrik Fischer am Stadtbahnhof auszumachen. Von dort kommt er also her.




Weil, wie gesagt, das Hauptkofferaufkommen sonntags stattfindet, überlegten kluge Bahnleute schon, den Abholkufr nur noch an diesem Tage in den abgelegenen Zipfelbahnhof fahren zu lassen. Nicht ganz, einen Freitagskufr sollte es noch geben, damit die (Schmutz- oder Brauch-) Wäsche aus dem Koffer in Muttis Waschmaschine kommen kann. Und sich die Aspiranten der Wissenschaften, Zünfte, den Bauch vollschlagen dürfen mit leckeren Schweinsbraten, -würstel. Die sind nämlich neuerdings in Verruf geraten, werden an vielen Bildungseinrichtungen schon gar nicht mehr angeboten. Wer sich das wohl wieder ausgedacht haben mag?




Es war mir natürlich völlig klar – nachdem Saharastaub das Bild mit einem rot-creme-Wagen versaut hatte –, bei Sonne würde es nur mit einem Blauling gelingen. Aber auch das nimmt man inzwischen dankend in Kauf, solange der Zug nur fährt. Früher hatte man von diesem Punkte beide Kirchen im Blick. Das evangelische Gotteshaus St. Martin versteckt sich jetzt indes hinter den Bäumen, nur schwach zwischen vierten und fünften Baum zu erahnen. Das rechte Pferd ist einen Moment vor dem kufr auch blöd hinter einen Busch getreten. Immer nur das Fressen im Kopf, keine Rücksicht auf die Chronisten ...




Besser rückt St. Martin mit der Bahnbrücke vor dem Bahnhof von 1906 ins Bild. Dies gelang mir auf der Hinfahrt, da ich ein paar Minuten Vorsprung gegenüber dem kufr erzielen konnte. Die drei Motorradfahrer waren gerade durch, der nächste Pkw rauschte Augenblicke nach dem Lösen hinab. Ohne die Umgehungsstraße hätte man aber keine Chance.




Vor dem Zipfelbesuch ging sich noch ein Foto des Werbewagens aus, der soeben an Wildenau vorbei nach Asch rauscht und dort Anschluß an den Sonntagskufr herstellt. Die Sichtverhältnisse hatten sich gegenüber dem Morgen erheblich verbessert, in Blickachse die 1913/1914 erbaute evangelische Kaiser-Franz-Josef-Jubiläumskirche von Nassengrub/Mokřiny. Heute ist sie die evangelische Stadtkirche von Asch (und nach den Slawenaposteln Cyrill & Method benannt), nachdem die Dreifaltigkeitskirche dort durch Brand 1960 zerstört und der Ort eingemeindetwurde. Nur Luthers Denkmal blieb erhalten, und schaut auf Goethe herab … Nein, Hummeln oder Sergeje werden an dieser Stelle nicht mehr alltäglich zu fotografieren sein. Und die erwarteten LINTe zu lang.




Der Werbewagen bleibt noch für ein paar Jahre auf der Strecke, wenn ihm kein Unheil widerfährt. Die VBG-Desiro verschwinden dagegen mit Auftauchen der neuen GELBEN. Noch immer wird gewerkelt, TS Bau aus Jena nun schon ein Jahr und Tage hier präsent. Auch die Brückenbauer aus Reichenbach sah ich wieder, die sich mit abschließenden Arbeiten beschäftigten. Für den massiven Ausbau der Überfahrt mußte ein schöner Apfelbaum dran glauben – damit zweimal im Jahre ein Holzlaster bessere Sicht hat. An Stelle des Baggers stand früher das Postenhaus 32. Diese Lokalität ist übrigens von einer Aufnahme mit 5417 vor Güterzug aus den 1930ern bekannt.




Beim Warten auf die Rückkunft des Werbewagens am Ort des erkersreuther Widerstandes schellte das Mobil und ließ den Heimweg wie die Hinfahrt gehen. Es bestand dort Interesse an einer größeren Veteranenzusammenkunft. Tja, dann trafen noch Martin und Stefan aus Selb hinzu – gemeinsam waren wir uns sicher, der Fahrer des dunklen Wagens wollte unbedingt mit ins Bild, weil er extra anhielt. Unter den Wolken hatte sich inzwischen ebenfalls herumgesprochen, daß die BRD-Grenze nicht geschützt werden könne – und zogen aus Böhmen kommend herein. Schon beim Blick durch den Sucher gefiel, wie sich der Baum links schön vor ihnen zeichnete ...

LG

Antworten:

pan Sektionschef,

ein feiner Photo-Essay ist Dir da gelungen! Roßbach mit gewohnten Blicken und dann doch wieder gänzlich ungewohnt mit dem Beton-Büdchen. Was hat Ing. Pavel Špateň sich da eigentlich ausgedacht, diese Variante des Häuschens für Roßbach zu bestellen, sodaß die Wetterseite völlig offen ist? Jiří Mertl hatte da auch keine Chance mehr, der setzt das Ding wie im Plan gezeichnet. Immerhin, es gibt Licht, die Mini-Ausführung einer Bank. Und einen Radständer!

An Deinem drittletzten Bild (Wildenau) sieht man erst, welchen hohen Bogen die Bahn nach Norden bzw. Asch schlagen muß, wenn genau quer rüber die Nassengruber Kirche zu sehen ist. Von Dir genau richtig beschrieben, heute das (einzige) Kirchengebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Asch.

Laß uns doch gleich nochmal ein Büchlein machen: "Koffer um Koffer - die Roßbacher Lokalbahn in sonntäglicher Postmoderne" - es dürfen nur blaue kufr und Betonhäuschen in den Hauptteil. Den geschichtlichen Teil bildet eine Doppelseite mit der kurzen Hai-Ära :xcool:

Spaß beiseite, ernsthafter ist die Signatur. Sie wird von Deinem sonntäglichen Tun bestätigt :spos:


Gruß,
Joachim

von Joachim Piephans - am 11.04.2016 17:13
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