Herbstgolden-dunkles Isergebirge (m. 16 B.)

Startbeitrag von Joachim Piephans am 01.11.2016 15:24

Liebe Freunde,

nachdem der Sommerurlaub ausgefallen war, gab es für die letzte Oktober- und die erste Novemberwoche endlich die Möglichkeit für zusammenhängende freie Tage. Die für Ende August vorbereitete und erst tags zuvor kassierte Rucksacktour zu ARRIVA im Teßtal nahm ich freilich nicht wieder auf. Es wurde nun eine Fahrt zu zweit, mit meiner Frau, im Pkw ins Isergebirge draus. Quartier für vier Nächte im "Goldenen Löwen" in Jablonec nad Nisou. Gablonz deshalb, um es für einen Ausflug in die große Nachbarstadt nicht zu weit zu haben. Und ungefähr so hatte ich es mir vorgestellt:



Zahnstange in der Haltestelle Kořenov zastávka (Prichowitz / Sebastiansruh)

Es wurde noch viel schöner, was das Laub betrifft. Das ganze Gebirge ein Rausch, gold und gelb vor dunklen Fichten (oder Hohen Tannen). Nur das Wetter hat nicht mitgespielt. Nach Ankunft am Mittwoch noch ein wenig erkundet. So sieht Smržovka 2.0 aus:



840 005 nach Liberec (MOs 2630), der 001 als 2627 nach Tanvald. Weil noch bis 7.11. auf der Stichstrecke ins obere Kamnitztal nach Josefuv Důl tagsüber NAD besteht, bleibt der 814 rund zwölf Stunden am Stutzen stehen. Der Bus steht ebenfalls noch in der "Abstellung". 26. Oktober 2016




Beide Züge setzen sich in Bewegung, der Bus nimmt am Stationsgebäude die wenigen Umsteiger auf. Übrigens scheint man dem ferngesteuerten Betrieb bzw. dem Unsicherheitsfaktor Fahrgast nicht recht zu trauen - der Bahnhof ist mit einem Mitarbeiter besetzt, der - in eine Warnweste gewandet - bei Zügen über das Hauptgleis den Übergang zum Mittelbahnsteig sichert bzw. beobachtet. Ob sich das die Controller und Planer so vorgestellt haben?

Wir schalten zu den Börsennachrichten:




Die aktuellen Kurse für's KONRAD am Bahnhofskiosk zu Smržovka / Morchenstern :cheers:


Die Leica mit eingelegtem Diafilm blieb ob solcher Aussichten im Rucksack, alle Aufnahmen dieses Beitrages entstanden digital mit der Olympus OM-D. Wobei ich mich an dieses digitale Kleinkunstwerk bisher nicht gewöhnen konnte. Macht hier und da Spirenzchen. Die Spiegelreflex löst im mechanischen Modus jedenfalls unbeirrt aus, wie sie eingestellt ist. Aber um überhaupt etwas mitbringen zu können, griff ich eben doch zur Digitalen ...


Am Donnerstag ging es erst einmal mit der Überland-Tram nach Liberec. In der Buchhandlung Fryč in der Prager Straße gleich unterhalb des Hauptplatzes die große Enttäuschung: durch einen Artikel in der "Prager Zeitung" aufmerksam geworden, sollte hier der Neudruck der Isergebirgskarte von Josef Matouschek erworben werden, und zwar von der zweiten, der colorierten Ausgabe von 1938. Dieselbe war damals nicht mehr erschienen, überrollt von den Umständen. Doch: ausverkauft! Sieh an ... Es soll aber vor Weihnachten eine Neuauflage geben. Dafür wurde dann in der Abteilung für Regionales erheblich eingekauft, vom Antiquariat hielt ich mich ganz zurück.
Dann kehrten wir im Café des Hotels "Praha" ein, nur wenige Meter von diesem hier:



Reichenberger Rathaus - und siehe da, es ward Licht!


Nachmittags in Gablonz zurück, wurde aber dann nicht der Fotorucksack mit ins Auto genommen, warum auch immer. Und so bleibt es auch für Gablonz-Brandl resp. Gablonz Abzweig bei der digitalen Dokumentation - was mich doch ziemlich ärgert angesichts des auf einmal (aber in diesen vier Tagen wirklich nur einmal) aufgerissenen Himmels:



840 007 hat unter der Zugnummer MOs 2621 zwei Fahrgäste in Jablonec n/N dolní n. entlassen und einen aufgenommen, weiter geht's nach Tanvald (27.10.2016). Der 2621 ist einer der Züge, die montags bis freitags von mittags halbeins bis abends halbsieben den Stundentakt auf eine 30-minütliche Fahrgelegenheit verdichten, entweder bis Tanvald oder bis Desná-Riedlova vila. Man mechte von einer Eska am Gebirgsfuß sprechen, bittascheen. Konträr dazu und durchaus sympathisch haben nicht alle Haltestellen einen Hochbahnsteig hingepflanzt bekommen, auch Brandl nicht.




Gegenzug MOs 2622 verläßt nach dem Halt am Bahnsteig die Station (840 012, 27.10.2016). Abgesehen vom Verkehr auf der zwei Stockwerke tieferen Fernstraße ist es in Brandl heute sehr ruhig. Welche Betriebsamkeit wird hier früher auf der gepflasterten Zufahrt zum Ladegleis geherrscht haben, Fuhrwerke mit Kohlen für die zahlreichen Betriebe. In Blickrichtung links hätte hier einmal die Stichbahn nach Johannesberg (Janov n/N) abzweigen sollen, die allerdings nie gebaut wurde. Die Station nannte man in Vorgriff schon mal "Abzweig" statt Brandl. Ersatz war der nördliche Zweig der Durchmesserlinie Reichenau - Johannesberg der vormaligen Gablonzer Straßenbahn, auf der auch Güter aus und in die industrialisierten Gebirgsdörfer transportiert wurden. Die heutige Überlandtram erreicht hinten bei dem hellen Flachbau fast das Niveau der Eisenbahn und hat dort ihre Haltestelle "Brandl".


In der Folge gab es noch einige schöne Gebirgsblicke, wurde auch das Grab von Gustav Ginzel in Rudolfsthal gesucht und gefunden, aber dann zog es schon wieder zu, droben in Klein Iser (Jizerka) war es so kalt und ungemütlich, daß wir zu mehr als ein paar Schritten keine Lust mehr hatten. Wir machten uns auf den Rückweg, aber ich wollte doch in Unter Polaun "einfach mal gucken":




Das nun wäre auf Diafilm so nicht möglich gewesen: 840 008 fährt um 17.37 Uhr mangels Bedarf in Dolni Polubný einfach durch. Das Stationsgebäude ist sehr schön hergerichtet worden und auch weiterhin bewohnt, man vergleiche mit dem Zustand auf dem großen Bild im Zahnstangenbuch der edition bohemica. Mehr als ein Eindruck kann die Aufnahme allerdings trotzdem nicht sein, um die "Verschluß"zeit für den fahrenden Zug zu halten, mußte ganz schön herumgeregelt werden, mit dem Ergebnis wilden Pixelverhaltens. (MOs 2665, 27.10.2016)



Wir haben bereits Freitag, es ist der Feiertag zur staatlichen Unabhängigkeit (28. Oktober 1918). Die "Isergebirgs-S-Bahn" fährt an diesem Wochenende zum letzten Mal in diesem Jahr den "Touristenfahrplan" mit stündlichen/zweistündlichen Verbindungen hinüber nach Ober Schreiberhau ins Schlesische, die Garnituren zwei- oder gar dreiteilig. Was fotografisch allerdings nicht viel austrägt angesichts der geschlossenen Decke. Dennoch probiere ich es, einmal in Desná mit dem Federvieh auf dem Bahnsteig, greife wild entschlossen zur Leica, und dann droben doch wieder digital:




Die Birke am oberen Ausgang des Polauner Tunnels hat es mir angetan - wenn, ja wenn ...
840 003 und 001 kehren von drüberhalb des Passes zurück, haben den Bahnhof Kořenov (Grünthal resp. Polaun) hinter sich gelassen und werden gleich den Anfang der Zahnstange passieren.





Vorsichtig bremst sich der Lokführer in die Steigung hinein, schickt einen Gruß zum Fotografen hinauf und wird mit seinem Train gleich im Tunnel verschwinden. Es ist übrigens kurz nach zwölf Uhr ... (MOs 2656, 28.10.2016)




Über der Iser drüben, hoch über deren Zusammenfluß mit der Mummel: der "neue" Bahnhof Harrachov, der nun wirklich nichts mehr mit der alten preußischen Station Strickerhäuser zu tun hat. Betrieblich und zugangstechnisch ist der Kreuzungshalt natürlich ein Gewinn. 840.002 und 008 fahren als MOs 2615 ein, der hier endet.




Erst kommt noch die Garnitur aus 840 004 und 014 aus Szklarska Poręba Górna (MOs 2658), ...




... bevor die endende Garnitur über die obere Rückfallweiche bequem umsetzen kann und nun zur Rückfahrt in einer Stunde (MOs 2624) bereitsteht. Die Wende hier in Harrachov schafft im Böhmischen einen Stunden-, hinüber ins Schlesische einen Zweistundentakt. Eingekehrt sind wir übrigens nicht. Im Moment würde ich die Schwarzbeerknödel wählen ...

Wir machen uns vom Acker, Kaffee gabs dann in der kleinen Konditorei am Ortsausgang Dessendorf nach Tannwald.




Vorher allerdings noch mal ein Versuch am unteren Portal des Polauner Tunnels, also einen Kilometer von jener Birke entfernt. Auch nicht besser ... es kommt eben jener MOs 2624 und fährt durch Kořenov zastávka (Prichowitz / Sebastiansruh). Nur vier Züge halten hier am Tag - oder immerhin, man fragt sich, wo die Reisenden herkommen sollen. (28.10.2016)


Der Samstag verläuft ähnlich. Wir besuchen die Quelle der Lausitzer Neiße bei Neudorf, fahren hinauf zur Talsperre Souš (Darre), wo es zieht wie Hechtsuppe. Die Vorschau zeigte Wolkenlöcher gegen zwei Uhr, deswegen warte ich nochmals an der Birke, die durch Wind und Nachtfrost aber erheblich an Goldstaub eingebüßt hat, der nun auf der Zahnstange liegt. Es wird nicht besser als tags zuvor, schließlich regnet es. Da bleibt nur: Einkehr! Doch ein Fahrzeugbild geht sich noch aus:




Zweiachsige PRAGA sind selten geworden. ich erinnere mich nur an das Exemplar beim Hotel Bouda in Česká Metuje (KBS 026). Doch dieser wackere Bergkamerad braucht sich vor seinen noch weit verbreiteten dreiachsigen Kollegen nicht zu verstecken, er führt seine dritte einfach hinten mit ...:xcool: Gesehen in den Serpentinen unterhalb von Souš (29.10.2016).

Am Sonntag brachen wir nach dem Frühstück gegen zehn Uhr auf. Es sah nicht besser aus. Als Jörg in Turnov die 749 006 löste ( [20329.foren.mysnip.de] ), waren wir schon über Prag hinaus. Dort jeweils ein kurzes Aufsuchen der Bahnhöfe Vysočany und Bubny, anschließend dort ums Eck in der kavarná Liberal (neulich von Martin Kubík in der Folge zu Bubny von "Kubiks kurzen Kultouren" im LOK Report empfohlen) noch einen Videňská und ein Sturzbier, und dann waren wir, gemessen vom Anfang der Pilsner Autobahn beim Klinikum Motol, in drei Stunden und fünf Minuten daheim. Und seither? Goldenes Wetter ...




Prost ... mit einem kleinen 12-grädigen aus der Únětický pivovar in Prag! [www.unetickypivovar.cz]
und viele Grüße,

Joachim


Tante Edit brachte mich drauf, daß die Wirtschaft in Harrachov nicht Zwetschgenknödel, sondern solche mit Schwarzbeeren (Heidel-, Blau-) im Angebot hatte. borůvka! Wer lesen kann ...

Antworten:

Strickerhäuser

Bist du mal vom -neuen- Bahnsteig aus den Weg nur ca. 300m hoch gegangen? Da wären die Erinnerungen an Preußen ganz schnell wieder zurück gekommen.

Gepflasterte Wege, ja fast schon Straßen, die Fundamente der dort ehemals stehenden Häuser, mitten im Wald. Es ist fast schon gespenstisch. Erst auf alten Fotos sieht man dann den Zusammenhang.

Grüße
Karlheinz

von Frankenland - am 01.11.2016 18:46

Re: Strickerhäuser

Du meinst die Ortslage "Bei der Schindelhütte" oberhalb von Strickerhäuser (Mýtiny). Nein, da war ich nicht droben.
Ich bezog mich auf die Bahnstation selber. Und die ist nun wirklich völlig umgekrempelt. Aber natürlich sehr brauchbar.

Aber auch Strickerhäuser selbst hat sich nochmals gewandelt. Fast das gesamte Areal der Ortschaft, die dem Bahnhof zu Füßen liegt, ist mittlerweile ein Golfplatz - wenn ich das Schild richtig in Erinnerung habe, dann der höchstgelegene im Nachbarland. Ein Abschlagplatz liegt direkt an der Wegkehre zum Stationsgebäude.
Die Brandruine Nähe Bahn liegt unverändert.

Gruß,
Joachim

von Joachim Piephans - am 01.11.2016 19:11
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