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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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vor 2 Monaten, 1 Woche
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vor 2 Monaten
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Joachim Piephans, Niels K., Staedtebahner

Völlig durchgezipfelt - Sommertristesse in Böhmens Wäldern (m19B)

Startbeitrag von Staedtebahner am 29.09.2017 22:21

Hallo zusammen,


hin und wieder las man bereits von den chaotischen Zuständen rund um den Lokschuppen von Volary... von Schäden an Fahrzeugen, von Motivationseinbrüchen bei den Personalen und dem oftmals endlosen Warten auf das Fortbewegungsmittel oder in unserem Fall das Motiv im Motiv.
Ein eigenes Bild davon konnte ich mir bisher immer nur anhand der Verspätungsanzeige in České Budějovice machen und es keimte der Gedanke, meiner masochistischen Ader freien Lauf zu lassen und es einfach mal – mit Kamera bewaffnet – an der Strecke stehend aus nächster Nähe zu erleben. Bis dato zog es mich nur zum Zwecke der Verpixelung von 749 187 vor einigen Jahren in diese Ecke. Von den klassischen Zugbildungen auf den von Volary ausgehenden Strecken fanden damit nur wenige Bilder den Weg ins persönliche Archiv. Ein Zustand, der in Anbetracht des bevorstehenden Betreiberwechsels und quasi dem Einsatzende von Büchsen und Brillen in diesem Gebiet (Ex 531/2 ignorieren wir hier wegen Geringfügigkeit) zu panikartigen Zuständen hätte führen können. Doch sind wir mal ehrlich, man kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Das Ziel wurde somit fürs Erste mit höchster Priorität versehen und eine dazu passende Wetterprognose abgewartet bis der Sommer praktisch mit Wolkenschaden vorübergezogen war. Die Gretchenfrage war nun: Machen oder nicht machen? Es folgte das klare Bekenntnis, wenigstens noch ein paar Belegbilder machen zu wollen, komme welches Wetter auch immer da wolle.
Das Zielgebiet war klar umrissen, der Reisetermin mit dem 2. bis 6.9. auch schnell definiert. Aber irgendwas war doch da noch. Wenn man sich nicht alles aufschreibt... Es wollte mir nicht wieder einfallen, bis es eines lichten Moments *klick* machte. Tag der Sachsen in Löbau mitsamt Stundentakt von Früh bis Spät zwischen Ebersbach und Rumburk. Erstmals besucht am letzten Betriebstag nach Jiříkov bei strömendem Dauerregen. Das tut Not, das muss sein.
Für alle, die sich also jetzt auf beeindruckende Sonnenmotive aus dem Böhmerwald gefreut haben, kommt die bittere Wahrheit, dass es doch nur wieder in den Zipfel geht. Zumindest für diesen Beitragsteil. Soweit zur ersten Enttäuschung. Und die Nächste lässt nicht lange auf sich warten, denn wir werden bald sehen, dass der Sommer seinem Namen alle Ehre gemacht hat. Dementsprechend nehmen wir jetzt alle vorbeugend noch eine "Ich-hab-mich-lieb"-Tablette gegen die Lethargie und Depression, die die Grau- und Dunkelheit vom nun Folgenden unweigerlich verbreiten wird. :drink:

Die Hühner sind gesattelt und los geht der wilde Ritt. Der Verkehrsfunk zieht sich wie Kaugummi, auch wir werden betroffen sein. Das Wetter wird mit jedem Kilometer Richtung Osten gruseliger und gipfelt ab Dresden in Dauerregen. Wer kam eigentlich auf die Idee, bei solchem Wetter eine Tour zu starten? Und überhaupt... wofür eigentlich? Um ein paar Ferkeltaxen auf der ehemaligen 088 zu erlegen?! Christophs Motivation beflügelt das nicht unbedingt, kann er doch mit Sonderzügen so gar nichts anfangen. Immerhin sieht er mal etwas Neues, denn rund um Rumburk war er bisher nie. Ich steuere als erstes die Bahnhöfe an der 081, 083 und 084 an um ihm einen Überblick zu reichen. Zu seinem Erstaunen gänzlich ohne Navi, aber gut... Gerüchten zufolge soll ich schonmal hier gewesen sein. Einchecken in der Pension in Krásná Lípa, Jagd nach Abendessen und dann eine Runde Ferkeltaxi nach Löbau zur Einstimmung ins Wochenendprogramm. Der Plan funktioniert bis auf den letzten Punkt. Statt dem erwarteten LVT steht ein Sandwich aus silberner V60 von ITL und V100 der OSEF mit vier mod-Bghw am Bahnsteig. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll ob dieses Anblicks. Christoph erlebt ein inneres Freudenfest und kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Er weiß schon, weshalb er keine Sonderzüge fotografiert. Aber wir haben Glück. Wo eine Tür zufällt, wird eine andere geöffnet und so beginnt just an diesem Tag die Baustelle auf der 081 mit dem Büchsen-Ersatzverkehr im Zipfel. Und weil heute Freitag ist, können wir sogleich in Aktionismus verfallen, während andere gelangweilt in die Weltgeschichte blicken.


810 165 (welcher auch sonst *grummel*) hat die Aufgabe, als letzter MOs des Tages nach Dolní Poustevna zu fahren.

Damit ist der Tag auch schon gelaufen und in der Pension wird der Beginn des nächsten Tages geplant. Zum Repertoir gehören Brotbüchsen zwischen Jedlová und Mikulášovice, der Güterzug nach Šluknov und der Mickimaus-Zug auf der 088.
Der Tag beginnt mit einem Sonne-Wolken-Mix, bei dem die Wärmelampe immer im rechten Augenblick in Deckung geht. Ein Zustand, an den wir uns schnell gewöhnen müssen. Sonnenaufnahmen entstehen nur mit viel Geduld und ausreichend Standzeit der Züge, so wie hier in Šluknov...


Modellbahngerechter Zug in modellbahngerechtem Bahnhof. Glück muss man haben, denn Mn 86010 kam heute als Lv mit -60 in Šluknov an und bot nach erfolgreichem Manipulieren genug Zeit fürs Warten auf ein Wolkenloch. Nicht auszudenken, wenn es die beiden Emils nicht gegeben hätte.:rolleyes:

Um die Mittagszeit bietet dann die 084 so manches Motiv, herrscht doch der absolute Vollverkehr. (Baubedingt) Von Krásná Lípa fährt der Fahrradzug nach Mikulášovice und bekommt von MOs 26003 in Panký umsteigewillige Fahrgäste aus Rumburk übergeben. Retour dasselbe Spiel nochmal umgekehrt. Und hier kommen wir ins Spiel. Ein 810 in Staré Křečany soll es werden, da ein 854 mit Steuerwagen und eine Büchse in dem niedlichen Abzweigbahnhof irgendwie unwirklich erscheinen. Doch die App verrät Dramatisches, ist doch Sp 1915 mit fast einer Stunde Verspätung noch auf der Hinfahrt. Wir eilen nach Panský und erfahren dort, dass sich der 854 auf die Lauer gelegt und am Bahnübergang im Wald bei Brntíky einen Fahrradfahrer abgeschossen hat. Es soll ein Bus kommen und die Fahrgäste zum MOs 26030 bringen. Wie das passieren soll, ist fraglich, denn der Bahnübergang ist gesperrt. Und so wartet man auf die Dinge, die da kommen. Zum Beispiel ein Wolkenloch...


Dann geht auf einmal alles ganz schnell. Ein Anruf, der Motor wird angelassen und 810 600 verschwindet nach Rumburk. Soviel zum Bild in Staré Křečany.:mad:

Christoph hat bei seinen Streifzügen durch die Natur derweil ein Motiv eruiert, dass es noch im Dialog für gut zu befinden gilt. Und knapp zwei Stunden später klicken dann wiederum auf diesem beschaulichen Landbahnhof die Auslöser.


810 600 mit MOs 26004 nach Rumburk bei der Einfahrt in Panský.

Der Nachmittag schreitet voran. Immer wieder erinnere ich Christoph an das eigentliche Ziel unseres Tuns, doch immer wieder kommt ein Gegenvorschlag. Als ob er es sabotieren will. Doch ich setze mich durch (schließlich besitze ich den Autoschlüssel) und wenig später schlagen wir tatsächlich in Jiříkov auf. Der Bahnhof hat sich bekanntlich ein wenig verändert, und das nicht zum Besseren. Zwei Gleise liegen aktuell noch, ringsrum breitet sich Verfall und Demontage aus.







Schön muss die Zeit gewesen sein, als hier noch ein Fahrdienstleiter Personen- und Güterzüge abfertigte. Leider längst Vergangenheit. Immerhin einen Personenzug sollen wir hier noch als Motiv bekommen, die Gelegenheit ist gerade günstig. 15:07 Uhr wird Os 56605 den Bahnhof Ebersbach/S. Richtung Rumburk verlassen. An der Einfädelung vom Bahnhof Jiříkov lässt sich sogar die stilsichere V60 verstecken.



V100 mit Bghw... hat es sowas an der Stelle zu Planzeiten mal gegeben? Eine Frage, die vor allem Christoph beschäftigt. Sein geballtes Desinteresse lässt sich nur schwer verbergen, auch die Meinung über die Szenerie geht ein wenig auseinander. Bevor ich mich also schlagen lasse, wechseln wir wieder die Lokalität und wenden uns dem Planverkehr zu. Und der sieht so aus:


Baureihe 900 aus dem Hause Karosa, nur echt mit ČD-Linienbeschilderung als NAD Rumburk - Děčín in Krásná Lípa.

Die Auslastung der Busse war insgesamt ausbaufähig. Umso verwunderlicher ist der derzeit vorzufindende Vollfahrplan, der zusätzlich zu den Bussen auch noch Pendelzüge zwischen Rumburk und Jedlová beinhaltet. Diese dürften wohl hauptsächlich der Anbindung der Bahnhöfe Chřibská und Jedlová dienen. Entsprechend sieht aber auch die Auslastung der Brotbüchsen aus. Es wurde kein Zug mit mehr als drei Fahrgästen gesichtet.


Zwei dieser drei hat sich 810 165 in Rybniště gerade einverleibt und brummelt als MOs 6663 weiter Richtung Jedlová.

Durch den Zusatzverkehr zum Tag der Sachsen bestand an diesem Wochenende von 16:00 Uhr bis 16:30 Uhr ein attraktiver 15-Minutentakt zwischen Rumburk und Rybniště zzgl. Schienenersatzverkehr um 15:50 Uhr.
Das Licht hatte sich inzwischen komplett verabschiedet, die Ausrichtung der Motive entsprechend des Sonnenstandes war also relativ. Das hatte uns beiden aber niemand gesagt und so suchten wir eines meiner Wunschmotive für den Nachmittag auf. Ohne Sonne, ohne Kontraste. Immerhin das Fahrzeug stimmt, beim letzten Versuch schob sich ein Hai über die Brücke.


810 600-7 rollert gemächlich mit MOs 26023 über die Dächer von Brtníky.

Damit ist das Tagesprogramm mehr oder weniger gelaufen. Zum Zwecke einer schienengebundenen Ausfahrt auf der 084 und der Nahrungsaufnahme wird wieder Kurs auf Rumburk genommen. Die Gastwirtschaft gegenüber des Bahnhofes ist sehr zu empfehlen und darf auch gern mehr als einmal in Anspruch genommen werden. Als Vorspeise gibt es den Os 56607 von Löbau,...



...als Hauptgang ein smažené sýrové trio (das Bild erspare ich Euch) und...


als Desert ein deutsch-deutsches Treffen im Zipfelknoten (Os 56610 nach Löbau/Sa. und MOs 5456 nach Sebnitz/Sa.).

Die restlichen Züge werden ohne unser Beisein fahren, der Letzte um 0:47 Uhr auf dem Weg von Löbau nach Großschönau. Da wird den Fahrdienstleitern ganz hurtig die nächtliche Pause rausgestrichen. :D
Wir stürmen derweil zum Zapfhahn in der Pension und basteln am Ablauf für den kommenden Sonntag. Dieser hält keinen Güterzug bereit, auf den ersten Takt nach Jedlová wollen wir verzichten. Die Chance auf bessere Ausleuchtung des Bahnhofsmotivs in Krásná Lípa mit dem ersten Personenzug auf der 085 wird schon beim Aufstehen beerdigt. Es regnet Bindfäden. Wir zweifeln kurz, ob es überhaupt Sinn hat, hier zu bleiben oder ob wir uns gleich nach dem Frühstück gen Böhmerwald verzipfeln wollen. Wir bilden einen Stuhlkreis, diskutieren das aus und beschließen, zumindest bis Mittag zu verweilen. Auch Regen kann annehmbare Stimmungen erzeugen und so widmen wir uns einer Mischung aus Eisenbahn und Drumherum.


810 600 hat auch heute wieder die 084 und 085 gepachtet und wendet mit MOs 26021 in Krásná Lípa.


Anschlussvermittlung morgens um 10 in Mikulášovice dolní n. und zurück geht es wieder nach Rumburk.

Die Lichtverhältnisse lassen jegliche Bemühung, dem Zug zu folgen, überflüssig erscheinen. Wir lassen uns daher von der beeindruckenden Kulisse von Krásná Lípa verzaubern.





Man erkennt noch heute, welche wirtschaftliche Bedeutung diese Gegend früher einmal hatte. Zahlreiche kleine und größere Textilfabriken bildeten neben der Landwirtschaft die primäre Wirtschaftskraft. Beides hat heute keinen nennenswerten Bestand mehr. Landwirtschaftliche Flächen liegen brach, von den Textilfabriken haben nur aufgrund von Subventionen eine Handvoll überlebt. Stattdessen richtet man sich voll und ganz auf den Tourismus aus, wie die Innenstadt von Krásná Lípa mit Hotelneubauten und dem Nationalparkhaus beweist.
Nach diesem kleinen kulturellen Exkurs begaben wir uns für den Mittagszug wieder an die 084. Am Vorabend hatten wir aus dem Zug heraus ein Motiv erblickt, welches wir noch einmal genauer in Augenschein nehmen und auf Umsetzbarkeit prüfen wollten. Was soll man sagen... mit Sonne wärs schön. Aber wo wir nun mal hier sind, können wir auch noch auf den Auslöser drücken. :--P


Mit MOs 26004 geht das Motiv in den Kasten, an Ausleuchtung und Weitblick arbeiten wir dann beim nächsten Mal. Man braucht ja einen Grund, um nochmal wiederzukommen.


Zum Abschied sag' ich leise Adieu! 810 600 lässt sich ohne große Probleme überholen und zum Abschied vor der Rumburker Einsatzstelle nochmals verpixeln.

Völlig verzipfelt von diesem ausufernden Fahrplanangebot auf allen Strecken und dem überwiegend brauchbaren und vor allem ursprünglichen Fahrzeugeinsatz ziehen wir einen Schlussstrich unter das Wochenende. Uns präsentieren sich schließlich noch reichlich 5 Stunden Fahrt quer durch Tschechien mit Ziel Černý Kříž und der Ausblick auf zahlreiche Situationen, in denen uns Nerven und Geduld abverlangt werden. Doch von diesem real werdenden Mythos ahnen wir dank unseres grenzenlosen Optimismus noch nicht viel.
In diesem Sinne bis zum zweiten Teil,

viele Grüße aus Erfurt, Peter.

Antworten:

Re: Völlig durchgezipfelt ...

Peter, kurz und knapp Danke gesagt für diesen Beitrag der sich wohltuend von anderen Bilderansammlungen abhebt. Die beiden Rumburger Nachtaufnahmen sind dabei der Höhepunkt Deines Beitrags.

Der "Schluckenauer Nahgüter" tauschte später auch in Rumburk Wagen aus, eine schöne Abwechslung zwischen den ganzen deutschen (Reise-)Zügen im tschechischen Bahnhof. ;)

von Niels K. - am 01.10.2017 19:43
Vielen Dank, Peter, für diesen sympathischen Bericht mit Bildern aller Wetterlagen! Die Straßen von Krásná Lípa - wieviele Male bin ich in den vergangenen 18 Jahren schon durch diese niedergegangene und in ihrem Zentrum wieder aufblühende Industriegemeinde gefahren. Die Ortsdurchfahrt vertraut wie die eigene Kreisstadt ...
Und sehr tapfer, den Ortsblick von Mikulašovice bei diesem Sauwetter, unter den Eichen stehend, angefertigt zu haben.
Fein sind natürlich die Bahnsteigaufnahmen von Rumburk. Es fällt wieder einmal auf, wie unscheinbar und "verträglich" die Bahnsteigneubauten nach dem "model trať 081" ausgefallen sind.

Blick ins Notizbuch ... ich war schon über zwei Jahre nicht mehr im Zipfel ... höchste Zeit ... danke für die Erinnerung vyp:

Gruß,
Joachim

von Joachim Piephans - am 07.10.2017 08:55
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