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Fotogalerie Tschechien und Slowakei
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vor 6 Tagen, 19 Stunden
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Staedtebahner, RR

Auf Schusters Rappen durch südböhmische Wälder - oder: Silvester auf schmaler Spur (m17B)

Startbeitrag von Staedtebahner am 09.01.2018 23:39

Hallo zusammen,

allem voran Euch allen noch ein frohes neues Jahr mit zahlreichen Ausflügen und immer genügend Motiven vor der Linse. :--P

Inzwischen fast zum Ritual geworden ist die alljährliche Ausfahrt an Heiligabend zur Einstimmung in das familiäre Weihnachtsfest. Anders in diesem Jahr, gilt es doch meiner Personaldisponentin bei einem frei gewordenen Spätdienst auszuhelfen. Statt mit Kamera und rot-beigen Zweiachsern zu hantieren, schnappe ich mir also die Dienstunterlagen und einen rot-weißen Sechsachser und drehe meine Runden durch das spätabendliche Erfurt. Zeit genug, um sich über eine Alternative Gedanken zu machen. Inspiriert durch einen ehemaligen Studienkollegen keimt der Plan, Silvester mal in Ruhe und Abgeschiedenheit zu verbringen.

Gesagt - getan! Die ČD unterbreitet mit das unschlagbare Angebot, mich für 24€ von Erfurt (unter Zuhilfenahmen eines deutschen Subunternehmers) über Nürnberg und Cheb in den Süden zu befördern. Deal! Und so laufe ich am 29.12. kurz vor 8 am Abend im Zielbahnhof für diesen Tag ein.



Der 30.12. steht noch ganz im Zeichen der Kultur, beginnend mit einem Stadtbummel durch České Budějovice und ausklingend mit Mohnstrudel und Turecká káva in Český Krumlov. Inkludiert ist die erste Testfahrt im Personenzug von GW Train auf der 194. Die Besetzung des Mittagszuges ist außerordentlich gut. So gut, dass erste - genervte - Touristen den Zug wieder verlassen, bevor dieser überhaupt losgefahren ist. Nun ja... man darf gespannt sein, wenn im Sommer dann tatsächlich mal Nachfrage nach Beförderung aufkommt. :rp:

Der Silvestertag beginnt früh. Der Plan ist, 8:07 Uhr mit dem Rychlík aufs Platte Land zu entschwinden, um eine Stunde später einsam und allein in die Tiefen südböhmischer Wälder einzutauchen. Den Plan haben noch einige andere, wie ich schnell erfahren werde.


Nebel wabert durch die Felder um Kardašová Řečice.

Ich genieße den Ausblick bei Kaffee und Gebäck, lausche dem rhythmischen *tock-tock* und erreiche so tiefenentspannt mein erstes Etappenziel. Ob des frühen Aufstehens kämpfe ich noch mit der Müdigkeit, ein zweiter Kaffee muss her. Zeit habe ich, außer mir steigen nur zwei weitere Reisende aus dem Schnellzug und so werde ich problemlos auch in fünf Minuten noch einen Platz im Os nach Nová Bystřice einnehmen können. Denke ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn. Doch denke nie gedacht zu haben, denn das Denken von Gedanken ist gedankenloses Denken. Am Bahnsteig der JHMD steht ein einsamer Balm/u, bis auf den letzten Stehplatz besetzt mit Fahrgästen und gefühlt 15 weitere stehen noch draußen. Während ich genüsslich an meinem Kaffee nippe und auf die Dinge warte, die da kommen werden (eine Lok für den Balm wäre mal nicht schlecht... ist aber nur so ein persönlicher Wunsch von mir :D) versucht das Personal panisch, einen hinter diversen historischen Fahrzeugen eingebauten Balm auszugraben. Mit 10 Minuten Verspätung geht es dann los. Und die Entscheidung pro Doppel-Balm ist goldrichtig. Blažejov 2 Zusteiger, Malý Ratmírov 16, Střižovice weitere 15 und in Kunžak nochmals 7. "Was geht ab?" will man sich hier fragen.


Für mich ist die Reise in Albeř zuende. Auch hier steigen nochmals 9 Fahrgäste zu, womit es dieser Zug in Summe auf sagenhafte 129 Fahrgäste bringt. :eek:

Durch die Verspätung drängt nun etwas die Zeit, will ich doch zu Fuß an die Strecke und versuchen, ein passendes Landschaftsmotiv zu finden. Ein Höhepunkt ist es nicht, aber immerhin mit Blick auf den Osíka.


705 915-7 mit Os 21253 zwischen Albeř und Hůrky

Weiter geht es gen Hůrky, wo ich auf den nächsten Zug warten will. Ziel ist eines der Standardmotive für diese Strecke. Leider verschwindet die Schneedecke unter Sonneneinstrahlung und verhältnismäßig warmen Temperaturen von Minute zu Minute mehr.



Warten bis zur Rückkehr des Zuges will ich hier nicht. So prall und abenteuerlich ist das Alltagsgeschehen an diesem Fleckchen Erde irgendwie nicht. Ich wandere weiter bis Senotín und nutze von dort den Os 21255, welcher in Kaproun 22 Fahrgäste aufnimmt. Ich lasse das an dieser Stelle einfach unkommentiert. :rp:
In Jindřichův Hradec besteht ein schlanker 3-Minuten-Anschluss zum Lumpensammler um 14:30 Uhr nach Obrataň. Diesen will ich bis Včelnička nutzen, dort den Gegenzug aus der Kreuzung in Chválkov verewigen, zurücklaufen bis Kamenice und dann mit dem letzten Zug des Tages wieder nach Hradec zurückkehren. Meine Augen erblicken eine Haschischkiste. Naja, gehört dazu. Auch der Gegenzug ist ein Triebwagen. Festgehalten habe ich das... man weiß ja nie, was die Zukunft bringt (ab morgen erstmal SEV auf Süd- und Nordstrecke). Aber dieses einheitliche Grau in Grau werde ich Euch vorenthalten. Der Eisenbahnteil endet dann auf dem Bahnhof Kamenice nad Lipou zur blauen Stunde.



Es geht zurück nach České Budějovice, wo česnečka und smažený sýr in einer meiner beiden Stammkneipen auf mich warten, und anschließend mit einem Glühwein in der Hand auf Altstadttour...





...bis das alte Jahr sein Ende findet.



Ich habe mir vorgenommen, dass das neue Jahr so beginnen soll, wie das Alte aufhörte. Also morgens um 7 aus den Federn, zum Bahnhof getigert und mit Kaffee und Gebäck bewaffnet in den R nach Hradec geklettert. Auch heute soll es wieder an die Südstrecke gehen, da an der Nordstrecke am Neujahrstag zwischen 7:20 Uhr und 12:45 Uhr eine geringfügige Lücke im Fahrplan ist.
Die Akteure sind heute wieder dieselben. Drei Fahrgäste verirren sich in das kleine Züglein, zwei davon sitzen hinter Kunžak noch drin. Ich will unterdessen zu Fuß zurück nach Střižovice und dort der ersten Zugkreuzung in 2018 auflauern. Die Bewohner (auf Zeit) des Bahnhofes erwachen langsam aber sicher, deutlich gezeichnet von der letzten Nacht.
11:50 Uhr... der Vorhang geht auf...





... damit nach 6 Minuten die ganze Show gelaufen ist. Ich mache mich auf meinen weiteren Weg zu Fuß. Nächstes Ziel ist Malý Ratmírov. Ringsrum absolute Stille. Im Wald sowieso und auch im kleinen Feriendorf am See. Ich setze mich an den Haltepunkt, wünsche mir einen Kaffee und lese ein bisschen in einem Buch. Die Zeit kommt mir vor wie stehengeblieben. Ewig ziehen sich die Minuten, bis die beiden Züge wieder auf die Strecke gehen, um sich abermals in Střižovice zu begegnen. Immerhin bekomme ich noch etwas Gesellschaft.


705 905 sammelt eine Familie auf dem Rückweg aus dem Silvesterurlaub ein.

Für mich heißt es nun strammen Schrittes den Weg zurück nach Kunžak zu laufen, wo ich gern im letzten Licht nochmal "blau machen" will. In reichlich anderthalb Stunden sollte das machbar sein. Nur ein kurzer Halt wird eingelegt.


Wo vor zwei Stunden noch reges Leben herrschte, findet sich jetzt nur noch ein Stillleben.

Es ist geschafft. 20 Minuten vor Abfahrt erreiche ich den Bahnhof Kunžak-Lomy und warte auf Os 21257. Mit mir die Hauswirtschafterin des Bahnhofes, welche zwei große blaue Mülltüten mit gebrauchter Bettwäsche aus dem Bahnhofsgebäude an den Zugbegleiter übergibt.



Zurück geht es für mich jedoch noch nicht. Zeitlich liegt die blaue Stunde gerade passend, also nochmals hoch auf den Hügel und geschaut, ob man den letzten Zug in Nová Bystřice noch irgendwie mitnehmen kann.


Man kann. Aber nur dank Restlicht, denn Bahnsteigbeleuchtung ist hier ausverkauft.

Zufrieden mit mir und der Welt steige ich wieder ein und fahre zurück in die Zivilisation, begleitet von so manchem Urlauber und Wochenendpendler, welcher den kleinen Zug auf seinem Weg nutzt.
Damit ist das Programm für die Silvestertour praktisch abgearbeitet. Auch für die Rückfahrt am Folgetag hatte die ČD wieder ihr 24€-Supersonderspezial rausgehauen und so nehme ich wieder denselben Weg zurück gen Heimat. Zumindest fast. Denn eine offene Rechnung habe ich noch und der Augenblick ist gerade günstig. Die Suche gilt 810 368, der mir - vor Jahren noch auf der 175 fahrend - bisher immer erfolgreich entkommen ist. Daher versuche ich mein Glück mit einem kleinen Umweg über Domažlice und die 184 auf dem Weg nach Nordwesten. Und man glaubt es nicht, hier kann man noch richtig stilvoll reisen.


2,5 Stunden auf einem kunstlederbezogenen Holzbrett... früher Normalität, heute schon etwas Besonderes (zumindest für mich, für Otto-Normalberufspendler vermutlich eher nicht)

Die Spannung steigt. Eine Büchse nach der anderen kreuzt meinen Weg. In Domžlice dreimal rot-creme, in der Einsatzstelle Bělá auch nur rot-creme und najbrt.


13-Uhr-Kreuzung in Bělá nad Radbuzou

Mich verblüfft das völlige Fehlen jeglichen 814ers auf der Bahn. Auch in Bor kreuzt eine Büchse in najbrt2. Das war wohl nichts. Ich verabschiede mich mit dem Gedanken, dass 368 in Klatovy herumoxidiert und staune nicht schlecht, als auch auf dem Pendel nach Planá ein rot-creme-farbener 810 steht. Innerlich ein bisschen enttäuscht steige ich um und nehme wiederum auf rotem Kunstleder Platz. Der Blick nach draußen, vorbei an 810 046 offenbart ODS. Ja ist es denn wahr? Noch nie habe ich so schnell einen Zug verlassen... unter den erstaunten Augen und einem nervösen "Kam jedete???" der Zugbegleiterin. Nicht schön, aber einmalig, wanderte 810 368 in den Kasten und ich anschließend zum Kaffeeautomaten in der Schalterhalle. :cheers:

Viele Grüße aus Arnstadt,

Peter

Antworten:

Sehr schöner Bericht, und auch bemerkenswert, dass du das bei dieser Witterung auf dich nimmst. Aber schade, dass du das Bild des 368 nicht zeigst ;-)

Gruß Robert

von RR - am 10.01.2018 23:14

810 368

Hey Robert,

hab Dank. Nunja, das Bild von 810 368 hatte ich absichtlich ausgespart, da die Bedingungen vor Ort alles andere als fototauglich waren. Die durch die Wolken dringende Sonne hinter dem Empfangsgebäude, der Triebwagen auf dem äußersten Gleis hinter den hohen Bahnsteiglampen und das Einkaufszentrum, welches über dem Bahnhof thront, ist auch nicht unbedingt eine Motivbereicherung. Es ist also nicht mehr als ein Sichtungsbild geworden...



Grüße, Peter

von Staedtebahner - am 11.01.2018 20:30
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