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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
9
Erster Beitrag:
vor 5 Jahren, 10 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 5 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
Nana, Wahlpöttler, Agnes69, Rosenfan, Emmi78, ingrid_57

Vorurteile über AD(H)S...*seufz*

Startbeitrag von Nana am 11.08.2012 13:15

Hi ihr Lieben,

ich muß diese Erfahrung hier wieder mal loswerden.

Ich arbeite seit einigen Wochen und bin täglich in Kontakt mit Kindern, die zum Teil an Verhaltensstörungen und AD(H)S leiden.

Jedesmal wenn ich mit den Kolleginnen (Erzieherinnen) über AD(H)S diskutiere, stoße ich auf Ignoranz, Unverständnis und Vorurteile.

Ein paar Bespiele:

Die Chefin selber: AD(H)S liege an der Gesellschaft (kleine Wohnung in der Großstadt, keine Möglichkeiten für die Kids, sich auszutoben), an der Erziehung, es sei gut, wenn die Kids kein Ritalin bekommen.

Eine Kollegin: AD(H)S sei eine Modediagnose.

Eine andere Kollegin:AD(H)S sei viel zu oft diagnostiziert, oft fälschlicherweise.

Eine andere Kollegin: Ritalin finde sie nicht gut, die Kinder werden damit "ruhig gestellt", Ritalin habe "schwere Nebenwirkungen", sie haben hier viele Kinder gehabt, die wie überdosiert waren und wie "Zombies" waren...

Und ich habe immer das Gefühl, daß für sie die Mutter schuld sei (sie könne sich nicht durchsetzen, sei depressiv, lasse die Kinder gewähren, usw.).

Ich könnte SCHREIEN!

LG

Antworten:

Nochmal ich,
ja, ja die Mütter sind natürlich wieder an allem Schuld. Schade das man diese Aussagen gerade von Erzieherinnen hören muss, zu dem anderen habe ich eben was bei "schon wieder Außenseiter" reingeschrieben.
L. G. Emmi

von Emmi78 - am 11.08.2012 20:07
Weißt du was, Emmi? Achtung, Ironie hoch 3...wenn irgendwann ein ADHS Test zur Verfügung stehen sollte, der eine Diagnose bereits nach der Geburt erlauben könnte (z.B. ein Bluttest), dann täte unsere Gesellschaft doch am Besten daran, diese Kinder SOFORT nach der Geburt von der Mutter zu trennen.Würde ADHS auf ein Mal von dieser Erde verschwinden???

"Schön" wäre es...aber leider zeigen Zwillingsstudien, daß auch adoptierte Kinder mit einer ADHS Anlage, die von "normalen" Eltern erzogen werden, genauso oft an ADHS leiden wie ADHS Kinder von ihren leiblichen Eltern.

von Nana - am 12.08.2012 12:50
Hallo Ihr Lieben,

das würde dann also im Umkehrschluß bedeuten, daß Kinder vom Lande kein ADS haben können...

Das dem nicht so ist, wissen wir hier ja alle sowieso. Meine Kinder wachsen im Umland von Kiel auf, das Feld ist in Sichtnähe und ringsherum ganz viel Natur. Mein jüngerer Sohn mit ADHS war seit ich zurückdenken kann, immer ganz viel draußen und hat sich ausgetobt. Im Kiga war er immer einer der ersten, die draußen zum Spielen waren. Komisch, daß er trotzdem hyperaktiv ist.

So lange es Menschen und dazu gehören auch immer wieder Ärzte und andere sog. Experten gibt, die Medien usw., wird es auch immer ein schlechtes Bild über Betroffene und die Behandlung mit den Medis geben.

Ich rege mich da schon lange nicht mehr drüber auf. Diese Leute zu überzeugen ist nahezu unmöglich, so lange sie nicht selber betroffen sind. Wahrscheinlich ist es da einfacher, Einfluß auf das Wetter zu nehmen. :)

Am besten ist es, diese Leute zu ignorieren, wenn möglich und auf deren Meinung zu pfeiffen. Wir wissen, was gut ist für unsere Kinder und daß wir für sie kämpfen müssen. Das alleine zählt.

LG,

von Rosenfan - am 17.08.2012 16:49
Liebe Conny,

wie Recht du hast!!!

Solche Leute überzeugen zu wollen, daß ihre Sichtweise falsch ist, ist m.E. verlorene Zeit und Kraft, die man lieber in die eigene Gesundheit stecken sollte!

Mein Sohn ist übrigens auch ein Landei (der Wald und die Wiesen sind gleich neben/hinter unser Haus), dazu hat er ab dem 3.Geburtstag fast alle Nachmittage auf einem großen Bauernhof mit viel Freiheit verbracht und trotzdem war er hyperaktiv.

Übrigens nicht nur draußen in der Natur, sondern auch in meinem Bauch (hyperaktiv): er hat schon drinnen fleißig geübt und hat mich sogar manchmal so stark getreten, daß ich Schmerzen davon bekam!

Komisch nur übrigens, daß diese ADHS Symptome 3 Jahre vor dem Auftreten meiner (postpartalen) Depression und unserer Ehekrise vorhanden waren...

Sie haben Augen und sehen trotzdem nichts...

LG

von Nana - am 17.08.2012 18:18
dass die Gesellschaft in letzter Zeit noch mehr als vor ca 10 Jahren ADS als Modekrankheit, Scheidungskinder, Alleinerziehende Mütter-Problem, Asoziale u.v.m. abstempelt stimmt mich sehr traurig...

aber noch trauriger ist es, wenn die eigene Familie oder Ärzte bei Vorlesungen (zu anderen Theman) immer wieder ADS verpönen. Dass Ärzte ihren eigenen Kollegen die Schuld zuweisen, dass sie mirnichts-dirnichts MPH verschreiben ist schon charakterlos.

"nicht das ADS ist das Problem, sondern wie wir damit umgehen" sagt Dr H. Biegert

Nana, hast du die Möglichkeit Dr H. Biegert zu einem Vortrag einzuladen? Ich weiß, dass er so etwas tut. Er will lediglich die Benzinkosten. Ruf doch mal bei ihm an und organisiere einen Vortrag in eurere Schule.

LG,
Ingrid

von ingrid_57 - am 05.09.2012 08:13
Ja, diese Vorurteile kenne ich auch. Ein Grund, so glaube ich, liegt darin, dass die Diagnose (oder auch nur der Verdacht ) auf ADSH vielfach inflationär behandelt wird. Jegliche Probleme in der Erziehung und in dem Verhalten der Kinder wird gleich einer ADSH (und selbstverständlich einer Hochbegabung) zugeschrieben und (das ist das fatale) auch als Entschuldigung gebraucht. Kein Wunder also, dass niemand mehr davon etwas hören will. Viele Erzieher und Lehrer können es schon nicht mehr hören zumal viele Eltern sich durch diese Diagnose eine Art Freibrief erhoffen. Für ADSH muß sich niemand entschuldigen, ADSH entschuldigt allerdings auch nichts. Alle Regeln der Gesellschaft gelten uneingeschränkt auch für Menschen mit ADSH. Das Problem ist nicht das ADSH sondern lediglich die Reaktion der Umwelt darauf. Für diese Eigenschaft (ich sehe ADSH nicht als Krankheit) ist niemand verantwortlich zu machen, höchsten für den falschen Umgang damit. Die Erziehung von ADS-Kindern erfordert allerdings ein hohes Maß an Konsequenz und damit sind die Eltern oft überfordert. Wenn man hier eine antiautoritäre Erziehung oder "Kuschelpädagogik" versucht, hat man schon verloren. Man braucht wirklich eine "gnadenlose" Konsequenz, die manchmal fast schon in millitärischen Drill ausartet. Während meiner Kindheit auf dem Dorf war soetwas normal und man kannte nichts anderes, wenn auch manche Methoden heute nicht mehr diskutabel sind. ADSH, wenn man es denn damals schon gekannt hätte, wäre wahrscheinlich kaum aufgefallen.
Ich selbst habe erst mit 40 Jahren von meiner ADS erfahren. Im Nachhinein muß ich zugeben, dass mich diese Konsequenz, die ich als Kind so gehasst habe, vor vielen Schwierigkeiten bewahrt hat, sie hat zumindest verhindert, dass mein Leben auf die sog. "schiefe Bahn " führte.

von Wahlpöttler - am 22.10.2012 21:03
Hallo Wahlpöttler,

im Großen und Ganzen sehe ich das so wie Du.

Eine Sache scheint mir in Österreich (noch) anders zu sein: der "inflationäre" Aspekt, den Du ansprichst. Ich kenne in meinem Umfeld noch sehr wenige Familien, in denen es ein diagnostiziertes AD(H)S gibt. Auf jeden Fall deutlich weniger als es dem geschätzten Bevölkerungsanteil an Betroffenen entsprechen würde.
Und wenn ich erwähne, dass meine Kinder und ich ADS haben, kommt oft immer noch die Reaktion: "AD- was?"
Auch für Lehrer und Ärzte scheint das Thema noch ziemlich neu zu sein.
Allerdings lebe ich in einer Kleinstadt - vielleicht ist das in den Ballungszentren anders.

Auch ich sehe ADS nicht als Krankheit. Ich denke, dass das eine Eigenschaft des Gehirns ist, die es in absolut jeder Ausprägung gibt - wie ein Regler, den man stufenlos verschieben kann. Und die Frage, wie weit rechts oder links der Regler steht, entscheidet (in Kombination mit verschiedenen Konstellationen im sozialen Umfeld) darüber, ob sich eine Störung bemerkbar macht oder nicht.

Einen anderen Punkt möchte ich aber noch anmerken.
Vielleicht sind wir da ohnehin einer Meinung, und Du hast es nur nicht erwähnt, weil es für Dich selbstverständlich ist:
Konsequenz: unbedingt ja!
Drill: muss auch oft sein.
Aber dabei dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir das tun, weil wir das Kind lieben. Und das müssen wir ihm auch unbedingt vermitteln können.
Gewiss, es ist ein Kampf. Und es fühlt sich oft so an, als müssten wir gegen unsere Kinder kämpfen. Aber in Wahrheit ist es ein Kampf mit ihnen gegen die ADS-Störung.

Wir müssen sehr oft dem Kind zuliebe Entscheidungen treffen, die aus seiner Sicht schmerzlich, unangenehm, ja, sogar "feindlich" wirken. Es glaubt uns dann oft nicht, dass wir das aus Liebe tun.
Ich selbst hasse diese Situationen und leide darunter. Aber ich weiß, dass ich es durchziehen muss und kann nur hoffen, dass auf einer tieferen Ebene eine Verständigung zwischen uns möglich ist, die verhindert, dass die Beziehung echten Schaden nimmt.
Sobald es möglich ist, ohne die Wirkung der Entscheidung zu verwässern, bemühe ich mich dann wieder darum, versöhnliche, positive Momente herbeizuführen.

Bei aller absolut nötigen Konsequenz brauchen wir für unsere Kinder auch viel Geduld, dürfen sie nie aufgeben und müssen sie loben und ermutigen, wo immer sich dazu eine Gelegenheit ergibt. Ihr Selbstwertgefühl ist ohnehin meist ziemlich angeschlagen. Sie brauchen Hoffnung und eine Perspektive, dass ihr Leben gelingen kann, und die Sicherheit, dass wir auf ihrer Seite stehen.

Unser Coach nennt es einen "Erziehungsstil der liebevollen Sturheit".
Ich denke, das trifft es sehr gut. Und keiner der beiden Aspekte darf vernachlässigt werden.

Liebe Grüße,
Agnes

von Agnes69 - am 23.10.2012 09:26
Der Begriff "liebevolle Sturheit" trifft m. E. die Sache recht gut. Man darf nicht vergesen, dass die meisten ADS´ler sehr intelligent und oft sogar hochbegabt sind. Wenn man sich also mit so einem pfiffigen Kerlchen auf eine Diskussion einläßt hat man sehr schlechte Karten und wird in den seltensten Fällen sein Ziel erreichen. Man muß also Grenzen setzen und diese konsequent, mit allen verfügbaren Mitteln durchsetzen. Meine Eltern verlagerten in solchen Fällen die Diskussion von der verbalen auf die manuelle Ebene, sprich , es gab dann eine saftige Ohrfeige o. Ä.. Solche Mittel sind heutzutage natürlich indiskutabel, dennoch darf man dem Kind keine Chance geben aus der Nummer rauszukommen. Das hört sich hart an, ist auch hart und erfordert eine Menge Konsequenz. Der Sinn darin besteht, dass die Autorität der Eltern nicht mehr in Frage gestellt wird und alltägliche Dinge nicht jedesmal diskutiert werden müssen. Natürlich kann man nicht erwarten, dass unsere Kids die Anordnungen der Eltern kommentarlos akzeptieren, aber wenn diskutieren dann erst hinterher, jeder Diskussionsversuch vorher wirkt sich nachteilig auf die Wünsche des Kindes aus. Der Klassiker war z. B. wenn mein 15 jähriger Sohn auf eine Party wollte und die Frage der Ausgehzeit diskutieren wollte. Jeder Versuch die Zeit zu verhandeln kostete 15 min, also ich sagte z. B. 22:00 bist du zuhause (für einen 15-jährigen m. E. durchaus angemessen). Mein Sohn: "och Menno..." Darauf ich: " OK 21:45 " usw. Ruck-Zuck war dann eine Stunde verzockt. Ausbüxen gab es dann nicht, denn pünktlich zur vereinbarten Zeit stand ich auf der Matte und holte ihn ab. Andererseits konnten wir bei "guter Führung", also bei verläßlicher Pünktlichkeit, auch über eine längere Ausgehzeit reden auch ohne Abholen. Mein Sohn hat das o. g. Verfahren übrigens schnell begriffen und wurde so auch relativ verläßlich. Er wußte, dass er bei mir nicht durchkam (OK, meistens jedenfalls) denn ich als Westfahle kann erbärmlich stur sein. Bei seiner Mutter sah das leider anders aus.. aber das ist eine andere Geschichte.

von Wahlpöttler - am 23.10.2012 18:33
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