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Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
4
Erster Beitrag:
vor 4 Jahren, 4 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 4 Jahren, 4 Monaten
Beteiligte Autoren:
Dagmar D., liane79

mobiler Dienst für emotionale und soziale Entwicklung

Startbeitrag von liane79 am 29.08.2013 20:58

Hallo,
bei unserem Sohn (7 Jahre) wurde auch ADHS festgestellt. Wenn ich die Beiträge hier lese ist es, als wäre über Ihn geschrieben worden.(Schreikind,ständig in Bewegung etc.)
Er fiel natürlich im Kindergarten auf und es wurde uns empfohlen einen Ergotherapeuten aufzusuchen. Kurz vor Schulbeginn nahm er dann am Marbourger Konzentrationstraining teil. Lief wohl auch ganz gut, waren auch nur vier Kinder in der Gruppe.

Vorher hatten wir Ihn beim SPZ angemeldet und nach 1 Jahr! haben wir den ersehnten Termin bekommen. Dort wurde leider ADHS festgestellt. Eine Medikamentengabe wurde empfohlen, musste aber nicht sofort erfolgen da er in der Schule trotzdem noch gut mitkam. Seine Lehrerin ist von einer Medikamentengabe auch nicht überzeugt und meinte sie käme gut mit ihm aus(Einzelsitzplatz vor dem Lehrerpult, im Stuhlkreis an Ihrer Seite,etc.).
Wenn es Probleme geben sollte würde sie sich jederzeit melden.
Nun hat sie uns bei einem Gespräch empfohlen den mobilen Dienst für den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung einzuschalten da es auf einmal im Unterricht und in den Pausen doch nicht alles so gut läuft. Ich weiß nicht was der mobile Dienst ist und war natürlich recht zögerlich, da meinte Sie nur Sie bräuche nicht unser Einverständnis dafür!
Ich würde gerne wissen wie oft der mobile Dienst in die Schule kommt und ob der überhaupt hilfreich ist. Ich muß sagen, wir kommen sehr gut mit unserem Sohn aus, hilfe such ich in der Erziehung nicht.
Hat jemand Erfahrung damit?

Antworten:

Hallo Liane,

willkommen hier im Forum. Ich war damals sehr froh, als bei meinem Sohn ADHS festgestellt wurde, denn nun gab es eine Erklärung für sein Verhalten und all die fehlgeschlagenen Versuche ihn zu unterstützen. Er war damals 11 Jahre und ich wäre froh gewesen, ihm und uns wären die Jahre zuvor und die negativen Erfahrungen erspart geblieben.

Er hat die Grundschule ohne Diagnose durchlaufen und dennoch als bester Junge in der 4. Klasse abgeschnitten mit einer klaren Gymnasialempfehlung. Du siehst, Kinder mit ADHS müssen nicht immer Schwierigkeiten mit dem Lernen in der Schule haben. Dennoch waren diese Jahre der Horror für ihn und uns.

Mehr als das Lernen zählt in der Schule nämlich das soziale Verhalten. Unser Sohn hatte auch einen Einzelplatz, viele Konflikte in der Pause, aber auch vor der Klassenraumtür, beim Jacken anziehen und auch auf dem Schulweg. Während der Unterrichtsstunden musste er trotz vieler Sondervereinbarungen von der Lehrerin permanent auf die Unterrichtsregeln hingewiesen werden.

Das alles hat ihm sehr zugesetzt und ihn sehr unglücklich gemacht. Die Schulkameraden haben sich von ihm ferngehalten oder später haben sie ihn provoziert und all ihren Frust an ihm abgelassen. Unser Sohn hatte seine Rolle nach wenigen Schulwochen weg.

Klassenkameraden merken sehr schnell, wenn ein Kind beständig ein Verhalten zeigt, das von den Erwartungen abweicht. Dieses Kind wird schnell zum Außenseiter. Es hat dann nur noch die Möglichkeit zu anderen Außenseitern Kontakt aufzunehmen, aber glücklich ist ein Kind dabei nicht.

Die Rollen, die Kinder in einer Klasse einnehmen, festigen sich sehr schnell. Das geschieht in den ersten Wochen, wenn die Kinder aus den verschiedenen Kindergärten sich kennen lernen. Bis zu den Herbstferien entsteht meist schon ein festes Gefüge. Danach ist es einem Kind fast unmöglich die ihm zugeschriebene Rolle wieder zu verlassen. Erwachsene können ihre Meinung aktiv ändern, wenn sie eine Verbesserung des Verhaltens bemerken, Kinder verfügen noch nicht über diese Möglichkeit, deshalb bleibt die Rolle in der Kindergruppe meist die gleiche, auch wenn eine positive Veränderung des Verhaltens eintritt.

Der mobile Dienst wurde im Rahmen der Inklusion geschaffen. Dies sind Sonderpädagogen, die Kinder in der Klasse oder in der Einzelförderung unterstützen. Meist mögen die Kinder diese Unterstützung, denn Kinder mit ADHS zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie wollen, aber nicht können.

Es macht mich aber der frühe Zeitpunkt hellhörig. Üblicherweise geben die Lehrkräfte im ersten Schuljahr den Kindern bis zu den Herbstferien Zeit in der Schule anzukommen und sich einzufinden. Wenn eine Lehrerin so kurz nach Schuljahresbeginn den mobilen Dienst einschalten will, dann brennt die Hütte.

Dass die Lehrerin das euch nicht offen sagt, entspricht der Alltagserfahrung. Meist haben die Lehrkräfte Angst so offen mit den Eltern zu reden, vor allem zu einem so frühen Zeitpunkt im Schuljahr, weil sie Angst haben von den Eltern abgestempelt zu werden als eine Lehrkraft, die den Kindern keine Chance gibt, nur das Negative sieht, sich ein vorschnelles Urteil erlaubt, das Kind nicht mag, etc. Sie holen sich dann gerne über den mobilen Dienst eine weitere Fachkraft ins Boot um den Eltern gegenüber nicht alleine auftreten zu müssen.

Sieh es als Hinweis, dass dein Sohn dringend Hilfe braucht.

von Dagmar D. - am 30.08.2013 14:33
Hallo Dagmar D.,
vielen Dank für die schnelle Antwort. Mir ist aufgefallen, dass ich mich gestern Abend nicht ganz verständlich ausgedrückt habe, war spät abends und hab versucht mich kurz zu halten.
Also, mein Sohn wurde schon letztes Jahr eingeschult und die Diagnose hat er im Februar diesen Jahres bekommen. Ich hab der Lehrerin den Bericht gleich gezeigt, und sie meinte sie würde im Moment gut mit ihm klar kommen. Nun bat sie mich vor ein paar Tagen um dieses Gespräch bei dem sie mir den mobilen Dienst "empfahl".
Ich hab mich auch schon mit dem Spz in dem er war wieder in Verbindung gesetzt, dass wir es mit der Medikamentengabe versuchen möchten. Ich habe hier im Forum viel gutes darüber gelesen und speziell die Berichte von Erwachsenen die dieses Medikament selber nehmen und damit sehr zufrieden sind machen mir Mut.
Naja, bloß beim SPZ ist immer eine lange Wartezeit bis man überhaupt einen Termin bekommt.
Was bei den Untersuchungen im Februar auffiel im SPZ ist, dass er trotz seiner Unruhe und ständigen Zwischenfragen ein sehr gutes Ergebnis hatte. Die Psychaterin sagte uns, dass viele Kinder in einigen Bereichen sehr gut sind dafür aber in anderen Bereichen Schwächen hätten. Bei Ihm ist durchweg in keinem Bereich eine Schwäche zu sehen, er ist überall etwas über dem Durschnitt. Das ist wohl selten meinte sie.
Leider merkt seine Lehrerin davon nichts wenn er beim Lesen manchmal sogar die Buchstaben nicht mehr weiß.
Er leidet im Moment sehr in der Schule, da er ständig ermahnt wird. Er ist sehr sensibel, was aber keiner merkt. Jetzt meinte die Lehrerin andeutungsweise es wäre ein erzieherisches Problem. Er wollte z.B. seine Jacke draußen nicht anziehen und hat sich geweigert. Am Ende hat er sie doch angezogen und zu seiner Lehrerin gesagt:Ich hasse Dich. Sie meinte man müsse viel an ihm arbeiten und dass harte Wochen auf einem zukommen wenn der mobile Dienst eingeschaltet wird. Ich scheue mich nicht davor, er war früher sogar noch weniger Kompromissbereit doch jetzt kann ich mit ihm vernünftiger reden und ich muß sagen, er ist so wie er ist und ich liebe ihn wie er ist. Ich weiß wenn er wütend ist oder impulsiv, ist es nicht um mich zu ärgern, dann ist es eigentlich nicht so schwer.
Man braucht viel Geduld mit ihm wenn man z.B. manche Dinge häufig wiederholen muss bis er zuhört. Aber ich möchte gar nicht seinen Willen versuchen zu brechen. Wenn ich jemand möchte der auf meinem Befehl sofort gehorcht, hole ich mir einen Hund.
Ich mache mir Sorgen bei diesem mobilen Dienst, dass sie sagen er wäre nicht tragbar an einer normalen Schule und müsse an eine Förderschule. Oder wenn man deren Maßnahmen nicht folgt und sich eigene Ärzte und Therapeuten sucht, was machen die dann? Sein Kinderarzt kennt ihn von Geburt an, bei dem habe ich auch ein Gesprächstermin schon vereinbart. Und bei dem wollen wir bleiben. Schreiben die einem was vor oder helfen die wirklich?

von liane79 - am 30.08.2013 20:20
Hallo Liane,

wenn dein Sohn schon im zweiten Schuljahr ist, ist es nicht ganz so dramatisch wie ich erst dachte, aber ein so früher Hinweis auf den mobilien Dienst im Schuljahr ist schon sehr ungewöhnlich.

Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass dein Kind auf eine Förderschule geschickt wird, das geht in Zeiten der Inklusion nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Eltern - sonst nicht. Jedes Kind hat das Recht auf einen Schulplatz in der für es zuständigen Grundschule.

Der mobile Dienst kann dir auch nicht vorschreiben zu einem bestimmten Arzt oder Therapeuten zu gehen. Es gibt in Deutschland die freie Arztwahl, die kann nicht von Seiten der Schule eingeschränkt werden.

Wenn die Lehrerin bei ADHS allerdings von einem Erziehungsthema spricht, dann hat sie nicht verstanden was ADHS ist. Dann würde ich auch ihre Aussagen zum Thema Medikament nicht auf die Goldwaage legen.

Im Alter eines Kindes sind 4 Wochen eine lange Zeit, da passiert viel Entwicklung. Wenn nun das SPZ bei einem bekannten Kind keinen schnelleren Termin ausgibt, dann ist das eine Missachtung des Wohlbefindens dieses Kindes. Ich kann dir nur empfehlen, Kontakt zu einer Elterngruppe in deiner Umgebung aufzunehmen und den Arzt zu wechseln.

Was du über deinen Sohn schreibst, das Vergessen der Buchstaben, die Wutanfälle, die Äußerung gegenüber der Lehrerin, das nicht befolgen von Arbeitsaufträgen, ist alles typisch für Kinder mit ADHS. Diese Kinder haneln aber nicht so, weil sie nicht gut erzogen sind, sondern weil sie aufgrund ihres ADHS blockiert sind, sie können einfach nicht anders - obwohl sie sich anders verhalten wollen. Und das ist das Schwierige: Wenn ein Kind merkt, dass es was will, aber dieses nicht umsetzen kann, dann leidet es. Und daraus entstehen viele sekundäre Folgeprobleme in der Entwicklung des Kindes.

Du schreibst, du möchtest kein Kind, das auf Befehle gehorcht. Das ist gut so. Es ist dennoch nicht der freie Wille deines Kindes nicht zu hören oder die Aufforderungen nicht umzusetzen. Im Gegenteil: Ein Kind in diesem Alter möchte gerne das tun, was die Mutter oder die Lehrerin sagt. Nur das ADHS macht ihm ein Strich durch die Rechnung. Dein Sohn kann nicht umsetzen was er will.

Das heißt du kannst ihm helfen, indem du zu Hause darauf achtest Dinge nur einmal zu sagen und eine Reaktion von deinem Sohn einforderst. Weil es ihm mit seinem ADHS schwer fällt, soll er dafür anschließend gelobt, d.h. positiv verstärkt werden. So kannst du ihm helfen Kompensationsstrategien zu erlernen, die ihm helfen können, Herr über sein Verhalten zu werden. Das fördert das Selbstwirksamkeitserleben und damit auch das Selbstwertgefühl.

von Dagmar D. - am 01.09.2013 12:00
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