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Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
9
Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 2 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
Mama24, Dagmar D., Monkele, JOMAMA

Ich bin hier neu...

Startbeitrag von Mama24 am 29.04.2015 13:29

Hallo an alle,

ich bin hier neu und vielleicht bisschen früh, da meine Tochter erst zwei Jahre alt ist.

Vielleicht könnte mir jemand ein Tipp geben, was wir in unserer Situation machen sollen.

Dadurch, dass meine Kleine erst 2 ist, werden wir nie ernst genommen.
Sie ist auffällig seit ihrer Geburt. Ein Schreibaby, Schlafprobleme, Probleme mit dem Essen (als Säugling).
Momentan ist sie nur in Bewegung, hat viele Wutanfälle, schreit ohne einen erkennbaren Grund, spielt kaum, schläft schlecht. Oft haut sie mit dem Spielzeug gegen den Boden oder Möbeln, ohne dass irgendwas war, was sie ärgern konnte. Sie ist oft überdreht und überreizt. Quengelt ständig und will dass ich immer bei ihr bin.
Sie kann nicht warten.
Sie kann nicht eine Sekunde ruhig sitzen. Egal was sie anfängt zu machen, unterbricht sie es plötzlich und geht zu der nächsten Sache.
Sie ist überempfindlich und schreckhaft.
Auf jede Änderung reagiert sie extrem. Ortwechsel ist ein Albtraum.

Wir sind mit meinem Mann sehr oft einfach hilflos und wissen nicht, wie wir sie zufrieden stellen können. Natürlich haben wir Verdacht auf ADHS.

Ich weiß ohne Diagnose kann man noch nichts sagen, aber bei diesen Symptomen habe ich schon die Hoffnung verloren, dass es einfach eines Tages plötzlich alles gut wird.

Wir waren mit ihr bei Kinderärzten, sie war untersucht (körperlich alles ok, außer dass sie einen leichten Neurodermitis hat), waren auch bei einem Schreiambulanz, bei einer Kinderpsychologin.
Wir werden fast überall nicht ernst genommen und es wird uns gesagt, dass die Kleine erst zwei ist und man muss erst abwarten...

Ist das wirklich so? Habt ihr auch in dem Alter nichts unternommen?
Ich bin immer der Meinung, dass man nicht früh genug anfangen kann.

Ich sehe jeden Tag zu, wie meine Tochter leidet und mir fällt es schwer, so tun als alles in Ordnung wäre. Ich fühle mich total erschöpft, allein gelassen und weiß nicht mehr weiter.

Habt ihr hier Erfahrungen? Was können wir machen? Wo können wir uns wenden?

Wir wohnen in Frankfurt am Main.

Ich wäre sehr dankbar für Eure Rückmeldung.

Vielen Dank voraus.

Mama24

Antworten:

Liebe Mama24,

bitte hab etwas Geduld für Antworten, so viel wie früher ist hier leider nicht mehr los.

Ja, es ist schwierig, wenn man alles tut und helfen möchte und manchmal - oder oft - einfach hilflos daneben steht.
Alleine die Schlafschwierigkeiten rauben einem so viel Kraft.

Unser Sohn - mittlerweile gut über 20 - schlief schon als Säugling in 24 Stunden nur 12 Stunden und das über den Tag und die Nacht verteilt in kleinen Portionen. Die ersten 3 Jahre musste ich mit 4 - 5 Stunden Schlaf auskommen und da war es auch kein Wunder, dass viel anderes auf der Strecke geblieben ist. Bei einer Bekannten, deren Sohn am gleichen Tag geboren ist, war immer alles tiptop, sie hat Kuchen gebacken, für den Verein Geschenke organisiert und schön verpackt, ich kam mir wie der totale Versager vor.

Die Diagnose haben wir dann erst in der 3. Klasse bekommen. Und auch wenn es dann trotzdem nicht leicht war, so war es doch für mich eine Erklärung, dass alles auch einen Grund hat.

Sicher kann man in so früher Kindheit keine genaue Diagnose stellen.
Aber man kann vielleicht mit der Ahnung im Hinterkopf manche Situationen im Voraus entschärfen. Das fängt mit einfachen Sachen an. Also vielleicht nicht sagen: möchtest Du Wasser oder Apfelsaft sondern "möchtest Du ein Glas Wasser?"

Vielleicht gibt es ja bei Euch in der Nähe eine Selbsthilfegruppe wo Du mal nachfragen kannst. Frankfurt ist da sicher besser bestückt als hier bei uns auf dem Land. Und Dagmar kann Dir sicherlich auch noch Tipps geben.

Aber wie gesagt, so gut besucht wie früher ist die Seite leider nicht mehr.

Trotzdem hilft es, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist.
Und unser Sohn ist auch seinen Weg gegangen und viele andere Kinder hier auch !!!! Und Ihr schafft das sicher auch.

Gebt nicht auf und vor allem versucht es so zu sehen, dass das Kind zwar anders aber nicht böse oder bösartig ist. Das hat mir persönlich sehr geholfen.

Vielleicht wäre auch eine Frühförderstelle ein guter Anlaufpunkt. Das hat unserem Sohn gut gefallen. Ich weiß aber nicht mehr ab welchen Alter da die Förderung anfängt. Und nein, das hat nichts mit zu wenig Intelligenz zu tun, sondern einfach mit dem Förderbedarf :)

Ich schicke Euch mal ein virtuelles Kraftpaket und Kopf hoch und haltet durch, es lohnt sich !!!

Liebe Grüße

Moni

von Monkele - am 29.04.2015 16:16
Hallo,

ich kann dich gut verstehen. Bei manchen Kindern fällt ihre besondere Entwicklung schon sehr früh auf. Unser Ältester war auch ein Schreibaby und sehr unruhig, genauso wie du dein Kind beschreibst. Er konnte auch nicht spielen, räumte alles aus, aber blieb nur wenige Sekunden bei einem Spiel. Ich konnte ihn nie aus den Augen lassen.

Was mit ihm gut ging war rausgehen. Ich war bei jedem Wetter stundenlang draußen mit ihm spazieren. Er hatte eine unglaubliche Kondition, so dass wir schon sehr schnell nachdem er laufen konnte, ohne Kinderwagen unterwegs waren. Draußen hatte er gute Laune, ich denke, weil er sich bewegen konnte und weil es ständig etwas Neues zu sehen gab. Evtl. ist das auch eine Möglichkeit für euch, das Wetter wird nun ja schöner.

Da ADHS sich vererbt, wäre ich damals froh gewesen über mein eigenes ADHS Bescheid zu wissen. Wenn ich damals schon die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung gehabt hätte, wäre ich ruhiger und strukturierter gewesen. Das hätte möglicherweise dazu geführt, dass ich nicht auf die ganzen Ablenkungen meines Sohnes eingegangen wäre, sondern viel früher mit ihm trainiert hätte bei einer Sache zu bleiben.

Was mir sehr geholfen hat, war ein Elterntraining, das gibt es auch schon für Eltern jüngerer Kinder, weil es gerade dann wirksam ist. Dort kann man viele gute Strategien lernen, wie man viele Dinge schon früh anbahnen kann, damit die Kinder schon ganz früh Kompensationsstrategien lernen können. Ich sehe das an meinem Enkelkind, der 1,5 Jahre ist. Man kann da wirklich schon viel anbahnen, was ich damals aus Unkenntnis bei meinen eigenen Kindern noch nicht konnte. Da fühlte ich mich einfach nur hilflos.

Hier im Forum nennen wir keine Ärztenamen, aber es gibt in Frankfurt eine Ärztin, die sich hervorragend mit den kleinen auskennt. Wenn du mir eine Mail schreibst, kann ich dir die Adresse von ihr und von einer Elterntrainerin schicken.

von Dagmar D. - am 29.04.2015 17:07
Hallo zusammen,

vielen herzlichen Dank für die schnellen und netten Antworten!
Damit hatte ich nicht gerechnet.

Es ist schön zu lesen, dass eure Kinder es geschafft haben.
Wenn ich die ganzen Berichte über Aggression, Drogenkonsum, Depressionen usw. lese, fehlt mir die Kraft weiter zu machen.

Auch wie ihr schreibt, man fühlt sich ständig schlecht damit, wenn man drum herum die allen glücklichen Kindern und Familien sieht, wo alles so leicht ist. So viele Bekannten von uns haben jetzt auch Babys bekommen und dort sieht immer nach einem vollkommen, normalen Alltag.
Man fragt sich immer, wieso bei uns nicht?

Viele Familienangehörigen verstehen uns nicht und suchen Schuld in unserer Einstellung oder geben "wunderbare" Tipps, wie aus den Büchern über perfekte Babys. Mit manchen haben wir sogar kaum Kontakt mehr, da sie uns nur mit ihren Aussagen deprimieren.

Danke auch für Eure Tipps.
Vieles setzen wir schon um. Spaziergänge und Spielplatz machen wir jeden Tag. Ohne würde es gar nicht gehen.

Auch Rituale, viel Bewegung, Reduzierung von Reizen, kein Fernsehen, wenig Radio usw.

Eine Selbsthilfegruppe habe ich nicht so wirklich gefunden.
Ich habe schon bisschen recherchiert und nachgefragt. Da meine Tochter noch so klein ist, habe ich nach einer Gruppe mit Schreibabys gesucht und mich gewundert, dass ich in Frankfurt nichts gefunden habe.

Mit dem Schlafen ist momentan bisschen besser. Die letzten zwei Wochen hat sie ab und zu geschafft durchzuschlafen. Das Problem ist, ich habe den Eindruck, sie erholt sich trotzdem nicht. Eine Stunde nach dem Aufstehen wirkt sie völlig übermüdet.
Trotzdem ist das schon ein Fortschritt im Vergleich zu früher.

Die Frühförderung haben wir bereits beantragt. Es wurde abgelehnt, nachdem eine Ärztin meine Tochter 10 Minuten gesehen hatte und sagte in dem Alter weinen und quengeln alle Kinder und das ist kein Grund für eine Frühförderung. Sie hätte doch keine schwere Behinderung, sagte die Ärztin. Ich konnte es einfach nicht glauben.
Wir haben jetzt den Antrag noch mal gestellt.

Wenn eure Kinder die Frühförderung hatten, was eure Meinung nach, hat geholfen?

Zu dem Thema Vererbung - ich überlege die ganze Zeit, ob jemand von uns, mein Mann oder ich ADHS haben könnte. Bis jetzt war die Erkrankung in der Familie kein Thema. Wir waren keine "auffälligen" Kinder.
Mein Mann ist unorganisiert und ich nervös, aber gleich ADHS, das hatte ich mir nie vorher gedacht.
Was ich dazu sagen muss, ich habe mir in der Schwangerschaft viele Gedanken und Sorgen über das Baby gemacht. Ich habe extrem und übertrieben auf Ernährung geachtet und wollte alles richtig machen. Ich hatte ständig Angst, dass dem Baby etwas passieren kann.
Dazu ist plötzlich mein Schwiegervater krank geworden und gestorben. Das war alles eine extreme Belastung für mich.
Ich mache mir jetzt Vorwürfe, dass es meine Schuld ist, dass die Kleine so unruhig ist.
Ich lese aber auch immer wieder bei fast allen, dass es sich um eine Vererbung handelt und überlege immer öfters, dass wir mit meinem Mann einen ADHS Test machen sollen.
Wo kann man es am besten in Frankfurt machen?
Wir wollten immer zwei oder drei Kinder haben. Jetzt habe ich Angst, dass die Geschwister auch die Erkrankung haben könnten. Das kann ich mir gar nicht vorstellen.

Die E-Mail schicke ich gerne, Dagmar. Vielen Dank!
Das wäre eine große Hilfe!

Ich habe die E-Mail - Adresse nirgendwo gesehen, aber auch noch nicht richtig danach gesucht. Ich schaue mal gleich.

Viele Grüße,

Mama24

von Mama24 - am 30.04.2015 12:26
Hallo Dagmar,

soll ich mich auf die allgemeine E-Mail Adresse melden, die auf der Homepage steht?

Gruß

Mama24

von Mama24 - am 30.04.2015 13:38
Hallo Mama24,

wenn Du auf Dagmars Namen oben im Text klickst, dann kannst Du eine email-Adresse sehen. Die würde ich nehmen.

Viele Grüße

Moni

von Monkele - am 03.05.2015 17:32
Hallo,

haben Sie inzwischen Kontakt mit der von Dagmar empfohlenen Ärztin aufgenommen?

Ich vermute, ihr Kind leidet an frühkindlichen Regulationsstörungen, einem Begriff, der bei den meisten Kinderärzten nicht bekannt ist, weil es im Studium nicht unterrichtet wird (wie ADHS!!!!).

Leider sind frühkindliche Regulationsstörungen, wie Sie selber vermuten, Vorboten einer AD(H)S. Schreibabys (mein Kind war auch eines) haben ein 14 Mal höheres Risiko, ab 6 Jahren eine AD(H)S Diagnose zu bekommen. So war es bei meinem Sohn und seinem Cousin auch, beide Schreibabys mit Schlafstörungen, beim Cousin zusätzlich Futterstörung, beide als Kleinkinder hyperaktiv, mit häufigen Wutanfällen, beide mit großen Konzentrationsstörungen in der Schule und bei den Hausaufgaben, starke Vergesslichkeit (Schulhefte und -bücher sehr oft vergessen, Hausaufgaben nicht oder nicht vollständig aufgeschrieben, Schale, Mützen verloren-Mein Mann, mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst betroffen, hat sogar seinen Schulranzen in der Grundschule 2 Mal verloren!), große Beziehungsprobleme mit Gleichaltrigen, Eltern, Großeltern (wegen der häufigen Wutanfälle, des dominierenden Verhalten gegenüber jüngeren Kindern, des oppositionellen Trotzverhalten).

Leider ist dieser Begriff den meisten Kinderärzten nicht bekannt und AD(H)S wird im Studium nicht unterrichtet (Aussage einer befreundeten Allgemeinärztin, die ihr Studium vor ca 10 Jahren abgeschlossen hat). Die Assistenzärzte, die meinen Sohn nach seiner Diagnose betreut haben, hatten selber ihr Wissen über AD(H)S von Kollegen. Bei der 2. Ärztin (seit 3 Wochen als Ärztin tätig!) war das Wissen gleich Null, sie hatte einen "Spickzettel" auf dem Tisch und beantwortete meine Fragen erst, nachdem sie es gelesen hatte).

Eltern von Kindern mit Regulationsstörungen werden deswegen sehr oft nicht ernst genommen.

Aber eines könnte Ihnen vielleicht helfen: die Münchner Schreibabyambulanz von Prof.Papousek-die Entdeckerin der Regulationsstörungen- bildet seit 10 Jahren Kinderpsychologen aus. So auch der Kinderpsychologe der Caritas Frühförderung, der meinen Sohn zwischen dem 4. und 7. Monat betreut hat. Die Intervention war sehr erfolgreich, mein Sohn war nach jedem Besuch dank der guten Tipps immer ruhiger, schlief tagsüber deutlich länger und mit 6 Monaten schlief er endlich durch (vorher wachte er alle 2-3. Stunde auf und schlief tagsüber 2-3 Mal eine halbe Stunde).

Sie waren bereits bei einer Schreiambulanz, aber nicht jede Ambulanz arbeitet nach dem wissenschaftlich untersuchten Konzept von Prof.Papousek, der nachweislich 80% der Eltern von Kindern mit Regulationsstörungen helfen kann.

Vielleicht können Sie dort anrufen und fragen, ob ein Kinderpsychologe in ihrer Nähe nach ihrem Konzept arbeitet.

Vielleicht könnte Osteopathie und Homöopathie zusätzlich helfen, die Probleme zu lindern. Ich bin kein Fan dieser Alternativverfahren bei AD(H)S Kindern als alleinige Therapieverfahren, aber bis zum Alter von 6 Jahren dürfen Kinder mit AD(H)S nicht mit Methylphenidat behandelt werden (und die Diagnose durch Konzentrationstests ist erst ab 6 Jahren möglich). Beide Verfahren haben bei meinem Sohn tatsächlich eine Linderung hervorgerufen (genau wie bei meiner Tochter, die bis zum Alter von 3 Monaten abends mehrere Stunden durchschrie und tagsüber nur im Tragetuch schlafen konnte. Nach einer einzigen osteopathischen Sitzung war der Spuk vorbei!), unter Homöopathie endete der Besuch eines Schulfreundes nicht in eine Rauferei wie üblich, sondern beide Kindern spielten den ganzen Nachmittag friedlich miteinander (und das 2 Mal nacheinander, zum großen Staunen der Mutter des Schulfreundes). Leider hat mein Mann die weitere Einnahme der homoöopathischen Mittel (vom Homöopathen gewählt) nicht genehmigt und das oppositionelle Trotzverhalten war nach Beendigung der Therapie wieder da. Wichtig ist aber, dass man keine Komplexmittel anwendet (wie Zappelin), sondern dass der Homöopath ein auf die Symptome des Kindes abgestimmten Mittel auswählt (Konzept der klassischen Homöopathie).

Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass dies bei ihrer Tochter auch wirken wird, aber einen Versuch ist es meiner Erfahrung nach wert.

Ob das allerdings langfristig ausreicht, um eine AD(H)S zu behandeln, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bezweifle es, aber wenn es im Alter von 2 Jahren wirkt, sprich nichts dagegen, es weiter parallell zu der multimodalen AD(H)S Therapie (Methylphenidat, Konzentrationstraining, Elterntraining, Ergotherapie, Logopädie , etc) anzuwenden.

Die Kosten für die Annamnese sind allerdings erheblich (180 € für 2 Stunden bei meinem Sohn). Danach wurde aber nur 20 bis 45 € pro Termin gerechnet (telefonischen Termin zu je 20 € alle 2-4 Wochen, Termin in der Praxis ca. alle 3 Monate).

Bei uns waren die ersten Erfolge so vielversprechend, dass ich wirklich jeder Mutter mit einem an frühkindlichen Störungen empfehlen würde, es zumindest für ein paar Monate zu probieren.

Ist das Kind allerdings 6 Jahre alt und kann auf AD(H)S getestet werden, dann empfehle ich, es trotzdem testen zu lassen und evtl. mit MPH zu probieren. Denn diese Therapie hilft nachweislich bei schwerer AD(H)S über 70% der Kinder. Unbehandelt kann eine schwere AD(H)S im Schulversagen trotz normaler, und sogar überdurchschnittlicher Intelligenz (oder Hochbegabung wie bei unserem Sohn) münden, erheblichen Beziehungsprobleme (solche Kinder ecken meist überall wegen ihres ungeduldigen, oft aggressiven Verhalten, zu Hause, bei den Großaltern, Cousins, im Kindergarten, in der Schule), psychologische Probleme (Depression, Ängste, leider auch Sucht).

Deswegen ist es sehr wichtig, Experten zu suchen, die sich mit Regulationsstörungen und AD(H)S gut auskennen. Die meisten Kinderärzte sind es leider nicht!

Hier möchte ich vor falschen Experten warnen, wie manche Kinderpsychologen, die AD(H)S als "Modekrankheit" , Ritalin als eine "Droge" betrachten und kindlichen Verhaltensstörungen immer als Folge eines schädlichen Milieu, vor Allem wenn die Mutter als Folge der jahrelangen Belastungen an Depression leidet und die Erziehungsschwierigkeit zu erheblich Elternstreiten geführt haben. Sie verwechseln dabei Ursachen und Wirkung, denn 40% der Mütter von AD(H)S Kinder leiden irgendwann an Depression und 50% der Eltern von AD(H)S Kindern trennen sich irgendwann (wahrscheinlich auch, weil einer der Eltern selbst an AD(H)S leidet, was bei 35% der Kinder mit AD(H)S der Fall ist).

So war es bei uns, als unser Sohn mit 9 Jahren in der Psychiatrie war (6 Wochen lang). Weil die Konzentrationstests nach dem Konzentrationstraining (mit 7 Jahren) wieder normal ausfielen, er im Folge gute Noten in der Grundschule schrieb, ich wegen der erheblichen Belastungen durch das oppositionelles, aggressive Trotzverhalten des Kindes und die Ehestreite immer wieder an depressiven Tiefs litt, bekamen wir von der zuständigen Kinderpsychologin zu hören, dass er nicht an AD(H)S litt, sondern an den Folgen der Ehestreite und der mütterlichen Depressionen (es sind in der Tat Risiken für die Entstehung von Verhaltensstörungen bei Kindern). Die Folge: unser Sohn musste ins Internat. 3 Jahre lang lief es in der Schule gut, dieses Jahr (7.Klasse) gab es sehr schlechte Noten (nur 5er und 6er in Math, Physik, deutlich schlechtere Noten als sonst in den anderen Fächern), so dass die Kinderärztin neue Konzentrationstests empfohlen hat.

Diese Kinderpsychologin hat uns in 6 Wochen eine halbe Stunde über die Verhaltensprobleme gefragt (1 Tag vor Entlassung) und sagte mir am Telefon, AD(H)S sei eine Modekrankheit (betrifft 5 bis 10% der Kinder, und wenn die Zahl der Diagnosen zunimmt, liegt es nur daran, dass mehr kranken Kinder untersucht werden, während die meisten Kinder vorher nie getestet wurden und deswegen ohne Diagnose blieben), Ritalin sei eine Droge, die Sie niemals Kindern geben würde. Die Kinderärztin im SPZ, die trotz inzwischen normalen Konzentrationstests, von einer AD(H)S überzeugt war und uns vorher MPH verschreiben wollte, um die Verhaltensstörungen zu lindern, durfte daraufhin kein MPH mehr verschreiben.

Daher kann ich euch nur dringend raten: sucht euch einen auf AD(H)S spezialisierten Kinderarzt oder Kinderpsychiater, lasse euch dabei von der nächsten Selbsthilfegruppe für Eltern von Schreibabys beraten, denn sie wissen in der Regel, welche Erfahrungen die Eltern der Gruppe mit den hiesigen Ärzten gemacht haben.

Grundsätzlich kann die SHG euch helfen, diese schwere Zeit zu verkraften. Denn meiner Erfahrung nach stoßen die meisten Eltern von AD(H)S Kindern auf große Ablehnung bei anderen Personen, die sehr oft die Verhaltensprobleme der Kinder als hausgemachte Probleme interpretieren. Es hagelt deshalb sehr oft Kritiken, Vorwürfe von Verwandten, Freunden, Bekannten, was Eltern (vor Allem Mütter) unter einem enormen zusätzlichen Druck setzen, und das obwohl sie selber sehr an den Verhaltensproblemen leiden (bis hin zu Depression, Ehetrennung!!!!). Deswegen kann der Austausch mit betroffenen Eltern sehr entlastend sein und die Erfahrung mit Therapeuten, Therapien kann auch sehr hilfreich sein.

Bleibt also nicht allein, sondern sucht den Kontakt mit Eltern von betroffenen Kindern. Da viele AD(H)S Kindern unter Regulationsstörungen leiden, werden Sie bestimmt in einer SHG für Eltern von AD(H)S Kindern Verständnis und Trost finden.

Von normalen Mutter-Kind-Gruppen rate ich aus leidvollen Erfahrungen ab, denn Mütter von normalen Kindern stempeln Mütter von AD(H)S Kindern sehr schnell als "Rabenmüttern" ab und statt Trost und Verständnis zu finden, wird man mit Vorwürfen, Kritiken, Aggressionen konfrontiert. Nicht betroffene Mütter (Eltern) können leider nicht verstehen, dass die Verhaltensstörungen angeboren, weil genetisch bedingt sind (AD(H)S ist zu über 80% genetisch bedingt). Die Vorwürfe machen das Leben zusätzlich schwerer und bereiten den Boden für Depressionen.

Noch einen Tipp: falls sie einen auf AD(H)S spezialisierten Arzt gefunden haben, indem Sie Vertrauen fassen können, machen Sie einen Termin für AD(H)S Tests (Konzentrationsteste) wenn das Kind bereits 5 Jahre alt ist. Denn die Konzentrationsteste sind m.E. erst mit 6 Jahren möglich und die Wartezeiten sind meist sehr lang (in unserem Fall Termin beim SPZ im Oktober ausgemacht, 1.Termin im Mai, Diagnose im Juli).

Vom SPZ rate ich ab, weil die Kinder dort entweder von Assistenzärzten mit wenigen Fachkenntnissen betreut werden oder von Kinderärzten, die neben AD(H)S viele weitere Erkrankungen diagnostizieren und behandeln, also m.E.n nicht immer das nötige Fachwissen über AD(H)S besitzen.

Besser ist es, eine auf AD(H)S spezialisierte Praxis aufzusuchen.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft, denn ein AD(H)S Kind zu erziehen, ist meist Schwerstarbeit, vor Allem wenn das Kind hyperaktiv ist und/oder an oppositionellem Trotzverhalten leiden. Meiner Erfahrung nach werden die Mütter viel zu oft in Stich gelassen, obwohl diese Störung ja zu erheblichen Schulproblemen, Beziehungsproblemen, psychologischen Problemen beim Kind und den Eltern führen kann. Es gibt leider viel zu wenige spezialisierte Praxen, in meiner Stadt gibt es z.B. nur das SPZ als Anlaufstelle, ich müsste mehr als 3 Stunden Fahrt in Kauf nehmen, wenn ich eine spezialisierte Praxis aufsuchen möchte. Hätte ich aber vor 6 Jahren geahnt, in welche Katastrophe die Betreuung unseres Sohnes im SPZ enden würde (die Kinderärztin dort empfahl nach 3 Jahren, das Kind von einem Kinderpsychiater untersuchen zu lassen), hätte ich mich von Anfang an bei der nächsten SHG nach einem guten AD(H)S Arzt erkundigt und hätte mein Kind von ihm betreuen lassen. Mein größter Fehler, war unserem ehemaligen Kinderarzt, der vom AD(H)S keine Ahnung hatte, vertraut zu haben (der eine mögliche AD(H)S immer verneint hatte, obwohl alles für eine AD(H)Sprach!!!!!) und später den Ärzten im SPZ. Spätestens als feststand, dass die Ärzte dort nicht kompetent waren, hätte ich einen auf AD(H)S spezialisierten Arzt aufsuchen müssen. Vielleicht wäre uns mit einer guten Betreuung viel erspart geblieben.



Alles Gute!!!!!!!

von JOMAMA - am 19.07.2015 09:24
Hallo,

vielen Dank für alle Antworten.

Ja, ich war bei der empfohlenen Ärztin. Also indirekt. Wir sind in der Praxis bei einer Sozialpädagogin, da meine Tochter erst 2 Jahre alt ist.

Es wurde uns gesagt, dass meine Tochter tatsächlich viele Symptome hat, die an ADHS deuten. Die Hyperaktivität ist dabei nicht sehr ausgeprägt, sondern eher die emotionellen Schwankungen.
Dass, sie eine Regulationsstörung hat, wissen wir seit sie 4 Monate alt ist. Bis dahin hatten wir noch gehofft, dass sich das von alleine erledigt. Die typischen 3 Monate...Leider war es nicht so.

Auf jeden Fall, waren wir in der Praxis paar Mal gewesen. Bis jetzt habe ich nicht den Eindruck, dass ich weiter gekommen bin. Immerhin die Frau dort gibt sich Mühe und nimmt mich ernst. Sie meinte aber, man kann momentan nicht so viel machen, außer zu lernen mit ihrem Verhalten umzugehen und entsprechend zu reagieren.

Wie Du JOMAMA schreibst, es ist erschreckend, wie die meinsten Ärzte schlecht ausgebildet sind. Seit der Geburt suchen wir nach Hilfe, weil ich sofort gesehen habe, dass etwas nicht stimmt. Wir wurden von Ärzten, Hebammen, Psychologen oft schlecht verstanden, nicht ernst genommen, beschuldigt sogar ausgelacht. Und das in Deutschland, wo man denkt, Mittelalter ist doch vorbei...

Wir haben uns auch um eine Frühförderung bemüht. Die Ärztin in Gesundheitsamt lehnt leider den Antrag ständig ab, weil sie meine Tochter als völlig gesund sieht und mir sagt, ich soll ihr Verhalten mit der Erziehung beeinflussen.

Im SPZ waren wir auch. Dort war eine junge Frau (Studentin???). Die meinte, dass meine Tochter müde ist und deswegen unruhig usw...das alles war nur eine Zeitverlust.
Bei einer Psychologin, die auch Schreiambulanz führt, war ich auch. Sie hat nur gesagt, dass ich ein Problem habe, nicht meine Tochter und dass ich ein perfektes Kind haben möchte usw...

Ich weiß nicht, wo noch in Frankfurt ein guter Schreiambulanz ist.

Momentan nimmt meine Tochter homeopatische Globulis gegen agressivem Verhalten. Ich sehe aber keine Besserung.

Ich will nichts verpassen oder falsch machen.
Wir haben uns mit meinem Mann auf ADHS testen lassen. Keine von uns hat es. Ich denke ständig daran, dass ich in der Schwangerschaft mir zu viel Stress gemacht habe und dadurch meine Tochter so unruhig ist. Das bringt mich um. Ich versuche trotzdem ihr zu helfen, aber die Zeit läuft und ich habe den Eindruck, ich drehe mich im Kreis.

Momentan sind wir in der Mitte von der Trotzphase. Ich wusste, dass es kommen wird. Trozdem bin ich so entsetzt, depriemiert, hilflos, sprachlos...Ich hoffe, dass es mit dem Alter besser wird. Vielleicht bin ich naiv.
Viele trösten mich, wenn sie älter ist, versteht sie mehr und es wird besser. Ja, aber wenn sie es nicht steuern kann, bringt das uns nicht weiter.

In drei Wochen soll meine Tochter in eine Kinderkrippe gehen (Waldorfeinrichtung). Ich habe immer mehr Zweifel, dass es klappt. Ich habe Angst , dass ich gleich hören werde, meine Tochter passt sich nicht an, ist agressiv, kann nicht spielen usw...Sie schläft alleine nicht ein und schreit oft nach dem Aufwachen. Ich habe keine Lust drauf und ich würde am liebsten weit weg von dem Ganzen flüchten. Mein Mann erhofft sich viel davon, dass sie zwischen Kindern kommt und ist böse auf mich, dass ich so negativ denke. Er informiert sich aber nicht so viel über ADHS. Ich habe den Eindruck, er will nicht zugeben, dass unsere Tochter anderes ist. Ich kann es auch verstehen.

Was denkt ihr über die Kinderkrippe, bei der Regulationsstörung? Hat jemand von euch Erfahrungen, Tipps?

Mit anderen Müttern hatte ich bis jetzt gute Erfahrungen gemacht. Die meisten merken gar nichts. Ich weiß aber solange das Kind klein ist, wird ihm viel verziehen...Mit dem Alter kann sich das ändern. Was mich aber mehr depriemiert, ist anzusehen, wie es bei anderen so einfach funktioniert, wie sich andere Kinder ganz in Ruhe mit sich selbst beschäftigen. Ich kann es ganz schlecht verkraften und machmal kann ich kaum glauben, was bei uns passiert ist. Als ich schwanger war hatte ich an Vieles gedacht, Behinderungen usw. Aber auf so etwas würde ich nie im Leben kommen.

Ich habe sehr viel über ADHS gelesen und ich weiß nicht, wie ich die nächsten Jahre überleben soll. Nicht nur wegen Anstrengung, sondern auch zugucken, wie mein Kind ständig leidet und ausgegrenzt wird. Und auch in der Angst leben, dass sie es nicht schafft und in irgendwelcher Sucht endet.
Das würde ich nicht überleben. Sie ist so süß, charmant, schlau. Die Menschen auf der Straße können nicht genug zugucken. Ihre schlaue Augen und das Lächeln sind goldwert. Wir motivieren sie, loben, wann es nur geht, die Großeltern lieben sie über alles. Sie sind sehr offen und verstehen ihre Probleme. Stehen aber auch oft hilflos da und wissen nicht, wie sie auf ihr Verhalten reagieren sollen. Die Verwanschaft findet sie toll und glaubt kaum, dass sie Probleme haben könnte.
Manchmal glaube ich, bin ich verrückt und ich bilde mir das alles ein.
Danach kommen aber Momente, wo ich dann sicher sage, ADHS.
Ständiges Geschrei, Wutausbrüche, kaum Selbsbeschäftigung, lautes Reden, Schlafprobleme, anderen Kindern beim Spielen stören, nicht warten können, Überempfindlichkeit...es ist endlos.

Es ist furchtbar und ich kann es nicht verstehen, was mit unserem Leben passiert ist.
Ich habe ein großes Respekt vor euch allen, wie ihr das geschaft habt.
Ich hatte keine Ahnung, dass ein Leben so aussehen kann. Ich war so glücklich von der Krankheit wenig Ahnung zu haben. Jetzt weiß ich, was das ist. Eine Last, die ich nicht weiß, ob ich sie tragen kann.

Viele Grüße

Mama24

von Mama24 - am 31.07.2015 13:25
Hallo Mama24,

es ist in Frankfurt schwer eine Schreiambulanz zu finden, da dort sehr stark psychoanalytisch oder systemisch gearbeitet wird. Deshalb habe ich dir diese Ärztin empfohlen. Die ist auch Psychoanalytikerin, kennt sich aber auch mit Regulationsstörungen und ADHS aus.

Wenn deine Tochter nun neu in den Kindergarten kommt, würde ich erst mal nichts erzählen, sonst ist sie gleich im Fokus. Evtl. gewöhnt sie sich ja gut ein und viele Kinder machen in dieser neuen Umgebung einen riesigen Entwicklungsschritt.

Die Erzieherinnen sind im Umgang mit schwierigen Kindern geschult und vor allem, sie haben die Kinder nicht 24 Stunden am Tag. Deshalb können sie oft die Verhaltensweisen der Kinder besser kompensieren. Es wird dort wahrscheinlich erst mal vieles unter Eingewöhnung und Trotzphase laufen.

Ich drücke euch die Daumen, dass die Eingewöhnung gut verläuft und du auch mal die Zeit im Kiga nutzen kannst um wieder durchzuatmen und auch wieder neue Kraft zu schöpfen :-)

von Dagmar D. - am 15.08.2015 17:30
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