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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
3
Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 2 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
JOMAMA, Monkele, Naund

Puuuuuh...handle ich richtig???

Startbeitrag von Naund am 09.07.2015 13:37

Hallo an alle!

Bin neu hier und wende mich mal an euch, weil ich eure Meinung hören möchte.
Mein Racker ist 7 und der Verdacht besteht, dass er ADHS hat. Bin aber ziemlich verunsichert, ob ich auf der richtigen Fährte bin. Er weißt die typischen Symptome auf und möchte auch unbedingt geholfen bekommen, weil er merkt, seit er in der Schule ist, dass er eben starke Konzentrationsstörungen hat und oft hinten dran ist mit seinen Aufgaben. Er leidet stark darunter und weint auch oft deswegen. Alle Ärzte meinten bisher, dass meine Vermutung richtig ist. Die Tests finden aber erst im Sept. statt, weil es vorher keine Termine mehr ibt und über die Sommerferien hat die Praxis zu.....also warten wir eben, kann auch noch die Ferien ohne Medis verbringen.


Medis.........ohweh!!!!! Da grauts mir echt davor!!!! Wie wirken die bei euren Kids????

Bin dankbar um ede Antwort!!!!

LG, Martina.

Antworten:

Hallo Martina,

schade, dass Du bisher noch keine Antworten bekommen hast.

Ja, die Medis verursachen bei allen Eltern, die die Sache nicht leichtfertig handhaben ein komisches Gefühl. Das ist normal und auch richtig so denke ich.

Unser Sohn hat ab der 3. Klasse Medis bekommen. Mit Medis hat er einfach besser mitbekommen um was es geht - bei Anweisungen, beim Lernstoff, beim Miteinander mit anderen.

Mittlerweile ist er lange aus der Schule raus, hat seine Ausbildung abgeschlossen und braucht aktuell keine Medis mehr. Wobei ich das bei einem Arbeitsstellenwechsel nicht ausschließen möchte, dass er wieder etwas braucht.

Wichtig für uns damals war, zu erkennen, dass ein ADSler einfach anders "tickt", seine Stärken und Schwächen hat und das das nichts mit nicht wollen oder mit böse sein zu tun hat.
Lustigerweise haben wir dann vieles in unserer Familie auch mit anderen Augen gesehen, denn auch da lässt sich das ADS nicht wirklich verleugnen :) :) :)

ADSler haben auch Stärken, gehen manche Probleme anders an und finden gute Lösungen, wenn man sie denn lässt. Aber leider ist dafür im Schulsystem und auch teils im Berufsleben nicht viel Spielraum. Da kann die medikamentöse Behandlung helfen.

Ich wünsche Euch alles Gute, Kopf hoch und das wird schon !!!

LG
Moni

von Monkele - am 12.07.2015 16:32
Hallo Martina,

natürlich handeln Sie richtig, indem Sie ihn testen lassen! Nur so kann ihre Vermutung bestätigt werden und dem Kind geholfen werden!

Mamas haben oft ein feines Gespür, wenn bei ihrem Kind etwas nicht normal ist. So habe ich sehr früh geahnt, dass mein Sohn AD(H)S haben könnte. Der KIA, der ihn aber bei den Vorsorgeuntersuchungen höchstens 5 Min gesehen hat und bei den Testen, wo er sich typisch verhalten hat (keine Geduld, nach 5 Min wollte er bereits aufhören, hörte nicht, sprang immer wieder auf, um mit irgendwelchem Spielzeug zu spielen) nicht dabei war, hat meine Verdachte immer ignoriert. Bis die Lehrerin der 1.Klasse mir empfahl, ihn auf ADS testen zu lassen...ich hatte Recht!

Für das Medi: ich habe leider keine Langzeiterfahrungen damit, weil die Betreuung im SPZ durch 2 Assistenzärzte eine Katastrophe war (der 1. war erst seit 3 Monaten als Arzt tätig, die 2. seit 3 Wochen, in der Uni wird ADS nicht unterrichtet!) und ich das Ritalin nach 3 Tagen wegen des starken Rebound-Effekts abgesetzt habe (der 1. Arzt, der uns das Rezept 1 Woche vorher gegeben hatte, war für 2 Monate in Vaterschaftsurlaub und das Sekretariat wollte mir keinen neuen Termin mit einem anderen Arzt auf der Schnelle geben. 2 Monate später bekamen wir einen Termin mit einer 2. Assistentin, weil der 1. Arzt die Station gewechselt hatte. Sie war die komplette Anfängerin, hatte keine Ahnung von der Störung, so dass ich zuerst beschlossen habe, ihm kein Ritalin zu geben und dem SPZ den Rücken zu kehren).

Aber ich kann sagen: in den 4 Stunden nach der Einnahme war mein Sohn ein anderes Kind, als ob jemand auf einen Knopf gedrückt hätte (er leidet, wie 50% der Kinder mit ADS an oppositionnellem Trotzverhalten). Er war ruhig, gehorsam, hat sich in der Früh gleich die Zähne geputzt, nachdem ich ihn darum gebeten hatte und vor Allem hatte er seine Hausaufgaben (2.Klasse) zügig innerhalb 30 Min allein erledigt. In dieser Zeit konnte er sich dabei nicht länger als 5 Min konzentrieren, das Ganze war für beiden eine Qual, weil er sie nur mit meiner sehr aktive Hilfe erledigen konnte (er ist immer wieder aufgestanden, hat aus dem Fenster geschaut, hat ein Buch, ein Spielzeug genommen und war unfähig, das Ganze organisatorisch durchzuziehen). Und mit Ritalin, Hausis gleich erledigt, Kind zufrieden.

Leider war er nach ca 4-5 Stunden sehr aggressiv und dass 3 Tage nacheinander. Wäre ich gut beraten worden, hätte ich ihm das Ritalin weiter gegeben und zwar 3 Mal nacheinander, damit die Wirkung so lang wie möglich anhält (bis in den Spätnachmittag), was den Rebound-Effekt abschwächen soll.

Und der Arzt hätte ihm irgendwann ein Langzeitpräparat gegeben, der länger wirkt (6 bis 12 Std je nach Präparat) und der weniger Rebound-Effekt verursacht.

Aber ich wurde sehr schlecht beraten (ich bekam ein Rezept für Ritalin 20mg 1 Mal pro Tag, statt 3-4 Mal) und habe den Fehler gemacht, nicht einen Termin bei einem spezialisierten Kinderpsychiater ausgemacht zu haben, der mich wahrscheinlich viel besser beraten hätte.

Nach diesem gescheiterten Versuch hat er ein Konzentrationstraining im SPZ absolviert. Danach waren die Konzentrationstests deutlich besser und er konnte sich bei den HA merklich besser konzentrieren. Nach 1 Jahr war seine Konzentrationsfähigkeit normal, was ich selber bei den HA gut beobachten konnte (er konnte sie allein und zügig erledigen). Die Note in der 2., 3. und 4. Klasse waren gut, er konnte sogar auf Gymnasium gehen. In der 5. und 6. waren die Noten sogar gut bis sehr gut, ich dachte wirklich, wir hätten alles überstanden. Aber in der 7.Klasse hat er einen krassen Notenfall bekommen (von 1-2 auf 5er im Zeugnis), so dass die Kinderärztin neue Konzentrationstests empfohlen hat.

Aber er ist jetzt in der Pubertät (12), das oppositionelle Trotzverhalten ist nach wie vor vorhanden und er will nicht mehr zum SPZ. Ich fühle mich echt machtlos, zudem mein Mann mir nicht den Rücken stärkt, da er die Diagnose ADS von Anfang an abgelehnt habe (und das, obwohl er und sein Vater mir berichtet haben, als Kind Konzentrationsprobleme gehabt zu haben, als Erwachsene nach wie vor viele Symptome haben wie starke Impulsivität, Ungeduld, Desorganisiertheit, starke Vergesslichkeit und der Neffe meines Mannes, Sohn seiner Schwester, die Diagnose mit 10 Jahren bekommen habe).

Ich denke, für ihn ist es schon zu spät, er wird wohl nie eine richtige Behandlung bekommen. Mit einem kompetenten Kinderpsychiater an meiner Seite und einem Mann, der mich dabei unterstützt, wäre es sicher anders gewesen. Auch wenn man nicht ganz ausschließen kann, dass ein Kind in der Pubertät die medikamentöse Behandlung ablehnt...

Daher kann ich Ihnen nur raten, am Ball zu bleiben, und falls sie sich bei dem jetzigen Arzt nicht gut beraten fühlen, einen anderen zu suchen. Eine Selbsthilfegruppe in ihrer Nähe kann ihnen dabei bestimmt helfen. Ich meinerseits würde das jetzt machen und keinesfalls das Schicksal meines Kindes in die Hände von unerfahrenen Assistenzärzten im SPZ anvertrauen.

Ich kann ihnen auch nur raten, sich mit gleichgesinnten Müttern in einer SHG auszutauschen. Denn man erfährt damit wertvolle Tipps und der Erfahrungsaustausch entlastet sicher, weil man versteht, dass man ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Und lesen Sie so viel Sie können, um diese Störung und ihr Kind besser verstehen zu können.

Ach ja.. der Cousin meines Sohnes wurde zwar positiv getestet, aber nie behandelt, weil die Mutter (Schwester meines Mannes) die Diagnose ebenfalls nie akzeptiert hat (nicht kapiert?????). Das Kind wurde trotz normaler Intelligenz zum Schulversager (der Bruder war ein Einser Schüler und durfte zum Gymnasium), schaffte seinen Schulabschluss (Hauptschule) nur dank Wiederholung der letzten Klasse in einer Privatschule mit intensiver Hausaufgabenbetreuung, fand mit Unterstützung des Vaters eine Lehrstelle, wurde dort mehrfach ermahnt, das letzte Mal, weil er nach einem WE in Prag nicht am Montag in die Arbeit zurückkehrte, sondern erst 3 Tage später ohne Erlaubnis...fuhr am WE nach München, ohne dies den Eltern vorauszusagen und kehrte erst am frühen Vormittag heim, etc. Das sind die Folgen einer unbehandelten ADS!

Andere ADSler, die frühzeitig behandelt werden, werden dagegen vom Schulversager zum Einser Schüler und zu brillanten Studenten (Sohn einer Bekannten).

Daher handeln Sie sicher ganz richtig! Die Folgen einer unbehandelten ADS sind viel schlimmer als die Nebenwirkungen von Methylphenidat (dem Wirkstoff von Ritalin), die sich meist auf Appetitlosigkeit, Einschlafschwierigkeiten, usw. beschränken.

Leider muss ich auch sagen, dass ich zur Erholung 6 Wochen in einer psychosomatischen Klinik war, und dass wir auf unserer Station (20 Patienten ungefähr) 4 Eltern von ADS Kindern waren (2 Kinder und 2 Erwachsenen), allen mit den Nerven fix und fertig. Die 2 erwachsene Kinder waren drogensüchtig (ein Risiko dieser Störung), einer an einer Überdosis gestorben. Diese erwachsenen Kinder wurden nie richtig wegen ihrer ADS behandelt. Nicht jeder ADSler wird drogensüchtig, aber leider ist das Risiko bei diesen Kindern viel höher als bei den gesunden Kindern. Das ist für mich auch ein Grund, diese Erkrankung SEHR ernst zu nehmen und die Kinder so früh wie möglich zu behandeln.

Methylphenidat ist übrigens nur ein Baustein einer multimodalen Therapie, die auch Elterntraining (zum Erlernen von positiven Erziehungsmaßnahmen), Konzentrationstraining für das Kind und evtl. Ergotherapie (bei Störung der Fein-und Grobmotorik), Therapie der Legasthenie (wenn vorhanden), Psychotherapie bei emotionalen Problemen beinhaltet. Aber viele Kinder profitieren erst von den anderen Therapien, wenn sie mit MPH gut eingestellt sind. MPH hat den Vorteil, bereits nach 30 Min zu wirken und dem Kind zu erlauben, sich auf die Aktivitäten (Schule, Hausaufgaben, Freizeit, Therapien) zu konzentrieren. Ohne MPH sind die Erfolge der anderen Therapien erst nach vielen Monaten sichtbar oder bleiben bei manchen Kindern aus.

Bei oppositionellem Trotzverhalten (betrifft 50% der Kinder mit ADS) rate ich, mit MPH so früh wie möglich anzufangen, denn der Wirkstoff wirkt sich laut Kinderärztin positiv auf das Verhalten aus (was ich selber in diesem 3tägigen Versuch gut beobachten konnte).

Ich rate auch, den Versuch mit MPH (oder mit einer neuen Dosis, bei Dosiserhöhung z.B.) am WE zu starten (oder besser in den Ferien), denn damit kann man die Wirkung beim Kind viel besser beobachten. Sonst ist man auf das Feedback der Lehrerin angewiesen, um zu wissen, ob die gewählte Dosis wirkt, aber sie hat ja 20 andere Kinder zu beobachten und kann vielleicht es nicht so gut einschätzen.

Ansonsten soll Ritalin unretardiert (10 oder 20 mg oder mehr) alle 3-4 Stunden gegeben werden, denn es wirkt ja nicht länger. Damit wird gewährleistet, dass das Kind sich über den ganzen Vormittag, plus über den Nachmittag während der Hausaufgaben, gut konzentrieren kann (also z.B. um 7.30 Uhr, dann um 10.30 Uhr, dann um 13.30 Uhr, dann evtl. um 16.30 Uhr). Das wird leider nicht von allen Ärzten so gehandhabt (wir mussten Ritalin 10 mg nur ein Mal am Tag geben).

Ritalin wird zuerst nicht retardiert in steigenden Dosierungen gegeben (1. Woche : 5 mg, 2.Woche: 10 mg, wenn keine Wirkung, 3.Woche: 20 mg, usw.). Dann wird auf ein retardiertes Präparat gewechselt, der länger wirkt (Concerta z.B.). Jedes Kind reagiert unterschiedlich auf die Präparate, manche spüren eine gute Wirkung bei 10 mg (was unser Fall war), andere erst bei 30 mg. Daher ist die Beobachtung des Kindes sehr wichtig.

von JOMAMA - am 18.07.2015 21:51
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