Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
7
Erster Beitrag:
vor 2 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 1 Jahr, 12 Monaten
Beteiligte Autoren:
Hummelbine, Dagmar D., 19D295

Studium mit ADS

Startbeitrag von 19D295 am 19.12.2015 01:20

Hallo alle zusammen,

ich habe das Abitur erfolgreich abgeschlossen. Das war nicht immer einfach. Und am Ende stand sogar eine 2 vor dem Komma. Aber da auch ich am Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom leide, war es eine große Herausforderung. Mein Umfeld traute mir kein Abitur zu, nicht mal einen 10.Klasseabschluss. Das bestätigte mir nur, dass ich stets unterschätz wurde und die Leute sich von ihren Vorurteilen leiten ließen. Trotz all den Problemen die ich hatte, habe ich es geschafft.
Aber kurzzeitige Panikattacken, Grübeln und Zweifel machten mir das Leben schwerer.
Dazu muss man sagen das ich mit 16 die Medikamente (Medikinet) absetzte und fortan beschloss auf die Medizin komplett zu verzichten. Ja das war grauenvoll, man hat das Medikament ja seit dem 8.Lebensjahr bekommen und dann aufhören - es hatte Ähnlichkeit mit einem Drogenentzug. Das ich den "Entzug" schaffe war nicht klar und sicher, ich hätte auch daran scheitern können. Aufjeden Fall ich habe es geschafft und auf diesen Wege möchte ich dazu motivieren, auch anderen ein Absetzen der Medikamente als eine mögliche Option darzustellen.
Also Abitur geschafft, was dann?
Ganz klar Studium. Zu erst dachte ich hätte eine ernsthafte Chance bei der Bundeswehr. War auch beim Wehrdienstberater, alles besprochen, wurde auch nach Köln geladen ( Randnotiz: Längst nicht alle schaffen es nach Köln). Studium als Offizier im Bereich IT.
Klingt super aber dann kommen die ABER: von 30 Bewerbern schaffen es am Ende gerade mal 3-5. ( hätte ich das gewusst, wäre ich wohl gar nicht nach Köln zum "Dienstantritt" bzw. ACFÜKRBW.)
Hinzukommen noch Tests (Persönlichkeit, Arzt,Sport, Gruppensituation und Interview) bei denen die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft werden.
Ich war bis zum Interview gekommen und scheiterte wohl am Psychologen. Der betitelte mich schlicht als "Alkoholiker", weil ich maximal 2 Radler die Woche trinke, das ist auch nicht sicher aber naja...
Auf jeden Fall ich sei militärisch Unreif, es gäbe bessere Bewerber und so weiter aber dann wollte man mir entgegenkommen mit dem Angebot IT-Feldwebel. Das kam für nicht in Frage, weil warum habe ich denn dann Abitur gemacht?
Also Bundeswehr klares Nein. War natürlich ein herber Rückschlag aber ich habe es hingenommen. Denn ich wusste ich werde studieren, dann halt jetzt zivil.
Also gut ich war in Chemnitz mal Mitglied der Probeworkshops Programmierung und Robotertechnik und habe gesehen das könnte was sein, dass ich später mal machen könnte. Informatik hat mich schon in der Grundschule fasziniert bzw. damals der Computer. Ohne den Computer hätte ich wohl meine wahren Stärken nicht entdeckt!
So wies ich halt in frühen Jahren eine starke Begabung im Umgang auf und zeigte großes Interesse. Das ist bis heute so, nur das ich mittlerweile im Bereich Gestaltung und Programmierung Fuß gefasst habe, so zusagen meine Schwerpunkte gefunden habe. Das reicht von der Modellierung und Gestaltung von 3d Körpern und Modellen bis zur Programmierung in Java/C. Habe dazu auch eine Facharbeit verfasst und die war relativ gut. Das alles führte auch zu meiner Studienwahl Informatik Bachelor. Klar habe alles durchdacht, Wohnung und Finanzen, und mich so entschieden. Ich muss aber sagen, dass Studienleben ist mir komplett neu und unbekannt. Beruht viel auf Selbstständigkeit und Willen. Von meiner Familie werde ich bestens unterstützt und das ist echt super. Aber ich habe immer wieder mit Zweifeln und Sorgen/Ängsten zu tun. Das war (leider) immer so bei mir, aber das möchte ich ändern. Ich kann auch das Studium schaffen, der Wille ist da und das Wissen. Aber die Ängste und Sorgen? Leider auch. Das ist schade aber wenn ich es schaffe sie zu überwinden und zu meistern würde einem erfolgreichen und guten Leben nichts im Weg stehen. Dazu kommt bei mir eine Weizenunverträglichkeit, die mich manchmal stark stört bzw. in der Ernährung für Probleme sorgt. Aber zum Glück gibt's Dinkel, Roggen und Hafer.
So genug erzählt, welche Erfahrungen habt ihr mit Studium/Ausbildung?
Welche Tipps könnt ihr geben?

Danke im Voraus

Antworten:

Hallo,

erst einmal herzliche Glückwünsche zum Abitur :-) Da hast du schon einen großen Meilenstein geschafft.

Du hast recht, Kinder mit ADHS können eine gute Entwicklung machen, auch wenn es erst mal nicht so aussieht und die Schwierigkeiten im Vordergrund stehen. Du hast großes Glück, dass deine Eltern so aufmerksam waren, deine Schwierigkeiten beobachtet haben, sich ärztlichen Rat geholt haben und dir dann das Medikament gegeben haben. Sonst würdest du wahrscheinlich heute nicht mit einem so guten Schulabschluss da stehen.

Dass du mit 16 die Medikamente abgesetzt hast, ist völlig normal. Fast alle Jugendlichen wollen die Medikamente nicht mehr nehmen und glücklicherweise ist das bei vielen Jugendlichen nach der Pubertät auch nicht mehr nötig. Was du beschreibst sind allerdings keine Entzugserscheinungen, sondern einfach die Symptome deines ADHS, die nach dem Absetzen wieder sichtbar werden. Da wäre es gut, wenn du dich bei seriösen Quellen noch etwas informieren würdest.

Was du bei der Bundeswehr erlebt hast, ist der ganz normale Marathon zu Beginn einer Berufstätigkeit. Man schreibt Bewerbungen, wird eingeladen und am Ende hat meist ein anderer die Stelle, bis man mal selbst zum Zug kommt. Das wird dir noch öfter so gehen, das machen auch alle anderen jungen Leute durch. Du solltest dich innerlich wappnen, damit dich diese Erfahrungen nicht so runterziehen.

Als Tipp für dein Studium kann ich dir geben: Schaffe dir Tagesstrukturen. Mache dir einen Wochenplan, in den du deine Unizeiten, deine Lernzeiten, deine Sportzeiten, deine Relaxzeiten einträgst und halte dich an diesen Plan. Mit Informatik hast du dir ein sehr strukturiertes Studienfach ausgesucht, das wird dir eine große Hilfe sein.

Wenn deine "Ängste und Sorgen" dich beeinträchtigen, suche dir professionelle Hilfe. Du kannst dir einen Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie) suchen mit dem du deine Sorgen besprechen kannst. Dort bekommst du individuelle Hilfe, die genau auf deine Themen zugeschnitten ist.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg :-)

von Dagmar D. - am 19.12.2015 08:04
Wow, toll dass du es geschafft hast dich durchzusetzen und super, dass deine Eltern dich unterstützen. Wenn du sie auf dem laufenden hältst geben sie dir bestimmt Bestätigung. Anerkennung hat mich in meiner Ausbildung zur Erzieherin am besten motiviert. Manchmal auch die erstaunten Blicke der Leute die mir nichts zugetraut haben.
Da jedes Studium und jede Ausbildung anders ist, kann man schwer sagen was du für dich brauchen wirst. Sind die Professoren Leute die sich nicht zu sehr von den Studenten distanzieren und deine "Kollegen" nicht nur mit sich selbst beschäftigt, wird es sicherlich leichter sein und deine Zweifel werden sich vorallem auf den Stoff beziehen.
Die Sorgen und Zweifel kommen immer wieder. Hat jeder Mensch und wir halt etwas mehr. Was mir dann am besten geholfen hat, waren Freunde, sofern diese Zeit hatten und später meine Familie. Es motiviert mich wenn ich Sachen im Alltag im Griff behalte -- Ordnung und so...
Cool dass du 3D Sachen machst. Leider finde ich mit meinen 3 kleinen Jungs kaum Zeit um mich mit so was intensiv genug zu beschäftigen, zumal die Programme echt aufwendig sind(Photoshop ist für mich gefühlt ein Witz dagegen, aber mit kleinen Programmen, wie Sweethome3D macht das rumexperimentieren Spaß, da kann man auch mit etwas Phantasie das eigene Traumhaus so erstellen wie man es will). Gott sei dank fordern die sich meine Aufmerksamkeit effektiv ein

von Hummelbine - am 17.01.2016 23:39
Hallo Dagmar. Bist du selber von ADS/ ADHS betroffen oder jemand aus deiner Familie? Wie du schreibst würde ich letzteres vermuten - ich bin lediglich neugierig ob ich richtig liege, weil ich deine Aussagen so besser einordnen kann.
Es ist im übrigen von der schreibweise her nicht eindeutig, ob es sich bei den Entzugssxmptomen um die vorher beschriebenen Probleme handelte.
Informationen sind sicherlich wichtig, aber sich als Mensch zu kennen und ohne Standartantworten einschätzen zu können finde ich wertvoller. Ich habe mein Fachabbi übrigens ohne Medikamente gemacht, weil es in meiner Kindheit niemanden aufgefallen ist. Ein anderer ADHSler aus meiner Klasse hat auch mit abgesetzten Medikamenten bestanden, obwohl wir mit den Symptomen zu tun hatten. Das hat was mit Willenskraft und Nutzung von ADHS bedingten stärken zu tun.
Da ich weder die vor noch die Nachteile von Ritalin und Co. durch Eigenanwendung kenne kann ich es nur mit der Pille vergleichen (

von Hummelbine - am 18.01.2016 22:50
Ich bedanke mich für die Antworten.
Ja mittlerweile hat sich alles wieder eingependelt. Der Jahreswechsel und eine fiese Grippe machten es mir zu Neujahr etwas kompliziert.
Habe mich erholt und jetzt ist alles wieder im Lot.
Hummelbiene ich entschuldige mich für die späte Rückmeldung. Habe erst jetzt gesehen, dass Sie mir geantwortet haben.

von 19D295 - am 20.01.2016 19:56
Hallo Hummelbiene,

beides :-) Ich gehöre zu den Menschen, die das ADHS an ihre Kinder vererbt haben.

"ob es sich bei den Entzugssxmptomen um die vorher beschriebenen Probleme handelte."

Der Wirkstoff der ADHS-Medikamente macht Menschen mit ADHS nicht süchtig und verursacht deshalb auch keine Entzugserscheinungen. Das Hauptproblem ist immer das Vergessen der Medikamente. Wenn man sich nicht Rituale schafft, wann man das Medikament einnimmt, ist es vergessen.

Ich gehöre auch zu den Leuten, die eine Ausbildung und ein Studium ohne Medikamente geschafft habe. Bei mir waren aber die Schulstunden sehr viel strukturierter, als die Stunden heute sind. Heute in der Schule wird ganz viel Wert auf selbstständiges Arbeiten, Selbstorganisation und Selbstverantwortung gelegt, das alles war bei mir völlig anders. Mein Glück war, dass ich nicht heute zur Schule gehen muss, denn die genannten Punkte sind genau die Punkte, mit denen die meisten ADHS'ler Schwierigkeiten haben.

Ich habe dann noch ein zweites Studium mit Medikamenten gemacht und habe deshalb den Vergleich. Ich habe in den Vorlesungen wesentlich mehr mitbekommen, konnte meine Hausarbeiten wesentlich strukturierter schreiben und hatte wesentlich mehr Erfolg als in meinem ersten Studium. Dabei war mein 2. Studium sehr viel unstruktrurierter als mein 1. Studium. Ich bin natürlich auch froh den ersten Berufsabschnitt ohne Wissen um mein ADHS gut hinbekommen zu haben, aber ich weiß auch, dass ich das unter heutigen Schulbedingungen nicht geschafft hätte.

von Dagmar D. - am 22.01.2016 18:00
Wahrscheinlich kommt man als Mensch trotzdem irgendwann an den Punkt, wo man alleine für sich herausfinden muss, ob man etwas wofür man sich nicht selbst entschieden hat wirklich braucht.
Ich hatte mich nur gewundert, dass du dich scheinbar so stark für die Medikamente eingesetzt hast. Ich denke wer sich ohne wohler fühlt, ist auch im Recht. Und ich finde es schon schade, wenn Eltern eine Medikametation mit ihren Kindern anscheinend unzureichend besprechen so dass sie später das Gefühl haben, diese sei "aufgezwungen". So wie bei 19D295 anscheinend der Fall.... Zumindest denke ich das.
Gibt es eigentlich auch einen leichten Weg ADS im Erwachsenenalter diagnostizieren zu lassen? Ich bin etwas entnervt, dass keiner einem sagt: geh zu ...
Ich gehe jetzt in eine Selbsthilfegruppe und hoffe, dass ich beim nächsten Treffen dazu komme jemanden zu fragen, wie es hier vor Ort aussieht und im April (noch soo lang...) habe ich ein Beratungsgespräch mit einem erfahrenen ADSler (ehrenamtlich). Angesichts dessen, dass ich mich jetzt für einen neuen Job nach meiner Elternzeit (zu August) bewerben will und unbedingt vorher eine Lösung finden möchte, geht mir das alles zu schleppend. Das ADS Zentrum in Berlin Buch ist nicht erreichbar (weder Telefon noch Mail) und bis jetzt habe ich auch keinen Psychiater der sich mit dem Thema beschäftigt gefunden (Internet)

Beste Grüße

von Hummelbine - am 21.02.2016 15:43
Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.