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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
4
Erster Beitrag:
vor 2 Wochen, 6 Tagen
Letzter Beitrag:
vor 2 Wochen, 4 Tagen
Beteiligte Autoren:
Dagmar D., FrauBauersmann

Kommunikation mit anderen ...das Leugnen von ADHS

Startbeitrag von FrauBauersmann am 25.11.2017 15:27

Liebe alle,

wir sind neu hier und schreiben gerade gemeinsam, Vater und Mutter eines 9jährigen Sohnes, bei dem ADHS diagnostiziert wurde vor etwa einem Jahr und der jetzt kurz vor der Medikamenteneinnahme steht.

Wir versuchen gerade Neurofeedback, ich (die Mutter) lerne wie wahnsinnig mit ihm, damit er die 3. Klasse schafft, was derzeit nicht gut klappt. Wir haben eine große Familie, unser Sohn ist das dritte von vier Kindern, er hat noch Halbgeschwister, viele Cousins und Cousinen - also wir wissen, wovon wir reden und werden in unserem Bekanntenkreis auch normalerweise als "kompetente Eltern" angesehen.

Oder sollen wir besser sagen "wir wurden" als kompetente Eltern angesehen??? Denn seit wir uns über die ADHS Problematik ausgeheult haben im Freundeskreis und in der Familie, stehen wir als eiskalte Eislaufmutter plus karriereorientierter Vater da, die ihr nicht funktionierendes Kind mit Medikamenten erziehbar machen wollen. Die eine Diagnose erfinden um zu verschleiern, dass sie neben den anderen tollen Kindern auch einen kleinen Idioten gezeugt haben.

Uns wird vorgeworfen, dass wir unser Kind so behandeln, wie Katholiken Homosexuelle in den 50er Jahren umerziehen wollten...da habe man genauso über unterschiedliche Hirnfunktionsweisen geredet.
Uns wird vorgeworfen, dass alles unsere Schuld ist. Wir sind nicht entspannt, locker, freundlich genug.
Uns wird vorgeworfen, dass wir uns einfach nicht zufriedengeben damit, dass das Kind zu dumm ist.

Es gibt diejenigen, die kritisieren (siehe oben) und diejenigen, die auf unser gesamtes geballtes Seelenleid mit Floskeln wie "Du musst dich entspannen, nimm's nicht so ernst, er ist doch nur ein Kind, so sind Kinder eben" reagieren. Eigentlich genauso schlimm, diese Floskeln. Wir bemühen uns immer, Freunden in Not zu helfen mit Ratschlägen ohne sie zu verletzen.

Aber jetzt, wo wir Unterstützung brauchen würden, wo wir uns einfach nur auskotzen wollen, damit wir den Wahnsinn des Alltags ertragen können, wird unser Problem entweder klein geredet oder die Existenz des Problems in unseren Köpfen verortet.


Heute haben wir beide (weinend) diskutiert, ob wir mit manchen Freunden den Kontakt abbrechen sollen, weil uns ihre Vorurteile so verletzen. Wieviel Wahrheit wir der Familie überhaupt noch erzählen sollen. Wie wir es irgendwie zu zweit schaffen können, wenn wir niemanden finden, der uns versteht oder zumindest tröstet auch wenn er nicht versteht.

Wie habt Ihr das gemacht? Wir leben im Ausland, daher sind Selbsthilfegruppen leider keine Lösung, wir schaffen das zeitlich nicht - es dreht sich sowieso nur alles um die Kinder bei uns.
Habt Ihr irgendein Argument gefunden, dass die Zweifler überzeugt?


Eine bekannte Therapeutin hat gemeint, wir sollen die unterschiedlichen Hirne von ADHS/nicht ADHS Menschen als Bild herzeigen, das überzeugt alle. Irrtum. Da geht es erst recht los. "Das haben die Nazis auch gemacht, Hirne vergleichen, da kann man doch alles mögliche reinlesen,...."

Wir spüren jede Minute des Tages dass unser Sohn ADHS hat. Wie gescheit er ist, ist eigentlich nebensächlich für uns. Uns geht es darum, dass er sein Potenzial bestmöglich entfalten kann - ob als Bauarbeiter, Hochschulprofessor oder was auch immer.

Bitte sagt uns, wie Ihr die Kommunikation mit Euren Außenkontakten gestaltet habt, ob sich Euer Freundeskreis verändert hat und ob Ihr das Super-Argument gefunden habt!!!

Und ach ja, wenn Ihr uns ein bisschen trösten könntet, wären wir auch extrem froh. Wir funktionieren nur noch für die Kinder, wir haben uns selbst dabei verloren.

Alles Liebe

die Bauern

Antworten:

Hallo ihr beide,

oh ja, die Außenkontakte sind ein schwieriges Thema. Deshalb willkommen hier, hier macht euch keine Vorwürfe.

Was ihr hört ist ja schon sehr extrem. Allgemeines Unverständnis in der Umwelt aber eint die Eltern von Kindern mit ADHS. Wenn man sich in die anderen hineinversetzt, merkt man, dass die ihr Wissen nur aus den Medien haben. Und dort wird ADHS meist so dargestellt, dass schwierige Kinder von ehrgeizigen Eltern medikamentös ruhig gestellt werden, damit sie nicht mehr nerven.

Mir ist dieses Wochenende ein Spruch in die Hände gefallen:
"Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom." von Albert Einstein.

Der Spruch passt zu unserer Situation und beschreibt sie passend. Und das ist leider die schlechte Nachricht. Ihr werdet die Meinung eurer Freunde und Bekannten nicht ändern können. Ihr werdet kein Verständnis erhalten und es wird euch niemand Mut zusprechen. Das ist schlimm, aber es ist so - leider.

Man kann auch durch viele Erklärungen oder Bilder niemandem eine andere Meinung einpflanzen, sondern neue Einstellungen müssen erlernt werden und zum Lernen von Neuem braucht man eine Bereitschaft. Die sehe ich bei solch krassen Einstellungen und Kommentaren nicht.

Da bleibt nur zu sortieren. Wirkliche Freunde werden evtl. kein Verständnis entwickeln, aber sie werden euren Weg akzeptieren. Der Beziehung wegen. Alle anderen werden bei ihrer vorgefassten Meinung bleiben. Da stellt sich die Frage, ob ihr euch das antun müsst. Unsere Kinder mit einer ADHS brauchen ganz viel Kraft und Einsatz von uns. Da ist die Frage, ob man solche erwachsenen Energieräuber in seiner Umgebung noch braucht.

Aber was könnt ihr sonst noch tun? Ihr könntet euch in Internetforen austauschen, dort wird man verstanden und das tut gut. Ihr habt auch einen Arzt, der diagnostiziert und behandelt. Bei diesem könntet ihr einen Aushang machen und Gleichgesinnte suchen. Selbst wenn ihr nur ein oder zwei Elternpaare findet, so habt ihr Leute um euch herum mit denen man sich treffen oder telefonieren kann um sich auszutauschen. Ich finde den realen Austausch sehr wichtig, beim virtuellen Austausch kommt die persönliche Komponente manchmal zu kurz. Ihr könnt auch den Arzt mal fragen, wie viele Kinder mit ADHS er ungefähr behandelt. Evtl. könnt ihr auch eine kleine Selbsthilfegruppe gründen.

Ich sende euch ein dickes Kraftpaket :-)

von Dagmar D. - am 26.11.2017 18:04
Liebe Dagmar,

vielen Dank für Deine Antwort...so nett, wirklich, der erste "Sozialkontakt" seit Wochen, bei dem wir nicht gemaßregelt werden punkto ADHS.
Aber wie macht Ihr das? Du bist offenbar in einer Selbsthilfegruppe...empfehlt Ihr da, das Thema zu kommunizieren oder besser nicht drüber zu reden mit anderen? Das würde uns natürlich auch noch wahnsinnig interessieren.
Schönen Wochenendausklang noch

die Bauern

von FrauBauersmann - am 26.11.2017 21:51
Hallo :-)

Ich empfehle immer sehr zurückhaltend zu sein. Bei guten Freunden mal einen Testballon steigen zu lassen, mal erzählen, dass man was über ADHS gehört hat und die Reaktion abwarten. Bekannten gegenüber würde ich gar nichts erzählen.

Bei Lehrern sehe ich das ähnlich. Eher nichts erzählen, außer die Lehrkraft signalisiert vorher schon, wenn man über das Verhalten spricht, dass sie wirklich daran interessiert ist, das Kind zu fördern. Ansonsten heißt es nur, ich muss bei aller Belastung jetzt auch noch ein ADHS-Kind aushalten.

Meine Tochter hat nach einem Schulwechsel eine Klassenlehrerin bekommen, die wirklich wie ein Engel für sie war. Ein wahres Geschenk. Der habe ich als Testballon erzählt, dass der Bruder meiner Tochter ADHS hat. Ihre spontane Reaktion war zu fragen, ob ich auch mit Ritalin vergifte. Da war klar, dass ich ihr vom ADHS meiner Tochter nichts erzähle. Und obwohl sie nichts von ADHS wusste, hatte meine Tochter 2 Jahre lang eine tolle Lehrerin.

Wenn wir jemand von ADHS erzählen, dann wünschen wir uns Verständnis und für unsere Kinder Hilfestellungen. Leider ist es aber so, dass das Bild in der Öffentlichkeit von ADHS eher negativ ist. Und das sitzt fest in den Köpfen. So werden wir das, was wir uns wünschen nie bekommen. Freunde zu denen wir eine ganz enge Bindung haben, werden uns auch weiterhin akzeptieren, weil sie uns als warm und verantwortlich kennen, aber je ferner oder oberflächlicher die Beziehung ist, desto mehr werden die Vorurteile siegen.

Oftmals ist es selbst in der Familie schwierig. Viele berichten, dass selbst ihre Eltern oder Geschwister sich nicht hinter sie stellen, sondern sie auch in diesem eigentlich geschützten Rahmen Gegenwind erhalten. Und selbst betroffene Erwachsene erzählen von Ablehnung und Unverständnis in der Familie, sogar manchmal in der Partnerschaft.

Das ist traurig, aber ich denke, man muss sich als Eltern von einem Kind mit ADHS schützen. Wir brauchen so unendlich viel Kraft für unser Kind, dass wir eigentlich keine Kraft mehr haben, Anerkennungskämpfe in der Umwelt zu führen. Für einen Laien ist ADHS von einer fehlenden Erziehung schlecht zu unterscheiden. Und wir haben jahrelang gelernt, wenn es einem Kind nicht gut geht, sind die Mütter schuld. Das sitzt tief. Dagegen kommen wir als einzelne Familie nicht an.

Es ist toll, dass ihr euch als Paar einig seid und euch gegenseitig unterstützt. Das hilft auch dann, wenn einem Partner mal die Puste ausgeht und der andere Elternteil einspringen kann. Das haben wir auch gemacht, mal die Kinder aufgeteilt oder mein Mann hat am WE was mit den Kids gemacht, wenn für mich die Woche sehr anstrengend war und ich mal Luft holen musste. Diese Einigkeit in der Partnerschaft ist eine tolle Kraftquelle.

von Dagmar D. - am 27.11.2017 16:47
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