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ADHS ADS Selbsthilfe
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Sabine, Manuela, Dagmar, Bernhard, Hans-Reinhard Schmidt, Mimi, Michaela, mami-maus, PetraH.

Zeitungsartikel

Startbeitrag von Manuela am 21.06.2001 11:26

In der taz (Hamburg) vom 18.06.2001 fand ich
folgenden Artikel:

Titel: Ritalin - die schnelle Lösung

Ein Medikament soll die Probleme hyperaktiver und verträumter Kinder lösen.

Kritiker fürchten das Ruhigstellen von Kindern und eine "Medizinierung der Pädagogik" Von Kaija Kutter

Der Schulparkplatz ist überfüllt, aus allen Richtungen strömen Eltern auf die kleine Aula zu. An die hundert Mütter und Väter kommen an diesem Abend in die Schnelsener Schule Anna-Susanna-Stieg, um dem Kinderpsychiater Hans Kowerk zuzuhören. Um den "Sinn und Unsinn von Ritalin" soll es gehen - Ritalin, ein Medikament, das verträumten und hyperaktiven Kindern auf Drängen von Lehrern offenbar auch an Hamburgs Schulen vermehrt verschrieben wird.

Man habe absichtlich keine "Pro und Contra"-Diskussion vorbereitet, um die Eltern nicht zu sehr zu verunsichern, erklären die Veranstalter, ein örtliches Familienzentrum. So geschieht an diesem Abend, was Kritiker die "Medizinierung der Pädagogik" nennen. Ärzten und Psychiatern wird zugetraut und überlassen, die Probleme zu lösen.

In der Annahme, dass fünf Prozent der Kinder an einem möglicher Weise sogar vererbbaren "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) leiden, wird auffälliges Verhalten von Kindern fast ausschließlich auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückgeführt.

An der Tafel sind zwei chemische Formeln aufgemalt. Die des Amphetamin und des mit dem Amphetmin verwandten Ritalin, auch Methylphenidat genannt. Der Stoff sei eigentlich ein Aufputschmittel, erklärt Hans Kowerk dem Publikum, habe aber bei bestimmten Personen gegenteilige Wirkung. Er mache Kinder, die unruhig sind, "motorisch ruhiger", halte sie aber "geistig
wach".

Es wirke nicht bei allen Kindern, schränkt der Psychiater ein. Auch könnten ADS und Hyperaktivität "sehr viele Ursachen" haben. Die Kernhypothese beruhe darauf, dass der Nervenbotenstoff Dopamin bei diesen Menschen zu schnell abgebaut wird, "das ist aber alles noch nicht richtig erforscht". Kowerk sagt: "Hyperaktiv können auch Kinder sein, die neurologisch ganz gesund sind. Denen Ritalin zu geben, finde ich problematisch." Doch auch der neurologische Defekt selbst sei "mit üblichen Untersuchungsmethoden, wo man was 'beweisen' kann, nicht zu fassen". Kinder, die Ritalin verschrieben bekommen, müssten eigentlich sehr gründlich untersucht werden. Dazu gehören umfangreiche Fragebögen zur Erfassung der Krankengeschichte,
Intelligenztests, EEG und das Ausschließen von Epilepsie.

Sie habe für ihren Enkel viele Fragebögen ausgefüllt - ob das richtig war, will eine Dame wissen. Sie habe 600 Mark für diese Untersuchung gezahlt, wann denn dies die Kasse übernehme, fragt eine Mutter. Es geht an diesem Abend sehr schnell um Detailfragen, nicht darum, ob Ritalin überhaupt sinnvoll ist. Mit dem Medikament und auch mit dem verwandten Amphetamin, das gezielter dosiert werden kann, haben nicht wenige Eltern in diesem Saal bereits ihre Erfahrungen. "Wir nehmen seit einem halben Jahr Amphetamin und sind sehr zufrieden", berichtet eine Mutter. "Wir hatten alle Nebenwirkungen, die es gibt", erzählt dagegen eine andere. Nein, Ritalin mache nicht körperlich abhängig, bestätigt Kowerk. Und auch die Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitmangel gingen nach wenigen Stunden wieder weg, beruhigt er.

"Wie kommt es dann, dass dieses Medikament so umstritten ist?", will ein Vater wissen, der sich im Internet schlau gemacht hat. "Kinder nehmen das Medikament nicht gerne", räumt Kowerk ein. "Eine häufige Nebenwirkung ist, dass Kinder darüber depressiv werden." Auch sei der Streit um Ritalin "total ideologisiert". Kowerk: "Das haut voll in den alten Konflikt rein, ob Verhaltensweisen körperlich oder seelisch bedingt sind." Selber bezeichnet sich der Vortragende als "Pragmatiker", der in der Mitte zwischen den Positionen steht. Er begrüßt Ritalin, "wenn es brennt. Wenn ich eine Pille geben kann, eh eine Familie kaputt geht, dann werde ich das machen." "Aber", räumt der Eimsbüttler Arzt ein, "die Kinder haben diese Probleme, wenn sie in die Schule kommen. Große Klassen sind ein Problem."

Sollte man dann nicht lieber die Bedingungen ändern, statt einzelne Kinder, die mit ihnen nicht zurecht kommen, zu medikamentisieren? Eine These, die unter den anwesenden Eltern auf spontanen Applaus trifft, die aber untergeht in dem momentanen ADS-Mainstream, dem offenbar auch der Hamburger Berufsverband der Kinderärzte folgt. Dieser erklärte jüngst, man werde sich auf Qualitätsleitlinien zu dem Thema verpflichten und sich mit den Kinder- und Jugendpsychiatern an einen Tisch setzen.

"Es gibt eine ganze Reihe von Kindern, die noch nicht diagnostiziert sind", erklärt der Verbandesvorsitzende Michael Zinke. Damit es gelinge, "die Spreu vom Weizen zu trennen" und zu verhindern, dass Ritalin unnütz verschrieben wird, sollten Kinderärzte verstärkt fortgebildet werden. Auch werden man sich um die Finanzierungsprobleme kümmern: "Bisher lag die
Untersuchung im Budget nicht drin."

Zinke geht davon aus, dass Ritalin derzeit "zu wenig verschrieben wird". Die Wirkungsweise sei zwar noch nicht abschließend erforscht, "aber in vier, fünf Jahren wird man es wissen". Dann werde man vielleicht auch mit anderen Methoden nachweisen, dass ADS vorliegt. Bisher sei der Erfolg "rein empirisch", aber, "es wirkt, Kinder und Eltern sind glücklich damit".

Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit leiden, würden in der Schule plötzlich Erfolg haben und auch für Eltern "leichter lenkbar". Zinke: "Diese Kinder find oft isoliert, haben eine unsoziale Art. Wenn man nichts macht, drängt man sie in eine Außenseiterposition." Der Kinderarzt ist davon überzeugt, dass Ritalin sogar vor einer späteren Drogensucht schützt.

"Kinder gehen in die Drogenszene, weil sie Misserfolge haben." Dies habe man an der "rückblickenden Anamnese" von Jugendlichen, die nicht behandelt wurden, festgestellt.

"Natürlich helfen Drogen", sagt dazu Rupert Schoch, der therapeutische Leiter des Hamburger "Instituts Coburger", der sich eine andere Diskussion über Hyperaktivität wünscht: "Es gibt einfach so viele Hinweise, dass diese Krankheitsbilder kein individuelles Problem sind." So versagten diese Kinder gerade auf Gebieten wie Konzentrationsfähigkeit, in denen die gesellschaftlichen Anforderungen extrem angestiegen sind. Auch gebe es den Trend, "aus jeder Verhaltensauffälligkeit eine Krankheit zu machen".
Schoch: "Es sind vor allem Jungs und darunter die kreativen, die witzigen, die oppositionellen, die hier pharmakologisch ruhiggestellt werden."

Kinder, so kritisiert Schoch, hätten heutzutage nur noch sehr wenig Handlungsräume, selbst die Spielzeuge sind nur noch per Knopfdruck zu bedienen. Hinzu käme ein Mangel an sozialen Erfahrungen. "In der alleinerziehenden Kleinfamilie gibt nur noch
eine Bezugsperson und damit wenig Psychodynamik."

Kinder bräuchten Raum, sich auszuprobieren, körperliche Erfahrungen zu machen. Bewegung, so fordert Schoch, der gerne eine Schule für ADS-Kinder aufmachen würde, müsste nicht in den Schulpausen dazwischengeschoben, sondern als festes Unterrichtsfach installiert werden. Klassen, die neu zusammenkommen, müssten sich vier Wochen Zeit für das soziale Zusammenfinden nehmen.

Schoch verlangt: "Wir müssen weg von diesem Effektivitätswahn und davon, Kinder immer nur zu fördern, fördern, fördern". Ein junger Patient in seiner Therapiegruppe habe sich 30 Sitzungen lang immer nur duselig geredet. "Das brauchte der. Aber danach
war er geistig da." Hingegen berichteten Jugendliche, die als Kinder Ritalin genommen hatten und anschließend zu ihm in Therapie kamen, sie wüssten gar nicht, wer sie sind.

"Es gibt Methoden, den Eltern zu helfen, die nicht so sehr in die Persönlichkeit des Kindes eingreifen", sagt auch Christiane Flehmig, Ärztin am Barmbeker "Zentrum für Kindesentwicklung". Ritalin ganz abzulehnen ist aus ihrer Sicht eine "irrsinnige Position", es sei durchaus so, "dass Kinder mit Ritalin ruhiger werden und Familien aufblühen". Dies treffe vor allem für Familien zu, die wenig lernbereit seien. Insgesamt jedoch sei Ritalin eine "Missachtung der Eltern", weil man ihnen damit das "Gefühl für ihre Kinder nimmt" und nicht hilft, den Zugang auf andere Weise zu finden.

Flehmig, die Kurse für Eltern anbietet, zweifelt ebenso wie Schoch an der Stimmigkeit der ADS-Diagnose. "Es ist nicht so wahnsinnig neu, was die Hirnforschung da gefunden hat." Es sei "alte negative Tradition" in Deutschland, Hirnfunktionen umzudeuten auf Symptome: "Nach dem Motto Symptom weg, dann ist Frieden". "Wir sollten die Manipulation von Gehirnfunktionen lassen, weil wir darüber einfach zu wenig wissen", mahnt Schoch und beruft sich dabei auf einen Aufsatz des Frankfurter Mediziners Hans von Lüpke, der "schwerwiegende Zweifel" am Modell eines genetisch bedingten Mangels an Botenstoffen äußert und auch daran, dass dieser durch Ritalin behoben wird. Die von "neurobiologischen Daten ausgehende Argumentation", so von Lüpke, "steht nicht auf so sicheren Füßen, wie es von der Literatur her den Anschein hat". Auch mehr Forschung würde möglicherweise nur zu einem "Datenfriedhof" führen, weil bereits die Annahmen falsch seien, die von individuellen organischen Störungen ausgehen.

Ritalin sei die Entscheidung der Gesellschaft für "schnelle Lösungen", sagt Christiane Flehmig. In ihr Zentrum kämen auch Kinder zur Nachbehandlung, die "mit Sicherheit kein ADS haben". Für Flehmig sind die so genannten "Zappelphilippe" eine gängige Randgruppe, die schlicht nur ein Potential in sich trägt, "das ganz natürlich im Mensch sein vorhanden ist". Sie frage sich, was es sei, das "diese Gesellschaft an diesen Menschen so stört".

Flehmig: "Wir konzentrieren uns darauf, dass die Kinder sich anpassen. Das ist eine unmenschliche Art." Nicht nur Medikamente, auch Therapien seien fragwürdig, wenn sie nur diesem Ziel dienen.

Eine Erkenntnis eint im Ritalin-Streit alle Seiten. Bereits die Vorstellung, eine organische Störung sei schuld, wenn ein Kind sich auffällig entwickelt, entlastet Eltern von dem Vorwurf, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist wohltuend in Zeiten, in denen Eltern von einer Ratgeberflut über richtige Erziehung erschlagen werden und macht ADS-Diagnostiker zu gefragten Leuten.

Dabei gibt es ernst zu nehmende Stimmen wie die Hans von Lüpkes, die in Hyperaktivität nicht mal eine "klar definierte Störung" sehen, sondern eine "unspezifische Bewältigungsstrategie" bei Beeinträchtigungen ganz unterschiedlicher Art.

taz Hamburg vom 18.6.2001, Seite 22, 140 TAZ-Bericht, Kaija Kutter

Antworten:

Re: Zeitungsartikel o.T.

Hatten wir das nicht schon???????????

von Michaela - am 21.06.2001 12:21

Re: Zeitungsartikel o.T.

Da ist er ja wieder,
der sehr lesenswerte Artikel! Dieses Mal habe ich ihn mir abgespeichert.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

von Hans-Reinhard Schmidt - am 21.06.2001 12:25

Re: Zeitungsartikel - vorsicht lang :-)

Hallo Manuela,

diesen Artikel kenne ich und ich denke er ist _nicht_ hilfreich um größeres Verständnis in der Umgebung der Kinder zu erreichen.

Unser aller Ziel ist es doch, dass die Kinder und Jugendlichen mit ADS mit ihren Schwierigkeiten und Fähigkeiten akzeptiert werden. Wir wünschen uns Nachbarn, ErzieherInnen, LehrerInnen, die unsere Kinder nehmen wie sie sind und auch ihr positives Potential schätzen lernen.

Wie soll ein solcher Artikel dazu beitragen, der sämtliche Vorurteile über ADS bedient?

Der Text ist sehr geschickt aufgebaut, ich werde das versuchen zu zeigen:

>>Kritiker fürchten das Ruhigstellen von Kindern>>
Aussage: Einführung ins Thema, >>fürchten>> den Kindern passiert was schlimmes.
(Fragen am Rande: Seit wann werden Kinder durch die Diagnose ruhiggestellt?
Seit wann ist Ritalin ein Beruhigungsmittel?)

>>"Medizinierung der Pädagogik">>
Konkretisierung des Themas: Es geht um Medizin und Pädagogik. In Verbindung mit >>fürchten>>: Die Mediziner und die Pädagogen bringen Kinder in Gefahr.
(Frage am Rande: Bekommen Kinder eine Diagnose oder Medikamente wegen der Pädagogik oder weil sie eine angeborene Stoffwechselstörung haben?)

>>auf Drängen von Lehrern>>
Aussage: Schaffen eines Feinbildes
(Frage am Rande: Seit wann bestimmen Lehrer, ob und welche Medikamente ein Kind bekommt?
Führen sie dem Arzt per Fernbedienung die Hand bei Schreiben des Rezeptes und jeden Morgen die Hand des Kindes bei der Einnahme des Medikaments?
Können Ärzte nicht mehr alleine denken und sich ein Bild machen?
Und vor allem: Ist es nicht unsere tagtägliche Erfahrung, dass gerade Lehrer sehr wenig Wissen über ADS haben und Eltern gegen große Widerstände bei Lehrern anzukämpfen haben, wenn das Kind Ritalin bekommt? Versuchen nicht gerade die Lehrer dies zu verhindern, dass die Kinder Medikamente bekommen?)

>>Man habe absichtlich keine "Pro und Contra"-Diskussion vorbereitet, um die Eltern nicht zu sehr zu verunsichern, erklären die Veranstalter, ein örtliches Familienzentrum.>>
Schüren des Vorurteils: Einseitige Sichtweise, Kritik soll bewusst nicht zugelassen werden, Pharmakartell

>>Sollte man dann nicht lieber die Bedingungen ändern, statt einzelne Kinder, die mit ihnen nicht zurecht kommen, zu medikamentisieren?>>
Aussage: Das Feindbild ist ja schon klar, Eltern und Lehrer. Also bedeutet dieser Satz: Soll man nicht Eltern und Lehrer ändern, damit Kinder keine Medikamente brauchen.
(Bermerkung am Rande: Natürlich müssen die Bedingungen geändert werden, aber hilft uns dieser Artikel dabei? Warum wird dies hier als Gegensatz aufgebaut? Viele Kinder brauchen beides. Bessere Bedingungen brauchen alle Kinder (mit ADS), Medikamente zusätzlich nur einige.
Was der Artikel hier verschweigt ist, dass es trotz idealer Bedingungen vielen Kindern, selbst sogar Erwachsenen, die ihre Bedingungen weitgehend selbst wählen können, nicht gelingt, ohne Medikamente zu leben. _Nur_ die Bedingungen ändern zu wollen, greift zu kurz. Und Bedingungen ändern sich nur, wenn Verständnis vorhanden ist. Dies gerade weckt der Artikel allerdings _nicht_. Damit konterkariert er seine eigene Aussage.)

>>dass Ritalin unnütz verschrieben wird>>
Hier wird das Vorurteil der Überdiagnostizierung und der willkürlichen Verschreibung bemüht. Außerdem: >>unnütz>> Es wäre nicht nötig, wenn Eltern sich kümmern würden und Lehrer nicht so faul.

>>Der Kinderarzt ist davon überzeugt, dass Ritalin sogar vor einer späteren Drogensucht schützt.>>
Bagatellisierung einer Aussage. Ein einzelner Mensch denkt... Verschwiegen wird, dass eine Studie der Charitee in Berlin in Zusammenarbeit mit den Unis in Köln und Frankfurt dieses Ergenis ergeben hat. Das hätte einen ganz anderen Stellenwert, würde es so dort stehen.

>>Natürlich helfen Drogen>>
Vorurteil: Kinder bekommen Drogen. Nachdem die Schuldigen feststehen wird die Aussage weiter getoppt. Nun geht es nicht mehr um Medikamente, sondern um Drogen.
(Bemerkung am Rande: Drogen? Hier hat wohl wieder einer sein Schulenglisch vergessen und wusste nicht mehr, dass die Übersetzung des Wortes "drugs" sowohl Drogen als auch Medikament ist.)
Vorurteil: Eltern und Ärzte verabreichen Kindern auf legalem Weg Drogen. Das impliziert den Aufruf dies sofort zu unterbinden.

>>darunter die kreativen, die witzigen, die oppositionellen, die hier pharmakologisch ruhiggestellt werden.">>
Hier wird der Aufschrei, der sich im vorangegangen Abschnitt im Leser gebildet hat noch verstärkt. Aussage: Wir stellen kreative Kinder, die nicht in den Rahmen passen mit Drogen ruhig. Gewollte Assoziation: Zombie

>>Effektivitätswahn>>
Vorurteil: Leistungsdroge

>>Hingegen berichteten Jugendliche, die als Kinder Ritalin genommen hatten und anschließend zu ihm in Therapie kamen, sie wüssten gar nicht, wer sie sind.>>
Vorteil: Persönlichkeitsveränderung

>>"Es gibt Methoden, den Eltern zu helfen, die nicht so sehr in die Persönlichkeit des Kindes eingreifen">>
Verstärkung des Vourteils Persönlichkeitsveränderung, gepaart mit einer Schuldzuweisung an die Eltern.

>>dass Kinder mit Ritalin ruhiger werden und Familien aufblühen". Dies treffe vor allem für Familien zu, die wenig lernbereit seien.>>
Aussage: Ritalin brauchen die Kinder, deren Eltern sich nicht kümmern, die nicht lernbereit sind. Wiederholung der Schuldzuweisung an die Eltern.

>>zweifelt ebenso wie Schoch an der Stimmigkeit der ADS-Diagnose.>>
Vorurteil: keine gesicherte Diagnose möglich, Anbahnung des Vorurteils: Modedignose

>>Manipulation von Gehirnfunktionen lassen>>
Verstärkung des Vorurteils Persönlichkeitsveränderung. Wir produzieren Zombies, Menschenmaschinen

>>Die von "neurobiologischen Daten ausgehende Argumentation", so von Lüpke, "steht nicht auf so sicheren Füßen, wie es von der Literatur her den Anschein hat". Auch mehr Forschung würde möglicherweise nur zu einem "Datenfriedhof" führen, weil bereits die Annahmen falsch seien, die von individuellen organischen Störungen ausgehen.>>
Bildung eines Zusammenhangs aus den Vorurteilen: Modediagnose, keine gesichterten Erkenntnisse, dadurch keine medizinische Behandlungsnotwendigkeit, einzige Notwendigkeit die bleibt sind die nicht lernbereiten Eltern.
Verstärkung dieser Vorurteilskette: Auch in Zukunft wird die Forschung keine entsprechenden Kenntnisse bringen
Nun das Perfide: Sollte es doch Kenntnisse geben, so sind sie von vorneherein falsch, weil die Ausgangsbasis der Fragestellung falsch ist.

>>Ritalin sei die Entscheidung der Gesellschaft für "schnelle Lösungen">>
Aussage: Der Kreis der Schuldigen wird erweitert. Zu den Eltern kommt die Gesellschaft. Ziel: Da vorher suggeriert wurde, dass es sich um eine fahrlässige legale Drogenvergabe an Kinder handelt, will sich nun natürlich jeder distanzieren. Die Einbeziehung des Lesers in den Kreis der Schuldigen vollendet nun das, was der Artikel will, der Leser beschließt im Innersten seines Herzens an dieser Praxis nicht Schuld sein zu wollen und gegen Ritalin vorzugehen.

>>Das ist eine unmenschliche Art.>>
Untermauerung des eben entstandenen Gefühls beim Leser.

>>Eine Erkenntnis eint im Ritalin-Streit alle Seiten>>
Schaffen eines Gemeinschaftsgefühls. Wir sind viele, die gegen Ritalin vorgehen.
>>Alle>> Eingemeindung auch der Ärzte, die sich zuvor für Ritalin ausgesprochen haben. In Kombination mit dem oben erwähnten Argument, dass Lehrer die Ärzte zu einer Verordnung drängen, ergibt sich das Bild, dass auch die verordnenden Ärzte eigentlich nicht glücklich darüber sind und sich nun dem gemeinschaftlichen Kampf anschließen.

>>Das ist wohltuend in Zeiten, in denen Eltern von einer Ratgeberflut über richtige Erziehung erschlagen werden>>
Aussage: Wir tun mit dem was wir tun den Eltern wohl. Der Kampf ist somit auch gerecht. Apell an das Gefühl: Früher gab es das alles nicht, wir wissen noch wie Kinder richtig zu erziehen sind.

Der Artikel ist wirklich geschickt komponiert, kein Wunder, stammt er doch aus der _Kultur_redaktion der TAZ. Es wird beim Leser systematisch das Gefühl aufgebaut, dass er etwas gegen das unkontrollierte Vollstopfen von Kindern mit Drogen tun muss, weil Eltern zu unfähig sind ihre Kinder zu erziehen und Lehrer, die die Eltern dazu drängen, weil sie in der Schule ihre Ruhe haben wollen, diese faulen Säcke. Dabei wird suggeriert, dass der Kampf gerecht ist und dass sich um eine große Kämpfertruppe handelt. Ein wir-Gefühl wird erzeugt.

Daneben werden in der Mitte des Artikels auch ein paar Dinge benannt, die durchaus der Realität entsprechen. Aber diese Dinge kommen erst, nachdem der Leser schon eingestimmt ist. Und damit von den sachlich richtigen Aussagen auch bloß nicht zu viel hängen bleibt, wird der Leser anschließend massiv auf der Gefühlsebene angesprochen um ihm die von der Autorin erwünschten "Fakten" unterzuschieben.

Nach außen bietet dieser Artikel das Bild der objektiven Berichterstattung, beide Seiten sind ja zu Wort gekommen. Der Artikel ist somit für die örtlichen Veranstalter kaum angreifbar. Wie wir aber aus einer sehr dunklen Zeit in Deutschland wissen, bleibt das hängen, was den Menschen auf der Gefühlsebene serviert wird. Auf der emotionalen Ebene ist das rationale Denken ausgeschaltet, es hat darauf keinen Zugriff (vgl. Modell der Transaktionsanalyse). Schlagworte und Vorurteile bleiben hängen und gehen in die Einstellung über.

Naja, ich werde jetzt nicht zu jedem Zeitungsartikel eine Textanalyse schreiben ;-)), aber es war schon interessant sich mal genauer damit auseinander zu setzen.

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 21.06.2001 12:59

Re: Zeitungsartikel - vorsicht lang :-)

Prima Analyse Dagmar!!

Bernhard
Was ist hks-ads?


von Bernhard - am 21.06.2001 13:11

Re: Zeitungsartikel - vorsicht lang :-)

Hallo Dagmar und Bernhard,
kann mich Bernhard nur anschließen und finde es super toll, wie Du den Artikel analysiert hast. Vielen Dank für diesen Aufwand.
Petra

von PetraH. - am 21.06.2001 13:19

Re: Zeitungsartikel - vorsicht lang :-)

Hallo,
ich dachte, hier sollen keine Grundsatzdiskussionen mehr stattfinden?! Im Übrigen spricht der Artikel für sich und jede(r) Leser(in) kann sich leicht selbst ein Bild machen, dass das ganze Thema nicht so einfach ist, wie gerne getan wird. Dafür ist er eben doch sehr hilfreich.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

von Hans-Reinhard Schmidt - am 21.06.2001 13:51
hallo,
was machen wir,wenn eines tages nur noch 5% normalos gibt.
und,dann zählen wir adsler nicht mehr zur minderheit!
wäre das nicht wunderbar.
ist noch wieder so ein gedanke von mir.

gruss(phanasiereiche) mami-maus

von mami-maus - am 21.06.2001 14:32
Hallo Mami-Maus,

ich stelle mir gerade vor:

in der Schule.

- jetzt sei doch mal impulsiver
- träume mehr
- habe mehr Ideen
- Wie, Du bist immer noch bei der einen Aufgabe?

...



Therapie:

- Wie schaffe ich mir meine eigene Gedankenwelt?
- Wie werde ich 'spritziger'




nur mal so zwischen den Therapien



*grins*

Bernhard
Was ist hks-ads?


von Bernhard - am 21.06.2001 14:55

Re: Zeitungsartikel (mega-lang)

Hallo Forum,

unabhängig vom ganzen Hickhack um diesen Artikel möchte ich zum Inhalt Stellung nehmen.

Bevor ich konkret werde, noch eine allgemeine Bemerkung dazu:

In diesem Artikel kommen Ärzte mit unterschiedlichen, teilweise widersprechenden Ansichten zu Wort, sodass der Leser geistig ein wenig durchgerüttelt wird, mal zustimmend nicken kann, dann empört den Kopf schüttelt. Es liegt dann wohl im Naturell jedes Einzelnen, ob er den Artikel wohlwollend im Sinn behält, weil er seine Ansichten teilweise wiedergefunden hat, oder ob er empört ist, weil er einiges an Unsinn zu lesen bekam.


> Ritalin - die schnelle Lösung
>
> [...] Um den "Sinn und Unsinn von Ritalin" soll es gehen -
> Ritalin, ein Medikament, das verträumten und hyperaktiven Kindern auf
> Drängen von Lehrern offenbar auch an Hamburgs Schulen vermehrt verschrieben
> wird.

Mit der zunehmenden Aufklärung über ADS wächst auch der Druck der Lehrer auf Eltern, ihre Kinder behandeln zu lassen oder anderenfalls auf die Sonderschule zu wechseln. So soll es nicht sein, aber der Trend ist da :-((( (man schaue nur mal über den großen Teich nach Amerika)

>
> [...] In der Annahme, dass fünf Prozent der
> Kinder an einem möglicher Weise sogar vererbbaren
> "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) leiden, wird auffälliges Verhalten
> von Kindern fast ausschließlich auf Stoffwechselstörungen im Gehirn
> zurückgeführt.

Das wären die "Instant"-Diagnosen, die in 5 Minuten gestellt sind. Kein verantwortungsvoller Arzt würde sich darauf einlassen. Und keine Eltern werden (hoffentlich) einer solchen Diagnose vertrauen. Aber leider sind die USA Trendsetter, dort wird bereits viel häufiger bei jeder Auffälligkeit ADS vermutet und gleich Ritalin gegeben. Wir sollten aufpassen, daß wir nicht auch in diesen Sog geraten.

>
> [...] Ritalin, [...]
>
> Es wirke nicht bei allen Kindern, schränkt der Psychiater ein. Auch könnten
> ADS und Hyperaktivität "sehr viele Ursachen" haben. Die Kernhypothese beruhe
> darauf, dass der Nervenbotenstoff Dopamin bei diesen Menschen zu schnell
> abgebaut wird, "das ist aber alles noch nicht richtig erforscht".

Das sehe ich genauso !!!

> Kowerk
> sagt: "Hyperaktiv können auch Kinder sein, die neurologisch ganz gesund
> sind. Denen Ritalin zu geben, finde ich problematisch."

In dieser Berichterstattung wird nicht sorgfältig differenziert zwischen ADS und Hyperaktivität. ADS ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, das mit, aber auch ohne Hyperaktivität auftritt. Hyperaktivität für sich alleine betrachtet ergibt noch nicht zwingend, dass ADS vorliegt.

> [...] Kinder, die Ritalin verschrieben
> bekommen, müssten eigentlich sehr gründlich untersucht werden. Dazu gehören
> umfangreiche Fragebögen zur Erfassung der Krankengeschichte,
> Intelligenztests, EEG und das Ausschließen von Epilepsie.

Na also, er scheint ein verantwortungsvoller Arzt zu sein, der nicht vorschnell Ritalin verordnet.

>
> [...] Nein, Ritalin
> mache nicht körperlich abhängig, bestätigt Kowerk. Und auch die
> Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitmangel gingen nach wenigen
> Stunden wieder weg, beruhigt er.

Naja, bei einigen halten die Nebenwirkungen durchaus länger an, aber im Großen und Ganzen ist seine Aussage richtig.

>
> "Wie kommt es dann, dass dieses Medikament so umstritten ist?", will ein
> Vater wissen, der sich im Internet schlau gemacht hat. [...]
> Auch sei der Streit um Ritalin "total
> ideologisiert". Kowerk: "Das haut voll in den alten Konflikt rein, ob
> Verhaltensweisen körperlich oder seelisch bedingt sind."

Wenn es nur das wäre ... Da spielen mehr Faktoren eine Rolle, aber das würde den Rahmen hier sprengen.

> Selber bezeichnet
> sich der Vortragende als "Pragmatiker", der in der Mitte zwischen den
> Positionen steht. Er begrüßt Ritalin, "wenn es brennt. Wenn ich eine Pille
> geben kann, eh eine Familie kaputt geht, dann werde ich das machen."

Diese Haltung gefällt mir.

> Aber,
> räumt der Eimsbüttler Arzt ein, "die Kinder haben diese Probleme, wenn sie
> in die Schule kommen. Große Klassen sind ein Problem."

So ist das nicht ganz richtig, die Probleme fangen schon weit vor der Schule an.
Gestattet sei an dieser Stelle die kritische Frage:
Wenn immer mehr Kinder mit der Umgebung, in der sie aufwachsen, nicht zurechtkommen, liegt das wirklich nur an den Kindern?

>
> Sollte man dann nicht lieber die Bedingungen ändern, statt einzelne Kinder,
> die mit ihnen nicht zurecht kommen, zu medikamentisieren? Eine These, die
> unter den anwesenden Eltern auf spontanen Applaus trifft, die aber untergeht
> in dem momentanen ADS-Mainstream, dem offenbar auch der Hamburger
> Berufsverband der Kinderärzte folgt. Dieser erklärte jüngst, man werde sich
> auf Qualitätsleitlinien zu dem Thema verpflichten und sich mit den Kinder-
> und Jugendpsychiatern an einen Tisch setzen.

Den Sinn dieser Worte kann ich nur erraten. Heißt ADS-Mainstream, daß man sich verstärkt darum bemühen wird, anstrengenden Kindern Ritalin zu verordnen und andere mögliche Lösungen damit unter den Tisch fallen?

> "Es gibt eine ganze Reihe von
> Kindern, die noch nicht diagnostiziert sind", erklärt der Landesvorsitzende
> Michael Zinke. Damit es gelinge, "die Spreu vom Weizen zu trennen" und zu
> verhindern, dass Ritalin unnütz verschrieben wird, sollten Kinderärzte
> verstärkt fortgebildet werden. Auch werden man sich um die
> Finanzierungsprobleme kümmern: "Bisher lag die Untersuchung im Budget nicht
> drin."

Hmm, ich weiß nicht, ob Kinderärzte geeignet sind, aufgrund einer Fortbildung eine ADS-Diagnose zu stellen. Ob hier nicht die Qualität der Diagnose beeinträchtigt wird, wie ich oben schon befürchtet habe?

>
> Zinke geht davon aus, dass Ritalin derzeit "zu wenig verschrieben wird". Die
> Wirkungsweise sei zwar noch nicht abschließend erforscht, "aber in vier,
> fünf Jahren wird man es wissen".

Oops, Ritalin ist seit zig Jahren auf dem Markt, was sollten die nächsten 4 oder 5 Jahre an neuen Erkenntnissen darüber bringen?

> Dann werde man vielleicht auch mit anderen
> Methoden nachweisen, dass ADS vorliegt.

Aber doch nicht aufgrund von 4 oder 5 Jahren Ritalinforschung oder wie soll man das verstehen?

> Bisher sei der Erfolg "rein
> empirisch", aber, "es wirkt, Kinder und Eltern sind glücklich damit".
> Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit leiden, würden in der Schule
> plötzlich Erfolg haben und auch für Eltern "leichter lenkbar".

Das kann ich bestätigen, habe es selbst so beobachtet. Ich würde es aber nicht als "für Eltern" leichter lenkbar bezeichnen, es ist eher so, dass die Kinder unter Ritalin ihre Selbstkontrolle erlangen können.

> Zinke: "Diese
> Kinder sind oft isoliert, haben eine unsoziale Art. Wenn man nichts macht,
> drängt man sie in eine Außenseiterposition." Der Kinderarzt ist davon
> überzeugt, dass Ritalin sogar vor einer späteren Drogensucht schützt.
> "Kinder gehen in die Drogenszene, weil sie Misserfolge haben." Dies habe man
> an der "rückblickenden Anamnese" von Jugendlichen, die nicht behandelt
> wurden, festgestellt.

Eine etwas unvollständige Aussage: die Drang der Betroffenen nach Selbstmedikation führt sie oft in die Drogenszene, nicht unbedingt nur Misserfolge. Auch der Kick des Verbotenen reizt sie, ebenso das Ausprobieren ...

>
> "Natürlich helfen Drogen", sagt dazu Rupert Schoch, der therapeutische
> Leiter des Hamburger "Instituts Coburger", der sich eine andere Diskussion
> über Hyperaktivität wünscht: "Es gibt einfach so viele Hinweise, dass diese
> Krankheitsbilder kein individuelles Problem sind."

Und wieder mal wird Hyperaktivität mit ADS gleichgesetzt, was so nicht richtig ist :-(((
Und aus stiltechnischen Gründen wird das Wort "Medikament" durch das Synonym "Droge" ersetzt.
Absicht oder Nachlässigkeit?

> So versagten diese Kinder
> gerade auf Gebieten wie Konzentrationsfähigkeit, in denen die
> gesellschaftlichen Anforderungen extrem angestiegen sind. Auch gebe es den
> Trend, "aus jeder Verhaltensauffälligkeit eine Krankheit zu machen".

Da ist wiederum was Wahres dran, denke ich. Wir sind viel zu schnell dabei, die Kinder in ein Schema einzuordnen und bei jeder Kleinigkeit eine Therapie zu beginnen. Etwas mehr Vertrauen, dass sie ihren Weg schon machen werden, wäre angebracht.

> Schoch:
> "Es sind vor allem Jungs und darunter die kreativen, die witzigen, die
> oppositionellen, die hier pharmakologisch ruhiggestellt werden."

Also meine Jungs bekommen auch Ritalin, und da sie leicht unterdosiert sind, kann man nicht von Ruhigstellen sprechen, die Unruhe wird nur auf ein erträgliches Maß reduziert. Diesen Mann würde ich gerne mal dazu verdonnern, einige Wochen mit hyperaktiven Kindern zu leben, damit er erfährt, was das bedeutet. Die Kompensation der kindlichen Zappelei und Geräusche ist wirklich sehr anstrengend und erschöpfend, vergleichbar mit Schmerzbewältigung. Nur wer sowas mal ER-LEBT hat, kann und darf da mitreden. *hugh, sprach die ADler-Mama*

>
> Kinder, so kritisiert Schoch, hätten heutzutage nur noch sehr wenig
> Handlungsräume, selbst die Spielzeuge sind nur noch per Knopfdruck zu
> bedienen. Hinzu käme ein Mangel an sozialen Erfahrungen. "In der
> alleinerziehenden Kleinfamilie gibt nur noch eine Bezugsperson und damit
> wenig Psychodynamik."

In Sachen "Einengung der Kinder" gebe ich ihm recht. Ihnen geht es tatsächlich draußen besser als in geschlossenen Räumen, im Wald besser als auf einem "ordentlichen" Spielplatz. Aber die Alleinerziehenden haben keine "Schuld" am ADS, das ist Schwachsinn !!!

>
> Kinder bräuchten Raum, sich auszuprobieren, körperliche Erfahrungen zu
> machen. Bewegung, so fordert Schoch, der gerne eine Schule für ADS-Kinder
> aufmachen würde, müsste nicht in den Schulpausen dazwischengeschoben,
> sondern als festes Unterrichtsfach installiert werden. Klassen, die neu
> zusammenkommen, müssten sich vier Wochen Zeit für das soziale Zusammenfinden
> nehmen.

Au weia, lauter ADS-ler, davon etliche hyperaktiv, auf einen Haufen. Welcher Lehrer hält das denn auf Dauer aus? Das wird eine hohe Personalfluktuation geben, befürchte ich. Und das brächte die Kinder dann vollends von der Rolle.

>
> Schoch verlangt: "Wir müssen weg von diesem Effektivitätswahn und davon,
> Kinder immer nur zu fördern, fördern, fördern".

Das wiederum halte ich für richtig. Bei meinen 5 Kindern habe ich oft beobachten können, daß sie in manchen Dingen anderen weit voraus waren, in anderen Belangen Jahre zurück. Und dennoch wurde/wird was aus ihnen, auch ohne "fördern, förden, fördern", sondern mit Geduld und Zuversicht. Wenn die Zeit reif war oder die Notwendigkeit groß, dann konnten sie plötzlich, was nötig war. Sie hatten die Richtlinen, wann ein Kind was können sollte nicht gelesen, und ich - Gott sei Dank - auch nicht!

> Ein junger Patient in seiner
> Therapiegruppe habe sich 30 Sitzungen lang immer nur duselig geredet. "Das
> brauchte der. Aber danach war er geistig da." Hingegen berichteten
> Jugendliche, die als Kinder Ritalin genommen hatten und anschließend zu ihm
> in Therapie kamen, sie wüssten gar nicht, wer sie sind.

Sowas nennt man, glaube ich, Amnesie, und das hat bislang noch niemand mit ADS in Verbindung gebracht.

>
> "Es gibt Methoden, den Eltern zu helfen, die nicht so sehr in die
> Persönlichkeit des Kindes eingreifen", sagt auch Christiane Flehmig, Ärztin
> am Barmbeker "Zentrum für Kindesentwicklung". Ritalin ganz abzulehnen ist
> aus ihrer Sicht eine "irrsinnige Position", es sei durchaus so, "dass Kinder
> mit Ritalin ruhiger werden und Familien aufblühen". Dies treffe vor allem
> für Familien zu, die wenig lernbereit seien. Insgesamt jedoch sei Ritalin
> eine "Missachtung der Eltern", weil man ihnen damit das "Gefühl für ihre
> Kinder nimmt" und nicht hilft, den Zugang auf andere Weise zu finden.

Nun denn, dann bin ich wohl auch eine "weniger lernbereite Mutter". Ich verweise nochmal auf meine obige Bemerkung über die Anstrengungen der Stressbewältigung. Vielleicht sollte man der Dame auch ein paar Wochen Zusammenleben mit hyperaktiven Kindern verordnen *ggg*?
Nein, hier geht es nicht um Lernfähigkeit, sondern um Leistungsfähigkeit von Familien. Irgendwann ist bei jedem das Maß der Erträglichen überschritten, und dann braucht er Hilfe.
Entlastend kann neben Ritalin auch eine regelmäßige, qualifizierte Betreuung der Kinder sein, damit die geplagten Eltern zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken können. Und eine geeigntete Wohnumgebung, wo Kinder nach Belieben rausgehen dürfen und toben können. Und eine geeignete Schule, wo ihr Anderssein ihnen nicht zum Nachteil gerät.

>
> Flehmig, die Kurse für Eltern anbietet, zweifelt ebenso wie Schoch an der
> Stimmigkeit der ADS-Diagnose. "Es ist nicht so wahnsinnig neu, was die
> Hirnforschung da gefunden hat." Es sei "alte negative Tradition" in
> Deutschland, Hirnfunktionen umzudeuten auf Symp-tome: "Nach dem Motto
> Symptom weg, dann ist Frieden". "Wir sollten die Manipulation von
> Gehirnfunktionen lassen, weil wir darüber einfach zu wenig wissen", mahnt
> Schoch und beruft sich dabei auf einen Aufsatz des Frankfurter Mediziners
> Hans von Lüpke, der "schwerwiegende Zweifel" am Modell eines genetisch
> bedingten Mangels an Botenstoffen äußert und auch daran, dass dieser durch
> Ritalin behoben wird. Die von "neurobiologischen Daten ausgehende
> Argumentation", so von Lüpke, "steht nicht auf so sicheren Füßen, wie es von
> der Literatur her den Anschein hat". Auch mehr Forschung würde
> möglicherweise nur zu einem "Datenfriedhof" führen, weil bereits die
> Annahmen falsch seien, die von individuellen organischen Störungen ausgehen.

Eine grundsätzliche Vorsicht bei Manipulationen des Gehirns ist an sich noch kein Fehler. Aber eine Behandlung mit Ritalin aus solchen Gründen abzulehnen ohne wirkungsvollen Alternativen anbieten zu können, hiesse für mich unterlassene Hilfeleistung.

>
> Ritalin sei die Entscheidung der Gesellschaft für "schnelle Lösungen", sagt
> Christiane Flehmig. In ihr Zentrum kämen auch Kinder zur Nachbehandlung, die
> "mit Sicherheit kein ADS haben". Für Flehmig sind die so genannten
> "Zappelphilippe" eine gängige Randgruppe, die schlicht nur ein Potential in
> sich trägt, "das ganz natürlich im Mensch sein vorhanden ist". Sie frage
> sich, was es sei, das "diese Gesellschaft an diesen Menschen so stört".

Na, wenn sie das noch nicht weiß, wo sie doch als Ärztin oft mit solchen Kindern zu tun hat ... :-((

> Flehmig: "Wir konzentrieren uns darauf, dass die Kinder sich anpassen. Das
> ist eine unmenschliche Art." Nicht nur Medikamente, auch Therapien seien
> fragwürdig, wenn sie nur diesem Ziel dienen.

Da wiederum spricht sie mir aus dem Herzen. Es sei nochmal die Frage gestellt, ob die Ursache immer bei den Kindern liegt, wenn sie mit ihrer Umgebung und ihre Umgebung mit ihnen nicht zurechtkommt?

>
> Eine Erkenntnis eint im Ritalin-Streit alle Seiten. Bereits die Vorstellung,
> eine organische Störung sei schuld, wenn ein Kind sich auffällig entwickelt,
> entlastet Eltern von dem Vorwurf, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist
> wohltuend in Zeiten, in denen Eltern von einer Ratgeberflut über richtige
> Erziehung erschlagen werden und macht ADS-Diagnostiker zu gefragten Leuten.

Ich lasse mir meine Überzeugung nicht nehmen, dass es Kinder gibt, die von Geburt an extrem anstrengend sind und die Schwierigkeiten an sich ziehen wie ein Magnet. Die kommen so auf die Welt. Egal, ob man es ADS nennt oder sonstwie. Das weiß ich, weil ich ADS-Kinder und nicht betroffene Kinder habe.
An der Erziehung kann es nicht liegen ...

> Dabei gibt es ernst zu nehmende Stimmen wie die Hans von Lüpkes, die in
> Hyperaktivität nicht mal eine "klar definierte Störung" sehen, sondern eine
> "unspezifische Bewältigungsstrategie" bei Beeinträchtigungen ganz
> unterschiedlicher Art.

Ihm empfehle ich die offiziellen Diagnosekriterie zum Lesen.

Naja, soll jeder über diesen Artikel denken wie er will.

In diesem Sinne grüßt
Sabine
Sabine\'s ADler-Seiten


von Sabine - am 21.06.2001 16:42

Erstmal vielen Dank an Dagmar

Hallo,

erstmal vielen Dank an Dagmar für das neue Forum.

Und jetzt ist ja auch der Artikel wieder da. Ich fand ihn erst einmal ärgerlich: Kein einziges ADS-Klischee wird ausgelassen, von den "wenig lernbereiten" Eltern über die "pharmakologisch ruhiggestellten" Kinder bis zu den angeblich fehlenden Langzeiterfahrungen. damit werden natürlich auch wieder einmal sämtliche vorurteile gegen uns und unsere Kinder aufgewärmt und das nützt ganz sicher niemandem.

Inzwischen habe ich mich ein bisschen abgeregt, von der TAZ ist eben eher ein Beitrag über gesellschaftliche Probleme als über Hirnfunktionsstörungen zu erwarten.

Ich weiß aus Erfahrung wie sich ADS-Probleme vor 30 Jahren geäußert haben und in den generationen vorher war es wahrscheinlich auch nicht besser. (Übrigens: die Hypies haben eine Serie über die Erziehung unruhiger Kinder www.hypies.de)

Aber mein Kind hat schon auch damit Probleme, dass die Anforderungen an die Kinder immer höher werden. In der betreuten Halbtagsschule ist eben 5mal pro Woche von 8 bis 12 Unterricht, früher verteilte sich der Stoff auf 6 Schultage und die Unterrichtszeit war in der Grundschule meist kürzer. Dazu kommen ja noch die Hausaufgaben, die auch nicht weniger als eine Stunde belegen.

Die Anforderungen an das Sozialverhalten sind auch nicht weniger gestiegen. Sicher wart es nicht richtig die Kinder auch bei schwerstem Mobbing dazu aufzufordern ihre Konflikte selbst zulösen. Aber ich erlebe schon, dass bei jedem kleinen regelverstoß ein Besuch bei der erziehungsberatung verlangt wird, von einer (früher durchaus als normal betrachteten) Schulhofrauferei ganz zu schweigen.

Dazu kommt, dass Haupt- und sogar realschüler immer weniger Chancen bleiben, weil immer weniger Arbeiter und Handwerker gebraucht werden.

Ohnehin sieht der Arbeitsmarkt mittlerweile seit jahrzehnten so aus, dass den letzten die Hunde beißen. Das Risiko besteht, dass unsere Kinder dazugehören.

Ich habe schon den Eindruck, dass die Chancen der schweirigen kinder mit und ohne ADS immer schlechter werden.

Eltern von Jugendlichen haben wohl oft jahrelang vergblich Hilfe für ihre schwer gestörten Kinder gesucht. Das kommt zum Glück nicht mehr häufig vor. Aber jetzt gibt es manchmal ein neues Problem: Die Diagnostik wird überhaupt nur gemacht weil die Schule, mit Vorliebe bei erstklässlern oder bei Jugendlichen in der Pubertät Druck macht. Die Kinder, die ich kenne, haben danach die Schule gewechselt und wurden sonst nicht behandelt. Die Eltern sagen, es gebe dort keine Probleme, die Kinder machen den Eindruck, dass das stimmen könnte. Unser Kind ist dann das, das wirklich einen "Dachschaden" hat und tatsächlich mit "Drogen" behandelt wird. Mir macht die Inflation von ADS oder vermeintlichem ADS auch Angst.

von Mimi - am 21.06.2001 17:40

Re: Zeitungsartikel (mega-lang)

Hallo Herr Schmidt,

aufgrund Ihrer Ausführungen komme ich zu dem Schluß, daß ich keinesfalls Ihrer Meinung bin.

MfG,
Sabine
Sabine\\\'s ADler-Seiten


von Sabine - am 21.06.2001 22:33
Jau, Bernhard, das isses !!! *ganz-breit-grins*

Liebe Grüße,
Sabine
Sabines ADler-Seiten


von Sabine - am 21.06.2001 22:41

Re: Zeitungsartikel - vorsicht lang :-)

Machst Du dir immer so viel Mühe, Artikel zu zerpflücken?

Du machst die Zeitung selbst für eine angeblich
versteckte Tendenz des Artikels verantwortlich,
die ich selbst so nicht sehen kann.

Laß den Artikel selbst doch einmal einfach als
das stehen, was er in meinen Augen zu sein scheint:
Eine Art Protokollierung einer Veranstaltung.
Für die dort gemachten Beiträge sind die Vortragenden
verantwortlich. Nicht aber die Zeitung.

Gut. Nicht alle Aussagen würde ich auch so unter-
schreiben wollen.

Aber mir scheint, daß Du eine so weitreichende
Betrachtung des Themas weder bei Dir noch bei anderen
(hier in diesem Forum) überhaupt zulassen möchtest.
Denn wenn allein aus der tatsache, daß man dort
bewußt weder PRO noch CONTRA vorgeben wollte schon
eine zu verwerfendde Tendenz wird, farge ich mich
ganz ehrlich, wo DEINE Objektivität in dieser Sache
auf der Strecke geblieben ist.


Die von Dir als ungerechtfertigt angesehene Erzeugung
von Feindbildern gegenüber Lehrern ist für viele
Eltern leider auch tägliche und traurige Wirklichkeit.

Lehrer sind in ihrer Mehrheit leider unwillig, sich
AUF GLEICHER STUFE mit Eltern auseinandersetzen zu
wollen. Lehrer halten sich meist für die Fachleute
in Sachen Pädagogik und Erziehung, weil SIE es ja
schließlich gelernt haben.

Aber wenn Eltern dann diese pädagogische Aufgabe und
das dafür ja angeblich vorhandenen Fachwissen von
eben diesen "Fachleuten" wenigstens für die Zeit der
Schule einfordern, bekommen sie so nette Antworten,
wie z.B." Was sollen wir den noch alles leisten?".

Viele Schüler haben völlig zu Recht nicht den
Eindruck - wie von Eltern und Lehrern gleichermassen
schwadroniert - für ihr eigenes Leben zu lernen.
Sie meinen auch zunehmend, wenn nicht für die
Eitelkeit der Eltern, dann doch für eben diese
(berufliche) Eitelkeit von Lehrern zu lernen.

Sie müssen dazu beitragen, daß DER LEHRER seinen
Klassenschnitt auf hinbekommt - im Ranking mit
den Kollen und anderen Schulen nicht als der Letzte
dasteht. Dafür, daß der Lehrer oder die Lehrerin die meisten Grundschüler aufs Gymnasium gehievt hat.

Auf die Anfrage einer Mutter eines (nicht wegen
seines ADD) sonderbeschulten ADD-Kindes, ob die Lehrerin denn nicht kontrolliere, ob die Schüler
sich die aufgegebenen Hausaufgaben auch tatsächlich
in ihr Aufgabenheft schreiben würden, bekommt auch
iese Mutter ebenfalls die Antwort: "Was soll ich
denn noch alles machen?" - wohlgemerkt bei einer
Klassenstärke von ACHT Schülern.

Solche Lehrer könnten auch nur fünf Schüler haben
und würden immer noch den gleichen Spruch herunter
leiern. Also wofür kämpfen wir denn dann noch für
kleinere Klassen, wenn es scheinbar doch NICHTS an
der individuellen Betreuung verbessert?


Solange Schüler in einem gleichmachenden Lehrsystem
alle über einen Kamm geschoren werden und bei allen
nur geschaut wird, daß sie auch "die Norm" erfüllen,
wird dieses Schulsystem weiterhin das einzige in den
Kindern, was ihnen am ehesten ein Garant für ein
späteres (persönlich und beruflich) erfolgreiches
Leben sein kann, systematisch zerstören - Ihr Selbstvertrauen.

Aber dieses System kann von Politik und Eltern allein
nicht aufgebrochen werden. Von Politik nicht, weil
diese in der Mehrheit auch von Beamten gemacht wird -
und dort als größte Berufsgruppe von Lehrern. Und
von den Eltern nicht, weil die gegen das Kartell von Lehrern und Schulbehörden einfach keine Stich sehen.

Versuch doch mal als Mutter eines Kindes gegen die
Unfähigkeit und pädagogische Ignoranz der Klassen-
lehrerin Deines Kindes etwas zu unternehmen. Das geht
genauso aus, wie der Versuch einer Strafanzeige gegen
einen Polizisten wegen strafbarer Handlungen in Zu-
sammenhang mit seiner Dienstausübung.

Da wird gedeckt und gelogen - wieder besseres Wissen.
Da stehen plötzlich fünf Zeugen da, obwohl nur drei
Beteiligt bei dem Vorfall zugegen waren. Da werden
plötzlich aus Lehrern, die dem Kind vor vier Wochen
noch - bei der richtigen schulischen Förderung - eine
glänzende Zukunft vorraussagetn, Skeptiker, die das
Kind schon immer für einen asozialen Totalversager
hielten.

Wenn Lehrer über ADD und moderne Erkenntnisse der
Pädagogik nicht sehr viel wissen, weil es schon so
lange her ist, daß sie selbst studiert haben, frage
ich mich, warum gerade Lehrer NICHT dafür kämpfen,
daß die Weiterbildungen ihrer Kolleginnen und Kollegen
auch thematisch etwas strukturiert und zielgerichtet
werden.

Ich denke, daß eine Klasse sicher mehr davon hat,
wenn der/die Lehrer/in die Ferienweiterbildung mit
einen Pädagogikseminar ausfüllt - an Stelle eines
Töpferkurses mit Intalienisch-Beilage in der Toskana
oder in Umbrien.


Wenn DU, liebe Dagmar, aber jede kritische Frage in
Richtung der Lehrerschaft gleich als hetzerische
Meinungsmache verketzerst, drängt sich mir der Eindruck
auf, daß auch Du nicht zu einer wirklich offenen
Diskussion bereit bist. Und daß der, gerade auch im
Schulsystem dringend erforderliche Kurswechsel wohl
eher GEGEN Dich als MIT DIR zu machen sein wird.


Manuela

von Manuela - am 22.06.2001 12:18

Re: Schulsituation

Hallo Manuela,

aus deinem Brief hört man heraus, dass du wirklich ganz schlechte Erfahrungen gemacht hast. Ich habe bisher von dir im Forum noch nichts gelesen, kenne somit auch deine Situation nicht.

Dennoch zwei Dinge zu deinem Brief:

Du schreibst:
>> Die von Dir als ungerechtfertigt angesehene Erzeugung von Feindbildern gegenüber Lehrern ist für viele Eltern leider auch tägliche und traurige Wirklichkeit. Lehrer sind in ihrer Mehrheit leider unwillig, sich AUF GLEICHER STUFE mit Eltern auseinandersetzen zu wollen. Lehrer halten sich meist für die Fachleute in Sachen Pädagogik und Erziehung, weil SIE es ja schließlich gelernt haben.>>

Ich schrieb in meinem Beitag:
>>Und vor allem: Ist es nicht unsere tagtägliche Erfahrung, dass gerade Lehrer sehr wenig Wissen über ADS haben und Eltern gegen große Widerstände bei Lehrern anzukämpfen haben>>

Warum widersprichst du mir? Für mich ist das _die gleiche_ Aussage.
Es gibt einen Unterschied: Ich mag nicht in Feindbildern denken auch wenn ich noch so schlechte Erfahrungen gemacht habe. Denn mit einem Feind kämpfe ich, da greife ich an und werde angegriffen. Das hat noch nie zum Ziel geführt.

Ich streite auch gerne um die Sache, diskutiere gerne und setze mich gerne ein. Dies allerdings ohne die andere Person herabzusetzen, d.h. auf einer Augenhöhe. Ziel ist die Würdigung beider Seiten und das Entstehen von einem Kompromiss. Das geht nur wenn _beide_ Seiten geben und nehmen und sich dabei die Mühe machen, die andere Seite zu verstehen.

Ein Kampf dagegen wird geführt um zu siegen. das heißt, es geht nicht darum die andere Seite zu verstehen, sondern darum die andere Seite zu besiegen. Einer setzt sich durch, der andere ist das Opfer. Auf diese Weise können nur schlechte Lösungen für das Kind entstehen.

Ist die Lehrerin der Sieger, fühlt sich die Mutter schlecht und sie wird immer ein ungutes Gefühl haben, wenn sie über die Schule nachdenkt. Dieses ungute Gefühl wird sich das Kind übertragen. Es wird irgendwann ungerne zur Schule gehen.
Ist die Mutter die Siegerin, wird die Lehrerin die unguten Gefühle gegenüber der Mutter auf das Kind übertragen. Auch hier geschieht es natürlich, wie im umgekehrten Fall auch, unbewusst. Auch hier wird das Kind das ungute Gefühl spüren und irgendwann nicht mehr gerne zur Schule gehen.

Das bedeutet: Begonnen wurde der Kampf um für das Kind Verbesserungen zu erreichen. Das Kind kann aber nur als Opfer das rausgehen. Kollateralschaden heißt das in der Militärsprache.

Der zweite Punkt ist:
Du verallgemeinerst sehr stark - von einer Situation auf _die_ Lehrer und dann auf das Schulsystem.
Das ist wenig hilfreich, will man wirklich die Situation verändern.

Es gibt sicher Lehrer, die besser einen anderen Beruf ergriffen hätten. Es gibt auf der anderen Seite aber auch sehr engagierte Pädagogen, die sich sehr für ihre Schüler einsetzen. Über beides kann man hier im Forum ausführliche Berichte lesen. Schlägt man nun von Elternseite pauschal auf _die_ Lehrer ein, so nimmt man den engagierten Lehrern die Luft zum Atmen. Diese Lehrer werden irgendwann aufgeben, denn immer beste Arbeit zu leisten und dafür pauschal abgewertet zu werden hält die festeste Persönlichkeit nicht aus.

Du forderst zu Recht Verbesserungen im Schulsystem. Dies geht aber nur durch eine _vorurteilsfreie_ Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und gesellschaftlichen Institutionen. Eine _differenzierte_ Bestandsaufnahme ist dazu notwendig und zwar von allen Seiten.


Ich will dir noch von 2 Schulerlebnissen berichten, die meine Kinder hatten.
Mein ältester Sohn hatte in der Grundschule eine wunderbare Lehrerin, der wir sehr sehr viel zu verdanken haben. Sie konnte dieses lebhafte Kind gut aushalten und hat ihn prima gefördert. Natürlich bekamen wir häufig Briefe von ihr über sein schlechtes Verhalten, aber prinzipiell hat sie ihn akzeptiert. Sie konnte mit seinen Marotten gut umgehen und mein Sohn hat sie geliebt. Er hat ihr selbst einige Jahre nach seiner Grundschulzeit noch Blumensträuße vom Feld oder kleine selbstgemachte Geschenke gebracht.

Meine Tochter hingegen hatte eine Lehrerin, mit der sie überhaupt nicht klar kam. Jeder einzelne Schultag war für sie die Hölle. Die Lehrerin schaffte es überhaupt nicht ihr gerecht zu werden, sie zu fördern und sie vor den Hänseleien der Schulkamenraden zu schützen. Schließlich sollte meine Tochter zur Sonderschule gehen. Meine Tochter wurde zunehmend depressiv, so dass wir sie schließlich aus der Klasse herausnahmen und die Schule wechseln ließen. Auf den Namen dieser Lehrerin reagiert meine Tochter noch heute äußerst allergisch.

Wenn es nun Nominierungen gäbe zur besten und zur schlechtesten Lehrerin der Schule hätte ich für die Prämierung zur besten Lehrerin die Klassenlehrerin meines Sohnes vorgeschlagen. Als schlechteste Lehrerin der Schule und somit zur fristlosen Entlassung hätte ich die Klassenlehrerin meiner Tochter vorgeschlagen.

Stell dir vor, die Mehrheiten in der Schulversammlung würden genauso liegen, wie ich auch empfunden habe, dann bekäme die eine Lehrerin eine Urkunde und die andere Lehrerin würde rausfliegen. Wäre das nicht genau, was dir auch vorschwebt? Nun hätte aber der gute Herr Schulleiter ein Problem. Es handelt sich bei beiden Klassenlehrerinnen um die gleiche Person! Was nun?
(Da meine beiden Kids 4 Jahre auseinander sind, bekam meine Tochter die Lehrerin meines Sohnes, die wieder ein neues 1. Schuljahr übernahm).

Fazit: Auch bei Lehrern sollte man vorsichtig sein mit absoluten Bewertungen. Der selbe Lehrer kann für das eine Kind goldrichtig und für das andere Kind grundfalsch sein.


>>Wenn DU, liebe Dagmar, aber jede kritische Frage in Richtung der Lehrerschaft gleich als hetzerische Meinungsmache verketzerst, drängt sich mir der Eindruck auf, daß auch Du nicht zu einer wirklich offenen Diskussion bereit bist. Und daß der, gerade auch im Schulsystem dringend erforderliche Kurswechsel wohl eher GEGEN Dich als MIT DIR zu machen sein wird.>>

Maunela, ich schrieb ja schon, dass ich von dir außer diesen beiden Postings zum TAZ-Artikel hier noch nichts gelesen habe. Aber nach diesem Satz bin ich mir sicher, dass du auch von mir noch nichts gelesen hast!

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 22.06.2001 14:56
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