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Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
8
Erster Beitrag:
vor 16 Jahren, 1 Monat
Letzter Beitrag:
vor 16 Jahren, 1 Monat
Beteiligte Autoren:
Dagmar, Hans-Reinhard Schmidt, Petra F., :-), Ursula, Karina

Wenn Philipp zappelt - Welt am Sonntag

Startbeitrag von Karina am 26.06.2001 09:48

Hallo Listies,

ich bin zwar gerade wieder der Zensur zum Opfer gefalle aber es lag wohl nicht an meinem Posting; ich war nur ein Anhang. Nichts für ungut Dagmar :-)
Ich hoffe der folgende Bericht aus der Welt am Sonntag vom 10. Juni 2001 bleibt im Forum, mache mir schließlich eine Menge arbeit damit.

Wenn Philip zappelt

Immer häufiger wird bei Kindern die Aufmerksamkeitsstörung ADS diagnostiziert. Vor allem die Therapie mit Ritalin ist heftig umstritten.
Von Ingrid Kupczik

Bis zu zehn Prozent der Kinder leiden an einer Aufmerksamkeitsstörung, ADS (Attention Deficiency Syndrome) genannt, die oft verbunden ist mit Hyperaktivität.
Das Syndrom wurde bereits 1845 vom Frankfurter Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann als "Zappelphilipp" im "Struwwelpeter" beschrieben. Erst seit wenigen Jahren gilt ADS als eigenständige Krankheit, unter der auch Winston churchill und Albert Einstein gelitten haben sollen. Es haldelt sich um die weltweit häufigste psychiatrische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter - und zugleich die umstrittenste: Ist ein Kind, das laut, aggressiv, unberechbar ist und sich nicht für zehn Sekunden konzentrieren kann, wirklich krank? Braucht es Psychopharmaka? Oder macht es vor allem die überforderten Eltern und Lehrer krank?
Das Thema ADS steht im Mittelpunkt der Jahrestagung des Berufsverbandes der Kinder und Jungendärzte, die an diesem Wochenende in Karlsruhe stattfindet. Die Position des Verbandes ist eindeutig: Bei ADS handele es sich um eine "angeborene, meist ererbte STörung", der eine Fehlfunktion im Hirnstoffwechsel zu Grunde liege, betonte Dr. Klaus Skrodzki, Kinderarzt aus Forchheim. Allerdings: "Dei Reizzunahme aus unserer Umwelt, hohes Tempo, ständiger Wechsel der äußeren Reize und unklare Erziehungsstrukturen verstärken die Probleme."
Drei Kernsymptome sind typisch für die Krankheit: Aufmerksamkeitsstörung, mangelnde Impulskontrolle, motische Unruhe. Die Kinder tanzen gegelrecht aus der Reihe: Sie sitzen nicht still, hören nicht zu, können nicht warten, sich nicht einordnen. Im Kindergarten und in der Schule werden sie schnell zum Außenseiter und sind "trotz großer Phantasie, Kreativität und unerschöpflicher Ideen meist unglücklich", erklärte Skrodzki. Jungen sind achtmal häufger betroffen als Mädchen, in 18 Prozent der Fälle liegt die Störung auch bei Vater oder Mutter vor.
Die Krankheit wächst sich nicht aus, "Erwachsenen haben aber Strategien erlernt, um damit umzugehen", sagt die Hambuger Ärztin für Neuropädiatrie Dr. Kirsten Stollhoffe.
Die Experten gehen davon aus, dass bei ADS die Datenverarbeitung im Gehirn gestört ist. Eine Art Warhnehmungsfilter, der normalerweise dafür sorgt, dass aus der Fülle der einstömenden Reize nur die relrvanten Informationen aufgenommen werden, funktioniert nicht richtig: Das Kind lässt sich durch kleinste Störungen ablenken. Was bei ADS genau im Gehirn passiert, ist noch nicht hinreichend eforscht. Offenbar spielt Dopamin eine zentrale Rolle. Der Botensoff wird, nachdem er von den Nervenzellen freigesetzt wurde, zum Teil wieder dorthin zurücktransportiert. Ds erledigen bestimmte Moleküle, die Dopamintransporter. Bei Kindern mit ADS sind diese Moleküle in bestimmten Hirnarealen in erhöhter Zahl vorhanden. Die Folge: Das Dopamin kehrt zu schnell wieder in die Zellen zurrück.
Als Gegenmittel wird von den Ärzten der amphetaminähnliche Stoff Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) verordnet. Die Wirkweise des Medikaments wurde erst kürzlich geklärt: Eine Studie am Brokkhaven Ntional Laboratory in Upton, New York, ergab, dass Methylphenidat die Weideraufnahme des Dopamins in der Hirnnervenzellen hemmt und dadurch den relativen Dopaminspiegel erhöht (British Medical Journal 3.2.2001)
Dennoch zögern viele Eltern, ihrem Kind die Psychostimulanzien zu verabreichen, die unter das strenge Betäubungsmittelgesetz fallen. Sie befürchten langfristige Nebenwirkungen und erhöhtes Suchtrisiko. Eine noch unveröffentlichte Sudie an der Berliner Charité kommt zu folgendem Ergebnis: Bei Kindern mit ADS, die keine Therapie erhalten, ist das spätere Suchrisiko deutlich höher, bei behandleltem ADS dagegen sogar niedriger als bei gesunden Kindern. Nach Angaben von Dr. Sven Schellber, Ritalin-Experte bei Herseller Novartis, wurden Spätschäden "in keiner Studie nachgewiesen". Durch frühzeitige gezielte Wahrnehmungsförderung könne ADS auch ohne Medikamente wirksam behandelt werden, betont die Hamburger Bewegungstherapeutin Ulla Kiesling. "Es ist unfair, Kinder unter Drogen zu setzen."
Die Zahl der Ritalin-Verordnungen in Deutshcland hat sich seit 1990 (48 000) um mehr als das Vierzehnfache (1999: 695 000) erhöht. Mittlerweile erhalten 15 Prozent der an ADS leidenden Kinder Medikamente; in den USA sind es 80 Prozent. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte spricht von einem "großen diagnostischen und therapeutischen Nachholbedarf". "Ritalin kann ein Segen sein", sagt der Hamburger Landesverbandsvorsitzende Dr. Michael Zinke. Die Diagnostik müsse aber außerordentlich sorgfältig berieben werden, um festzustellen, ob und in welcher Menge das Medikament beötigt wird und welche begleitende Psychotherapie sinnvoll ist. Zinke fordert ein Sonderbudget für die Versorgung der chronisch kranken Kinder: Die ADS-Therapie verschlinge im Quartal schnell mehrere hundert Mark pro Kind; die Kasse zahlen aber nur 35 Mark. Eine Zusatzqualifikation für Kinder- und Jugendärzte zum Thema ADS soll zudem künftig das noch "weitverbreitete Unwissen" (Zinke)" beheben. Dadurch würde manches betroffene Kind angemessener versorgt, andererseits ließen sich unnötige Verschreibungen reduzieren: In Schleswig-Holstein lässt die AOK zurzeit prüfen, ob die Steigerung der Ritalin-Verordnungen um 50 Prozent in nur zwei Jahren auf korrekten Diagnosen basieren.



Dieser Artikel spiegelt nicht unbedingt die Meinung von mir wieder; er wurde lediglich so übernommen wie er in der Zeitung stand.

Gruss
Karina

Antworten:

Vielleicht bin ich ja nur uninformiert, aber ich lasse mich gerne belehren:
Ist denn ADS das einzige Syndrom, bei dem sich nicht klar beweisen lässt, was die Ursache der Störung ist? Wie ist das denn bei Psychosen, Depressionen usw.? Würden sie diesen Patienten auch empfehlen, auf Medikation zu verzichten?
Grüße von Ursula

von Ursula - am 26.06.2001 11:14
Hallo Ursula,
beim ADS lässt sich nicht nur die stoffelwechselbedingte Ursache, die gegenwärtig vermutet wird, nicht klar beweisen, sondern (und das ist für betroffene Eltern viel wichtiger) das Syndrom ADS (also das stets gemeinsame Auftreten der angeblich charakteristischen Symptome) lässt sich nicht beweisen. Stattdessen haben Schmidt&Esser (siehe meinen Beitrag hierzu weiter unten) für MCD nachgewiesen, dass es solch ein Syndrom einfach nicht gibt. Kinder mit oder ohne leichte Hirnfunktionsstörungen zeigten keine unterschiedliche Symptombelastung. Was Psychosen anbelangt (z.B. die verschiedenen Schizophrenie-Arten, aber auch endogene Depressionen), so sind die einzelnen Syndrome viel besser empirisch bewiesen. Bei Neurosen wird das Ganze teilweise schon wieder schwammiger.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

von Hans-Reinhard Schmidt - am 26.06.2001 11:28
Hallo Karina,

der Artikel geht eigentlich. Nur leider operiert er wieder mit falschen Zahlen.

Auszug aus dem Deutschen Ärzteblatt März 2001:

"Legt man beispielsweise die von Zito et al. 1997 (21) geschätzten amerikanischen Zahlen zur Behandlungsprävalenz (2,2 Prozent bei den Fünf- bis Fünfzehnjährigen) zugrunde, wäre in der Bundesrepublik mit rund 169 000 medikamentös behandelten Kindern und Jugendlichen zu rechnen.
Aufgrund der vorliegenden Berechnungen kann von circa 41 000 Dauertherapien ausgegangen werden. Das sind deutlich weniger behandelte Kinder, als nach den Daten aus den USA, auch unter Beachtung möglicher Verzerrungen durch Heranziehung von Medicaid-Daten (Versicherte mit geringem Einkommen) zu erwarten wäre. Auch wenn in der Bundesrepublik ein deutlicher Anstieg der Stimulationstherapie in den Jahren von 1990 bis 1999 zu verzeichnen ist, sprechen die Zahlen im Vergleich zu den erwarteten Behandlungen gegen die Vermutung einer zu häufigen Indikationsstellung."

Es gab 1999 also nicht 665.000 behandelte Kinder wie in der Bildzeitung, sondern maximal 41.000 Kinder.

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 26.06.2001 11:32
Hallo Ursula,
beim ADS lässt sich nicht nur die stoffelwechselbedingte Ursache, die gegenwärtig vermutet wird, nicht klar beweisen, sondern (und das ist für betroffene Eltern viel wichtiger) das Syndrom ADS (also das stets gemeinsame Auftreten der angeblich charakteristischen Symptome) lässt sich nicht beweisen. Stattdessen haben Schmidt&Esser (siehe meinen Beitrag hierzu weiter unten) für MCD nachgewiesen, dass es solch ein Syndrom einfach nicht gibt. Kinder mit oder ohne leichte Hirnfunktionsstörungen zeigten keine unterschiedliche Symptombelastung. Was Psychosen anbelangt (z.B. die verschiedenen Schizophrenie-Arten, aber auch endogene Depressionen), so sind die einzelnen Syndrome viel besser empirisch bewiesen. Bei Neurosen wird das Ganze teilweise schon wieder schwammiger.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

von Hans-Reinhard Schmidt - am 26.06.2001 11:32
Hallo Dagmar,

können nicht beide Zahlen stimmen?

Also:

41.000 Kinder bekamen 1999
665.000 Verordnungen (Rezepte).

Das entspricht 16,22 Verordnungen pro Kind und Jahr, also
1,35 Rezepte pro Monat.

Das bedeutet eine Dosierung ca. 60 mg pro Kind und Tag.

Vermutlich wurden hier auch die Erwachsenen mit einbezogen, die eine höhere Dosierung erhalten.

Soviel zu Statistiken,

meint :-)

von :-) - am 26.06.2001 12:40
Hallo :-),

eigentlich weiß ich gerne mit wem ich rede....

Wenn man den Artikel in der Ärztezeitung weiterliest, dann haben sie eine Berechnungsgrundlage von 30 mg pro Tag angenommen.
In dem Artikel der Bildzeitung ist also eine doppelt so hohe Verschreibungsmenge angegeben, als sie tatsächlich stattfindet.

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 26.06.2001 12:47
Eine Dosierung von 60 mg pro Kind und Tag ist aber sicherlich kein Durchschnittswert- ich kenne etliche Kinder, die weniger bekommen, aber nur sehr wenige, die 60 mg und mehr bekommen- und die meist auch nur für relativ begrenzte Zeit.

Und Erwachsene kriegen meist auch nicht mehr, sondern eher weniger als 60 mg pro Tag. Kann ich nicht statistisch nachweisen, ist aber meine Beobachtung bisher.

Übrigens - nichts für ungut, aber ich finde nicknames wie :-) oder namenlos nicht nur unoriginell, sondern auch nervig.

Würde man sich im RL auch so benehmen? Sich in eine Diskussion einbringen, nachdem man sich als "ich habe keinen Namen, grinsen Sie einfach, wenn Sie mich meinen" vorgestellt hat?

Petra F.

von Petra F. - am 26.06.2001 12:51
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