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vor 15 Jahren, 8 Monaten
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mami-maus

das recht des kindes auf angemessene behandlung....

Startbeitrag von mami-maus am 11.07.2001 08:13

Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie in Deutschland e.V. (BKJPP)


Thema des Monats September 2000:

Das Recht des Kindes auf
angemessene Behandlung bei
psychischen und psychosomatischen
Erkrankungen


Stellungnahmen anlässlich des "Welttages des Kindes" am 20.9.2000


Stellungnahme
des Berufsverbands der Ärzte für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland e.V.
(BKJPP)

Etwa 1 Million Kinder und Jugendliche, d.h. ca. 5% aller
Kinder und Jugendlichen in Deutschland, sind psychisch
oder psychosomatisch krank und behandlungsbedürftig. Sie
leiden unter Ängsten, Zwängen, Depressionen, Schlaf- und
Kopfschmerzen, Wahrnehmungsmängeln, Einnässen und
Einkoten, Lern- und Konzentrationsstörungen, schweren
Entwicklungsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens,
Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, hyperkinetischen
Störungen, Essstörungen und Suchterkrankungen,
manisch- depressiven und schizophrenen Psychosen.

Alle diese Kinder und Jugendlichen haben ein Recht auf
angemessene Behandlung ihrer Erkrankung!
Diese Behandlung kann sich auf entwicklungsfördernde
Maßnahmen, auf die Stabilisierung von erblichen oder
während der Entwicklung erworbenen Defiziten und die
Lösung traumatischer Konflikte beziehen. Fachärzte für
Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie haben
ein breit gefächertes Instrumentarium um psychische
Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und
die Differentialdiagnose zwischen Unregelmäßigkeiten in
der Entwicklung oder vorübergehenden
Verhaltensstörungen und Störungen mit Krankheitswert zu
stellen. Dazu werden verschiedene Entwicklungslinien des
Kindes oder Jugendlichen, z. B. in der körperlichen
Entwicklung, der intellektuellen Entwicklung, der
seelischen und psychosozialen Entwicklung zueinander in
Beziehung gesetzt und auf ihre Stimmigkeit untersucht.

Jedes Kind hat ein Recht auf eine solche
differentialdiagnostische Abklärung seiner Entwicklung und
seines Störungsbildes vor einer therapeutischen
Maßnahme! Die therapeutischen Maßnahmen der
Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie sind im Sinne der Kinder und Jugendlichen
nach dem Prinzip "ambulant vor stationär" angelegt.
Im ambulanten Versorgungsbereich stehen allerdings zu
wenig Spezialisten zur Verfügung! Die Zahl der Fachärzte
für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im
ambu-lanten Bereich muss mindestens verdoppelt werden
und von derzeit etwa 500 Kolleginnen und Kollegen auf
mindestens 1000 Fachärzte anwachsen. Auch sollten
teilstationäre Ein-richtungen weiter ausgebaut werden.

Die ambulanten, teilstationären und stationären
Behandlungsmaßnahmen der Fachärzte für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sind:
- entwicklungsfördernde Hilfen für kognitive,
psychomotorische, emotionale und psy-chosoziale
Entwicklungsstörungen,
- Elternberatung und Familienberatung bzw.
Familientherapie
- Tiefenpsychologische/analytische Psychotherapie und
Verhaltenstherapie
- Sozialpsychiatrische Maßnahmen mit einem Team aus
Heilpädagogen, Sozialpädagogen u.a.
- Medikamentöse Behandlung

Jede Diagnosestellung und Behandlung muss unter
Beachtung der Würde des Kindes oder Jugendlichen nach
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und
Qualitätsstandards durchgeführt werden.

Die diesjährige Jahrestagung des BKJPP vom 21. bis
23.9.2000 in Berlin will zur Verbesserung dieser
Qualitätsstandards beitragen. Es soll eine
Standortbestimmung des Fachgebietes unter
Berücksichtigung der Geschichte des Fachgebietes und
gegenwärtiger und zukünftiger Perspektiven versucht
werden. Dazu werden neue Entwicklungen und
Erkenntnisse zu psychosozialen, organischen und
bindungsspezifischen Einflüsssen auf die Entwicklung von
Kindern und Jugendlichen in Vorträgen und
Arbeitsgruppen dargestellt und diskutiert. Oberstes Gebot
für die Ausübung unserer ärztlichen und
psychotherapeutischen Kunst muss die Fürsorge für eine
bessere Entwicklung psychisch kranker und behinderter
Kinder und Jugendlicher sein.

Wir Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie sehen die Verant-wortung und
gesellschafts- und gesundheitspolitische Aufgabe, als Ärzte
und Psychothera-peuten für die angemessene
Diagnosestellung und Behandlung dieser Kinder und
Jugendli-chen zu sorgen. Wir wollen uns im Sinne von
"Anwälten des psychisch kranken Kindes und
Jugendlichen" dieser Aufgabe stellen.

Vor allem im ambulanten Bereich tätige Kolleginnen und
Kollegen werden jedoch in der Umsetzung ihrer
Hilfsangebote derzeit durch Politik und Krankenkassen
massiv behindert. Die Finanzierung ärztlicher
psychotherapeutischer Leistungen wird immer
unzulänglicher - seit Anfang des Jahres werden Ärzte für
ihre psychotherapeutischen Behandlungen deutlich
schlechter bezahlt als ihre psychologischen Kollegen!
Sehr effektive sozialpsychiatrische Maßnahmen werden
gerade für die besonders bedürftigen Kinder und
Jugendlichen von den Primärkassen nicht bezahlt oder -
wie jüngst in Bayern - wieder gekündigt Viele Kollegen
bangen um ihre Existenz oder müssen ihre Arbeitsweise
auf Kosten einer qualifizierten Arbeit umstellen.

Die schon bisher unzureichende Versorgung für psychisch
kranke Kinder und Jugendliche wird sich unter diesen
Voraussetzungen weiter verschlechtern.

Am "Welttag des Kindes" fordern wir Regierung, Politiker
aller Parteien und Vertreter der Krankenkassen auf, sich
des Rechtes des psychisch kranken Kindes auf
angemessene Be-handlung anzunehmen und in einer
konzertierten Aktion, unter Einbeziehung der Fachärzte für
Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie
aller anderen auf die Behandlung von Kindern und
Jugendlichen spezialisierten Ärzte/Therapeuten und
Helfergruppen, die organisatorischen und finanziellen
Strukturen für wirkungsvolle Behandlungskonzepte zu
schaffen.

Psychisch kranke Kinder und Jugendliche dürfen nicht
länger Stiefkinder der Nation sein!





Stellungnahme
der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (DGKJP)

Das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes
beinhaltet u.a. die Balance zwischen den Prinzipien:
Überleben, Entwicklung, Schutz vor Mißbrauch, Verfügung
über Ressourcen und Partizipation. Der Gedanke der
Partizipation von Kindern an der Entwicklung der letzten
dreißig Jahre ist eher neu. Experten sind der Meinung, daß
Kinder deutlich weniger als alte Menschen von dieser
Entwicklung profitiert haben. Dies bedeutet, daß Kinder
z.B. auch im Falle von Erkrankung auf die bestmögliche,
d.h. vor allem kindgemäße Art und Weise behandelt
werden müssen. So sind z.B. die meisten Medikamente für
schwere Infektionskrankheiten, psychische Erkrankungen
oder für die Bekämpfung von bösartigen Tumoren nicht
speziell für Kinder entwickelt worden, nur selten ge-prüft
und zugelassen von der Arzneimittelkommission. Es
müssen z.B. bei schweren psychiatri-schen Erkrankungen
in Kindheit und Jugend Eltern einem Heilversuch
zustimmen, damit entspre-chende Medikamente eingesetzt
werden können und dürfen, die u.U. deutlich zur
Verbesserung des Krankheitsbildes beitragen.

Aber auch die Lebensräume für Kinder in Krankenhäusern
sollten ihren spezifischen Bedürfnissen angepaßt sein.
Entsprechend ihrem Lebensalter brauchen sie viel Kontakt
zu ihren Eltern, d.h. Mutter-Kind-Einheiten sind dringend
vorzuhalten. Die ambulante Behandlung sollte immer vor
der teilstationären oder gar vollstationären Hilfe stehen,
um das Kind - gerade bei Erkrankungen - im häuslichen
Milieu belassen zu können. Mit wenigen Ausnahmen gilt
dies besonders für psychisch kranke Kinder.

Jede therapeutische Maßnahme sollte nie die Würde des
Kindes verletzen, sondern seine Entwicklung unterstützen
und stärken, die Stabilität in der Familie vergrößern und so
vorhandene Ressourcen nutzen. Jede therapeutische
Maßnahme muß dem Kind altersgemäß erklärt werden,
damit es zustimmen oder ablehnen kann. Alle bekannten
Vor- und Nachteile einer Therapieform sind nicht nur mit
den Eltern, sondern auch mit dem Kind zu besprechen.

Nur unter Berücksichtigung dieser Punkte können wir dem
Recht des Kindes auf angemessene Behandlung
nachkommen.


Prof. Dr. Ulrike Lehmkuhl
Vorsitzende der DGKJP

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