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vor 16 Jahren, 4 Monaten
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mami-maus

Nur bei früher Therapie besteht die chance,.....

Startbeitrag von mami-maus am 31.07.2001 17:39

Ärzte Zeitung, 04.04.2001



HINTERGRUND

Nur bei früher Therapie besteht die Chance,
daß ein hyperaktives Kind nicht sozial
ausgegrenzt wird

Von Thomas Meißner

Kinder mit Zappelphilipp-Syndrom, also einer hyperkinetischen Störung,
werden auch heute immer wieder sozial ausgegrenzt. Vermieden werden kann
dies nur mit früher Therapie. Nur so besteht die Chance, die Isolation in der
Gruppe, der Klasse, aber auch in der Familie zu durchbrechen.

Wie erkennt man ein hyperaktives Kind?

Diagnostische Schnellschüsse identifizierten meist die falschen Kinder, so
Professor Hubertus von Voss vom Institut für Soziale Pädiatrie und
Jugendmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Selbst
nahezu eindeutige Zeichen könnten in die Irre führen. Schwere somatische
oder psychische Erkrankungen, emotionale Belastungen oder Gewalt müßten
unbedingt ausgeschlossen werden, so von Voss in einem Sonderheft der
"Kinderärztlichen Praxis" zum hyperkinetischen Syndrom.

Die meisten Merkmale der Erkrankung sind bereits in der am häufigsten
gebrauchten Bezeichnung "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung"
(ADHD - Attention Deficit Hyperactivity Disorder) enthalten:

Hyperaktivität: Das Kind zappelt häufig mit Händen und Füßen, hat
einen unangemessenen Bewegungsdrang, der von außen nicht
beeinflußbar ist und hat generell Schwierigkeiten, sich ruhig zu
beschäftigen.

Unaufmerksamkeit: Tätigkeiten werden früh abgebrochen und oft
gewechselt, das Kind kann sich nicht auf eine Sache konzentrieren,
läßt sich leicht ablenken und macht in der Schule viele
Flüchtigkeitsfehler.

Impulskontrollstörung: Das Kind platzt oft mit Antworten heraus,
ohne das Ende einer Frage abzuwarten, es unterbricht und stört
rücksichtslos andere Kinder oder Erwachsene und redet zuviel, ohne
auf entsprechende Hinweise zu achten.

Wichtig für die Diagnose sei, daß diese Leitsymptome über mindestens
sechs Monate ununterbrochen vorliegen, so Professor Bernhard Blanz von
der Universitätskinderklinik in Jena in der selben Zeitschrift. Zudem träten
die Symptome nicht nur in ganz bestimmten Situationen, sondern
situationsübergreifend auf. Fakultative, aber häufige Begleitsymptome seien
Distanzstörungen, Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen,
Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung oder motorische
Ungeschicklichkeit, so Blanz. Außerdem wichtig: Der Erkrankungsbeginn
liegt oft im Vorschulalter.

Um einen Verdacht abzuklären, sind nach Ansicht von Blanz
Kurzfragebögen nach Conners geeignet, die Eltern oder Lehrer ausfüllen
können. Die ausführliche Untersuchung entsprechend der Kriterien nach
ICD-10 und DSM-IV sollte einem Kinder- und Jugendpsychiater
überlassen werden, meint Dr. Franz Joseph Freisleder von der
Heckscher-Klinik aus München. Dies soll verhindern, daß bei leichteren
Aufmerksamkeitsproblemen und gelegentlicher motorischer Unruhe die
Diagnose fälschlicherweise gestellt wird.

Grundbaustein der Therapie ist Methylphenidat (Ritalin®). Das Mittel greift
in pathologisch veränderte Hirnstoffwechselprozesse korrigierend ein.
Tierexperimente haben ergeben, daß die mangelhafte Fähigkeit, bestimmte
Verhaltensweisen ausreichend zu hemmen, über eine Dysfunktion der
dopaminergen Neurotransmission vermittelt sein könnte. Bei Erwachsenen
mit ADHD hat man eine erhöhte Dichte an Dopamintransportern im Gehirn
beobachtet. Unter Methylphenidat sank die Dichte an
Dopamintransportern und erhöhte sich das am synaptischen Spalt
vorhandene Dopamin. Folge: Zentralnervöse, hemmende
Kontrollmechanismen werden verbessert, das Patienten-Verhalten
stabilisiert sich.

Unerwünschte Wirkungen von Methylphenidat wie Appetit- und
Schlafstörungen sind selten und verschwinden oft spontan. Ein Auftreten
von Tics kann allerdings das Ende der Behandlung erfordern, aber auch
Tics können spontan verschwinden. Eine immer wieder befürchtete
Suchtgefahr besteht nicht. Alle sechs bis zwölf Monate kann ein
Auslaßversuch unternommen werden, am besten in den Ferien. Alternative
Mittel sind trizyklische Antidepressiva, Amphetamin oder das
Sympathomimetikum Pemolin. "Sofern das Kind seine
Verhaltensstabilisierung nur der Medikation und nicht auch seinen eigenen
Kräften zuschreibt, entsteht eine kognitive Abhängigkeit, die der
Entwicklung zu Autonomie und Kompetenz entgegenläuft", betont der
Kinderpsychiater Professor Hans-Christoph Steinhausen aus Zürich.

Ziele von Verhaltenstherapie und Sonderpädagogik

Prinzipiell sollte deshalb multimodal behandelt werden. Dazu gehören
verhaltenstherapeutische und sonderpädagogische Maßnahmen. Die
Verhaltenstherapie hat zum Ziel, die sozialen Beziehungen des Kindes zu
verbessern und Kompetenzen aufzubauen. Die häufigen Lernstörungen
können mit speziellen Unterrichtsformen oder in Spezialklassen angegangen
werden.

STICHWORT

Hyperaktivität

Verschiedene Begriffe und Abkürzungen bezeichnen
dieselbe Störung:

ADDH: attention deficit disorder with hyperactivity;
ADHD: attention deficit hyperactivity disorder;
ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung;
HKS: hyperkinetische Störung.

Die Begriffe Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) und
minimale cerebrale Dysfunktion (MCD) sind veraltet.


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