Brief d. Ärztin a. d. Hamburger Abendblatt

Startbeitrag von Ingeborg am 03.09.2001 18:38




ABSCHRIFT des Artikels !


HH., 12.08.01 Dr. K. Stollhoff



Sehr geehrte Frau Geßler!

Auf ihre Ritalinserie im Hamburger Abendblatt kann ich erst heute reagieren, da ich mit Ursache ihres Sommerlochs bin: ich war im Urlaub.
Seit dem gestrigen Tage konnte mir die Wirkung ihrer Reihe aber nicht verborgen bleiben, da ich ununterbrochen von besorgten und verunsicherten Eltern angerufen werde.
So wertvoll ich es finde, dass das Thema ADHS/Ritalin in aller Munde ist, so wichtig fände ich es, dass dabei schlich und informativ diskutiert wird und betroffene Eltern nicht mit Halbwahrheiten wenn nicht gar Phantasieprodukten verängstigt werden.
Eltern mit ADHS-Kindern haben wie ihre Kinder bereits einen erheblichen Leidensweg hinter sich. Sie werden von ihrem Umfeld angefeindet – zuerst, weil ihr Kind sich nicht so verhält wie alle anderen, danach weil sie es wagen ihrem Kinde Medikamente zu geben in dem Wunsch, dass auch ihr Kind die Chance erhält sich zu einem glücklichen und zufriedenen Menschen zu entwickeln.
Wir diagnostizieren und betreuen, seit 20 Jahren inzwischen schwerpunktmäßig Kinder mit einen ADHS. Etwa 50 % der von uns betreuten Kinder erhält das von ihnen so in Frage gestellte Medikament Ritalin.
Aus unserer Erfahrung überwiegen die positiven Wirkungen des Medikamentes bei weitem die negativen ( Appetitmangel und selten Einschlafstörungen).
Andere Nebenwirkungen wie „zu ruhig“ oder traurig sind in der Regel dosisabhängig und verschwinden nach Modifikation der Medikation.
Wir und ich schließe dabei auch meine Kollegen, die ADHS Kinder betreuen, mit ein, behandeln keineswegs, wie es immer wieder leider nicht nur zwischen den Zeilen unterstellt wurde, lebhafte aber ansonsten glücklich und zufriedene Kinder oder Kinder, deren Eltern von Ehrgeiz zerfressen bessere Schulleistungen fordern.
Behandlungsindikation für eine medikamentöse Therapie stellt für uns der Leidensdruck des Kindes dar: was immer wieder in den Diskussionen vergessen wird:
Viele Kinder mit ADHS leiden erheblich unter ihrer Störung. Einmal, weil sie immer wieder von ihrem Umfeld kritisiert werden, weil sie keine Freunde haben, sich von allen abgelehnt fühlen und ihnen von morgens bis abends vermittelt wird, dass sie unerwünscht sind.
Zum Umfeld gehören neben den Eltern und Geschwistern die lieben Verwandten, Lehrer und sonstige Kindererzieher aber auch Altersgenossen im Kindergarten, in der Schule auf der Straße.









Damit nicht genug, sie versagen in der Schule – auch hier kein Erfolgserlebnis. Dabei bleibt das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein auf der Strecke. Wir alle wissen, dass dies die beste Voraussetzung ist, um sich eine Identität in rechtsradikalen oder sonstigen sektenmäßigen Gruppen zu suchen oder in der Kriminalität oder die Flucht in die Drogenwelt zu ergreifen.
Ausreichende Studien belegen inzwischen auch, dass dem so ist: eine holländische sowie eine amerikanische Studie kamen zu einem identischen Ergebnis:
35-50 % der Kinder/Jugendlichen im Jugendstrafvollzug sind ADHS Kinder – unbehandelt, weil die Eltern entweder nichts von einer wirksamen Therapie wussten oder weil sie ihre Kinder vor „den Gefahren des Ritalins“ bewahren wollten – verständlich, wenn man die Informationen, die über dieses Medikament aus den öffentlichen Medien zu erhalten sind, ernst nimmt.
Eine amerikanische Studie von 1979 untersucht 175 unbehandelte ADHS Kinder bis ins Erwachsenenalter:
Sie stellt fest, dass 40% ein deutlich antisoziales Verhalten aufweisen, der Ausbildungsgrad wesentlich niedriger ist als der mit einer Vergleichsgruppe, dass die Betroffenen mehr Verkehrsunfälle und sonstige Unfälle hatten, dass die Betroffenen selbst von sich sagen, sie fühlten sich rastlos, innerlich zerrissen, unzufrieden, weil sie nichts erfolgreich zu Ende bringen können. Alkohol und andere Drogen sowie häufiger Kontakt mit der Polizei finden sich bei 45%.
Was für Gefahren lauern auf der anderen Seite nach einer langjährigen Ritalintherapie: keine der zahlreichen Studien konnte ein über das statistische Maß hinausgehendes Abgleiten in die Drogen und Alkoholwelt beobachten. Die längste Studie ist über 15 Jahre nach Beendigung der Ritalintherapie gelaufen. Also ausreichend, um eine Wirkung der Therapie beurteilen zu können. Dies einspricht auch unserer Erfahrung: Ritalin führt nicht zur Abhängigkeit und nicht zur Drogenabhängigkeit – bei ADHS – Menschen. Hier besteht ein wesentlicher Unterschied zu Menschen, die kein ADHS haben.
Das Gehirn eines Menschen mit ADHS funktioniert anders – und ich dadurch geschützt von der abhängig machenden Wirkung des Ritalin. Auch hierfür gibt es ausreichende Belege in der Literatur – und zwar in wissenschaftlichen Zeitschriften, deren Seriösität nicht anzuzweifeln ist.
Warum Ritalin das Kokain des Kindes ist – verstehe ich nicht. Auch wenn der Ausspruch für eine Schlagzeile ideal wäre, so entbehrt er doch jeglichen wahren Inhalts. Ein Kind mit ADHS ist keineswegs „übererregt“ oder „aufgeputscht“ nach Einnahme von Ritalin. Es fühlt sich auch nicht freudig erregt oder omnipotent, wie dies häufig nach Kokaineinnahme zu beobachten ist. Und vor allem, es wird auch nicht nach mehr Ritalin verlangen, geschweige davon immer häufiger. Im Gegenteil, die Kindern nehmen ausgesprochen ungern ihre Ritalintablette, wie wir dies auch bei anderen chronisch kranken Kindern, die regelmäßig Tabletten einnehmen, kennen.
Sie selbst merken keine Psychoveränderung an sich durch die Tablette – sie stellen lediglich fest, dass sie plötzlich Freunde haben, sie sich weniger streiten, nicht mehr diese auch für sie schrecklichen Wutanfälle haben – und natürlich auch, dass die Schulleistungen besser werden.




In den Kommentaren wird immer wieder der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Änderung geäußert. Vielleicht bin ich pessimistisch: aber ich glaube an eine Realisierung dieser Möglichkeit genauso wenig, wie an das Versprechen, dass in Hamburg immer die Sonne scheinen wird.
Sie führt nur dazu, dass nichts geschieht und es den Kindern immer schlechter geht.
Aber vielleicht können die Politiker ja in Hamburg das Schulsystem für ADHS-Kinder verbessern:
Unterricht am besten in einer 1:1 Beziehung oder maximal 5:1 Beziehung (bei 5.10 % aller Hamburger Kinder – statistisch ermittelte Anzahl der ADHS-Kinder).
Halten sie das für realisierbar???
Und nachmittags zur Entlastung der Eltern für jedes ADHS-Kind einen ZIVI?????
Bis dahin sollten den Kindern, die es brauchen, aber effektiv geholfen werden.
Noch einmal, das sind nicht alle ADHS Kinder und auch nicht die Kinder, die lediglich unruhig oder lebhaft sind, die dürfen es gerne auch weiter bleiben.
Ich meine die Kinder, die von ihrer Störung belastet und für die anderen belastend sind: die Kinder, die darunter leiden, dass sie keine Kontrolle über ihre Emotionen haben, die darunter leiden, dass sie von allen abgelehnt werden, weil ihr Verhalten für die anderen – anstrengend und unerträglich ist. Wie wollen sie ihr Kind dazu bringen, mit einem anderen Kind zu spielen, dass immer wie ein Zündhütchen hochgeht, Spiele unterbricht, ständig die Spielregeln ändert, alles bestimmen will, das Spiel zerstört und vielleicht noch andere Kinder verletzt??? – Gesellschaft ändern??? Psychotherapie? – die wirkt wenn überhaupt erst nach Jahren. Psychomotorisches Turnen??
Glauben sie das wirklich?
Eine kürzlich erschienene Studie in Amerika hat über 1000 Kinder mit ADHS untersucht. Sie fand als wirksamste Therapie die Kombination von Beratung mit Ritalin. Die Kombination Beratung, Ritalin und Verhaltenstherapie brachte keine besseren Resultate. Nur bei schweren sekundären psychischen Störungen wird eine zusätzliche Psychotherapie empfohlen.
Die Prognose wird jetzt sehr schlecht – Wir sollten uns also bemühen wirksam zu behandeln, bevor die schweren psychoreaktiven Störungen entstehen.
Ich bitte um Veröffentlichung des Briefes.
Mit freundlichen Grüßen K. Stollhoff

Antworten:

GUT GEBRÜLLT, LÖWE !!!

Gruß Herbert

von Herbert - am 03.09.2001 18:43
huhu!

na, das war doch mal was!!

von Solly - am 03.09.2001 19:02

Re: Brief d. Ärztin a. d. Hamburger Abendblatt ( ist aber noch nicht abgedruckt) o.T.

............

von Ingeborg - am 03.09.2001 19:47
DANKE!!!!!!!!!!!!
Innerhalb der eigenen (!) Verwandtschaft werde ich schief angesehen weil ich meinem Kind diese "Teufelsdroge" gebe.

JEDER bekommt ein Exemplar als Lektüre!!
Liebe Grüße Ulrike

von Ulli - am 03.09.2001 20:05
Hallo Ingeborg,

tausend Dank, daß Du den Artikel ins Forum gebracht hast. Ist doch mal interessant, einen Bericht von der Ärztin zu lesen, die die Diagnose bei meiner Tochter gestellt hat.

Lea

von Lea - am 03.09.2001 20:24
Danke,Ingeborg!!!!!!!!!!!!!
Wollen wir hoffen das der Artikel gedruckt wird
Liebe Grüße aus Bochum
Susanne

von chaotin - am 03.09.2001 20:38

Re: Brief d. Ärztin a. d. Hamburger Abendblatt an Lea

Hi,

hatte gehofft, dass du es liest, hätte dich sonst noch extra angemailt, dann kam aber erst "Report" und dann musste ich mir noch "warum Kinder in der Pupertät manchmal zu Monstern werden" ansehen.

Gruß Inge

von Ingeborg - am 03.09.2001 22:51
Danke Ingeborg!
Ich drücke die Daumen, dass der Brief auch veröffentlicht wird!"

Gruss
Carrie

von Carrie - am 04.09.2001 06:42
Hallo Ingeborg

Kam gerade erst dazu Dein Posting zu lesen.
Danke das Du diesen Bericht hier reingestellt hast, gerade ich bin in
letzter Zeit unsicherer als ich jemals war.

Dieser Bericht hat mir gutgetan nach all den negativen Schlagzeilen
die ich mir auf "der Suche nach der Wahrheit" angelesen (und angetan)
habe.

Meine Angst vor Ritalin nimmt es mir zwar trotzdem nicht, aber dieser
Bericht klang mir sehr plausibel.

Habe gerade heute erst wieder gehört, das wohl doch nicht alles in der Schule
so gut läuft wie es mir in den letzten ca. 10 Tagen vorkam.

Die Schuldirektorin mit der ich vorhin ein Gespräch hatte, sagte mir sie (die Lehrer)
sind sich einig mir nicht immer alles zu sagen um mich nicht nochmehr
zu belasten weil sie sich vorstellen könnten das ich es sicher schon zuhause
nicht leicht mit Lisa habe.
Also sie meinte damit nicht gleich zu mir "zu rennen" nach dem Motto
----stellen Sie sich vor ihre Tochter hat schon wieder.......------
Sondern die Probleme selbst zu regeln und Lisa in der Schule zu helfen.

Ich bin froh so eine Schule hier zu haben, mit so vielen netten, verständnissvollen
Lehrern.

So nun bin ich aber abgeschweift, musste das aber mal loswerden.

Liebe Grüße Antje ...und nochmals Danke.

von Antje - am 04.09.2001 08:57
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