Report-Nachtrag an Dagmar

Startbeitrag von Birgit R. am 05.09.2001 17:17

Autor: Birgit R.
Datum: 05.09.01 09:06

Liebe Dagmar,

ich denke viele von uns sind einfach geschockt , das REPORT und der Name REPORT steht ja für eine anerkannte und kompetente Sendung und im guten Glauben auf den Wahrheitsgehalt der Sendung die Ärztin mitverurteilt haben.

Ich muß er lich gestehen mir ging es im ersten Moment auch so, aber je länger ich nachdenke und mir die Sendung auch noch mal angesehen habe, desto mehr merke ich, dass die Schnitte wirklich sehr geschickt gemacht und die Aussage der Leute in ein ganz falsches Licht rücken.

Es ist wirklich erschreckend, was die Medien so fertig bringen und das schlimme ist man kann nichts dagegen tun, außer Leserbriefe und Emails zu schreiben.

Ich könnte platzen vor Wut!

Liebe Grüße
Birgit

Antworten:

Re: Report-Nachtrag

Hallo Birgit,

ja, mich macht diese geschickte Manipulation auch betroffen und wütend. Eben weil mich das Thema betrifft. Wenn ich gleiches bei einer Nachrichtensendung bemerke, dann schaue ich mir noch mal die Nachrichten auf einem anderen kanal an und habe ein etwas weitreicherendes Bild.

Außenstehende gehen solch einem Filmbeitrag natürlich auf den Leim, das bin ich auch noch, als ich nichts mit dem Thema zu tun hatte. Und Mütter deren Kinder gerade diagnostiziert wurden und die noch keine Gelegenheit hatten sich zu informieren sind absolut verunsichert. Als ich gestern von der Arbeit kam, hatte ich schon einige Anrufe auf dem Band und ich kam den ganzen Tag nicht mehr von meinem Schreibtisch weg. Und jedes Telefonat hatte den gleichen Inhalt. Das ist schlimm für die betroffenen Kinder.

Was mich aber zunehmend wütend macht, ist dass selbstbetroffene Eltern und Erwachsene einen solch offensichtliche tentenziösen Filmbeitrag nicht erst einmal überdenken, sondern sofort in das gleiche Horn stoßen wie der Film selbst. Statt über die Machart des Filmes wird über eine Ärztin hergezogen, dass es schon an Rufmord grenzt. Und das alles ohne einmal nachgefragt zu haben, kennt jemand die Frau, ist der Bericht objektiv.

Und die Außenwirkung solcher impulsiver Meinungsäußerungen sind verherender als die Medienberichterstattung selbst. Einerseits für die Ärzte, denn warum sollen sie den Job noch machen, wenn sie von den selben Leuten in den Hintern getreten bekommen, denen sie gerade noch geholfen haben. Sie können sich auch einem anderen Krankeitsbild zuwenden, Arbeit gibt es auch woanders.
Ich bange dabei einfach um die Diagnosemöglichkeiten der nachwachsenden Kinder und der nachwachsenden Generationen. Welchem jungen Arzt kann man denn noch guten Gewissens versuchen zu gewinnen, sich über ADS zu informieren? Denn wenn man ehrlich wäre, müsste man ihm gleich dazusagen, was ihn selbst von seinen eigenen Patienten für Angriffe bevorstehen werden.

Noch schlimmer ist, dass solche Postings, die wie uns Sonja mitteilte, wirklich jedem Wirklichkeitsbezug entbehren, als Steilvorlagen den ADS-kritikern dienen. Denn nun können sie sagen, seht ihr, wir hatten doch Recht mit unseren Argumenten, der zu schnellen und oberflächlichen und zu häufigen Diagnose. Und dazu können sie solche emotionalen Postings verwenden: Seht ihr, selbst die ADS'ler sagen das ja.

Eben hatte ich eine Mutter am Telefon, die mir sagte, dass sie auch finde, dass zu schnell und zu oberflächlich diagnostiziert werde. Sie hat ein betroffenes Kind und nimmt selbst zeitweise Medis. Als ich sie bat, mir diesen Arzt zu nennen, denn ich suche zur Zeit nach einer ganz schnellen Möglichkeit den ADS-Verdacht bei einem Jugendlichen abklären zu lassen, da er momentan fürchterlich beim Abstürzen ist und die Mutter erst einen Termin (schon vorgezogen) im 2 Monaten bekam, konnte sie mir *keinen* Namen nennen. Ihre Reaktion: Ja aber gestern in dem Film hätten die das doch auch gesagt.

Solch ein unreflektiertes Verhalten ärgert mich aber auch persönlich. Es erschwert auch die Arbeit der Leute, die offen zu ihrem ADS stehen und sich für ADS'ler (Kinder und Erwachsene) einsetzen. Man sitzt auf einem Präsentierteller und wird natürlich viele male umgenietet von solchen Sendungen und solchen "Fach"leuten im Umkreis. Und statt für diese Arbeit mal Kraft schöpfen zu können, wird man von der anderen Seite genauso umgenietet, weil plötzlich die Leute, für die man sich einsetzt das gleiche Lied der ADS-Gegner singen. Und da frage ich mich auch: Für was eigentlich tut man sich das an?
Glücklicherweise bin ich Hypie und meine Gedanken schneller, als ich denken kann.

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 05.09.2001 19:38

Re: Report-Nachtrag

Hallo Dagmar,

ich wohne auf einem kleinen Dorf. Jeder kennt unsere Familie, auch die Großeltern leben hier.
Jeder kennt unseren Sohn und die Leute wissen auch und ich verheimliche das nicht, das er ADS hat und jeder weiß auch, dass ich die ADS- Gruppe an unserer Gesamtschule leite.
Noch dazu arbeite ich im Kindergarten des Nachbarortes, wo ich über unserer Arbeit in der ADS-Gruppe informiere.

Für mich war diese Sendung ebenfalls fatal. Jeder spricht mich jetzt darauf an,
inbesondere auf "Ritalin" und ich kann schon wieder von vorne mit den Erklärungen anfangen.

Auch für unseren Sohn ist es schwer. Er hat sich seit der Behandlung enorm entwickelt, spielt im Tennisverein aktiv in einer Jugendmannschaft und ist auch ein wirklich guter Spieler. Trozdem merke ich, dass er sein ADS lieber verheimlicht und ihn stört auch das ich so aktiv bin, für wen eigentlich?
Hätte ich ihm stillschweigend das Medikament gegeben und die anderen Therapien durchgeführt, dann hätte sich wohl jeder an seiner Entwicklung gefreut.
Jetzt hat er aber sein ADS-Ettikett und muß damit leben .

Alle im Dorf haben bisher anerkannt, dass sich S. wirklich positiv entwickelt hat,
aber solche Fernsehsendungen werfen doch insgeheim ein schlechtes Licht auf meine Familie.

Bin gespannt wie der Vortrag von Herrn Biegert ankommt und wünsche das es gut
läuft und bald wieder bessere Zeiten kommen.

Liebe Grüße

Birgit R.

von Birgit R. - am 06.09.2001 05:48

Re: Report-Nachtrag

Hallo Birgit,

>>und wünsche das es gut
läuft und bald wieder bessere Zeiten kommen.>>

ja, das wünsche ich auch. Ich drücke fest die Daumen :-)))

Liebe Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 06.09.2001 11:52
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