Pillen für den Zappelpihilipp

Startbeitrag von mami-maus am 15.09.2001 18:48


Pillen für den
Zappelphilipp

Ritalin ist ein Segen für Kinder mit der
Wahrnehmungsstörung ADS - aber
zugleich ein zweischneidiges
Schwert

von Irina Bosse-Kohlhaas



ie zappeln ständig, sie sind wild und unkontrolliert. Sie
können nicht zuhören. Alle Bitten und Aufforderungen
muss man zehnmal wiederholen. Der Umgang mit
hyperaktiven Kindern fordert viel Geduld und starke Nerven,
von den Eltern ebenso wie von ihren Lehrern und
Klassenkameraden. Die kleinen Rabauken mischen den
Alltag in Familie und Schule gehörig auf. Sie fallen aus dem
Rahmen und überschreiten Grenzen.

Lange Zeit galten hyperaktive Kinder einfach als
"unerzogen". Heute geht man davon aus, dass hinter dem
auffallenden und störenden Verhalten nicht schlechte
Erziehung oder böse Absicht steckt, sondern eine Krankheit:
Die impulsiven Kinder leiden an einer
Wahrnehmungsstörung, genannt
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Und dieses
Syndrom kann sich mit oder ohne Hyperaktivität zeigen.

ADS bedeutet, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit
nicht gezielt auf etwas ausrichten können, sie können sich
nicht konzentrieren und sind deshalb leicht ablenkbar. Die
ungezügelten Verhaltensweisen sind eine Folge dieser
gestörten Wahrnehmung und machen das Zusammenleben
mit den Kindern so beschwerlich.

Lange Zeit wurde das Phänomen "Hyperaktivität" als
Modediagnose abgetan und belächelt. Inzwischen halten die
meisten Mediziner ADS für eine ernstzunehmende
Krankheit, von der etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder
betroffen sein sollen. ADS wäre damit die häufigste
psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter.

Die Erforschung des ADS in den letzten zehn Jahren hat
gezeigt, dass die Erkrankung viele Facetten haben kann.
Das Herumzappeln oder Kippeln auf dem Stuhl als
sichtbarstes Merkmal spielt dabei nur noch eine
untergeordnete Rolle. Viel gravierender ist die Tatsache,
dass die kleinen Störenfriede häufig zusätzlich eine
Lese-Rechtschreibschwäche haben, an emotionalen
Störungen und an Störungen im Sozialverhalten leiden. Die
Liste der Auffälligkeiten ist lang: unkontrollierbare
Wutausbrüche, Aggressionen gegen sich und andere,
Ess-Störungen, Depressionen.

An der Universitätsklinik Jena versuchen Forscher der
Ursache für die Aufmerksamkeits-Störung auf die Spur zu
kommen. Bei ihren Untersuchungen lassen sie Kinder mit
und ohne ADS an Konzentrationstests teilnehmen.
Gleichzeitig machen sie mit einem Kernspintomographen
Aufnahmen vom Gehirn, also während der gedanklichen
Aktion. Die ersten Ergebnisse dieser aktuellen Studie
bestätigen die Hypothese, dass der Stoffwechsel im Gehirn
an ADS beteiligt ist: Die Forscher stellten fest, dass einige
entscheidende Hirnregionen bei den ADS-Patienten
mangelhaft aktiviert werden, was schließlich zu einer
Störung in der Weiterleitung von Reizen mündet.

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen scheint auch hier
der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zu spielen. "Es
gibt starke Hinweise, dass im frontalen Bereich eine
Dopamin-Unterfunktion vorliegt, die wahrscheinlich für das
impulsive und ungesteuerte Verhalten verantwortlich ist.
Dagegen liegt in den Basalganglien eine
Dopamin-Überfunktion vor, die das hypermotorische
Verhalten verursachen könnte," erklärt Professor Bernhard
Blanz von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der
Uni Jena.

So unsicher die Erklärungsmodelle auch sind, eines steht für
die Ärzte fest: Die betroffenen Kinder müssen behandelt
werden, denn ihr auffallendes Verhalten prädestiniert sie
geradezu für einen Entwicklungsweg, der ins soziale Abseits
führen kann. Sie machen sich durch ihr chaotisches und
impulsives Verhalten unbeliebt, bleiben häufig Außenseiter,
die vielen Misserfolge nagen an ihrem Selbstbewusstsein
und oftmals werden sie auf Sonderschulen abgeschoben.
"Das sind natürlich nicht nur für die schulische Entwicklung,
sondern auch für die persönliche Entwicklung und für die
Selbstwertentwicklung große Benachteiligungen", erklärt
Bernhard Blanz.

Aus diesem Grund hält er eine früh einsetzende Behandlung
für besonders wichtig. Neben Elterntraining und
Verhaltenstherapie für die betroffenen Kinder stützt sich die
Therapie heute auf Medikamente aus der Gruppe der
Stimulanzien. Als am wirksamsten hat sich die Substanz
Methylphenidat erwiesen. Es ist ein Psychopharmakon, das
unter dem Markennamen Ritalin immer häufiger verschrieben
wird. Ein starkes Geschütz: Methylphenidat ist ein
Amphetaminderivat, chemisch verwandt mit Kokain und
ähnlich in der Wirkung. Es gilt als konzentrations- und
leistungsfördernde Substanz. Übrigens nicht nur bei
ADS-Patienten, sondern bei jedem. Und: Es ist eine
psychotrope Droge, das heißt, sie wirkt
persönlichkeitsverändernd.

Dennoch hält die Mehrheit der Kinderpsychiater die
Stimulanzien für die beste Lösung zur Abwendung von
sozialen Spätschäden. Das Medikament greift in die
Biochemie des Gehirns ein und scheint die
Dopamin-Unterversorgung auszugleichen. Dadurch ändert
sich auch das Verhalten. Nach einer Wirkzeit von weniger
als einer halben Stunde kann ein Zappelphilipp seine
Emotionen kontrollieren, seine überschießenden Impulse
steuern und vor allem ist er in der Lage, sich zu
konzentrieren.

Auch Professor Ari Rothenberger von der Kinder-Psychiatrie
der Uni-Klinik Göttingen empfiehlt, wie die meisten seiner
Kollegen, Methylphenidat. "Dieses Mittel - gut kontrolliert
eingesetzt - ist eine große Hilfe für die Kinder und Familien
und hilft dem Kind seine Ressourcen, die es in sich hat,
auch wirklich zu nutzen und sie nicht durch chaotisches
Verhalten zu vergeuden."

Die Verhaltensänderungen, die diese Medikamente häufig
schon nach wenigen Tagen bewirken können, klingen
unvorstellbar. Aggressive Kinder werden zahm, freche Rüpel
werden liebevoll und die Schulnoten steigen nicht selten um
drei Noten. Die Handschrift verwandelt sich oft von einem Tag
auf den nächsten von einer "Sauklaue" in
Schönschreibschrift. "Ohne Ritalin hätte er die Schule nicht
geschafft. Er ist jetzt viel ruhiger und kann konzentriert
arbeiten. Und er ist aufgeschlossen, so dass man viel besser
an ihn herankommt", schwärmt eine Mutter über die
Veränderungen ihres Sohnes. Eine andere Mutter
euphorisch: "In der Schule gibt es überhaupt keine Probleme
mehr. Und früher war sein großes Problem, dass keiner mit
ihm spielen wollte und er keine Freunde hatte. Jetzt kommen
immer häufiger Klassenkameraden vorbei, um ihn zum
Spielen abzuholen."

Doch so positiv sich die Stimulanzien auch auswirken, sie
haben einen entscheidenden Nachteil: Da sie nur fünf bis
sechs Sunden wirken, müssen viele Kinder täglich mehrere
Pillen schlucken - und das über Jahre. Wie die meisten
Medikamente, haben auch die Stimulanzien
Nebenwirkungen. Dazu zählen Appetitlosigkeit und massive
Einschlafprobleme, viele Kinder liegen bis Mitternacht wach.

Methylphenidat ist zwar schon seit siebzig Jahren auf dem
Markt, doch was genau im Gehirn der Kinder durch die
Einnahme von Ritalin passiert, ist bislang nicht ausreichend
untersucht worden. Es ist noch unklar, ob und welche
Veränderungen im Gehirn entstehen, wenn Kinder in dieser
sensiblen Entwicklungsphase über Jahre Psychopharmaka
einnehmen.

Und eines steht fest: Stimulanzien heilen die Krankheit
nicht, sondern kurieren die Symptome. Vernünftiger wäre es
deshalb, an den Wurzeln der Krankheit anzusetzen, doch
über die Ursachen wissen die Forscher erstaunlich wenig.
Die spektakulärsten Aufnahmen vom Inneren des Gehirns,
die auf eine biochemische Störung hinweisen, sagen nichts
über die Ursachen aus, sondern belegen bestenfalls eine
Wechselwirkung zwischen Gehirnchemie und Verhalten. Und
selbst, wenn sich die Hypothese von der
Stoffwechselstörung im Gehirn eines Tages bestätigen
sollte, bliebe die Frage immer noch offen, wo diese
Dysfunktion herkommt. Ist sie angeboren oder wird sie
vielleicht als Folge äußerer Einflüsse in der Kindheit erst
erworben?

Als Risikofaktoren für ADS sind Drogen- und
Nikotinmissbrauch in der Schwangerschaft bekannt. Man
weiß auch, dass Kinder, die zu früh oder mit Luftarmut auf
die Welt kommen, für die Störung anfälliger sind. Das erklärt
aber nur einen Bruchteil der ADS-Fälle. Immer stärken
rücken nun die Gene in den Vordergrund. Auch sie werden
als Ursache diskutiert, denn ADS tritt gehäuft unter
Geschwistern und in Familien auf. Andererseits: Studien mit
eineiigen Zwillingen haben gezeigt, dass häufig nur einer von
ihnen ADS entwickelt, obwohl beide exakt dieselben Gene
tragen. An einem speziellen Gen allein kann es also nicht
liegen. "Es gibt eine deutliche genetische Komponente",
fasst Blanz den Wissensstand zusammen, "es ist aber auch
genauso sicher, dass sie nur eine Disposition schafft und
dass noch weitere Bedingungen hinzukommen müssen,
insbesondere Umwelt- und Erziehungsbedingungen."

Das bedeutet: Einige Kinder haben eine genetische Anlage,
die sie für ADS generell empfänglicher macht als andere. Ob
sie aber tatsächlich die psychische Störung entwickeln, und
wie stark sie ausfällt, hängt auch von den äußeren
Umständen ab. Die Biochemie im Gehirn wird zweifellos
durch die Gene geprägt, doch darüber hinaus reagiert der
Hirnstoffwechsel ein Leben lang sensibel auf die Umwelt.

Schade, dass bislang nur so wenig über dieses
Wechselspiel bekannt ist und dass die Wissenschaftler
diese äußeren Bedingungen kaum erforschen, wenn sie
doch - wie sie selber betonen - die entscheidenden Auslöser
für ADS sind. Stattdessen konzentrieren sie sich auf
High-Tech-Diagnostik und genetische Analysen, um in die
Hirnchemie einzugreifen.

Medikamente gegen ADS - ein zweischneidiges Schwert
also. Unbestritten sind die Stimulanzien heute für viele
betroffene Kinder ein Segen, weil sie ihnen einen halbwegs
geregelten Entwicklungsweg ermöglichen. Das sollte aber
nicht dazu führen, sich auf diesen Erfolgen auszuruhen und
andere Möglichkeiten ungenutzt zu lassen. Das freilich setzt
voraus, dass sich neben den Neurologen endlich auch
Soziologen und Psychologen intensiver für die Erforschung
von ADS engagieren.


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Links

ADS-Hyperaktivität
Webseiten einer
Elterngruppe mit
ausführlichen Informationen
und weiteren Links

Keine leichtfertige
Verordnung
Stellungnahme der
Fachverbände für Kinder-
und Jugendpsychiatrie und
Psychotherapie in
Deutschland zu
Methylphenidat (Ritalin)

ADD-Online
Schweizer Seite mit
Fachinformationen und
Elternratgeber


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