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vor 15 Jahren, 10 Monaten
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mami-maus

Neurotransmitter und Persönlichkeit

Startbeitrag von mami-maus am 15.09.2001 18:55

Neurotransmitter und Persönlichkeit



Hennig, J.
Universität Gießen

Die heutige Psychopharmakologie ist gekennzeichnet durch die Entwicklung spezifischer Substanzen,
die, wenn eben möglich, eine optimale Behandlung distinkter Erkrankungen gewährleisten sollen. Ein
zweites Verdienst dieser Entwicklung ist aber auch, dass mit der Erkenntnis biologischer Grundlagen
psychopathologischer Phänomene auch eine Extrapolier-barkeit in den gesunden Bereich der
Persönlichkeit verbunden war und sich die Vorstellung eines Kontinuums zwischen Persönlichkeit und
Psychopathologie weitgehend etabliert hat. Insbesondere diejenigen Befunde, die direkte Parallelen
zwischen biochemi-schen Parametern z.B. impulsgestörter Patienten und solchen mit hoher,
nicht-klinischer Impulsivität aufgezeigt haben, unterstützten diese Vorstellung.

In diesem Beitrag werden zunächst diejenigen Persönlichkeitstheorien beschrieben, die die Aktivität der
Neurotransmittersysteme Dopamin, Noradrenalin und Serotonin als Basis für interindividuelle
Differenzen herangezogen haben, um danach auf einige der eigenen Studien zu diesem Thema
einzugehen.

Allgemein speist sich die Erkenntnisgewinnung zum Zusammenhang von Neurotransmittern und
Persönlichkeit einerseits aus Tierversuchen, die mit Hilfe von physikalisch und chemisch induzierten
Läsionen, Stimulationen und histolo-gischen sowie neurochemischen Analysen von Gehirnschnitten
Einblicke in die wichtigsten psychobiologischen Funktionen des Organismus ermöglichen, die durch
bestimmte Konstellationen von Neurotransmittern gesteuert werden. Andererseits lassen sich aus der
Psychopathologie durch Ausfälle psychischer und biologischer Funktionen sowie durch den gezielten
therapeutischen Einsatz transmitterwirksamer Substanzen Rückschlüsse auf die Beteiligung der
Transmitter an wichtigen Funktionen und psychopathologischen Störungen gewinnen.

Bereits Eysenck und Gray haben sehr wertvolle Zusammenhänge zwischen Neurotransmittern bzw.
neuroanatomischen Strukturen und Persönlichkeits-dimensionen postuliert. Da die Ergebnisse von Gray
jedoch maßgeblich aus dem Tierbereich stammen und Eysenck noch keine direkten Zusammenhänge
zwischen Neurotransmittern und Persönlichkeit experimentell nachgewiesen hat, sollen drei Modelle
beschrieben werden, die explizit Zusammenhänge im Humanbereich herstellen:
Aus der Psychopathologie abgeleitet, aber häufig für den Normalbereich eingesetzt, ist vor allem das
Modell von Cloninger bedeutsam, das drei wesentliche Grundverhaltensweisen des Menschen mit drei
wesentlichen Transmittern in Beziehung setzt: Das "Novelty Seeking" (NS) mit der dopaminergen, die
"Harm Avoidance" (HA) mit der serotonergen und die "Reward Dependence" (RD) mit der
noradrenergen Aktivität im Gehirn (Cloninger, 1988). Diese drei Transmitter und Funktionen werden bei
ihm systematisch zu acht psycho-pathologischen Mustern von Persönlichkeitsstörungen
zusammengefügt. Es wird in diesem Modell nicht explizit durch Einzelversuche belegt, wie die
Assoziationen zwischen Transmittern und Verhalten hergeleitet werden. Der Begriff der
Neurotransmitteraktivität bezieht sich bei Cloninger auf Grundaktivität des Transmitters, die im Falle von
Dopamin und Noradrenalin invers zur Ansprechbarkeit aufgefasst wird, wobei für Serotonin
Zusam-menhänge dieser Art nicht genannt werden.

Im Gegensatz zu Cloninger hat Zuckerman (1985) in seinem Konzept postuliert, dass alle drei der
genannten Transmitter an einem Konstrukt beteiligt sind. Sein Interesse galt in erster Linie dem
Konzept des Sensation Seeking, das er mit den vorhandenen übergeordneten Persönlichkeitsfaktoren
Neurotizismus und Extra-version in Beziehung setzte. Er fasste aber die Subskalen seines
Sensation-Seeking-Faktors zu einem übergeordneten Generalfaktor mit Psychotizismus und Impulsivität
zu P-ImpUSS (Psychotizismus-Impulsivität und unsozialisiertes Sensation Seeking) zusammen. Dieser
P-ImpUSS-Faktor ist nach Zuckerman gekennzeichnet durch eine hohe dopaminerge, geringe
serotonerge und geringe noradrenerge Aktivität. Ängstlichkeit und Hemmung wurden in dieses Modell
später noch mit aufgenommen und sind nach ihm gekennzeichnet durch einen Überschuss an
noradrenerger Responsivität bei gleichzeitig hoher serotonerger und geringer dopaminerger Aktivität,
während Extraversion in erster Linie mit hoher Dopaminaktivität in Verbindung gebracht wird. Im
Gegensatz zu Cloninger definiert Zuckerman den Begriff der Aktivität nicht explizit. Es ist jedoch davon
auszugehen, dass basale Aktivität gemeint ist, zumal von Zuckerman selbst keine Studien mit
Stimulationstests durchgeführt wurden.

Der zentrale Gegenstand des von Depue entwickelten Modells ist die Extraversion (Depue, 1994). Auf
der Basis von Tierversuchen, aber vor allem erstmals auch aufgrund von experimentellen
Untersuchungen an gesunden Personen mit psycho-pharma-kologischen Substanzen, die das
dopaminerge und serotonerge System beeinflussen, kommt er zu dem Fazit, dass in erster Linie ein
positiv motiviertes Appetenzverhalten mit einer leichten Stimulierbarkeit des dopaminergen Systems
verknüpft sei. Hier ist demnach explizit die Ansprechbarkeit gemeint, während Angaben zu basalen
Spiegeln nicht vorliegen.

Der Generalaspekt des dopaminergen Systems wird von Depue darin gesehen, dass durch
Dopamin-(DA-)Freisetzung eine Verhaltenserleichterung ("behavioral facilitation") bzw. eine
stimulierende Motivation ("incentive motivation") als gemeinsame Basis für Annäherungs-verhalten
gesehen werden kann. Dies ist sowohl auf der Ebene spezifischer Verhaltensweisen als auch auf
derjenigen von Gewohnheiten, Eigenschaften oder übergeordneten breiten Persönlichkeits-dimensionen
nachweisbar. Neben dieser zentralen Dimension der mit positiver Emotionalität assoziierten
Verhaltensweise postuliert Depue in Übereinstimmung mit Zuckerman und Cloninger, dass die negative
Emotionalität, die im wesentlichen Eysencks Neurotizismus entspricht, am ehesten mit dem
noradrenergen System in Verbindung gebracht werden kann. Diese Vorstellung wird auch aus
Tierversuchen unterstützt, in denen Angststimuli eine erhöhte Aktivität der Neuronen im Locus
coeruleus auslösten und damit eine erhöhte Hinwendung der Aufmerksamkeit auf Gefahrenreize
beinhalten. Ferner postuliert Depue eine Dimension der Hemmung versus Enthemmung, die er mit
"constraint" bezeichnet, welches den Gegenpol auf der Dimension P-Imp-USS im Sinne von Zuckerman
charakterisiert. Wie bei Cloninger und Zuckerman wird diese Dimension auf dem Pol der Impulsivität
und Enthemmtheit mit einem Mangel, auf dem Pol der Kontrolliertheit mit einer Überfunktion des
serotonergen Systems in Verbindung gebracht. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass in
dieser Dimension im Sinne von Depue sowohl die Kontrolle impulsgesteuerten Verhaltens, als auch die
durch Angst (oder harm avoidance) hervor-gerufene Hemmung der Annäherung impliziert ist, die auch
mit einer Furcht vor Neuem gekoppelt ist.

Als wesentliche Korrelate einer geringen Serotoninaktivität nennt Depue die emotionale Instabilität, eine
Empfänglichkeit für Belohnungsreize und, im Gegen-satz zu Zuckerman, eine erhöhte Reagibilität auf
solche Reize, die eine positive Verstärkung von Sicherheit gewährleisten. Depue postuliert aber auch,
dass eine Modifikation des dopaminergen Systems durch das serotonerge System erfolgt, indem die
Erregungsschwelle für dopaminerge Verhaltenserleichterung bei niedri-gen Serotoninspiegeln gesenkt
und bei höheren heraufgesetzt wird. Konkret würde demnach die Kombination aus hohem Dopamin und
niedrigem Serotonin extravertiertem Verhalten mit impulsiven Zügen entsprechen, die dem P-ImpUSS
nahe kommt.

Basierend auf den vorgestellten Theorien sind wir im Zuge der Verwendung des neuroendokrinen
Stimulationstests (Gabe von hochselektiven, neurotransmitter-aktiven Substanzen und Messung von
hormonellen Reaktionen als Indikator der interindividuell stark variierenden Ansprechbarkeit) den
Fragestellungen nach-gegangen,

ob sich Befunde zur Extrapolierbarkeit psychopathologischer Dimensionen in den Normal-bereich
replizieren lassen.
eine Spezifität der Reaktionen bezogen auf das jeweilige Neurotransmittersystem gegeben ist und
ob konfigurale Reaktionsmuster über verschiedene Neurotransmitter Aufschluss über
persönlichkeitsspezifische Reaktionsweisen zulassen.

Die zugrundeliegenden Studien demonstrieren, dass nach Gabe einer selektiv Serotonin-freisetzenden
Substanz (Fenfluramin) bei gesunden Probanden mit hoher Impulsivität-sausprägung die gleiche
Subsensitivität der Hormonreaktion beob-achtet werden kann, die auch für Patienten mit
Impulskontrollstörungen gilt (a), von einer Extrapolationsmöglichkeit also durchaus ausgegangen werden
kann.

Aber auch die Spezifitätsfrage (b) kann als zufriedenstellend beantwortet werden, da unter
Verwendung eines hochselektiven Wiederaufnahmehemmers (Reboxetin) alleine Personen besonders
stark ansprechen, die hinsichtlich ihrer Persönlichkeits-struktur am ehesten Ähnlichkeiten mit denjenigen
Patienten aufweisen, die in der pathologischen Ausprägung mit noradrenergen Substanzen behandelt
werden (Co-morbidität zwischen Aggression und Depression).

Schließlich zeigt sich hinsichtlich c) unter Verwendung von selektiven Wiederaufnahme-hemmern für
unterschiedliche Systeme (Dopamin, Serotonin und Noradrenalin) keine im Sinne der
Konfigurationsanalyse zufällige Verteilung der Ansprechbarkeit, so dass die sich ergebenden
Klassifikationen als Grundlage für die Zusammenstellung bislang unverbundener Dispositionen dienen
können und die Facetten der Persönlichkeit bereichern bzw. mit einer biologischen Fundierung eher
erklären können.
Die Implikationen aus diesem Ansatz sind insbesondere für die Diagnostik weitreichend und sollen
anhand eines Beispiels zur Erfassung von Depression und Aggression diskutiert werden, die aufgrund
ihrer biologischen Basis als korreliert aufgefasst werden

Literatur:
Cloninger. C.R. (1988). A unified biosocial theory of personality and its role in the development of
anxiety states: a reply to commentaries. Psychiatr.Dev. 6: 83-120.
Zuckerman, M. (1985). Sensation seeking, mania, and monoamines. Neuropsychobiology 13: 121-128.
Depue, R.A., Luciana, M. Arbisi, P., Collins, P. & Leon, A. (1994). Dopamine and the structure of
personality: relation of agonist-induced dopamine activity to positive emotionality. J.Pers.Soc.Psychol.
67:485-498.
[www.uni-leipzig.de]

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