Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
mami-maus

Das hyperkinetische Syndrom -die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung

Startbeitrag von mami-maus am 15.09.2001 19:08

Das hyperkinetische Syndrom -
die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung

von Dr.Corinna Volz-Zang
Literatur
Einleitung

Mit dem Begriff hyperkinetisches Syndrom (HKS) wird
ein Verhalten bezeichnet, dass durch einen
Überschuss an motorischer Aktivität,
Aufmerksamkeitsstörungen, mangelhafte
Impulskontrolle und emotionale Instabilität
gekennzeichnet ist. In vielen Fällen kommt es auch
zu affektiven Störungen. Mit dem HKS sind häufig
Teilleistungsstöörungen wie Dysgraphie und
Dyskalkulie und Verhaltensstörungen wie
oppositionelles Trotzverhalten assoziiert [1]. Während
das hyperkinetische Syndrom früher mit minimaler
cerebraler Dysfunktion (MCD) oder anderen
Hirnfunktionsstörungen gleichgesetzt wurde, ist
inzwischen das HKS als eigenständiges
Krankheitsbild abgegrenzt (siehe ICD-10, F 90). In
vielen Fällen stehen jedoch weniger die motorische
Unruhe als vielmehr die Aufmerksamkeitsstörungen
im Vordergrund. Aus diesem Grund wird zunehmend
die Bezeichnung
Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) oder auch Attention Deficit/Hyperactivity
Disorder (ADHD) verwendet. Im DSM-IV (Diagnostic
and statistical manual of mental disorders der
American Psychiatric Association) ist ADHD in drei
Untergruppen unterteilt: den
Aufmerksamkeits/Hyperaktivitätsstörung-Mischtypus,
den vorwiegend unaufmerksamen und den vorwiegend
hyperaktiv-impulsiven Typus [2].

Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit /
Hyperaktivitätsstörung

Von der Aufmerksamkeitsdefizit/
Hyperaktivitätsstörung sind zwischen sechs und acht
Prozent aller Kinder betroffen, wobei das Verhältnis
von Jungen zu Mädchen bei 3:1 bis 4:1 liegt [4]. Bei
Erwachsenen wird diese Diagnose sehr selten
gestellt, obwohl nach Verlaufsstudien bei 30 bis 60
Prozent der hyperkinetischen Kinder diese Störung im
Jugendalter noch vorhanden ist und mindestens ein
Drittel der betroffenen Kinder auch später Symptome
der ADHD aufweist. Die Prävalenz im
Erwachsenenalter dürfte demnach bei zwei bis sechs
Prozent liegen [1]. Während sich die motorische
Unruhe häufig verliert, bleibt die restliche
Symptomatik erhalten. Unbehandelt droht mehr als
einem Drittel der betroffenen Kinder der Weg in
dissoziales Verhalten und die Jugendkriminalität. Eine
nicht durchgeführte Behandlung der hyperkinetischen
Störung führt in der späten Jugendzeit häufig auch zu
Alkohol- und Drogenmissbrauch [3, 4].

Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit/
Hyperaktivitätsstörung

Die Störung ist durch eine Beeinträchtigung der
Aufmerksamkeit, überschießende Aktivität und
mangelnde Impulskontrolle gekennzeichnet. Wichtige
Kriterien sind das frühe Einsetzen der Symptomatik
(Kindergarten- oder Grundschulzeit) und das
Vorhandensein der Symptomatik seit mindestens
sechs Monaten. Differenzialdiagnostisch müssen sehr
lebhaftes Verhalten als Normvariante, geistige
Behinderung (z.B. fragiles X-Syndrom), organische
Hirnschäden, Hör- und Sehstörungen, isolierte
Teilleistungsstörungen, Hyperthyreose und
Anfallskrankheiten (z.B. Absencen) abgegrenzt
werden. Intelligenz- und Konzentrationstests sind
ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung.
Spezielle Fragebögen wie etwa die Checklisten für
Hyperkinetische Störungen (DCL-HKS mit ICD-10)
und Störungen des Sozialverhaltens (DCL-SSV) und
das Psychopathologische Befund-System für Kinder
und Jugendliche (CASCAP-D) erleichtern die
Diagnose [5, 6]. Ein wichtiges Kriterium ist gemäß
ICD-10, dass die Störung in mindestens zwei
Lebensbereichen auftreten muss. Aus diesem Grund
sind nicht nur Informationen von den Eltern, sondern
auch von Erziehern oder Lehrern erforderlich. Mit Hilfe
spezieller Fragelisten für Kinder, Eltern und Lehrer wie
DIPS (Diagnostisches Interview bei psychischen
Störungen im Kindes- und Jugendalter) oder
modifizierten Conners-Fragebögen können gezielt
Aktivität, Ruhelosigkeit, Aufmerksamkeitsstörungen
und impulsives Verhalten der Kinder graduell bewertet
werden [7, 8]. Sie sind auch zur Beurteilung des
Behandlungsverlaufes nützlich.

Ursachen der ADHD

Für die Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit/
Hyperaktivitätsstörung spielen offenbar genetische
Faktoren eine wesentliche Rolle. Dafür sprechen
sowohl Ergebnisse von Adoptions- und
Zwillingsstudien, als auch die ungleiche
Geschlechtsverteilung bei dieser Erkrankung. Bisher
ließ sich die ADHD allerdings nicht einem einzelnen
Genlokus zuordnen. Möglicherweise wird sie durch
verschiedene interagierende Gene verursacht [9]. In
neurophysiologischen und funktionsbildgebenden
Untersuchungen bei hyperkinetischen Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen wurde nachgewiesen,
dass (prä)frontale Hirnregionen, Basalganglien und
Parietallappen vermindert aktiviert waren. Hier könnten
hemmende neurophysiologische Prozesse reduziert
sein. Als Ursache wird unter anderem ein
Dopaminmangel angenommen, der sich vor allem in
den Basalganglien entwicklungsspezifisch
manifestiert. Diese Theorie wird durch die
Wirksamkeit der Amphetamine in der Behandlung der
ADHD gestützt. Genetische Studien, in denen bei
hyperkinetischen Patienten gehäuft Polymorphismen
des D4-Dopamin-Rezeptorgens und eines Allels des
Dopamin-Transportergens (DAT1) nachgewiesen
wurden, und die Verteilung der mRNA des
D4-Dopamin-Rezeptorgens im Gehirn sprechen
ebenfalls für eine wichtige Rolle dieses Gens bei
kognitiven und emotionalen Prozessen [9]. Weder die
Dopaminmangel-hypothese, noch eine Noradrenalin-
oder Serotoninhypothese, die jeweils nur ein
Transmittersystem berücksichtigen, scheinen jedoch
alleine als Erklärung auszureichen.
Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen
immer mehr ein Zusammenhang zwischen der
hyperkinetischen Störung und der Aktivität des
Enzyms Monoaminooxidase (MAO).
Therapieversuche mit verschiedenen MAO-Hemmern
weisen darauf hin, dass hier insbesondere die
Aktivität der MAO-A von Bedeutung sein könnte [1].
Nach dem derzeitigen Wissensstand ist davon
auszugehen, dass der ADHD eine komplexe
Dysregulation von Neurotransmittern mit erhöhter
MAO-Aktivität zugrundeliegt, die zu einer inadäquaten
Reizverarbeitung führen.


Therapie der
Aufmerksamkeitsdefizit/
Hyperaktivitätsstörung

Die Therapie des ADHD muss
die Vielzahl der gestörten
Funktionen berücksichtigen. In
der Regel ist eine multimodale
Therapie notwendig. Im
Therapieprogramm für Kinder
mit hyperkinetischem und
oppositionellem
Problemverhalten (THOP)
werden je nach Indikation
verhaltenstherapeutische
Interventionen in der Familie,
im Kindergarten bzw. in der
Schule und beim Kind selbst
gegebenenfalls mit
medikamentöser Therapie
kombiniert [10]. In
Deutschland ist bei der
medikamentösen Behandlung
des hyperkinetischen
Syndroms bei Kindern das
Psychostimulanz
Methylphenidat das Mittel der
ersten Wahl (Ritalin fällt unter
das Betäubungsmittelgesetz;
siehe Abbildung 1). Es handelt
sich dabei um ein zyklisches
Phenylpropylamin, das bereits
seit den sechziger Jahren in
den USA bei Kindern
eingesetzt wird. Ritalin erhöht
die Verfügbarkeit der
Katecholamin-Neurotransmitter
Dopamin und Noradrenalin im
synaptischen Spalt (siehe
Abbildung 2). Bedeutend
seltener werden die
Stimulanzien Pemolin (fällt als
einziges der verwendeten
Medikamente nicht unter das
Betäubungsmittelgesetz) und
d-L-Amphetamin eingesetzt,
wobei die Amphetaminwirkung
hinsichtlich der
neurobiologischen Effekte
unspezifischer ist. Eine
mögliche Erklärung der
Wirkung von Stimulanzien bei
ADHD ist die, dass über
dopaminerge und noradrenerge
Wege die hemmende Wirkung
der frontalen corticalen
Aktivität auf die subcorticalen
Strukturen erhöht wird [9].
Eine ebenfalls untergeordnete
Rolle bei der Behandlung des
hyperkinetischen Syndroms
spielen die Antidepressiva
Imipramin, Amitriptylin und
Desipramin und die
Neuroleptika Chlorpromazin
und Thioridazin [11]. Trotz
großer chemischer
Unterschiede besitzen die
Substanzen, die hier
eingesetzt werden, alle eine
noradrenerge/dopaminerge
Wirksamkeit.

Die multimodale Behandlung
von Vorschulkindern und
Schulkindern ist
unterschiedlich. Bei
Vorschulkindern werden zur
Behandlung des ADHD vor
allem verhaltenstherapeutische
Interventionen in der Familie
bzw. im Kindergarten
empfohlen. Die
Pharmakotherapie ist hier erst
indiziert, wenn diese
Behandlung nicht ausreicht.
Zum einen gibt es Hinweise
darauf, dass eine
Pharmakotherapie bei
Vorschulkindern weniger
wirkungsvoll ist als im
Schulalter, zum anderen
kommt es hier seltener zu
einer krisenhaften Zuspitzung
der Situation. Dagegen hat bei
Schulkindern neben
verhaltenstherapeutischen
Maßnahmen und
Elternschulung die Behandlung
mit Methylphenidat eine
zentrale Bedeutung. Ist die
Symptomatik ausgeprägt,
betrifft sie verschiedene
Lebensbereiche des Kindes
und spitzt sich die Situation
zu, indem beispielsweise die
Beschulung des Kindes
bedroht ist, ist eine
Behandlung mit
Methylphenidat indiziert.
Zwischen 70 und 90 Prozent
der Kinder, die älter als vier
Jahre sind, sprechen auf die
Behandlung positiv an. Die
optimale Dosierung von
Methylphenidat ist individuell
sehr verschieden. Daher sollte
die Behandlung mit einer
geringen Gesamtdosis von 5
bis 10 mg begonnen werden.
In wöchentlichen Abständen
wird die Dosierung in
Abhängigkeit von der Wirkung
gesteigert, jedoch sollte eine
maximale Tagesdosis von 1
mg/kg Körpergewicht nicht
überschritten werden [12].
Wichtig sind die regelmäßigen
Kontrollen nach
Therapiebeginn, um mögliche
unerwünschte Wirkungen zu
erkennen. Die üblichen
Tages-dosierungen liegen
zwischen 0,3 bis 0,7 mg/kg
Körpergewicht. Die
therapeutische Wirkung setzt
30 bis 45 Minuten nach
Einnahme ein und bleibt zwei
bis vier Stunden maximal
erhalten. Aufgrund der kurzen
Halbwertszeit ist nach drei bis
sieben Stunden eine deutliche
Abnahme der Wirkung zu
beobachten. In vielen Fällen
reicht die einmalige Gabe am
Morgen, um die Symptome
während der Unterrichtszeit zu
verringern. In diesen Fällen
wird auf eine Medikation an
den Wochenenden und in den
Ferien verzichtet. Nach sechs
bis neun Monaten wird ein
Auslassversuch der
Medikation für ein bis zwei
Wochen durchgeführt, um die
Notwendigkeit einer weiteren
Pharmakotherapie zu
überprüfen. In der Regel ist
allerdings eine Behandlung
über mehrere Jahre notwendig
[12]. Die Nebenwirkungen von
Methylphenidat sind in den
meisten Fällen gering, treten
häufig nur vorübergehend auf
und enden mit Absetzen der
Medikation. Zu den häufigsten
Nebenwirkungen gehören
leichtere Durchschlafstörungen
und eine Verminderung des
Appetits. Eine sehr seltene,
jedoch schwerwiegende
Nebenwirkung ist die durch
Stimulanzien induzierte
psychotische Reaktion, die
nach Absetzen des
Medikamentes vollständig
reversibel ist.
Kontraindikationen für die
Behandlung mit Ritalin sind
affektive und schizophrene
Psychosen, Tics, cerebrale
Krampfbereitschaft und
Medikamentenabusus im
Umfeld des Kindes [12]. Bei
korrekter Diagnose und
Indikation der hyperkinetischen
Störung gibt es bei der
Behandlung mit Stimulanzien
keinerlei Hinweise auf einen
Abusus.


Dr. Corinna Volz-Zang
[www.hartmann-verlag.de]

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.