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vor 15 Jahren, 6 Monaten
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mami-maus

Zappelphillipsyndrom:Wie hyperaktiven Kindern geholfen werden kann

Startbeitrag von mami-maus am 15.09.2001 19:21


22.08.2000





Zappelphillipsyndrom


Wie hyperaktiven Kindern geholfen werden kann

Julian nervte alle, und er selbst war von allen genervt. Wenn der Botenstoff Dopamin
fehlt.

Amory Burchard


Eine stille Seitenstraße in Hermsdorf. Nummer 68a ist ein zweistöckiges Einfamilienhaus, ein weiß
gestrichener Altbau mit großen gestrebten Fenstern. Vor dem Haus signalisiert eine blaue Bank,
flankiert von üppig bepflanzten Terracottakübeln und großen blauen Glaskugeln, dass Familie G. das
Leben genießt. Frau G. öffnet die Tür: Willkommen, nur herein. Hinten auf der Terasse wartet am
Gartentisch der älteste Sohn, Julian. Der 14-Jährige erzählt von der Schule, vom letzten Zeugnis. In
sechs Fächern hat er sich verbessert. Julians Mutter fügt lächelnd hinzu: "Und er hat nicht mehr
getan als sonst." Morgen fahren beide zusammen zur Expo nach Hannover.

Julian sagte: "Ich hau' ab!"

Wenn Frau G. so lächelt, dann denkt sie: Vor einem Jahr wären so ein Gespräch und solch eine
Reise mit Julian undenkbar gewesen. Vor einem Jahr war sie drauf und dran, den Jungen in ein
Internat zu schicken. "Wir konnten nicht so weiterleben, es ging um die ganze Familie", erklärt sie.
Julian hat dann immer öfter seinen Rucksack gepackt und gesagt, ich hau' ab. Eltern, die beiden
jüngeren Geschwister, die Lehrer - alle waren gegen ihn. So zumindest empfand es Julian.
Unkonzentriert, lustlos und agressiv sei er gewesen, erinnert sich dagegen die Mutter. Ein Kind, das
kein Nein akzeptieren konnte, sehr leicht "austickte" und tagelang kein Wort mit anderen sprach.
Zudem wurde Julian in der Schule immer schlechter.

Jahrelang unternahm Monika G. dagegen nichts. Er ist ein schwieriges Kind, dachte sie. Und in der
Pubertät wird er eben noch schwieriger. Aber Weihnachten 1999 kriselte es so dermaßen in der
Hermsdorfer Villa, dass Frau G. dem Rat einer befreundeten Psychologin folgte. Sie ging mit Julian
zum Jugendpsychiater.

Das war der Durchbruch nach dem jahrelangen Kleinkrieg in der Familie. Julian leidet am
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), einer Funktionsstörung des Gehirns, stellte der Arzt fest.
Und ihm kann geholfen werden. ADS-Kindern mangelt es am Botenstoff Dopamin, der die
Informationszentren des Gehirns untereinander verknüpft. Sie können nicht zuhören, sie müssen
ihre eigenen Ideen von einer Sekunde auf die andere loswerden, erklärt Wolfgang Droll,
Vorsitzender des Berliner Verbandes der Kinder- und Jugendpsychiater. "Hyperaktiv" seien
meistens die betroffenen Jungen. Die aufmerksamkeitsgestörten Mädchen versuchten eher, die
Funktionsstörung durch übergroße Anpassungsversuche und Ehrgeiz auszugleichen. Auf diese
Überforderung reagierten sie dann mit Depressionen.

25 000 Kinder, die unter dem Hyperkinetischen Syndrom leiden, wie die Krankheit auch bezeichnet
wird, soll es in Berlin geben. Ritalin, das Medikament, mit dem viele Jugendpsychiater das Syndrom
behandeln, ist vor wenigen Wochen erneut ins Gerede gekommen. Der Tagesspiegel hatte über eine
Expertise berichtet, die Michael Huss, Kinder- und Jugendpsychiater an der Charité für den Senat
erstellt hat. Huss kritisiert einige wenige "schwarze Schafe" unter seinen Kollegen, die das
Medikament zu hoch dosierten oder es sozial auffälligen Kindern verschrieben, die gar nicht
hyperaktiv seien.

Huss und auch Wolfgang Droll vom Verband der Jugendpsychiater betonen aber: Bei einer
sorgfältig gestellten Diagnose kann Ritalin rund 80 Prozent der hyperaktiven Kinder helfen, ein
normales Leben zu führen. Die Informationszentren des Gehirns werden besser mit der
Kommandozentrale verknüpft. Wissen und Erfahrungen in Kommunikationssituationen können
leichter abgerufen werden. Gestärkt wird auch das Bremssystem, das es möglich macht, mit einer
Äußerung zu warten, bis man "dran" ist.

Auch Julian bekommt seit einem halben Jahr Ritalin. Er ist noch dasselbe Kind wie vor der Therapie,
sagt seine Mutter. Aber seit einigen Monaten läuft vieles leichter für und mit dem 14-Jährigen. Julian
ist ein äußerlich ruhiger "Hyperaktiver", kein Zappelphilipp. Er ist nie über Tische und Bänke
gegangen, sagt seine Mutter. Aber in der Familie und in der Schule hatte er auch so genug Probleme
- typische Probleme eines aufmerksamkeitsgestörten Kindes.

Für Julian selber ist der Erfolg in der Schule das wichtigste. Früher, sagt er, seien die Lehrer nie mit
seiner Mitarbeit im Unterricht zufrieden gewesen. Er meldete sich oft, aber seine Antworten kamen
nicht richtig an. Julian konnte keinen Satz zuende bringen, wirft Frau G. ein. Vor Klassenarbeiten
lernte Julian fleißig, glaubte alles zu wissen. Aber vor allem in Mathe, Physik und Latein lag er oft
total daneben. Mit der Therapie platzte bei Julian der Knoten. Mathe ist kein Angstfach mehr, und die
Lehrer sind begeistert von Julians pfiffigen Beiträgen.

So schön kann Familie sein

Aber auch in der Familie hat Julian jetzt wieder einen besseren Stand. Er gehört wieder dazu. Zoff
gibt es immer noch, gestehen Sohn und Mutter ein. Zum Beispiel um die Frage, ob ein 14-Jähriger
allein und bis Nachts auf die Love Parade gehen darf. Julian durfte trotz größter elterlicher
Bedenken, musste aber versprechen, sich von unterwegs per Handy zu melden. Wenn heute trotz
allem mal die Fetzen fliegen und böse Worte fallen, können die "Parteien" hinterher wieder
aufeinander zugehen. Wie das geht, haben Julian und seine Eltern auch in langen
Therapiegesprächen mit dem Psychiater gelernt. Julians Vater schickte neulich einen Stoßseufzer
über den Gartentisch: "Ich wusste gar nicht, wie schön Familie sein kann."

Die vom Verband der Kinder- und Jugendpsychiater empfohlene Elterninitiative MCD, Verein zur
Förderung der Kinder mit Teilleistungsstörung e.V., ist unter den Telefonnummern 891 60 85 oder
613 47 50 zu erreichen.


































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