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ADHS ADS Selbsthilfe
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vor 15 Jahren, 6 Monaten
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mami-maus

Auch Napoleon gilt heute als „Hypie"

Startbeitrag von mami-maus am 15.09.2001 20:59

Auch Napoleon gilt heute als „Hypie"

Ursache des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ist ein
Mangel an Neurotransmitten

Von Karsten Eichner

Eltern und Kinder kennen ihn gleichermaßen: den "Zappelphilipp" aus
dem "Struwwelpeter" von Dr. Heinrich Hoffmann. Weniger bekannt ist
dagegen, dass sich hinter solch auffälligem Verhalten häufig eine
Krankheit verbirgt: Eine Himstoffwechselstörung mit dem Namen
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (mit oder ohne Hyperaktivität),
kurz ADS.

Dass mit Philipp (Name geändert) irgend etwas nicht in Ordnung war,
bemerkte seine Mutter schon früh: „Er hat außergewöhnlich spät angefangen zu
sprechen und zu zählen", berichtet Sie. Statt mit sechs kam Philipp erst mit
siebeneinhalb Jahren in die Schule. Dort war er trotz überdurchschnittlicher
Intelligenz nur ein mittelmäßiger Schüler. „Er konnte sich einfach nicht
konzentrieren", erinnert sich die Mutter. Philipp fand außerdem kaum Freunde,
spielte lieber allein und kapselte sich fast völlig ab. Zeitweise schwänzte er die
Schule, geriet mit seinen Mitschülern und später sogar mit dem Gesetz in
Konflikt.

Ärzte und Psychotherapeuten waren lange Zeit ratlos. Erst vor drei Jahren
wurde bei dem heute 17-Jährigen die Himstoffwechsel-Störung ADS
(Aufmerksamkeit-Defizit-Syndrom) diagnostiziert. Dank sozialer
Trainingsmaßnahmen und einer Medikamentenbehandlung ist Philipp heute in
der Lage, seinen Schulabschluss zu machen, doch seine Mutter sagt: „Ich
wünschte, wir hätten das schon vor zehn Jahren gewusst. Dann wäre uns vieles
erspart geblieben."

Dem kann der Mainzer Kinderarzt und ADS-Fachmann Dr. Siegfried Kroll
nur zustimmen: „Wichtig ist die möglichst frühe Erkennung der Krankheit."
Denn ADS-Symptome seien mit Ende der Kindergarten-Zeit diagnostizierbar,
gelegentlich sogar schon früher: „Die Kinder stören, schubsen andere herum,
haben keine Kontrolle über ihre Kraft." Später seien ständige Unruhe,
Impulsivität und Aufmerksam- keitsstörunge die Merkmale der Krankheit.
Auch Wutausbrüche, Verhaltensstörungen, Leistungsschwächen oder
Prüfungsängste könnten hinzu- kommen. „Und manch ein ADSler wird
unbehandelt später kriminell."

Je eher mit einer Behandlung begonnen werde, desto besser seien die
Chancen, hier gegenzusteuem. Würden die Fähigkeiten positiv genutzt, könnten
hyperaktive Menschen („Hypies") nämlich auch große Leistungen vollbringen -
als Beispiele führt Dr. Kroll gerne Mozart, Napoleon oder Churchill an. Erst
seit wenigen Jahren geht die medizische Forschung übrigens davon aus, dass es
sich bei ADS um eine Krankheit handelt.

Früher führte man das auffällige Verhalten noch auf psychosoziale Störungen
durch Erziehungsfehler zurück - ein Eindruck, der sich hartnäckig hält: „Oft
wird den Eltern die Schuld am Verhalten ihrer Kinder angelastet", weiß die
Mainzer Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Helga Simchen. Doch seit den
70-er Jahren halten Wissenschaftler eine angeborene und vererbliche
Himstoffwechselstörung für die Ursache von ADS. Vereinfacht gesagt, der
Körper produziert zu wenige Neurotransmitter, oder er baut sie zu schnell
wieder ab - mit den beschriebenen Folgen.

Aber ADS zeigt sich in unterschiedlichsten Ausprägungen. „Kein Kind ist dem
anderen gleich", weiß Dr. Kroll. Denn oft stellt sich auch das genaue Gegenteil
von Bewegungsunruhe, nämlich Bewegungsarmut (Hypoaktivität) ein. Und auf
den ersten Blick sind Mädchen deutlich seltener von ADS betroffen als Jungen.
Dies sei jedoch nur auf „andere Erscheinungsbilder" zurückzuführen: Bei
Mädchen äußere sich die Krankheit in Essstörungen, Rückzugstendenzen und
depressivem Verhalten, so Dr. Kroll.

Arzte und betroffene Eltern wünschen sich daher eine bessere Früherkennung
von Symptomen in Kindergarten und Schule. Denn gerade Lehrer und
Betreuer sollten bei Verhaltensauffälligkeiten hellhörig werden. „Die müssten
eigentlich besonders dafür geschult werden", wünscht sich Ulrike
Burger-Becker, Mutter von zwei Kindern mit ADS und Mitbegründerin der
Mainzer Elteminitiative „Zappelphilipp". Denn insbesondere schwierige soziale
Situationen wie beispielsweise eine Scheidung der Eltern würden ADS-Kinder
noch stärker treffen als ihre Altersgenossen.

„Das Selbstbewusstsein ist im Keller", weiß daher auch Dr. Elisabeth
Aust-Claus, Kinderärztin und -neurologin aus Bad Camberg. „Viele Kinder,
die beinahe hochbegabt sind, gehen in die Hauptschule", bedauert sie. Es
komme deswegen darauf an, „frühzeitig diese Spirale umzudrehen" und
„Stärken gezielt zu fördern." An ADS erkrankte Kinder brauchten besonders
viel Zu- neigung, Lob, Geduld, Verständnis, gezielte Förderung und kleine
Erfolgserlebnisse.

Doch wie wird ADS diagnostiziert, und wie können die Symptome bekämpft
werden? „Es ist eine ganze Summe von Tests nötig, um das psychische und
motorische Gesamtbild zu ermitteln", weiß Dr. Helga Simchen. Denn nicht bei
jedem zerstreuten oder aggressiven Menschen ist automatisch ADS der
Auslöser. Wichtig sei es vor allem, die Daueraufmerksamkeit des Kinde» zu
überprüfen, so Dr. Simchen. Bei der Behandlung setzen die Mediziner auf
unterschiedliche, teilweise miteinander kombinierte Methoden wie eine
Ergotherapie, Psychotherapie und Pamilienbetreuung.

Auch eine gezielte Verabreichung von stimulierenden Medikamenten (Ritalin)
kann eine lindernde Wirkung haben. Das klingt bei „Hypies" zwar paradox, hat
sich aber bewährt. Denn das Medikament, das bei Gesunden aufputschend
wirkt, ersetzt bei „Hypies" die fehlenden Transmitterstoffe und führt so zu mehr
Ausgeglichenheit.

Als Ansprechpartner für Betroffene rieten sich im RheinMain-Gebiet nicht nur
die Fachärzte, sondern auch eine ganze Anzahl von Elterninitiativen, Vereinen
und Organisationen an, die auch Vorträge und Seminare in ihrem Programm
haben. Allerdings konzentrieren sich diese meist auf größere Städte wie Mainz,
Wiesbaden, Koblenz und Frankfurt. Wer jedoch noch weitere
Kontaktadressen sucht, der kann sich mittels der aufgeführten
Internet-Adressen schnell einen Überblick verschaffen.

Adressen und Hilfe zur Selbsthilfe


www.hypies.de

Selbsthilfegruppe "Zppelphilipp", Mainz,
Ansprechpartnerin:
Ulrike Burger-Becker, Tel.: 06131/233754

Arbeitskreis "Das unkomplizierte Kind", Mainz
Ansprechpartnerin:
Frau Dalla Vedova, Tel.: 06139/1385

Bundesverband der Elterninitiativen zur
Förderung hyperaktiver Kinder e.V.
Postfach 60
91291 Forchtheim
www.osn.de/user/hunter/badd.htm
Seminare und weitere Hilfen bieten an:

JUVEMUS, Vereinigung zur Förderung
von Kindern mit Teilleistungsschwächen e.V.
Emser Straße 6
56076 Koblenz
Tel.: 0261/973017-8 Fax: -7
www.juvemus.de

OptiMind-Institut Wiesbaden
Postfach 4544
65035 Wiesbaden
www.opti-mind.de
Literatur:

Edward M. Hallowell, John J. Ratey:
"Zwanghaft zerstreut. ADD- Die Unfähigkeit
aufmerksam zu sein"
Rohwohlt Verlag


Eine ausführliche Liste mit weiteren Buchtiteln kann
über die
Internet-Seite des Vereins JUVEMUS abgerufen
werden.

Erschienen in der "Idsteiner Zeitung" vom 14.10.99 -
Im Internet www.rhein-mainer.de

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Neue Adressen:

Ads e.V.
Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
Sabine und Mike Townson Postfach 11 65
73055 Ebersbach
eMail: Eugen-ade@z.zgs.de
www.S-line.de/homepages/ads


Zur Homepage
[www.igs-wallrabenstein.de]

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