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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
12
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
AngelikaSt, Dagmar, Cord, Pia, liss, Silvia01

Sind wir krank?

Startbeitrag von Cord am 18.09.2001 12:38

Hallo alle zusammen!
Ich bin als selbst Betroffener (zumindest sehr wahrscheinlich, laut Psychologe) schon des öfteren beim Surfen auf diese Seite hier gestoßen, aber habe bisher nie länger verweilt! Ich selbst bin 24 Jahre alt und habe, da die "Diagnose" ADS erst vor rund 2 Jahren gestellt wurde, relativ gut gelernt, in dieser Gesellschaft mir meine notwendigen Lücken und Nischen zu suchen, die mir ein relativ unbeschwertes Leben ermöglich. Dennoch war ich damals froh, als ich endlich die eigentliche Ursache für meine Probleme, die ich trotz allem in diesem gesellschaftlichen System habe, erklärt bekam und begreifen konnte.
Soviel vorne weg! Nun aber zu meinem eigentlichen Thema:
Ich habe das Gefühl, dass ADS so stark als Krankheit begriffen wird. Vielleicht mag das ja auch laut Definition, was eine Krankheit ist, richtig sein, aber ich habe für mich als Betroffener nicht das Gefühl krank zu sein. Ich bin in vielem anders, bzw. handle für viele unverständlich, aber bin ich deswegen krank? Haben Menschen mit ADS nicht gerade die Qualitäten, die viele andere in dieser Art und Weise nicht haben?
Was ich damit sagen möchte ist, dass ich allen Betroffenen und auch den Angehörigen Mut machen will, im Hinblick auf das weitere Leben. Ich denke, wenn man als Betroffener versucht den Tatbestand, dass bei einem ADS diagnostiziert wurde, zu akzeptieren und auch sieht, welches Potential diese andere Art der Wahrnehmung einem bieten kann, dann kann ich aus meiner Sicht heraus nur sagen, dass ich mich nicht krank fühle. Vielleicht bin ich auch nicht sehr stark betroffen, mag sein. Aber ich denke trotzdem, dass man diesen Tatbestand ja nicht ändern kann, und wir versuchen sollten, wie es auf dieser Seite ja auch getan wird, die Akzeptanz unserer Mitmenschen für unsere 'andere Wahrnehmung' zu erhöhen.
Ich freue mich über jede Reaktion, die mich entweder als Email, oder hier im Forum vielleicht ereicht. Genießt trotz allem Euer Leben so gut es geht!!!
In diesem Sinne, einen schönen Tag noch,
Cord

Antworten:

Hallo Cord!

Schön dieser Einwand! Ich beschäftige mich seit ca. 6 Wochen intensiv mit ADS. Es gibt mit Sicherheit Viele hier im Forum, die dies seit Jahren tun.
Es ist höchstwahrscheinlich das mein Sohn ADS hat, die ersten Ergebnisse haben wir bereits.
Durch die vielen Informationen die man bekommt, habe ich den Eindruck, dass ich selbst auch von ADS betroffen bin. Vieles aus meiner Kindheit erklärt sich dadurch endlich. Die Symptomatik für Erwachsene trifft zu.
Auch ich habe mich gefragt: Ist das eine Krankheit?

Ich kann Deine Gedanken bezüglich der anderen Wahrnehmungsweise teilen und gut verstehen. Selbst wenn ich nur meinen Sohn beobachte, ihm zuhöre oder sehe - denke ich immer nur - es ist einfach nur anders. Menschen filtern natürlicherweise alle auf sie einströmenden Ereignisse, welcher Art sie auch sein mögen. ADSler filtern anders. Ich glaube nicht, dass dies krankhaft ist, sondern dass es schlichtweg von dem abweicht was der Großteil der Menschen tut.

Vielleicht wären diese Menschen in einer anderen Gesellschaft mit anderen Werten sehr wichtig und könnten Dinge vollbringen, die eben andere nicht können.

Es ist doch auch bemerkenswert, dass viele berühmte und sehr intelligente Menschen wohl auch dieses Syndrom hatten - Einstein, Dustin Hoffmann etc. etc.

Mir gefällt Dein Beitrag sehr gut! Weil er, wie gesagt einen Gedanken in den Raum stellt, den ich mir auch gemacht habe.

Leider ist es aber gerade Kindern verwehrt anders zu sein - wenn du heute von der Norm abweichst hast du ganz schnell riesen Probleme. Wieviele werden auf Sonderschulen abgeschoben, weil sie eben dem heutigen System nicht gewachsen sind und man sie abstempelt, als unfähig bzw. unangepasst bzw. assozial.

Alle Eltern die sich mit dieser "Krankheit" konfrontiert sehen, weil sie verzweifelt mitansehen müssen unter welchen Schwierigkeiten ihre Kinder leiden, sind zunächst mal froh, dass sie wohl doch keine schlechten Eltern sind, unfähig ihre Kinder richtig zu erziehen, sondern diese Schwierigkeit einen Namen hat.

Ich fände es wichtig, dass Elterngruppen, Ärzte, Lehrer, Psychologen etc. sich gemeinschaftlich darum Bemühen den wahren Kern dieses Symptoms zu ergründen - damit alle die diese andere Wahrnehmungsweise haben - eben nicht als krank abgestempelt werden.

Lieben Gruß
AngelikaST

von AngelikaSt - am 18.09.2001 14:29
Hallo Cord,

was ist schon krank? Das ist eine ziemlich filosofische Frage. In meinen Augen ist die Beantwortung dieser Frage auch überhaupt nicht wichtig.

Wichtig für mich ist, dass jeder ADS'ler die Hilfe und Unterstützung bekommt, die er oder sie auch braucht. Da alle Menschen unterschiedlich stark von ADS betroffen sind, kann man hier ohnehin keine allgemeingültige Antwort geben.

Stelle dir mal einen hyperaktiven-impulsiven Mann mit ADS vor. Wenn dieser Mann alleine lebt und nicht darunter leidet, dass es keiner mit ihm über längere Zeit aushält, dann hat dieser Mann kein Problem.

Lebt dieser Mann nun mit einer Familie zusammen und hat eine Frau, die seine Ausbrüche erträgt und ihm alles aus den Füßen räumt, ihn also managt, so hat dieser Mann auch kein Problem. Seine Frau und seine Kinder haben aber dafür ein gewaltiges Problem.

Lebt dieser Mann nun in einer Familie und die Frau ist nicht bereit seine Launen zu dulden und die Kinder sind größer und wenden sich von ihm ab, dann hat dieser Mann sehr wohl ein Problem.

Zum Problem wird dem Mann seine Launenhaftigkeit auch dann, wenn er genau merkt, dass er anderen auf den Nerv geht und wenn sein Gewissen so weit ausgeprägt ist, dass er dies unbedingt vermeiden will.

So kann man viele andere Situationen auch von unterschiedlichen Seiten beleuchten.

Natürlich haben ADS'ler viele tolle Fähigkeiten, jeder kann sie bei sich entdecken. Aber die tollsten kognitiven oder künstlerischen Fähigkeiten sind wertlos, solange dieser Mensch eine ganz basale Fähigkeit nicht hat, nämlich sich in eine Gruppe einordnen zu können und dies über längere Zeit auszuhalten.

Die gleiche Frage nach Krankheit kann man auch in anderem Zusammenhang stellen. Z.B. Ist man krank, wenn man kurzsichtig ist? Immerhin geht man zum Arzt und es ist eine Kassenleistung? Ist frau krank, wenn sie schwanger ist? Auch hier braucht man einen Arzt und es ist eine Kassenleistung.

Die Frage für mich ist: Warum wehren sich manche Leute so sehr gegen den Krankheitsbegriff, der wie eben gezeigt, ja sehr weit und durchaus nicht negativ ist. Ich denke, dass da soch Schwierigkeiten dahinter stehen zu sagen, ich gehe zu einem Psychologen oder gar zu einem Psychiater, weil man sich selbst von dem alten vorurteilsbelasteten Bild noch nicht befreit hat.

Kurzsichtige diskutieren den Krankheitsbegriff nicht. Es ist ja was somatisches.
Warum diskutieren manche ADS'ler diesen Begriff? Weil es um die Psyche geht?

Vor allen Dingen, überlege einmal, wo uns eine solche Diskussion hinbringen würde. Angenommen, die ADS'ler würden beschließen nicht unter diesen weiten Krankheitsbegriff zu fallen, dann würde weder Diagnose, noch Therapie noch Medikamente von der Kasse bezahlt. Das wäre die Konsequenz. Wäre es hilfreich?

Würde es soweit kommen, dann würde nämlich nicht mehr jeder ADS'ler die Hilfe und Unterstützung bekommen, die er braucht.

Genieße deine Freiräume und freue dich über deine Chancen.
Warum bist du eigentlich zu einem Arzt/`Therapeuten gegangen, wenn du keine Probleme hattest?

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 18.09.2001 14:47
Hallo Dagmar!

Deine Ausführungen gefallen mir nicht so ganz!

Ich bin 4 Jahre in Psychoanalyse gewesen, und habe kein Problem dazu zu stehen, obwohl große Teile der "normalen" Bevölkerung immer noch der Meinung ist, wer zum Pyschodoktor geht habe eben nicht alle Tassen im Schrank.

Gerade die Frauen haben sich lange Zeit dagegen wären müssen nicht als krank erachtet zu werden - weil sie schwanger waren!

Kurzsichtigkeit ist vielleicht eine Krankheit, aber diese betrifft ja nur das Auge und nicht den Menschen insgesamt!

Wenn jemand krank ist, insbesondere psychisch, läuft er/sie sehr schnell Gefahr deswegen ausgegrenzt zu werden!

Du schilderst eine erwachsene Person, bei dem AD(H)S in hohem Maß ausgeprägt ist! Wenn so ein Mensch einen anderen Erfahrungshintergrund hätte haben können - wenn er nicht zeitlebens damit konfrontiert worden wäre, dass er mit seiner Art unausstehlich ist. Wenn dieser Mensch überhaupt erst einmal davon in Kenntnis gesetzt würde, dass seine aufbrausende Art eine Überreaktion ist, die er mit Regeln die er sich selbst auflegen muss, ändern könnte - gebe es dann nicht vielleicht eine Chance für ihn, seine Frau, seine Kinder etc.?

Kranksein hat in diesem Land - und das können wir kaum ändern - einen Status von dem man/frau sich lieber abwendet! Oder den des Mitleids!

Gruß
Angelika

von AngelikaSt - am 18.09.2001 15:05
Hallo Angelika,

wir liegen in meinen Augen gar nicht so weit auseinander.

>>Kranksein hat in diesem Land - und das können wir kaum ändern - einen Status von dem man/frau sich lieber abwendet! Oder den des Mitleids!>>

Das ist genau was ich meinte. Diese Vorurteile gegenüber Kranken gibt es und deshalb gibt es in meinen Augen die Diskussionen um den Krankheitsbegriff und auch immer wieder die Frage, ob wir ADS'ler und dazu zählen sollen.

>>Wenn dieser Mensch überhaupt erst einmal davon in Kenntnis gesetzt würde, dass seine aufbrausende Art eine Überreaktion ist, die er mit Regeln die er sich selbst auflegen muss, ändern könnte - gebe es dann nicht vielleicht eine Chance für ihn>>

Das ist richtig. Deshalb brauchen wir für unsere Kinder auch professionelle Hilfe so früh wie möglich.

Ich wollte mit meinem Beispiel eigentlich etwas anderes sagen: Ein und das selbe Verhalten kann in manchen Situationen zu Schwierigkeiten führen und in anderen Situationen auch nicht. Je nach dem in welcher Lebenssituation sich ein ADS'ler befindet.

Wenn Cord heute schreibt, er hat für sich seine Nischen gefunden und macht sich deshalb Gedanken über den Krankheitsbegriff, so wollte ich ihm nur aufzeigen, dass es sehr wohl für einen Einzelnen möglich ist diese Nischen zu finden, dass man aber nicht verallgemeinern soll auf andere ADS'ler. Und eine generelle Diskussion um diesen Begriff ist für mich eine Verallgemeinerung.

Wie gesagt, mir ist es eigentlich egal, ob dieser Begriff zur Anwendung kommt oder nicht. Mir geht es darum, wie sind möglichst gute Hilfen für den Alltag zu erhalten.

Und da habe ich die große Befürchtung, dass wir uns mit dieser Diskussion ein Eigentor schießen.

In der Gesundheitspolitik geht es darum ziemlich massive Sparmaßnahmen durchzusetzen. Auf dieser Ebene findet eine Diskussion statt, was sind Krankheiten und was sind nur Befindlichkeitsstörungen.

Wenn nun aus den Reihen der ADS'ler das Argument kommt, ADS sei nur eine andere Art wahrzunehmen aber ohne Krankheitswert, dann ist meine Befürchtung, dass das ganze ADS schnell in der Ecke Befindlichkeitsstörung landen könnte und somit jede krankenkassenfinanzierte Hilfe aus dem Leistungskatalog rausfliegt.

Es wird an einer Positiv-Liste für Arzneimittel gearbeitet. Nur solche Medis dürfen dann noch von den Kassen finanziert werden. Wie sollen die Stimulanzien, gerade für Erwachsene darauf platziert werden, wenn wir selbst den Krankheitswert von ADS in Frage stellen?

Zur Zeit sind heftige Diskussionen im Gange, den Etat der Bundeswehr zu erhöhen. Da die Neuverschuldung des Staates dennoch nicht in gleichem Ausmaß steigen soll, muss in irgendwelchen anderen Etats gespart werden. Beliebt sind da soziale Maßnahmen, Kinder und Kranke. So verprellt man die wenigsten Wähler. Hier sehe ich einen zusätzlichen Druck auf den Gesundheitsetat, über die bereits geplanten Kürzungen hinaus.

Ich denke, die Diskussion um den Krankeitsbegriff müssen wir wirklich vorsichtig angehen, wollen wir nicht uns selbst und vor allem unsere Kinder aus dem Gesundheitssystem herauskegeln.

Deshalb wählte ich auch das Beispiel Kurzsichtigkeit: Keiner dieser Leute würde sich im Alltag als krank bezeichnen, aber sie führen um diesen Begriff keine Debatte, weil sonst die Augenuntersuchungen und die Brillen eben als Kassenleistung rausfliegen würden. Und unbehandelt wäre schon der ganze Mensch in seiner Entwicklung betroffen.

Ich hoffe, ich konnte es ein bisschen erklären :-))

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 18.09.2001 17:15
Hallo Dagmar,

Du hast vollkommen recht.
Manchmal ist weniger, mehr. Ob ADS nun eine Krankheit oder eine andere Wahrnehmung ( damit bist Du für die Gesellschaft sowieso krank ) ist, ist eigentlich irrelevant.
Entscheidend ist für uns, wie Du ausführlich geschildert hast, die damit verbundene finanzielle Hilfe. Auch ist die Erklärung "Krankheit" in der Schule u.U. sehr hilfreich. Das unsere Kinder (und wir vielleicht auch) anders sind, haben sie ja schon gemerkt und negativ beurteilt.
Wenn wir diese Auffälligkeiten medizinisch erklären, haben die Lehrer vielleicht grössere moralische Bedenken, mit harten Schritten GEGEN die Kinder vorzugehen.

Weder mein Sohn noch ich sind krank im Sinne einer Grippe oder eines Knochenbruches.

Hoffen wir lieber auf mehr Verständnis und Interesse an Informationen.

Liebe Grüsse
Liss

von liss - am 19.09.2001 06:39
Hallo Cord,

ich danke dir für deine Ausführungen.

Ich glaube, ich habe das im Moment echt gebraucht.

Ich war jetzt fast eine Woche lang nicht mehr im Internet.

Ich glaube, du und Dagmar redet ein wenig aneinander vorbei.

Ich meine, was Dagmar schreibt ist ja alles richtig. Nur glaube ich kaum, dass du dich aus der Bezeichnung "Krankheit" rausreden wolltest oder es gar generell zu ändern, sondern einfach das Bewußtsein auf andere Dinge zu lenken, als in dem Schema "Ach ich bin ja doch so Krank, weil ich ADS habe" zu leben.

Das drückt einfach nieder, dieses Bewußtsein "ich bin krank" auch wenn man sich ja eigentlich gar nicht krank sondern nur anders fühlt.
Und es ist schon gut, wenn wir ADS als etwas wie eine Kurzsichtigkeit behandeln, wo man zwar Wege einschlägt, um die Kurzsichtigkeit zu neutralisieren, aber nicht am Krückstock läuft, auch wenn diese Wege weiter und länger und holpriger sind, als der Weg zum Augenarzt.

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, das ich ADS=Krankheit mehr Bedeutung zugemessen habe, als dass es gesund ist, sodass ich noch mehr gelitten habe, als ich eh schon leide.


Liebe Grüße

Silvia

von Silvia01 - am 19.09.2001 09:11
Hallo Dagmar!
Danke für Deinen Interessanten Einwand. Ich habe mir meine Gedanken dazu gemacht, und muß Dir in der Tat rechtgeben, dass man vielleicht in dieser Art und Wiese nicht über den Krankheitsbegriff diskutieren sollte. Ich sehe ein, dass es eigentlich nicht notwendig ist darüber zu debattieren was krank ist oder nicht. Wichtig ist in der Tat, dass nicht die proffesionelle Hilfe für die Betroffenen beschnitten wird. Und wie ich ja schon sagte, mag es ja wirklich sein, dass ich nicht so stark betroffen bin. Und natürlich wäre ja auch ich nicht zu einem Psychiater gegengen, wenn ich keine Problem gehabt hätte.
Ich denke aber auf der anderen Seite dennoch, dass es eben wichtig ist, auch das Augenmerk darauf zu lenken, wie ich denn, ohne mich zu "verbiegen" meinen Platz in dieser Gesellschaft, finden kann. Denn ich denke, dass man auf lange Sicht, nicht zufrieden leben kann, wenn man versucht so zu sein, wie man eben sein soll, laut "Gesellschaftsdefinition", wenn man auf der anderen Seite merkt, dass man so eigentlich nicht sein kann.
Also muß meiner Meinung nach, den Betroffenen Hilfe angeboten werden, in der Art und Weise, dass Sie lernen, wie Sie Ihren Platz in der Gesellschaft finden können, ohne sich zwanghaft in ein Schema zu pressen. Oder siehst Du (Ihr) das anders?
In diesem Sinne, freue mich auf weiter Reaktionen,
einen schönen Tag noch
Ciao Cord

von Cord - am 19.09.2001 09:34
Hallo Dagmar!

Ich verstehe Deine Ausführungen, und auch ich glaube, dass wir nicht wirklich weit auseinander sind.
Wie auch Cord weiter unten nochmal aufführt, ist es sicher richtig und notwendig, dass wir die richtigen Hilfen bekommen.

Ich denke, Du hast meine Einwände verstanden. Tatsache ist letztendlich nun auch, dass WIR die Gesellschaft nicht ändern können - und wahrscheinlich werden wir auch als krank betrachtet.

Meine Sorge ist nunmal die, wie Betroffene damit umgehen. Siehe beispielsweise Silvia01.

Die Wichtigkeit, die Du dem Status zuschreibst verstehe ich jedoch voll und ganz!

Grüße
und bis heute abend :-))
Angelika St

von AngelikaSt - am 19.09.2001 09:44
Hallo Cord!

Eviva !!!

Ich kann Dir nur Recht geben!!!

Grüße und nicht unterkriegen lassen!

Lieben Gruß
Angelika St

von AngelikaSt - am 19.09.2001 09:46
>Ich denke aber auf der anderen Seite dennoch, dass es eben wichtig ist, auch das Augenmerk darauf zu lenken, wie ich denn, ohne mich zu "verbiegen" meinen Platz in dieser Gesellschaft, finden kann.

Ich sehe ADS nicht als Gabe und wer mag, der kann es gerne von mir geschenkt bekommen.

Ich glaube auch nicht, dass ich große Vorteile dadurch gehabt habe.

Zwar mag es gute Eigenschaften geben, die man ADS zurodnet (Gerechtugskeitssinn, Kreativität, Hilfsbereitschaft ...) - blickt man aber genauer hin, und das kann ich nur bei mir, verwandeln sich diese Eigenschaften so, dass sie eigentlich nicht mehr nutzbar sind.

Aus Kreativität werden dann jede Menge angefangender Dinge, wunderschön und in keinem Laden zu kaufen, aber eben nur angefangen ... und daran störe ich mich in erster Linie. Der Gesellschaft ist das egal.

Aus dem Gerechtigkeitssinn wird ein Blickverlust, wann sich ein Einsatz lohnt und wann nicht (für sich selbst aus der Sicht des ADSlers natürlich immer), es werden ewige Diskussionen um vielleicht wirklich ungerechte Situationen geführt, die aber völlig irrelevant sind und niemanden etwas nutzen.

Aus der Hilfsbereitschaft für andere folgt dann sehr oft und sehr schnell die eigene Hilfsbedürftigkeit. Nur wer sein eigenes Leben in Griff hat, kann auch anderen beständig Hilfe geben. Führt aber dieses "Helfersyndrom" dazu, die eigenen Bedürfnisse und Dinge, die anstehen, völlig aus den Augen zu verlieren, ist diese Hilfsbereitschaft vielleicht auch nur ein Vorwand, sich vor den eigenen Aufgaben zu drücken, sehe ich darin auch keine gute Eigenschaft mehr.

Es mag ja sein, dass es für einige einfach nur eine "andere Art die Welt zu sehen ist", ich kann gut darauf verzichten. Wenn es für mich nur das gewesen wäre, wäre mein Leben bisher anders verlaufen.

Und noch was: Vom Intellekt her wäre eine Promotion für mich kein Problem gewesen, auch von den Noten nicht (sage ich mal als Einser-Studentin). Wenn mir nicht u.a. diese Unfähigkeit, länger und tiefer an einer Sache zu arbeiten im Weg stehen würde, wen ich meine oft genialen Ideen weiterverfolgen würde, ... Mein Traum war immer eine große Bibliothek und lesen und lernen, zum Teil funktioniert es heute schon, aber oft auch nicht.

Und das ist das, was ich als sehr sehr unbefriedigend empfinde - mehr wahrscheinlich noch als die große Impulsivität - nicht das erreicht zu haben, was möglich gewesen wäre.

Zuallerst scheitere ich an mir, dass es im Kontakt mit anderen auch Probleme gibt, ist klar und auch belastend. Aber nicht das erreichen zu können, was man möchte, nach der Diagnose zu merken, dass man jahrelang in eine einseitige Richtung therapiert wurde, dass Dinge immer und immer wieder misslangen, die jetzt, mit der medikamentösen Therapie wie von selbst gehen, das finde ich dann noch mehr als Schade.

von Pia - am 19.09.2001 10:27
Hallo Cord,

>>Ich denke aber auf der anderen Seite dennoch, dass es eben wichtig ist, auch das Augenmerk darauf zu lenken, wie ich denn, ohne mich zu "verbiegen" meinen Platz in dieser Gesellschaft, finden kann. Denn ich denke, dass man auf lange Sicht, nicht zufrieden leben kann, wenn man versucht so zu sein, wie man eben sein soll, laut "Gesellschaftsdefinition", wenn man auf der anderen Seite merkt, dass man so eigentlich nicht sein kann.>>

ich denke genauso. Für mich heißt z.B. eine Therapie zu machen oder zu lernen meine Impulsivität in den Griff zu kriegen, auch nicht, dass ich mich auf Biegen und Brechen anpassen will. Ich denke, *jeder* Mensch hat ein Recht auf einen Platz *in* der Gesellschaft, das gilt für Nicht-ADS'ler, genauso wie für ADS'ler oder andere Menschen mit Schwierigkeiten oder auch Behinderungen.

Für mich stellte sich dann die Frage, wie erreiche ich das für mich.
Da gibt es Situationen, die von der Mehrheit so gewollt sind, wo es feste Verhaltensregeln, einen Codex gibt. Z.B. Situationen, wo man erwartet, dass die Leute still sitzen und nicht quasseln.

In solchen Situationen erwarte ich von mir selbst, dass ich mich anpasse, auch wenn es mir schwer fällt. Natürlich wäge ich vorher ab, falls ich hingehen will, ob sich die Mühe des Einpassens in den Rahmen lohnt.

Ich kann z.B. nicht auf einen Vortrag oder in ein Konzert gehen und alle Menschen um mich herum stören, nur weil ich meinen Sprechdurchfall nicht in den Griff bekomme und ständig mit meinem Nachbarn quatsche.

Natürlich gibt es auch Situationen, die ich mir nicht aussuchen kann. Wenn ich berufstätig bin, dann erwartet mein Chef von mir 100% Leistung. Da muss ich mich anpassen, auch wenn es noch so schwer fällt. Falls ich hierzu nicht bereit wäre, hätte es zur Konsequenz, dass ich meinen Arbeitsplatz verlieren würde. Da habe ich nicht wirklich die Wahl.

Natürlich gibt es in meinem privaten Umfeld ganz viele Situationen, wo ich mit meinem ADS ungestört leben kann, weil die Leute um mich herum entweder auch ADS'ler sind oder sie sich nicht gestört fühlen.

Ich habe für mich folgenden Spruch zum Leitspruch gemacht:
Die Freiheit des einen hört da auf, wo sie beginnt die Freiheit eines anderen einzuschränken.

Viel mehr steht für mich allerdings im Vordergrund, wie komme ich mit mir selbst zurecht. Und da kenne ich von jeder der positiven Seiten auch die Kehrseite. Mir geht es da genauso, wie Pia es von sich beschrieben hat.

Nur ein Beispiel: Meine Tochter und ich unterhielten uns mal über die positiven Eigenschaften der ADS'ler. Ich wollte sie mal wieder davon überzeugen, dass es eigentlich doch eine prima Sache ist ADS zu haben. Als ein Beispiel führte ich meine Zähigkeit an Dingen dranzubleiben an. Ich gab ihr ein Beispiel, aus unserem familiären Alltag. Und was sagte meine Tochter: Mama, wenn du kein ADS hättest, dann hätten wir auch kein ADS, dann wäre das alles auch nicht nötig, was du eben aufgezählt hast.
Tja, sie hatte es auf den Punkt gebracht.

Nun bin ich dennoch kein depressiver Mensch, sondern ein Mensch, der sich seines Lebens freut, der gerne und viel lacht. Aber mein Leben besteht ja auch nicht nur aus ADS und es gibt täglich so viele schöne Dinge, an denen ich mich freuen kann. Das alles aber erst so richtig, nachdem ich begriffen hatte, was bei mir alles zu ADS gehört und ich gelernt habe es soweit zu händeln, dass er mir im Alltag nicht mehr ständig dazwischen funkt.

Für mich selbst ist ADS primär eher etwas, das mich selbst daran hindert bestimmte Dinge zu tun, wahrzunehmen oder auch zu unterlassen. Es ist für mich weniger ein Problem, des gesellschaftlichem Umfelds, obwohl ich ein hyperaktiver-impulsiver ADS'ler bin.

Trotz alle dem: Wenn ich mich öffentlich über ADS'ler äußere, dann benenne ich die Schwierigkeiten der ADS'ler beim Namen, aber ich weise immer auf all die positiven Eigenschaften hin, die ADS'ler haben, sicher auch stärker als andere Menschen.

Du siehst, ich bin in meinem Denken und Fühlen in dieser Sache sehr ambivalent. Eine abgeschlossene Meinung habe ich zu diesem Thema nicht. Und ich denke, jeder ADS'ler sieht dies anders je nach seiner persönlichen Lebenslage.

Mir geht es da wie den Brillenträgern. Die wären auch froh, es ginge ohne, aber den Kopf lassen sie deswegen nicht hängen :-))

Viele Grüße
Dagmar

von Dagmar - am 19.09.2001 12:24
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