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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
16
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
Wilma, Petra F., Dagmar, Der Statistiker, Susi

Medikamente- Akzeptanz und Gewöhnung bei Kindern

Startbeitrag von Petra F. am 21.09.2001 11:31

Liebe Mitstreiter :-)

aufgrund hier in der Gegend laufender Diskussionen (mal wieder...oder immer noch?)
brauche ich Informationen zu folgendem Problem:

Es wird immer wieder gesagt, Kinder, die Medikamente nehmen (nicht nur auf Stimulanzien
bezogen, sondern ganz allgemein), würden sich an die Einnahme von Substanzen gewöhnen
und seien deshalb als Jugendliche und Erwachsene stärker suchtgefährdet. Auf den ersten
Blick leuchtet das auch ein. Es paßt aber nicht zu meiner (und anderer Leute) Beobachtung:

Kinder, die regelmäßig Medikamente nehmen müssen, entwickeln oft eher eine Abneigung
dagegen. Wollen am liebsten ihre Tabletten (oder was auch immer) gar nicht nehmen- nicht
mal, wenn die Nichteinnahme gefährlich oder mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Und noch
weitere Substanzen zusätzlich zu den ohnehin schon lästigen Medikamenten wollen sie dann
schon gar nicht mehr nehmen.
Gibt es Beobachtungen, Erfahrungen, oder gar Studien zu diesem Thema? Was sagen Ärzte,
Eltern, Suchtberater, oder Erwachsene, die als Kind lange auf Medikamente angewiesen
waren? Bitte antwortet hier im Forum oder an meine mail-addi F_Petra@gmx.de. Danke :-)))

Und noch etwas. Es heißt auch, Kinder würden zu Medikamenten eine leichtfertige Einstellung
bekommen, wenn sie ihre Eltern regelmäßig welche einnehmen sähen. Auch das glaub ich
nicht so recht: wenn sie beobachten, daß ohne Überlegung, Sinn und Verstand einfach
eingeworfen wird, dann sicher. Aber der häufigere Fall bei Eltern mit chronischen
Erkrankungen ist doch: die Kinder sehen, daß Medikamente nicht nach Lust und Laune,
sondern mit Überlegung und unter ärztlicher Kontrolle gegeben werden. Das scheint mir sogar
eine ganz sinnvolle Art von Vorbild zu sein.
Auch dazu: Erfahrungen? Untersuchungen?

Bin gespannt !

Viele Grüße
Petra F.

Antworten:

Hallo Petra,

>und seien deshalb als Jugendliche und Erwachsene stärker suchtgefährdet. <

Schau mal bei Bernhard auf die Seite (www.hks-ads.de) dort unter Langzeitfolgen. Das sollte dieses Argument aufheben.



von Susi - am 21.09.2001 11:50
Hallo Petra,
ich wühle mal ein bißchen rum. Zu dem Thema gibt es Untersuchungen!
Gruß
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 12:55
Hi Susi,

danke.
Mein Sohn weiß das auch- dank täglicher Anschauung durch den chronisch kranken Vater (Diabetes mellitus, Typ 1- also insulin- "abhängig"). Für den Vater ist das eine gesundheitsfördernde Maßnahme, wenn er sein Insulin bekommt, jeder andere würde dadurch krank werden. Das weiß der Junior von klein auf, und es hat niemals irgendwelche Probleme bei uns gegeben, daß er zu irgendwas greifen wollte oder meinte, er könnte wegen allem und nichts eine Tablette bekommen. Ich könnte hier meine Psychopharmaka (igitt *grins*) im Kinderzimmer rumliegen lassen ohne Bedenken (was ich nicht tu, also bitte keine Panik!).

Gruß
Petra F.

von Petra F. - am 21.09.2001 13:57
Danke, Wilma!!

Erfreute Grüße
Petra F.

von Petra F. - am 21.09.2001 13:58
Hallo Petra,
also: Abschnitt zur Compliance bei Kindern aus: Das MSD-Manual, Urban & Fischer 2000; S. 2572-2573

Compliance (in der Pädiatrie)
"Die Nichteinhaltung von Therapieplänen ist in der Pädiatrie beunruhigend hoch (50% bis 75%). Beispielweise erhielten bei 10tägiger Penicillinverordnung wegen Streptokokkeninfektionen am 3. Tag bereits 56% der Kinder das Präparat nicht mehr. Am 6. Tag waren es 71% und am 9. Tag 82%.
Bei chronischen Erkrankungen (z.B. juveniler Diabetes, Asthma), die komplizierte pharmakologische Langzeitschemata und eine Änderung der Lebensgewohnheiten erfordern, liegen diese Zahlen sogar noch höher. Eine schlechte Compliance sollte immer als möglicher Grund für ein Therapieversagen in Betracht gezogen werden."
Es folgt eine Reihe von Maßnahmen, um die Compliance zu verbessern.

Ursachen beim Patienten für eine Non-Compliance
"Hierzu zählt die Verdrängung der Krankheit oder der negativen Folgen einer Noncompliance. Kinder und Jugendliche können das Bedürfnis haben, das Gefühl der Kontrolle über ihre Krankheit und deren Behandlung zu bewahren, insbesondere dann, wenn eine chronische Krankheit vorliegt. Sie sollten ermutigt werden, frei darüber zu sprechen und (unter Aufsicht der Familie) die Verantwortung für die Compliance zu übernehmen."

Sorge der Kinderärzte ist also keineswegs eine leichtfertige Einnahme oder Verabreichung von Medikamenten, sondern die Non-Compliance, die auf dem Widerwillen der Kinder und Jugendlichen beruht, Medikamente einzunehmen. Da werden gewisse Leute wahrscheinlich wieder dicke Backen machen....
Das war's für's erste. Maulwurftätigkeit wird fortgesetzt.
Gruß
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 14:42
Hach Petra, ich hab schon wieder was.

H. Renz-Polster, j. Braun: Basislehrbuch der inneren Medizin, Urban Fischer 2000, S. 1152-1153:

Compliance und Non-Compliance
....
Non-Compliance ist ein äußerst weitreichendes Problem in der Medizin. Jeder zweite Patient ist noncompliant: etwa 1/4 der Patienten können kurzfristige Therapien für akute Erkrankungen nicht "umsetzen", 50% der Patienten mit chronischen Erkrankungen folgen den Therapieanweisungen nicht und 75% irgnorieren die ärztlichen Empfehlungen zu Lebensstilveränderungen (z.B. Diätvorschläge).
Etwa die Hälfte der (volkswirtschaftlich nicht gerade billigen) ärztlichen Bemühungen nimmt somit nicht einmal die erste Hürde auf ihrem Weg zur Verbesserung der Gesundheitsbedingungen der Patienten.
....
Gründe f´ür Non-Compliance
Patienten wie auch Ärzte machen nur das, an was sie glauben und was innerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. ... Unter den verfügbaren Informationen werden oft diejenigen ausgewählt, die von Vertrauenspersonen gegeben werden, verständlich sind und in die Erfahrungs- und Lebenswelt des Patienten "passen". Gründe für Non-Compliance sind:
- Widersprüchlichkeit der Informationen: Die ärztliche Praxis ist noch immer wenig standardisiert, widersprüchliche Informationen von unterschiedlichen Ärzten sind für die Patienten die Regel. (Anmerkung der Tippse: Wie wahr!)
- Mangel an Vertrauen in die gegebenen Ratschläge: Über die Hälfte der von Ärzten verordneten Maßnahmen oder Medikamente sind entweder nutzlos (Sekretolytika, Antitussiva) oder im individuellen Fall nicht indiziert (Antibiotika für obere Luftwegserkrankungen). ...
- Unzureichende Arzt-Patient-Kommunikation: Etwa die Hälfte der Patienten kann sich nach einem Arztbesuch nicht mehr an die Ratschläge des Arztes erinnern. Die durchschnittliche "Kontaktzeit" von Arzt und Patient ist 6 Minuten pro Besuch, der kleinere Teil hiervon vergeht im ärztlichen Gespräch. Die Art der Kommunikation zwischen Arzt und Patient nimmt dabei noch immer wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse des Patienten. Dies macht eine effektive Auseinandersetzung über zum Teil komplexe Therapieverfahren nicht einfach.
Kernprobleme beim ärztlichen Gespräch sind:
- das Fehlen einer gemeinsamen Sprache: viele Ärzte sind unfähig oder unwillig, ihre Ratschläge in einer Sprache zu geben, die vom Patienten verstanden werden kann.
- mangelndes Eingehen auf die Fragen, Bedenken und das gesundheitsverständnis des Patienten.
- mangelnde Diskussion der unerwünschten Wirkungen
- mangelnde Diskussion der Wirksamkeit und Bedeutung der Therapiemaßnahmen
- mangelnde Motivation des Patienten für eine bestimmte Therapie.

Also auch hier wieder das Problem: Die Leute wollen keine Pillen, also werden sie sich ganz bestimmt nicht willkürlich ein paar einwerfen.
Schönen Gruß
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 15:15
Hallo Petra,
hier noch einen zum Abschluß für heute:

Keller/Wiskott: Lehrbuch der Kinderheilkunde
Hrsg. Klaus Betke, Wilhelm K+nzer, Jürgen Schaub; Thieme-Verlag, Stuttgart 1991, S. 279

Zuckerkranke Kinder

"Die Persönlichkeitsentfaltung des diabetischen Kindes wird weniger von der Stoffwechselstörung selbst als vielmehr von den zu ihrer Behandlung unerläßlichen Maßnahmen wie der strengen Regelung des Tagesablaufs, den Insulininjektionen, den Kostvorschriften und den Stoffwechselkontrollen eingeschränkt.
Zudem leiden viele diabetische Kinder unter dem Gefühl, körperlich fehlerhaft oder minderwertig zu sein, abseits stehen zu müssen und von manchen Lebensfreuden ausgeschlossen zu sein. Überbehütung kann diese Situation verschärfen. So ergeben sich leicht Verhaltensstörungen und Konflikte."

Klingt auch nicht gerade danach, als würden die Kinder lernen, leichtfertig mit Medikamenten umzugehen oder sie lieben zu lernen. Tatsächlich gibt es in der Pubertät regelhaft Kämpfe gegen die Fortsetzung der Therapie, die nicht selten zu gefährlich hohen Blutzuckerwerten oder sogar zu einem diabetischen Koma führen. Dazu morgen hoffentlich Statistiken.
Tschüß
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 16:58
Hallo Wilma und Petra,

ich denke nicht, dass die compliance-Patienten und deren Kinder Gefahr laufen, psychisch oder physisch medikamentenabhängig zu werden.

Anders ist es mit den non-compliance-Patienten. Abgesehen davon, dass diese viele teure Medikamente in den Müll werfen, bleibt doch ihr Problem, weswegen sie einen Arzt aufsuchten, ungelöst. Und dann behandeln sie sich auf eigene Faust. Oder sie gehen gar nicht erst zum Arzt und versuchen erstmal, sich selbst zu kurieren. Die Verkaufsziffern für frei verkäufliche Medikamente sprechen dafür.

Diese Leute sind es, denen unsere Sorge gelten muß. Sie leben ihren Kindern vor, dass man sich gegen jedes Wehwehchen Pillen kauft und schluckt. Leider hat unsere Bundesgesundheitsministerin dieses Problem nicht detailliert durchdacht, als sie vor der Verabreichung von Medikamenten an Kinder warnte. Oder sie hat sich unklar ausgedrückt. Ich denke aber eher ersteres. Die daraus resultierende Verunsicherung in der Bevölkerung hat leider dazu beigetragen, die Non-Compliance noch zu erhöhen. Also hat sie genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie beabsichtigte. :-((

Was kann man tun?
Zunächst einmal ein Werbeverbot für frei verkäufliche Arzneimittel aussprechen.
Schulungen für Ärzte, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Patienten zu den notwendigen Therapien zu motivieren.
Betrachte ich den Kostenfaktor der Behandlungsabbrüche, dann könnte man dieses Geld genauso gut dafür ausgeben, dass Patienten umfassender informiert werden. Der Mensch ist keine Waschmaschine, bei der nur die defekten Teile repariert werden müssen, damit sie wieder läuft. Ärzte brauchen mehr Zeit für Patientengespräche, und das muß honoriert werden, sonst haben sie die nicht.

Liebe Grüße,
Sabine
Sabines ADler-Seiten


von Der Statistiker - am 21.09.2001 17:39
Lieber Statistiker (gefällt mir),
bis jetzt bin ich noch guter Hoffnung, Deine Aussage morgen mit ein paar Studien untermauern zu können. Du hast m.E. absolut recht, aber ohne harte Zahlen kann man den berühmten "Kritikern" nicht selbstbewußt gegenübertreten. (Die haben in aller Regel keine harten Zahlen). Laß uns weitersuchen.
Gruß
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 19:03
Hi Leute,

Ihr seid ja echt super!!! klasse Antworten, das sollte mir mit Argumenten weiterhelfen :-)

Gruß
Petra F.

von Petra F. - am 21.09.2001 19:42
Hallo Petra,

auf Vorträgen hört man immer wieder, dass die Compliance gerade im Jugendalter sehr schlecht wird und Jugendliche allgemein eher ihre Medikamente verweigern.

Zur Suchtentwicklung von Stimulanzien: Es gibt die Studie von der Charite Berlin (Ansprechpartner Dr. Huss), die zusammen mit den Unis Köln und Frankfurt durchgeführt wurden. Es wurde die Frage gestellt, ob Methylphenidat abhängig macht oder andere stoffgebundene Süchte auslöst. Gefunden wurde, dass behandelte ADS'ler ein Suchrisiko haben, das eher unter dem der Durchschnittbevölkerung liegt, während unbehandelte ADS'ler ja ein bis zu 30% erhöhtes Risiko haben.
Biederman in Amerika hat eine ähnliche Studie mit fast gleichen Ergebnissen durchgeführt. Beide Studien sind veröffentlicht. (Weiß aber nicht wo). Ich habe Dr. Huss 2x auf einem Vortrag gehört und das Ergebnis ist wirklich beeindruckend.

Ich weiß nicht, ob man Dr. Huss in der Charite anrufen kann (Virchow-Klinikum). Wenn nicht bekommst du sicher nähere Infos von Dr. Skrodzki.

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 21.09.2001 20:09
Hallo Dagmar,
zumindest die vorläufigen Ergebnisse von Prof. Huss (Charité) kann ich Dir faxen. Viele Grüße
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 20:44


Oh ja, Wilma

vielen Dank :-)))))

Meine Fax-Nr. 069/791212732

Viele Grüße
Dagmar
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 21.09.2001 20:56
Hallo Dagmar,
ich habe mir Deine Fax-Nr. ausgedruckt. Morgen bekommst Du die vorläufigen Ergebnisse,
Gute Nacht
Wilma

von Wilma - am 21.09.2001 22:08
Hallo Dagmnar,
Prof. Huss kannst Du erreichen über
michael.huss@charite.de
Er ist sehr großzügig mit seinen Informationen und hat alle meine Fragen prompt beantwortet.
Eine gute Übersicht zu Studien unter der Fragestellung "Macht Ritalin süchtig?" findest Du in G. Weiss, L. Hechtman: Hyperactive children grown up.
Den Vortrag von Prof. Huss, den er auf der Jahrestagung Suchtmedizin in Münster im vergangenen Jahr gehalten hat, lege ich Dir gleich auf das Fax (muß ihn nur schnell noch raussuchen....).
Viele schöne Grüße
Wilma

von Wilma - am 22.09.2001 08:31
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