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Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
9
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 15 Jahren, 6 Monaten
Beteiligte Autoren:
Wilma, Silvia01, gipsy, Wildcat

ADHS und Sucht-6

Startbeitrag von Wilma am 22.09.2001 13:55

Hallo, hallo,
es geht weiter. In dem Buch von Dr. med. Jörg Gölz: Der drogenabhängige Patient - Handbuch der schadensmindernden Strategien, Urban &Fischer, 2. Aufl., 1999 findet sich auf S. 44/45 das Folgende zur Suchtentstehung.

"Die Unterschiede in den Entwicklungsvoraussetzungen von späteren Drogenabhängigen können als ein Grund für die Entwicklung von Problemen mit dem Konsum von Drogen gesehen werden. Es häufen sich - im Sinne des "Aufschaukelns - die Belastungen im Verlauf der kindlichen und jugendlichen Entwicklung in der Herkunftsfamilie.
In einer gematchten Stichprobe zwischen je 250 Drogenabhängigen und normalen Jugendlichen aus der sog. Schell-Studie (Krausz et al.) konnten wir die deutlich höheren Belastungen im Sinne lebensverändernder Ereignisse im Verlauf ihrer kindlichen und jugendlichen Biographie für die später Drogenabhängigen zeigen.
Die untersuchten psychosozialen Belastungen kumulieren im Verlauf der Entwicklung. Vor einem zunächst vergleichbaren Hintergrund (verdeutlicht am Bildungsstatus der Eltern und dem elterlichen Engagement) bauten sich zusätzlich einzelne belastende Ereignisse (z.B. Verlustereignisse) in Wechselwirkung mit dem Kontext zu einer belastenden psychosozialen Konstellation auf.
Die Herausbildung der Abhängigkeit ist nicht als lineare Beziehung zwischen Belastung, Überforderung ud Konsum als Entlastung zu verstehen. Sie ist ein mögliches Symptom mißglückter Bewältigungsversuche dieser Konstellation. Objektive Belastungen können sich, wenn sie sich häufen, im Verlauf zu subjektiven Überforderungssituationen zuspitzen. Die Ergebnisse zeigen, daß die Opiatabhängigen neben den größeren Belastungen auch die geringeren Ressourcen zu deren Bewältigung haben. Dafür sind sowohl die familiären Trennungen als auch die schulischen Schwierigkeiten zentrale Indizien. Die mögliche Überforderung - und damit die Risikokonstellation - ergibt sich somit aus den erhöhten Stressoren und den geringeren Bewältigungsressourcen. In der Pubertät der opiatabhängigen Jugendlichen treten Risikoverhaltensweisen, die einzeln zu einer normalen Entwicklung gehören (Silbereisen und Kastner 1987), gehäuft auf. Insbesondere die Massierung problematischer Aspekte erhöht das Risiko einer entsprechenden Reaktion des Umfeldes.
Insgesamt verdichtet sich in der Pubertät somit eine prekäre Situation, die in Interaktion mit einem die Probleme potenzierenden gesellschaftlichen Kontext (dazu gehört die gesellschaftliche Ausgrenzung ebenso wie die steigende Arbeitslosigkeit) den Hintergrund für die problematische Verfestigung von anfangs gelegentlichem und als erleichternd empfundenen Drogenkonsum bildet.
In der Lebenspraxis der später Abhängigen konstituiert sich eine riskante Konstellation, in der für die Hernanwachsenden der Übergang vom gelegentlichen Drogenkonsum zu kompulsiven Gebrauchsmustern subjektiv Sinn macht.
Diese Zusammenhänge sind nicht als die Ursachen der Abhängigkeit zu interpretieren. Die Überforderungssituation kann auch mit Drogenkonsum bewältigt werden - wahrscheinlich ist dies häufiger als die Abhängigkeit.
.....

Gegen Ende der Pubertät sind die später abhängigen Jugendlichen hinsichtlich Schulabschluß und Ausbildung eher unterprivilegiert. Der Zusammenhang von sich in der Biographie aufgebauten Benachteiligungen, geringeren Ressourcen und Opiatabhängigkeit erscheint heute enger als vor 10 Jahren. Grenzen in der Gesellschaft sind heute weniger durchlässig. Daher ist die soziale Kompensation von biographischen Defiziten schwieriger geworden. Eine nachholende Entwicklung sichert unter Bedingungen eines rauheren gesellschaftlichen Klimas und sozialer Ausgrenzung noch lange nicht den gesellschaftlichen Anschluß.
Die gesellschaftlichen Reaktionsweisen (Familien- und Sozialpolitik im weiteren Sinne - Drogenpolitik und Kriminalisierung im engeren Sinne) blähen die zunächst kleinen Nachteile und Probleme der Gruppe der später Opiatabhängigen auf. Anscheinend spitzt sich für die (später abhängigen) Jugendlichen eine negative Spirale ihrer Entwicklung zu: Einerseits produziert und verstärkt der Drogenkonsum bestehende schichten- und gruppenspezifische Unterschiede. Andererseits verstärkt und verfestigt die gesellschaftliche Reaktionsweise - Reduzierung gesellschaftlichen Ausgleichs und Ausgrenzung - die Unterschiede."

Ich habe das deswegen so ausführlich abgeschrieben, weil alle Risikofaktoren für eine spätere Drogenabhängigkeit jene Probleme darstellen, die sich bei unbehandelten ADHS-Kindern höchstwahrscheinlich einstellen würden, vor allem die chronische Überforderung in der Schule und die soziale Ausgrenzung aufgrund des "Andersseins".
Außerdem geht aus diesem Text sehr schön hervor, daß einiges mehr dazu gehört, süchtig zu werden, als eine medizinisch sinnvolle medikamentöse Therapie!
In diesem Sinne
Wilma

Antworten:

Liebe Wilma,

ich kann dir nur bestätigen, was du geschrieben hast. Ich selbst bin als unbehandelter klassischer ADS-Patient (laut Aussagen der Ärzte) mit H aufgewachsen. Mein soziales Umfeld von frühester Kindheit an hat nicht dazu beigetragen meine Defizite aufzufangen, oder zu kompemsieren. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit für mich Verarbeitungsmöglichkeiten zu erlernen.
Ich war (Gott sei Dank) in einer kleinen Stadt, mit relativ wenigen Drogenkontakten und meine Eltern haben sich von meiner frühesten Kindheit angewöhnt mich konstant zu überwachen. Dies ist der einzige Grund, warum ich nicht bereits mit 14 oder 15 regelmäßig Drogen zu mir nahm.
Sowie ich 18 war begann meine wilde Zeit, ich habe so ziemlich alles probiert was auf dem Markt war. Meine Hauptdroge zu dieser Zeit, war jedoch Alkohol. Ich habe es geschafft, ohne Therapie im Alter von 21 von allem wegzukommen (auch dabei hat mir mein ADS geholfen, nur wusste ich das damals nicht).
Ich bete jeden Tag, das Menschen endlich erkennen, wie viel Leid und Schmerz (seelisch) sie einem Kind zumuten, dass diagnostiziert ist, dem jedoch die Behandlung verweigert wird.
Noch ein persönlicher Vergleich: Ich habe in einem Zeitraum von drei Jahren das fast 20-fache an Halluzinogenen und anderen Suchtmitteln zu mir genommen, als meine Tochter in nunmehr 8 Jahren Behandlung mit Ritalin an chemischen Stoffen zu sich genommen hat.
Ich für meinen Teil bin von den Ärzten als *Extremads-ler* bezeichnet worden. Doch auch in weniger stark ausgeprägten Fällen von ADS dürfte sich eine ähnliche Tendenz zeigen.


Gruss Wildcat
ADDwildcat/ADS für jedermann


von Wildcat - am 23.09.2001 07:59
Hallo zusammen,

wo ich das jetzt alles lese, denke ich, dass das, was ich vor einigen Monaten schon mal ins Forum gestellt habe, auch eine wichtige Ergänzung ist.
Hierzu möchte ich vermerken, dass ich noch nichts von ADHS wußte, als ich dieses Seminar besucht habe.
Ferner war ich auch auf einem Seminar über Psychische Krankheiten. Die Entstehung läuft fast im gleichen Muster.
Auch hat der Seminarleiter erzählt, dass er öfters mit Gefängnisinsassen zusammenarbeitet und dort auch die gleiche Struktur erkennbar ist.
Als ich ihn auf ADHS ansprach und in diesem Zusammenhang darauf hinwies, meinte er, dass dieses eine sehr Interessante Verbindung ist und er in Zukunft sein Augenmerk auch auf ADS legen wolle, weil es sehr gut sein kann, dass die meisten Insassen eben diese Störung hätten, dieses aber nicht erkannt werden würde, und eben dieses ganz neue Therapieansätze bieten würde.
Er war mir sehr dankbar dafür, dass ich ihn mal über ADS in Kenntnis gesetzt habe, weil er sich damit gar nicht auskannte.



Hier ist ein kleiner Auszug von dem Suchtkrankenhelfer-Seminar, wo es über die Anlagen eines Alkoholikers geht.
Ich habe das gerade mal wieder gelesen und es bestätigt meine Theorie, dass die meisten Alkoholiker auch ADSler sind und Alkoholsüchtig geworden sind, weil sie nicht behandelt wurden. Wer nicht zu Alkohol greift, greift vielleicht zu anderen Mitteln, wie Zigaretten, Drogen oder Tabletten.
Wenn ihr das jetzt lest, werdet ihr das verstehen. Und vielleicht verstehen auch diejenigen, die gegen eine NÖTIGE Ritalinbehandlung sind, warum es besser ist, mit Ritalin zu behandeln, als später vor dem in Trümmern liegenden Umfeld eines Alkoholikers, der vielleicht nie angefangen hätte zu trinken, wenn er mit Ritalin behandelt worden wäre.

Auszug:

A.
Im allgemeinen kann man sagen, dass
1. Alkoholiker sehr sensibel, ja sogar übersensibel sind
2. Sie sind leicht erregbar
3. Und sie sind überdurchschnittlich Intelligent.

B.
Sie sind leicht prägbar
Weich- und Gefühlsbetont, Z. Teil kann von daher die Personen- und später die Suchtabhängigkeit verstanden werden
Sie haben eine stärkere Schmerzempfindlichkeit, als andere -körperlich und psychisch
Dadurch, dass sie Leiden stärker erleben, ist auch eine Neigung
- zur Depression da
- zu Stimmungsschwankungen
- zur Vielseitigkeit (Nicht wie ein Professor, der nur ein Fach versteht, sondern eher ein Entdecker, Erfinder, Musiker, Schriftsteller) Intelligenzen, die nicht die Möglichkeit hatten, sich weiterzubilden, - aber jede Arbeit verrichten.

Die Kehrseite ist, dass der Sensible auch die Enttäuschung mehr empfindet, Schmerzen, aber auch Freude.
Auch Weichheit und Prägbarkeit ist erstmal gut.
Gold ist leicht Prägbar für schöne Sachen,
Leider kann er aber auch leichter in die falsche Richtung geprägt werden.
- zum Suchtmittel hin.

Auch die Vielseitigkeit ist erstmal Positiv zu sehen.
Das Negative ist, dass er 1000 Sachen anfängt, aber nichts zu Ende macht.
Beständig eine Sache erst fertig zu machen, ist für diese Menschen sehr schwer.
Wenn man das weiß, können zwei Menschen sich wunderbar ergänzen.


Es gibt aber auch krankhafte Vererbung...................und
Prägung durch engere Umwelt.....................

ENDE



Liebe Grüße

Silvia

von Silvia01 - am 23.09.2001 09:17
Hallo Silvia,
ich denke wie Du, daß unter den Alkoholikern eine Menge ADHSler zu finden sind. Der Umkehrschluß ich aber nicht erlaubt. Und man sollte sich hüten, das Gros der Alkoholiker als primär sensibel oder besonders intelligent einzustufen und sie nur als arme Opfer zu sehen. Die Regel ist wohl eher, daß die Vorbilder - insbesondere die Eltern und das unmittelbare soziale Umfeld - schlucken und die Nachkömmlinge sie einfach kopieren. Andererseits gilt mütterlicher Alokoholkonsum als eigenständiger Risikofaktor für die Neuentstehung eines ADHS. Da muß man immer genau hinsehen.
Viele Grüße
Wilma

von Wilma - am 23.09.2001 09:54
Hallo Wilma,

les doch bitte mal genau, was ich geschrieben habe.

Ich habe lediglich das wiedergegeben, was ich auf einem Suchtkrankenhelferseminar vom Blauen Kreuz im Juni 1997 mitgeschrieben habe.
Der Leiter des Seminars ist gleichzeitig auch Leiter eines Blaukreuz-Hauses. Und das schon seit Jahren! Er steht nämlich kurz vor oder ist gerade pensioniert worden.
Er spricht aus jahrelanger Erfahrung.
Und das sind eben die Erfahrungen, die er bei seinen Patienten während der Therapie und auch andere in anderen Häusern gemacht haben, sonst wäre es wohl kaum Bestandteil eines Seminars geworden oder?

Ich könnte glatt den Eindruck kriegen, als hättest du irgendetwas gegen mich, weil du alles, was ich schreibe irgendwie verbesserst oder mahnst.
Ich wüßte aber nicht, mit was ich deinen Unmut auf mich gezogen haben könnte.

fragende Grüße

Silvia

von Silvia01 - am 23.09.2001 10:57
Hallo Silvia,
bitte, verstehe mich nicht falsch! Ich wollte die Aussagen gar nicht in Frage stellen, sondern nur darauf hinweisen, daß man nicht in das andere Extrem verfallen darf.
Ich habe absolut nichts gegen Dich und finde Deine Beiträge gut und konstruktiv. Du hast auch keinen Unwillen bei mir erregt. Meine Antwort war eine sponate Stellungnahme zu einem bestimmten Aspekt dessen, was Du geschrieben hast, sonst nichts. Es tut mir leid, wenn das negativ bei Dir angekommen ist.
Viele schöne, ehrlich freundliche Grüße
Wilma

von Wilma - am 23.09.2001 11:03

Re: ADHS und Sucht-6-Ergänzung

Hallo Silvia,
daß die Beobachtungen des Blauen Kreuzes zutreffen, will ich gar nicht bestreiten. Bei den dort angesprochenen Alkoholikern handelt es sich aber auch um die vergleichsweise kleine Gruppe, die aufgrund von Leidensdruck Hilfe gesucht haben. Die unterscheiden sich sicherlich von vielen anderen.
Viele Grüße
Wilma

von Wilma - am 23.09.2001 11:57

Re: ADHS und Sucht-6-Ergänzung

Das würde mich jetzt genauer interessieren inwieweit sich diejenigen, die aufgrund des großen Leidensdruck Hilfe gesucht haben sich von denjenigen unterscheiden bei denen der Leidensdruck (noch) nicht so groß ist dass sie (noch) keine Hilfe gesucht haben.

gipsy

von gipsy - am 23.09.2001 15:39

Re: ADHS und Sucht-6-Ergänzung

Hallo Gipsy,
die unterscheiden sich eben durch den Leidensdruck. Wer eigentlich gegen seinen Willen Alkohol trinkt, fühlt sich in seiner Freiheit eingschränkt und sucht deswegen Hilfe. Wer Alkohol trinkt, weil er gern blau ist, sich damit ganz toll fühlt und alles, was damit zusammenhängt, billigend in Kauf nimmt, einschließlich der Prügel für Frau und Kinder, hat dieses Gefühl nicht. Da haben wir es sicher mit unterschiedlichen Persönlichkeiten zu tun. Mögliche ADHSler sehe ich eher in der ersten Gruppe. Ich bin in ADHS und Sucht-7 näher darauf eingegangen.
Viele Grüße
Wilma

von Wilma - am 23.09.2001 15:45
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