ADHS und Sucht-7

Startbeitrag von Wilma am 23.09.2001 11:47

Hallo,
weiter geht's:
In dem Buch von Mann und Buchkremer (Hrsg.) "Sucht" findet sich ein Beitrag von Hans Rommelspacher zu dem Thema "Welche neurobiologischen Mechanismen erklären Aspekte süchtigen Verhaltens?" Es geht hauptsächlich um Alkoholismus.
Und da steht:

"Keinesfalls existiert eine DNS-Sequenz, die exzessives Trinken auslöst. Stattdessen werden eher bestimmte Aspekte der individuellen Erfahrung und Wahrnehmung genetisch beeinflußt. Beispielsweise könnten genomische Konstellationen Einfluß darauf nehmen, wie sehr eine Person am Alkohol Vergnügen hat, wie sie dessen Wirkungen auf die Stimmung und Gedankenprozesse wahrnimmt, und ob Alkohol sie leicht körperlich krank macht (s. Maier i.d.Band.).
Keine genetische Konstellation würde zwangsläufig süchtiges Trinken verhindern bzw. hervorrufen. Umweltfaktoren und deren relativer Einfluß auf süchtiges Trinken, wie sie sich aus epidemiologischen Untersuchungen ergeben, sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Aus ihr geht hervor, daß der Einfluß der Religion am dominantesten sein kann, wie Untersuchungen in Ländern mit starkem Einfluß des Islams ergeben haben. Andere Umstände wie Scheidungen haben entgegen der oft geäußerten Meinung keinen Einfluß, außer sie sind mit Streitereien und Streß verbunden.

Tabelle 1: Risikofaktoren für die Entwicklung von Abhängigkeitserkrankungen
- Ethnische Unterschiede: Kaukasische Kinder haben das höhere Risiko für späteren Alkoholmißbrauch; negroide ein mittleres Risiko; mongoloide das vergleichsweise geringste.
- Kultur: Strenge religiöse Vorschriften haben den stärksten Einfluß. Gesetzliche Vorschriften zur Verhinderung des Zugangs zu Suchtmitteln (Steuern, gesetzliches Erstkonsumptionsalter) sind effektiver als Strafmaßnahmen.
- Subkultur: Extreme Armut ist ein Risikofaktor (US-Studie), Überfluß (Schwed. Studie)
- Familie: Scheidungen als solches haben kein erhöhtes Risiko zur Folge, sondern nur, wenn sie mit Streitereien oder Streß verbunden sind.
- Gruppendynamik: Der Gruppendruck, Alkohol zu trinken oder Drogen zu nehmen, ist ein relativ starker Risikofaktor.

((Achtung))
- Persönlichkeit: Regulatorisches Defizit, z.B. relativ enthemmt, nach unkonventionellen Erlebnissen suchend, risikofreudig, hyperaktiv, emotional labil, relativ geringes Selbstbewußtsein, vergleichsweise geringe Sozialisation
- Cognition: geringe Intelligenz, Defizite in Aufmerksamkeitstests, in verbalen Gedächtnistests, Schwierigkeiten, neue Informationen zu organisieren; Indikator dafür ist der geringe Ausbildungsgrad.

Diese Beobachtungen zeigen, daß es denkbar ist, daß einzelne Gene einen meßbaren Effekt auf das Trinkverhalten haben können, zumindest in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Andererseits weisen sie auf die Komplexität der genetischen Einflußmöglichkeiten hin. Ein komplexes Verhalten kann zwischen der Konzeption eines Wunsches nach Suchtstoffen bis zur Durchführung der Einnahme an sehr verschiedenen Stellen beeinflußt werden. Obgleich klinische Heterogenität nicht eine genetische Heterogenität beweist, ist Alkoholismus doch so verbreitet und die phänotypische Ausprägung so unterschiedlich, daß ein einzelnes "major gene" als genetische Ursache höchst unwahrscheinlich ist.
Beobachtungen einer familiären Häufung beweisen noch keine genetische Ursache. Diese müssen durch Adoptions- und Zwillingsstudien ergänzt werden. Diese drei Forschungsstrategien haben eine genetische Disposition für die Alkoholkrankheit eindeutig gezeigt. Einzelheiten sind kürzlich publiziert worden (Rommelspacher 1994)."

Der Autor geht dann sehr differenziert auf die durch Alkohol hervorgerufenen neurochemischen Veränderungen im Gehirn ein und verweist auch auf das innere Belohnungssystem, das von der Dopaminkonzentration in einem bestimmten Hirnbereich, dem. sog. Nucleus accumbens, abhängt. Bei einer ausreichenden Dopaminkonzentration in diesem Bereich sagt unsere innere Stimme: Das hast Du gut gemacht. Bei einem Dopamindefizit im N.accumbens sagt unsere innere Stimme: Das hätte jeder Idiot gekonnt. (War jetzt ein bißchen schlicht zusammengefaßt, aber es folgt ein wirklich sehr komplizierter neurochemischer Abriß, der für die Diskussion mit den noch schlichteren Köpfen der ewigen Widersacher sowieso viel zu hoch ist.)
Schönen Sonntag noch!
Wilma

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