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ADHS ADS Selbsthilfe
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vor 16 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 16 Jahren, 9 Monaten
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Dagmar, Silvia01

Zeitungsbericht in der FAZ v. 31.10.

Startbeitrag von Silvia01 am 02.11.2001 10:48

Hallo zusammen,

habe heute einen Zeitungsbericht über ADS/Ritalin vorgelegt bekommen, den die Klassenlehrerin meiner Tochter für mich mitgab.

Ist ziemlich lang und ich finde ihn ordentlich.

Wenn sich jemand mit der Suche nach dem Bericht im Internet auskennt, kann er die Seite ja mal verlinken..

Ansonsten werde ich ihn einscannen und kann ihn euch zuschicken (hoffe das geht per eMail)
Müßtet mir nur zumailen, wer ihn haben will.

Liebe Grüße

Silvia

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Re: Hier ist er :-))



Wenn Kinder nicht zur Ruhe kommen

Kontroverse um ein Medikament gegen Hyperaktivität / Warnung vor leichtfertiger Diagnose

Wie hyperaktiven, auch als Zappelphilipp bezeichneten Kindern am gesten geholfen werden kann, scheint unklarer denn je. In der derzeit ausgetragenen Kontroverse geht es vor allem um die Frage, ob und in welchem Ausmaß die Substanz Methylphenidat, die als Ritalin oder Medikenet im Handel ist, angewendet werden soll. Immer wieder wird der Mißbrauch dieser „Psychodrogen“ oder „Psychopillen“ angeprangert. Sogar die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, zeigte sich über die jüngste Entwicklung besorgt. Selbsthilfegruppen und Ärzte hingegen sprechen von einem unverzichtbaren Medikament, das hyperaktive Kinder ebenso benötigten wie Kurzsichtige ihre Brille.

Die Gegner der inzwischen schon als „Modedroge“ bezeichneten Substanz weisen immer wieder auf den in den vergangenen Jahren stark angestiegenen Verbrauch hin. Tatsächlich hatte sich in Deutschland 1999 die Anzahl der laut Arzneimittelbericht verwendeten Tagesdosen Methylphenidat im Vergleich zu 1991 verzwanzigfacht. Ingrid Schubert von der Forschungsgruppe Primärmedizinische Versorgung an der Universität Köln hat diese Zahlen in einem Beitrag für das „Deutsche Ärzteblatt“ (Bd. 98, S.B455) zurechtgerückt. Der gewaltige Anstieg ist nämlich von einem extrem niedrigen Niveau ausgegangen. 1999 erhielten nur rund 2500 Kinder das Medikament. Der derzeitige Verbrauch läßt darauf schließen, daß es jetzt bei etwa 40 000 Kindern angewendet wird. Allerdings wird die Zahl jener Kinder, die behandelt werden sollten, von einigen Experten auf 160 000 bis weit über 300 000 Patienten geschätzt. Das würde sogar eher für eine deutliche Unterversorgung sprechen.

Die Aufregung um den absolut gestiegenen Verbrauch von Methylphenidat verschleiert indes die wahren Schwierigkeiten, um die es bei der Verordnung der Substanz eigentlich geht. Es ist wissenschaftlich hinreichend nachgewiesen, daß das Mittel für manche hyperkinetischen Kinder hilfreich ist wie kaum eine andere Behandlung. Weniger klar ist indes, wann tatsächlich eine hyperkinetische Störung vorliegt. Die Erkrankung setzt sich aus drei Symptomen zusammen. Die Kinder sind überaktiv und in ihrem Bewegungsdrang kaum zu bremsen. Ihre Aufmerksamkeit ist beeinträchtigt, weshalb es ihnen schwerfällt, sich zu konzentrieren. Schließlich können sie ihre Impulse kaum unter Kontrolle halten, wodurch sie in ihrem Sozialverhalten auffällig werden. Schon diese Liste macht deutlich, daß es im Einzelfall äußerst schwierig ist, eine echte hyperkinetische Erkrankung vom noch normalen Kindlichen Verhalten abzugrenzen. Auch gesunde Kinder sitzen nicht stets ruhig am Tisch, passen in der Schule mal nicht auf oder sind aggressiv gegenüber anderen. Deshalb ist es nicht unbedingt widersprüchlich, wenn manche Erhebungen im Schulalter 17 Prozent hyperkinetische Kinder ausmachen, andere indes nur zwei Prozent. Je nachdem, wie eng man die Kriterien faßt, ist der Kreis der kranken Kinder groß oder klein.

Hinzu kommt, daß eine solide Diagnose viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Arzt muß nicht nur das Kind untersuchen und befragen, sondern auch detaillierte Informationen von den Eltern und der Schule einbeziehen. Er darf sich jedenfalls nicht nur darauf stützen, daß die Eltern über ein unaufmerksames, unruhiges oder wenig folgsames Kind klagen. Zudem gilt es, etliche andere Ursachen auszuschließen. Zu wenig Schlaf, ein unentdecktes Krampfleiden, eine unterdurchschnittliche Intelligenz oder Medikamente können Kinder auf ähnliche Weise beeinträchtigen. Doch selbst wenn die Diagnose stimmt, folgt daraus nicht zwingend, daß das Kind mit Medikamenten behandelt werden muß. Manfred Döpfner, leitender Psychologe an der Kölner Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, wendet Psychostimulanzien überhaupt nur bei einem Drittel der betroffenen Kinder an. Zusammen mit dem Direktor der Klinik, dem Kinderpsychiater Gerd Lehmkuhl, hat er wesentlich zu den derzeit in Deutschland gültigen Leitlinien für Diagnostik und Therapie hyperkinetischer Störungen beigetragen.

Eine medikamentöse Behandlung ist vor allem in schweren Fällen schon zu Beginn einer Behandlung zu empfehlen, wenn der Bewegungsdrang überhand nimmt und das Kind praktisch nie stillsitzen kann. Mitunter läßt sich erst dadurch die Grundlage für weitere Maßnahmen schaffen. Die zweite wichtige Säule bei der Behandlung hyperkinetischer Kinder stellen verhaltenstherapeutische Programme dar, die auch die Familie und die Schule einbeziehen. In vielen Fällen kann dadurch ganz ohne Medikamente geholfen werden. Die Wirksamkeit beider Vorgehensweisen wurde erst unlängst in einer der größten amerikanischen Untersuchungen zu hyperkinetischen Störungen bestätigt („Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry“, Bd. 40, Nr. 2). Was den langfristigen Erfolg angeht, ist die Kombination von beidem offensichtlich vorteilhafter als die alleinige Anwendung von Medikamenten.

Wer Methylphenidat verordnet, kann nicht nach einem Schema vorgehen. Die Kinder reagieren recht unterschiedlich, weshalb man sich mitunter geduldig an die beste Dosierung herantasten muß. Rund ein Viertel aller hyperkinetischen Kinder spricht nicht auf die Behandlung an. Um das zu erkennen, muß der behandelnde Arzt eng mit den Eltern und der Schule zusammenarbeiten. Daran mangelt es jedoch nicht selten. Vielfach sehen sich Lehrer nicht hinreichend in Kenntnis gesetzt. Sie können die plötzlichen, aufgrund von Veränderungen der Dosis auftretenden Schwankungen im Verhalten der Kinder nicht richtig einordnen. Hinzu kommt, daß die Lehrer nicht immer genügend über die Hintergründe der Erkrankung Bescheid wissen und deshalb in den Medikamenten überflüssige und gefährliche Aufputschmittel wittern.

Methylphenidat ist eigentlich ein altbekannter Muntermacher, der bereits 1954 in der Schweiz und in Deutschland rezeptfrei auf den Markt kam. Er wurde seinerzeit auch als Appetitzügler und Antidepressivum verwendet. Heute ist die Substanz verschreibungspflichtig. Bereits in den achtziger Jahren wurde der Gebrauch von Psychostimulanzien bei hyperaktiven Kindern, darunter auch der von Methylphenidat, vor allem von der Scientology-Bewegung heftig kritisiert. Da die Substanz auch Eingang in die Drogenszene fand, geriet sie zunehmend in Verruf. Diese Vorgeschichte muß man kennen, will man die derzeit erhobenen Vorwürfe besser verstehen. Die Vorurteile gegen jegliche Anwendung von Psychostimulanzien bei Kindern speisen sich eben auch aus den historisch bedingten, unheilvollen Verquickungen. Trotz allem hat sich das Medikament nicht nur zur Behandlung der Hyperaktivität, sondern auch bei der Therapie der seltenen, als Narkolepsie bezeichneten Schlafattacken durchsetzen können.

Andere Substanzen, etwa das D-Amphetamin, sind vermutlich nicht so wirksam. Ein weiteres Stimulanz, Pemolin, greift die Leber an und ist sogar mit Todesfällen in Zusammenhang gebracht worden. Fenetylin schließlich, das erst in der jüngsten Zeit zur Behandlung hyperkinetischer Störungen verwendet wird, ist in dieser Hinsicht nur unzureichend erforscht. Diäten, wie sie früher empfohlen wurden, haben sich als wenig hilfreich erwiesen. So ist Methylphenidat das mit Abstand am besten erprobte und wirksamste Mittel.

Es klingt paradox, daß eine im Gehirn stimulierend wirkende Substanz umtriebige, unaufmerksame Kinder beruhigt. Bis heute wissen selbst Experten nicht genau, wie die Wirkung zustande kommt. Das Mittel greift jedenfalls in den Dopamin-Stoffwechsel ein. Dopamin ist ein an zahlreichen neuronalen Schaltkreisen beteiligter Botenstoff. Zunächst auftretende Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlafschwierigkeiten, Kopfschmerzen, Schwindel oder Steigerungen von Pulsschlag und Blutdruck bessern sich gewöhnlich nach sorgfältiger Anpassung der Dosis. Bislang gibt es keinerlei Hinweise, daß die Substanz abhängig macht oder langfristig in ihrer Wirkung nachläßt. Obgleich man glaubt, daß sie keine dauerhaften Veränderungen im Gehirn hervorruft, weisen jüngste Untersuchungen an Mäusen darauf hin, daß dies doch vorkommt. Offen ist jedoch, ob es sich dabei um ungünstige Wirkungen oder um wünschenswerte Langzeiteffekte handelt.

Bisherige, bis zu drei Jahre umfassende Beobachtungen an mehr als 5000 Kindern haben ergeben, daß es sich um ein besonders gut verträgliches Medikament handelt. Aussagekräftige Studien über erheblich längere Zeiträume stehen in des noch aus. Auch deshalb plädiert Döpfner dafür, Methylphenidat nur nach einer sorgfältigen Diagnose anzuwenden. Wenn sich die medikamentöse Behandlung als wirksam erweist, sollte sie allerdings dem Patienten auch nicht aus falsch begründeter Scheu vorenthalten werden. Jedes Jahr ist zu überprüfen, ob nach dem Absetzen die Symptome wiederkehren. Manche Patienten benötigen das Mittel bis zur Pubertät. Es mehren sich zudem die Hinweise darauf, daß sich das hyperkinetische Syndrom keineswegs von selbst mit zunehmendem Alter verliert. Die äußerlich sichtbare, motorische Überaktivität mag zwar nachlassen. Die innere Unruhe, die Aufmerksamkeitsstörung und auch die Schwierigkeiten im sozialen Umgang können indes bestehenbleiben.

In bis zu 70 Prozent gehen abweichendes Sozialverhalten, bis hin zur Straffälligkeit, mit hyperkinetischen Störungen einher. Wenngleich längst nicht jedes überaktive Kind zwangsläufig kriminell wird, ist die Überschneidung doch augenfällig. Deshalb untersucht man jetzt in Köln zusammen mit der Kriminologischen Forschungsstelle in Hannover, inwieweit bei jungen Straftätern Anzeichen für frühere oder noch bestehende hyperkinetische Störungen vorliegen. Eine frühzeitige Behandlung hat daher nicht zuletzt den Sinn, derartige negative Karrieren zu verhindern.

Obgleich man letztlich in einer Fehlfunktion des Gehirns die Ursache für hyperkinetische Störungen vermutet, können äußere Umstände die Erkrankung fördern. Das Bestreben, immer mehr Kinder möglichst bis an ihre intellektuellen Leistungsgrenzen heranzuführen, könnte nach Ansicht von Döpfner dazu beitragen, daß hyperkinetische Störungen heute häufiger vorkommen als früher. Nicht umsonst wird der überwiegende Teil der Kinder mit dem Eintritt in die Schule erstmals auffällig. Auch eine liberale Pädagogik, die viele Freiheiten läßt, kann diese Kinder überfordern. Da sie sich ohnehin schwertun, sich selbst zu kontrolliren und zu steuern, benötigen sie eher mehr Grenzziehungen von außen als weniger. Hinzu kommt, daß für viele Eltern eine medizinische Diagnose eher vorzeigbar ist als die Tatsache, daß das Kind schlicht in der Schule überfordert ist. Insofern warnte auch Döpfner vor der Neigung, schwierige Kinder vorschnell als hyperkinetisch zu klassifizieren.

Statt die „Modedroge“ Methylphenidat zu verteufeln, müßte man sich eher vor der „Modediagnose“ hyperkinetischer Störungen in acht nehmen. Das gilt auch für das Erwachsenenalter. Der Wunsch, angesichts alltäglicher Schwierigkeiten auf eine medizinische Diagnose auszuweichen, trägt offenbar dazu bei, daß diese Erkrankung inzwischen auch unter Erwachsenen immer populärer wird. Unruhe und mangelndes Konzentrationsvermögen lassen sich, wenn man nur will, leicht auch bei sich selbst entdecken.

Zwar besteht nicht der geringste Zweifel daran, daß auch manche Erwachsenen an echten hyperkinetischen Störungen leiden. Allerdings bedarf es auch in diesen Fällen einer sorgfältien Diagnostik. Dafür stehen indes noch weniger Fachleute als bei den Kindern zur Verfügung. In der herkömmlichen Ausbildung der für Erwachsene zuständigen Psychiater und Therapeuten kommt die Erkrankung noch nicht vor. Je geringer ds Wissen, desto größer die Gefahr, daß die Diagnose fälschlich ausgeweitet wird und Behandlungsverfahren nicht kritisch genug bewertet werden.

Martina Lenzen-Schulte“
Elterngruppe Frankfurt


von Dagmar - am 02.11.2001 15:30
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