@Anja 33 Jugendpsychiatrie (lang)

Startbeitrag von wildcat am 20.01.2002 11:22

Liebe Anja,

meine persönlichen Erfahrungen mit der Kinder und Jugendpsychiatrie beziehen sich auf das Jahr 1992, in mir trage ich die Hoffnung, dass sich seitdem etwas verbessert hat. Leider haben viele Gespräche mit Betroffenen keinen Hinweis in der Richtung gegeben.

Der Aufenthalt in einer Kinder und Jugendpsychiatrie ist eine Farce in meinen Augen.
Bei uns war es damals so, dass beim kleinsten Anzeichen von Konflikt ein Erwachsener (obendrein eine Fachkraft) innerhalb von Sekunden nur für meine Tochter da war.
Das Kind wurde konsequent mit Aktivitäten beschäftigt. Stete Abwechslung war die Tagesordnung.
Eine durchaus *realistische* Situation.
Ich habe die Ärzte damals angefleht, sie möchten das Kind sich doch einmal alleine beschäftigen lassen....keine Chance! Mit dem Hinweis, man könne das Kind ja nicht alleine lassen und ein Kind in diesem Alter (5 1/2) müsse beaufsichtigt werden und BESCHÄFTIGT! Meine Erziehung war prinzipiell an allem Schuld!
Mir wurde vorgeworfen mein Kind zu vernachlässigen.
Auf meine Frage hin, wie ich dem Kind noch mehr Zeit widmen solle, wenn die zwei kleinen Brüder sowieso zu 80% bereits bei meiner Mutter seien erhielt ich nie eine Antwort.

Es kam zu einem Vorfall (Ausraster meiner Tochter!).
Dieser Vorfall wurde damit begründet, dass ich sie am Vortag negativ beeinflußt hätte (da war Besuchstag!) und man sich ernsthaft überlege, ob man mir die Beuschsrechte streichen würde.
Unsere sozialen Umstände (sind nicht reich) und unsere häuslichen Umstände (Stiefvater Amerikaner) wären der Auslöser für die Probleme meiner Tochter und ihr asoziales Verhalten.
Meine Erziehung wäre keine Erziehung sondern ich würde das Kind vernachlässigen und seelisch quälen (sie bekam kein Eis als sie es wollte!)
Ich solle meinem Kind Freizeitaktivitäten bieten, z.B. Sport und Turnverein (Töchti wollte nicht!), schwimmen gehen (kostet für die ganze Familie nen Batzen Geld, den ich nicht hatte, Öffnungszeiten des Bades erst Abends, wenn die Kinder schlafen sollen!), das Kind solle ein Haustier bekommen (wir lebten auf dem Bauernhof, Kühe, Katzen, Hunde alles vorhanden!), das Kind brauche viel Bewegung an der freien Luft (sie war ja eh nur draussen!).
Das Kind brauche soziale Kontakte. (Keiner wollte wegen ihres Verhaltens mit ihr spielen, sollte ich andere Kinder zu ihr hinprügeln?)
Das Kind solle in die Betreuung der Geschwister mit einbezogen werden. (Sie hatte kurz vorher ihrem Bruder eine Holzschublade über den Schädel gezogen-Platzwunde! Den kleineren hatte sie vom Wickeltisch fallen lassen, sprich sie stand daneben und lachte sich kaputt)
Der Oberknaller war die Aussage eines Assistenzarztes, welcher mir kurzerhand mitteilte Mädchen sind nicht hyperaktiv, das wären nur Jungs!

Das Abschlussgespräch kannst du dir folgendermaßen vorstellen:
Konferenzraum, ovaler Tisch, 3 Professoren, 5 Assistenzärzte, 2 Psychologen(oder waren es Psychiater?), mein Mann und ich.

Aussage dieser Fachleute nach 4 Wochen stationärem Aufenthalt:
Ihre Tochter ist in keinster Weise hyperaktiv, weist jedoch große soziale Defizite im Umgang mit anderen auf. Sie orientiert sich nur an Erwachsenen und kann sich mit Gleichaltrigen nicht auseinandersetzen. Ihr Kind entbehrt Liebe und Zuneigung und ist in seiner Sozialisierung durch ihren Einfluss gestört. Ändern sie ihr soziales Umfeld und sie werden keine Probleme haben!
Ihre Erziehung ist nicht altersgemäß und sie sollten eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen um zu lernen, wie man sein Kind erzieht, denn davon haben sie keine Ahnung. (In der EZB waren wir seit über einem Jahr Stammgast!)
Die Probleme ihrer Tochter sind einzig und alleine in ihrer Erziehung zu suchen, sie ist definitiv nicht hyperaktiv!

Auf einen schriftlichen Befund besagter Klinik warte ich bis heute!

Als ich Jahre später (1996) wieder an eine Jugendpsychiatrie verwiesen wurde, weigerte ich mich dorthin zu gehen, warum dürfte klar sein.

Mein Kind wurde von der Kinderärztin ambulant getestet (1993), eindeutige Diagnose, erstellt anhand der Anamnesebögen von Kindergärtnern und Lehrerin, zu diesem Zeitpunkt erhielt sie bereits Ritalin von der Kinderärztin. Die Diagnose lautete ADHS, mit der Betonung auf H(yperaktivität)!

1998 befand ich mich in ambulanter Behandlung mit meinem Sohn in einer Kinder und Jugendpsychiatrie. Auch hier versuchte man wieder das Verhalten meines Sohnes an meiner Erziehung festzuknüpfen. Nur durch die Unterstützung des Jugendamtes, welches meine Erziehung bestätigte, war eine sinnvolle Untersuchung und Diagnose meines Sohnes möglich. Er hat auch ADHS, jedoch in einer ganz anderen Ausprägung als meine Tochter und bei weitem nicht so extrem.

1999 wurde bei meinem jüngsten Sohn von einer Kinderpsychiaterin im Rahmen der LRS-Testung ADS ohne Hyperaktivität diagnostiziert.

Um ein Gutachten für eine Kur zu erhalten (für alle drei Kinder) musste ich wieder zur Kinder und Jugendpsychiatrie.
Die erste Reaktion der Ärzte: Soviel AD(H)S in einer Familie ist unglaubwürdig und es müsse eine neue Diagnostik durchgeführt werden. (Die Ordner voll mit Arzt-, Lehrer-, Kindergärtnerberichten wurde ignoriert). Erst nachdem ich wiederum das Jugendamt involvierte, wurde die Diagnose bei den Kindern anerkannt und ein Gutachten wurde erstellt.

Als ich bei meiner Diagnose in einer grossen bayerischen Klinik war, hatte ich die Kinder einige Male im Schlepptau, mit Genehmigung der Ärzte, die für eine Betreuung der Kinder sorgten, während ich bei den Tests war. Nachdem die Kinder zweimal dabei waren, wurde ich von meinem diagnostizierenden Arzt darauf hingewiesen, dass meine Kinder ebenfalls betroffen wären und ob sie bereits in Behandlung wären. Dieser Arzt, welcher sich auf AD(H)S bei Erwachsenen spezialisiert hat, hat nach zwei Stunden und den Berichten seitens des Fachpersonals sofort erkannt, dass meine Kinder betroffen sind, wobei er mich noch ausdrücklich darauf hinwies, dass meine Tochter, so wie ich selbst, extremer Hypie wäre und eine sofortige Behandlung und Therapie unbedingt notwendig wäre.

Als ich ihm von meiner Odyssee berichtete, was die Kinder anbelangt, sah er mich nur traurig an und meinte, dass er das leider schon oft gehört hätte.
Das war Ostern 2000.
Mein Sohn ist in den nächsten Wochen für die Aufnahme in einer Tagesklinik vorgesehen.
Dreimal darfst du raten, was beim Erstgespräch bereits gesagt wurde. BINGO! Die Diagnose müsse überprüft werden, da es unglaubwürdig erscheine, dass sich in einer Familie so viele Fälle von ADHS häuften.
Dass der betreffende Arzt noch lebt, hat er dem Umstand zu verdanken, dass ich schön brav meine Ritas genommen hatte, sonst wäre ich ihm wahrscheinlich an die Gurgel gegangen. Wieder habe ich sofort das Jugendamt involviert und ey gucke da, mein Sohn hatte nach einem Anruf vom Jugendamt (Ich stand daneben, der Beamte fragte nur, was das denn solle)plötzlich eine bestehende Diagnose und plötzlich kann man auch mit mir zusammenarbeiten, was vorher schlichtweg unmöglich war, denn welcher Arzt glaubt schon einer Mutter.

So viel zu meinen Erfahrungen mit der Kinder und Jugendpsychiatrie. Es gibt durchaus auch Kliniken, von denen positives berichtet wird, doch die Mehrheit der Berichte decken sich mit meinen persönlichen Erfahrungen.

Zusammenfassung: Wenn du nicht genug Fachwissen über ADS hast, um selbst deinen Doktor zu schreiben, oder das Jugendamt oder ähnliche Behörde die Familie kennt und dir den Rücken deckt und wenn du nicht kämpfen kannst wie eine Löwin, so wie ein verdammt dickes Fell hast, was persönliche Angriffe und Beleidigungen angeht, dann halte dich von Kliniken fern.

Das ist meine ganz persönliche Meinung und spiegelt in keinster Weise die Arbeitspraktiken aller Kliniken wieder.


Du hast gefragt ich habe geantwortet.

Gruss Wildcat

Antworten:

Liebe Wildcat!!!

Ich danke Dir vielmals für Deine super ausführliche Antwort!

Ich kann nun Deine Abneigung vollkommen verstehen!

Bei uns läuft es - bis jetzt - nicht so. Ich habe zwar auch den Eindruck, daß die Betreuer sich sehr viel mit den Kindern beschäftigen, aber nicht überdurchschnittlich. Florian darf auch raus und ist dabei z.B. ohne Aufsicht.

Nach der Diagnostikphase erfahre ich genaueres. Bis jetzt hat er jede Menge Therapien, die ich alle ganz gut finde und er bekommt noch sein Ritalin in der alten Dosierung.

Sicherlich werden auch wir an den Punkt kommen, an dem wir Dinge zu hören bekommen, die wir uns entweder eingestehen müßen oder wir nur noch mit dem Kopf wackeln werden.

Beim "Übergabe"gespräch hat der Arzt sofort gesagt, man solle das, was war vergessen und nun bei Null beginnen, Schuldgefühle wären fehl am Platze. Hört sich ja EIGENTLICH ganz gut an.

Und ich dachte, wir hätten schon 'ne Menge erlebt, aber Deine Geschichte ist ja noch krasser. Woher nimmst Du die Kraft? Dein Umfeld muß sehr stabil sein, denn sonst kann man so viel aufeinmal doch nicht bewältigen.

Auch wenn Deine Erfahrungen negativer Art sind, habe ich mich über Deine Antwort sehr gefreut und bewundere Deine Offenheit!

Ich wünsche Euch allen noch ganz viel Kraft und Stärke!!!

Ganz liebe Grüße, Anja.

von Anja33 - am 20.01.2002 14:01
Liebe Anja,

woher ich die Kraft nehme?
Wozu hat man ADHS?
Ohne mein starkes ADHS hätte ich schon längst die Segel gestrichen.

Immer wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint, hilft mir mein ADHS.
Ich stelle alles in Frage, suche nach neuen Wegen und Lösungen. Gebe nie auf! Symptom--Stehaufmännchenmentalität

Von einem stabilen Umfeld ist leider nichts zu spüren. Symptom--Einzelkämpfermentalität

Ich nutze mein ADHS um zu überleben, denn anders geht es nicht. Deshalb stehe ich auch zu 100% hinter der Jäger-Theorie von Thom Hartmann, ich lebe diese Theorie, mit Erfolg, denn sonst gäbe es meine Familie nicht mehr!

Falls du mal einen extra Schub Stärke brauchst......mein Reservoir scheint endlos, auch wenn ich manchmal verzweifelt und am Ende bin, diese Phasen dauern nie lange, dann schick mir ne Mail. Irgendetwas *Dummes* fält mir bestimmt ein.*gg*

Gruss Wildcat


von wildcat - am 20.01.2002 14:22
Liebe Wildcat!

Danke für Dein Angebot, sicherlich werde ich mal darauf zurückkommen!

Aber bitte, sollte es Dir auch mal schlecht gehen, dann kannst Du Dich gerne bei mir melden!

Hypies sind eben doch ganz besondere Menschen, mit einer ungewöhnlichen Ausstrahlung und Stärke!

Eine schöne Woche und liebe Grüße sendet Dir

Anja

von Anja33 - am 21.01.2002 09:13
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