Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
1
Erster Beitrag:
vor 15 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
Pia

manches verliert nie an aktualität ...

Startbeitrag von Pia am 14.04.2002 17:16

vielleicht interessiert sich ja der ein oder andere für folgende rezension ... (hervorhebungen von mir)

[forum.myphorum.de]

Autor: Huber
Datum: 20.01.2002 17:33

Eine „kurze“ Anmerkung zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTSD) und ADHD – ein Abschnitt aus der Rezension eines Buchartikels, die ich einmal schrieb. Ich veröffentliche dies hier nur, weil es a) eine ähnliche (kurze) Diskussion vor Monaten bereits bei hyperaktiv.de gab und b) der Pseudozusammenhang von PTSD und ADHD v.a. von Psychoanalytikern vertreten wird (öffentlich zuletzt auf besonders peinliche Art von Frau B. während des SPD-Kinderausschuss-Hearings zum Thema ADHD im Bayerischen Landtag letztes Jahr) – mit der Absicht, Hyperaktivität überhaupt zum Ausfluss traumatischer Erfahrungen zu machen.

Der rezensierte Artikel ist von Manfred Gerspach, „Hyperaktivität aus der Sicht der psychoanalytischen Pädagogik“, erschienen in: Michael Passolt (Hrsg.) Hyperaktivität zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und Systemtheorie. München: Ernst Reinhardt Verlag 2001.

Der Rezensionsauszug:

Manfred Gerspachs Artikel macht beim ersten Lesen sprachlos. Dies in zweifacher Hinsicht: Zum einen aufgrund des psychoanalytischen Vokabulars, das einen heute bereits in psychologischen Fachzeitschriften fremd und – in der Besetzung der Worte durch ein anderes Alltagsverständnis – nicht selten auch befremdlich anmutet; zum anderen, weil Gerspach diese steife, formelhafte Sprache auf einen Gegenstand anwendet, den er zurecht auch unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten betrachtet, nämlich Hyperaktivität als kindliches Regulationsproblem.

Kurz gesagt ist die Logik des Autors folgende: Motorische Unruhe resultiere aus existenziellen Ängsten, die einer subjektiv empfundenen Bedrohung des Lebens entspringen. Die Unruhe sei dabei ein Symptom unspezifischer Wachsamkeit, um den (vermeintlich?) drohenden Gefahren jederzeit begegnen zu können. Existenzangst sei wiederum eine Folge unzureichender Bindung an die Umwelt; bereits den Regungen des Säuglings antworte die Mutter nicht angemessen, weshalb das Kind weder zu ihr noch später zur weiteren Umwelt eine stabile Beziehung aufbaue. Auch rollenspezifisches Verhalten betroffener Kinder werde in diesem Sinne sozialisiert: Beim »Aufkommen einer drohenden Gefahr verhält sich der Mensch entweder extrem passiv oder extrem aktiv« – und da mit männlichen Neugeborenen bereits anders »herumgetollt« werde als mit weiblichen, entwickelten die Geschlechter unterschiedliche Störungsbilder. Hyperaktivität entstehe darüber hinaus unmittelbar in einer »Projektion elterlicher Phantasien« auf das Kind, so wenn beispielsweise die Mutter des hyperaktiven Sohnes diesen retrospektiv als »ewig hungrigen« Säugling beschreibe und darin eigentlich fürchte, »ihn emotional nicht satt zu bekommen«. Diese »Projektion« begreift Gerspach im weiteren Verlauf des Artikels noch umfassender als die Angst letztlich aller Erwachsenen, im Umgang mit dem hyperaktiven Kind die eigene Unzulänglichkeit in der Welt zu spüren. Zitat: »Nun ist es evident, warum wir die Gefühle von totaler Beunruhigung oder grenzenloser Wut, die hyperaktive Kinder in uns auslösen, nicht aushalten und damit eine sensible Einfühlung unmöglich gemacht wird: In uns selbst glimmt eine Ahnung von der früheren Gefahr vor Vernichtung auf.«

Zusammenfassend sind Gerspachs Ausführungen die langatmige Begründung dessen, was er eingangs des Artikels nach Perry et al. zitiert: Das Problem der hyperaktiven Kinder liege allein darin, dass »sich irgendwelche Erwachsene durch deren Symptome (die praktisch immer durch andere Erwachsene hervorgerufen wurden) gestört fühlen«.

[...]

Stellen wir der Frage, ob die angeführten Zustände und Verbindungen so gültig sind, eine kurze Betrachtung über das Zitat voran, mit dem Gerspach – nach allgemeinen Erläuterung zum Gesellschaftsphänomen Hyperaktivität – seine Ausführungen einleitet.

»Vielfach wird man auf die hyperaktiven Kinder nur aufmerksam, [Zitat Perry et al.] „weil sich irgendwelche Erwachsene durch deren Symptome (die praktisch immer durch andere Erwachsene hervorgerufen wurden) gestört fühlen. Auf ein gefügiges, dissoziatives, niedergeschlagenes kleines Mädchen werden psychologische Beratungsstellen im allgemeinen nicht aufmerksam gemacht, auf den aggressiven, verbal ausfälligen und verhaltensimpulsiven, übererregten Bruder“ [Ende Zitat Perry et al.] aber durchaus, obwohl beide demselben Problemhintergrund entstammen.«

Gerspach (S.51) zitiert Perry et al. nach der deutschen Übersetzung (erschienen 1998 in der Zeitschrift »Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie«). Der amerikanische Originalartikel über »Childhood Trauma, the Neurobiology of Adaptation and Use-dependent Development of the Brain: How States become Traits« stammt aus dem Jahr 1995. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Passage von Gerspach aus dem Zusammenhang des Artikels herausgelöst wurde, muss eine korrekte Übersetzung folgendermaßen lauten:

Kinder werden im psychologisch-psychiatrischen Gesundheitssystem vorgestellt, da einige Erwachsene in ihrer Umwelt durch Symptome beunruhigt sind (die meist von anderen Erwachsenen hervorgerufen wurden). Ein gefügiges, dissoziierendes, depressives Mädchen wird diesem Teil des Gesundheitssystems normalerweise nicht vorgestellt, wohl aber ihr streitsüchtiger, verbal aggressiver und sich impulsiv gebärdender physiologisch übererregter Bruder (der aus dem gleichen Misshandlungsumfeld kommt). [Und der letzte Satz des Original-Absatzes, den Gerspach nicht zitiert:] Der potentielle Totschlag stellt eine Bedrohung dar, die potentielle Selbsttötung eine Unannehmlichkeit.

Worum geht es da eigentlich? Perry und seine Mitarbeiter haben einen Artikel über Traumatisierung bei Kindern geschrieben – Traumatisierung im Sinne der Posttraumatischen Belastungsstörung. Die ist nach ICD-10 u.a. durch folgende Voraussetzung gekennzeichnet: »Die Betroffenen sind einem kurz- oder langhaltenden Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.« 70% der von Perry und Kollegen untersuchten Kinder erfüllten diese Voraussetzung, denn sie waren oft bereits als Kleinkinder in ihren Familien misshandelt und/oder missbraucht worden. 65% der Mädchen erfüllten (z.T. zusätzlich) die Diagnosekriterien einer Dissoziativen Störung. Darunter versteht man den teilweisen oder vollständigen Verlust der Kontrolle über geistige oder körperliche Funktionen, ohne dass dafür eine organische Ursache erkennbar ist. So meint die Aussage »ein gefügiges, dissoziierendes, depressives Mädchen« (s.o.), dass ein misshandeltes Kind beispielsweise die Erinnerung an grausame Erlebnisse oder die negativen Charakterzüge des missbrauchenden Vaters verdrängt, weil es anders mit Angst und Einsamkeit nicht umzugehen weiß. Manche dieser Kinder zeigen auch Lähmungserscheinungen, als ob psychischer Druck und eine angespannte Verzweiflung sich in einem Körperteil festsetzen würden, um dort abreagiert zu werden. Nicht alle dissoziierenden, d.h. Teile ihrer selbst abspaltenden Kinder ziehen sich zurück, zeigen ihren Schmerz und ihre Traurigkeit. Viele bemühen sich – gerade auch durch die Verdrängung und Abspaltung – sich nichts anmerken zu lassen. Und wenn statistisch auch mehr Mädchen zu dissoziativen Reaktionen neigen: Die Störung gibt es natürlich auch bei Jungen und Erwachsenen beiderlei Geschlechts.

Was Perry und Kollegen mit ihrer Untersuchung zeigen, ist Folgendes: Misshandelte und missbrauchte Kinder kann man meist nicht einfach an äußerlichen Merkmalen erkennen – und oft sucht solche Anzeichen ja auch niemand, weil man nicht glaubt oder glauben möchte, dass Erwachsene einem Kind so etwas antun können. Misshandlung und Missbrauch sind aber schreckliche Erlebnisse für Kinder, weil sie, je kleiner sie sind, desto geringere Chancen haben, der Gewalt zu entkommen. Schreckliche Erlebnisse hinterlassen Spuren: in der Seele, im Verhalten und wahrscheinlich auch im Gehirn selbst, das frühzeitig lernt, mit Angst und Schmerz umzugehen. Wenn Mädchen in unserer Gesellschaft lernen, eher still und angepasst zu sein, Jungen hingegen, sich zu wehren und aggressiv durchzusetzen – dann neigt ein missbrauchtes Mädchen verstärkt zu Runterschlucken, Schweigen und Erdulden, ein misshandelter Junge aber zum Ausleben von Angst und Wut. Zuhause können sie das nicht, denn da sind Angst und Gewalt zu nah und zu stark. Also sieht die Lehrerin in der Klasse jetzt ein schüchternes Mädchen, das sein Leid nicht zeigen mag, und einen unruhigen Jungen, der sein Leid nicht zeigen darf. Im Kopf des Jungen sind all diese Bilder von zuhause: der betrunkene Vater; die weinende Mutter; die Schwester, die er beschützen möchte; und wenn er heute nach der Schule heimgeht – was erwartet ihn da an Drohungen, Arbeiten, Gebrüll und Schlägen? Da ist es nicht verwunderlich, dass der Junge sich nur schwer auf den Unterricht konzentrieren kann, dass er nicht auch noch in der Auseinandersetzung mit Kameraden das Opfer und der Verlierer sein möchte. Diese Beispiele sind natürlich ein bisschen grob und klischeehaft. Aber sie beschreiben, wie aus Gewalt zunächst Furcht vor Wiederholung und dann Angst vor einer dauernden Bedrohung erwächst. Und dass Kinder, welche ja die Gewalt in ihrer Familie nicht bekämpfen können, ihre Angst bekämpfen: durch Ablenkung, Vergessen, Rückzug – oder auch durch Ablenkung, Gewaltphantasien und Aggression.

Warum schreibe ich das alles? Hyperaktivität, d.h. extreme Unruhe, ist ein Symptom, das durch eine Vielzahl von Ursachen hervorgerufen werden kann. Dazu zählen eine Reihe organischer Erkrankungen, u.a. Störungen der Schilddrüsenfunktion. Dazu zählen auch bestimmte Allergien, bei denen der Betroffene durch Bewegungen (Kratzen, Rutschen, Positionswechsel, etc.) Linderung erhofft. Dazu zählen Nebenwirkungen (nicht allergische Unverträglichkeiten!) von Medikamenten oder Vergiftungen mit bestimmten Substanzen (z.B. Blei). Dazu zählen bestimmte situative Bedingungen, die natürliche Bewegungsbedürfnisse über Gebühr einschränken (z.B. langes Sitzen in der Schule, bei Reisen, in Wartezimmern, etc.), v.a. zu Zeiten, in denen Bewegung zum natürlichen Reife- und Entwicklungsprogramm des Menschen gehört, d.h. im Kindesalter. Dazu zählen verschiedene psychische Zustände und ihre Übermacht in Störungen wie beispielsweise Angst und zwanghaftes Verhalten. Dazu zählen psychisch-neurologische Erkrankungen (z.B. Bewegungsstereotypien bei Autismus und geistiger Behinderung) oder genetisch bedingte Verhaltensstörungen im Fall von Chromosomendefekten (z.B. Cri-du-Chat-Syndrom). Hyperaktivität als Symptom kann auch eine Erziehungsfolge sein. Ein Kind muss sozial angemessenes Verhalten lernen, denn es weiß ja zum Zeitpunkt seiner Geburt nicht, wie die Gesellschaft funktioniert, in der es nun künftig leben wird. Selbstbeherrschung und Selbststeuerung müssen erlernt werden; selbst das Gehirn, das die biologischen Voraussetzungen dafür mitbringt, muss erst lernen, welche Gedanken, Gefühle und Handlungen in einer bestimmten Situation angemessen und hilfreich sind. Hierin liegt auch eine im Alltag weiche, aber wichtige Grenze zwischen Hyperaktivität und unsozialem Verhalten begründet: die Grenze zwischen Unruhe und Unfrieden, zwischen übermäßigem Antrieb und gezielter Provokation, zwischen Wut und Gewalt! Denn was Perry und seine Mitarbeiter sagen, ist, dass sie vermeintlich hyperkinetische Kinder vorgestellt bekamen, doch viele hatten sich mit ihrem Verhalten nur in unseliger Weise an ihre kranke Umwelt angepasst. Zu behaupten, das Trauma von Misshandlung und Missbrauch sei die Regel in Familien aufmerksamkeitsgestörter, hyperaktiver Kinder ist eine unerlaubte Verkehrung der Argumente und ihrer Logik. Es ist aber auch eine Dummheit. Und eine Unverschämtheit!

Huber

Antworten:

Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.