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ADHS ADS Selbsthilfe
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Dagmar D., Jeanny73, Petra F., Marisa

Jetzt im Fernsehen: Algengifte

Startbeitrag von Dagmar D. am 19.11.2003 20:42

Hallo,

mein Mann hat gerade gesehen, dass um 21:45 Uhr in der ARD im Rahmen der Sendung "W wie Wissen" über leberschädigende Gifte in Algen berichtet wird.

Ich denke, das sollte man aufnehmen, wenn man so schnell eine Videokassette in der Hand hat.

Titel:
Algenpäparate - Lebenskraft oder schleichendes Gift?


Antworten:

Re: Nachtrag: Jetzt im Fernsehen: Algengifte

Hier kommt der Sendebegleittext:



Sendung vom 19.11.2003

Verschwundene Fische

1991 schlugen die Berufsfischer am bayerischen Ammersee Alarm: die Renke, ein in Europas Seen weitverbreiteter Fisch, war urplötzlich aus ihren Netzen verschwunden. Konnten die Fischer 1990 noch 103 Tonnen des schmackhaften Speisefisches aus dem See holen, waren es 1991 gerade einmal 3 Tonnen. Eine Erklärung für den dramatischen Einbruch der Renkenbestände um über 97% hatte niemand. Zudem waren - und sind - ausschließlich die Ammerseefischer vom Ausbleiben der Renke betroffen. Direkt nebenan, am Starnberger See und auch an den anderen Seen im Alpenvorland sind die Bestände stabil, die Renken wachsen wie immer, eine Gefährdung des Fisches scheint dort ausgeschlossen.


Das Renkenphänomen vom Ammersee

Was also war anders an Bayerns drittgrößtem See, wo die lokale und überregionale Presse bereits über das "Renkenphänomen vom Ammersee" berichtete? Vermutet wurde, dass die Fische zuwenig Nahrung im See finden würden, oder, dass der See nach dem Bau einer Ringkanalisation "zu sauber" sei für die Renke. Fischer und Beamte des Wasserwirtschaftsamtes machten sich gegenseitig verantwortlich für das "Phänomen".

Schließlich wurden erste wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Deren Ergebnisse brachten keine Antwort. Im Gegenteil, das Geschehen wurde nur noch rätselhafter. Schnell stellte sich heraus, dass das Plankton, die Hauptnahrung der Fische, ausreichend vorhanden war, dass die Renken es jedoch nicht mehr fraßen und deshalb nicht mehr wuchsen.

Mit dem Echolot wurden die noch vorhandenen Fischbestände aufgespürt - in einer Tiefe, die absolut untypisch für die Renke ist. Der normale Lebensraum des Fisches liegt in etwa 10 Metern Tiefe. Hier finden sie ihre Nahrung, die Wassertemperatur steigt auch bei heißen Sommern nicht zu sehr an. Am Ammersee waren die Fische weit unter die magische Grenze abgetaucht, dorthin, wo für sie kaum Nahrung zu finden ist und der Sauerstoffgehalt im Wasser zudem gering ist. Die Forscher waren sich sicher, dass das merkwürdige Verhalten der Renken zum Zusammenbruch der Population geführt hatte - warum aber die Fische sich von ihren angestammten Futterplätzen entfernt hatten, konnten sie nicht erklären.


Ist die Burgunderblutalge an allem schuld?

Bernhard Ernst beschäftigt sich schon von Berufs wegen mit dem "Renkenphänomen" - und das in zweierlei Hinsicht. Er ist selbst Berufsfischer am Ammersee und als solcher vom Ausfall in den Netzen betroffen. Den Sohn aus einer alteingesessenen Fischerfamilie treibt das Rätsel um die verschwundenen Renken auch in seinem zweiten Beruf als Biologe an. Nach der Theorie von Bernhard Ernst und seinen Kollegen an der Universität Konstanz sind Cyanobakterien mit ihren Giften verantwortlich für das merkwürdige Verhalten der Renken am Ammersee.

Bei seinen Probenentnahmen im See stellte B. Ernst eine weite Verbreitung von Cyanobakterien der Gattung Oszillatoria, Unterart Planktothrix fest. Das im Volksmund auch Burgunderblutalge genannte Bakterium produziert das Lebergift Microcystin und kann sich dank seines Zellaufbaus in einer Tiefe von etwa 7 bis 15 Metern einschichten, wie Prof. Dr. Daniel Dietrich erklärt. Genau dort also, wo üblicherweise die Renken stehen. Und dort - so folgert die Theorie - vertreibt das Cyanobakterium die Fische, die vor der giftigen Blaualge in größere Tiefen fliehen.


Noch sei das alles reine Theorie, gibt auch B. Ernst zu bedenken. Weitere Untersuchungen über die Wirkung von Plankthotrix auf die Fische stehen noch aus. Immerhin deuten viele Hinweise auf die Cyanobakterien als Hauptverantwortliche für das "Renkenphänomen". Und auch für die explosionsartige Vermehrung der Urbakterien am Ammersee zu Beginn der 90er Jahre haben die Wissenschaftler eine Erklärung. Als mit dem Bau der Ringkanalisation in den 80er Jahren der See immer sauberer wurde und die Nährstoffbelastung zurückging, nahm das Algenwachstum im See rapide ab. Immer weniger Grünalgen an der Wasseroberfläche ließen jetzt das Sonnenlicht in größere Tiefen vordringen - so war eine ideale ökologische Nische für die Cyanobakterien vom Typ Plankthotrix geschaffen, die sich jetzt genau dort ansiedelte, wo bisher die Renken gehaust hatten.

Im kommenden Jahr 2004 hofft Bernhard Ernst seine Doktorarbeit, die von der Hamburger Arthur und Aenne Feindt Stiftung unterstützt wird, abschließen zu können. Weitere Informationen zur Arbeit von Bernhard Ernst unter www.feindt-stiftung.de

Cyanobakterien

Cyanobakterien zählen zu den ältesten Lebewesen auf der Erde. Sie existierten bereits vor 2,5 bis 3,5 Milliarden Jahren, so vermuten Wissenschaftler heute. Die Cyanobakterien waren mit ihrer Photosyntheseleistung maßgeblich am Entstehen der sauerstoffhaltigen Atmosphäre verantwortlich, die eine weitere Entwicklung von Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht hat.

Cyanobakterien - Blaugrünalgen oder Blaualgen, wie sie auch genannt werden - haben sich im Laufe der Zeit einen weiten Lebensraum erobert: in der Ostsee hatte sich auch im vergangenen Sommer ein riesiger Teppich an Blaualgen gebildet, und auf fränkischen Seen hielt die Cyanoblüte Badegäste von einem Sprung ins kühle Nass ab. Denn die auch in so desolaten Umgebungen wie Arktis und Antarktis vorkommenden Blaubakterien haben eine unangenehme - und manchmal tödliche - Eigenschaft: sie bilden verschiedene hochwirksame Gifte, Lebertoxine etwa und Nervengifte.

So kann das Cyanobakterium Aphanizomenon flos aquae sogenannte Anatoxine und Saxitoxine produzieren, die eine ähnliche Wirkung haben wie die Kampfstoffe Tabun und Sarin. Sie lähmen das Nervensystem von Mensch und Tier. Andere Cyanogifte wie Microcystine oder Nodularin entfalten ihre Wirkung fast ausschließlich in den Leberzellen, indem sie dort die Proteinphosphatase unterbinden. Die Wissenschaftler vermuten, dass Microcystine sich mittels eines speziellen Transportersystems in die Leberzellen schleusen. Akute Vergiftungen können in wenigen Stunden zu einem hämorrhagischen Schock führen, weil sich die Leberzellen einfach auflösen. Vergleichbar ist die Wirkung mit der des Giftes vom Knollenblätterpilz.

Bevor eine letale, also tödliche Wirkung eintritt, muss allerdings eine große Menge der Toxine aufgenommen werden. Zumeist sind es deshalb Tiere, die durch Cyanotoxine verenden. Bereits 1878 veröffentlichte der australische Wissenschaftler George Francis einen ersten Artikel über akute Vergiftungen von Schafen, Rindern, Schweinen und Hunden durch Blaualgen. In der Wissenschaft sind aber auch chronische Wirkungen der Gifte bei einer geringen und dauerhaften Belastung bekannt. So wurde in China ein Zusammenhang zwischen dem Microcystin-Gehalt im Trinkwasser und dem erhöhten Auftreten von primärem Leberkrebs beobachtet.

Warum die Cyanobakterien die äußerst wirksamen und gefährlichen Gifte bilden, ist bisher unbekannt. Die Wissenschaftler vermuten, dass es sich um eine Biowaffe zum Schutz vor Fressfeinden handeln könnte - sicher ist das allerdings nicht. Sicher sind sich die Forscher dagegen, dass die Cyanobakterien einen triftigen Grund für die Produktion der Gifte haben müssen, denn dafür verbrauchen die Urlebewesen eine große Menge an Energie.

Untersuchung der Algenpräparate

Im Auftrag des Schweizer Bundesgesundheitsamtes (BGA) haben die Umwelttoxikologen der Universität Konstanz sogenannte Algenpräparate auf ihren möglichen Gehalt an dem Lebergift Microcystin LR hin untersucht. Die untersuchten Algenpräparate wurden alle aus dem Cyanobakterium Aphanizomenon flos aquae gewonnen. Die auch in Deutschland erhältlichen Präparate stammen aus dem Klamath Lake in Oregon, USA und werden hierzulande als Nahrungsergänzungsmittel in Drogerien, Apotheken oder übers Internet angeboten. Anders als bei Medikamenten müssen bei den sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln keine klinischen Studien über Verträglichkeit, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen der enthaltenen Stoffe erbracht werden. Das - so fordern Kritiker - wäre mindestens bei den Algenpräparaten ebenfalls sinnvoll, denn: die Blaualge Aphanizomenon flos aquae kann selbst Gifte produzieren; sie kann aber auch mit den Toxinen anderer Cyanobakterien kontaminiert sein, da sie im offenen See nicht "rein" vorkommt bzw. gezüchtet werden kann. Tatsächlich konnten die Konstanzer Forscher in allen untersuchten Präparaten das Lebergift Microcystin LR nachweisen, wenn auch zumeist in verschwindend geringen Mengen.





Kleines Fisch-Lexikon

Große Schwebrenke, Große Maräne, Ostseeschnäpel, Blaufelchen Coregonus lavaretus L. Madüsee-Maräne Powan (engl.), Lavaret du Bourget / Corégone Lavaret (frz.), Grote Marene (holl.)
Zwergmaräne, Mairenke, Zollfisch
Coregonus albula L. White Fish (engl.), Vendace (engl.), Petite Marene / Corégone blanc (frz.)
Schnäpel, Kleine Schwebrenke, Gangfisch, Edelmaräne, Wandermaräne Coregonus oxyrhynchus L. Houting (engl.), Féra / Bondelle / Outil / Corégone (frz.), Houting (holl.)



Link

Homepage der Feindt-Stiftung
www.feindt-stiftung.de

Quelle: [www.daserste.de]



von Dagmar D. - am 19.11.2003 20:51
Liebe Dagmar,

vielen Dank (auch an deinen Mann), ich habs wegen deines Postings gerade noch sehen können. War mal zur Abwechslung ein richtig guter Fernsehbeitrag!

Der bedauernswerte Toxikologe, der so freundlich war, im Fernsehen die Wahrheit über Blaualgentoxine zu sagen, dürfte jetzt vermutlich einer Klage wegen Geschäftsschädigung entgegensehen...

Petra

von Petra F. - am 19.11.2003 21:15
Hallo Dagmar,

die Sendung lief gerade als ich deinen Link las, der mich dann natürlich dazu anregte, genauer zuzuhören. War eine recht gute Darstellung!!

Lieben Gruß
Marisa

von Marisa - am 20.11.2003 11:21
Hoffentlich war NENA auch zu Hause und hat das gesehen!!!!

LG
Janett

von Jeanny73 - am 20.11.2003 11:37
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