Frage an die Mediziner - Methylphenidat und Stresshormone

Startbeitrag von ClaudiaW am 01.12.2003 09:18

Hallo,

ich habe mal eine medizinische Frage. Gibt es Studien darüber, wie Methylphenidat unter Stress abgebaut wird, speziell, ob sich Stresshormone in der Regel positiv oder negativ auf die Medikation auswirken? Ich habe im Netz darüber nichts finden können. Ich habe aber bei unserem Junior so ein paar Beobachtungen gemacht, die darauf hindeuten könnten, dass Methylphenidat unter Stress schneller abgebaut wird, bzw. u. U. gar nicht wirkt.

Ich würde aber gern mal eine ärztliche Meinung dazu hören.

Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen?

Vielen Dank und liebe Grüße

Claudia

Antworten:

Ich bin zwar nicht Medizinerin, mache aber zur Zeit die gleiche Erfahrung. Ich habe einen Riesenstress im Moment, bin sehr angespannt, ein wichtiger Termin steht bevor, ich bin aufgeregt usw. Und ich habe tatsächlich das Gefühl, ich sei "wie früher". Unglaublich zappelig, nervös, auch die Gedanken sind ständig am Kreisen...

Allerdings vertrage ich mit dem Ritalin diesen ganzen Stress körperlich viel besser als früher. Und vielleicht wäre es ohne noch viel schlimmer...

Ausserdem sollen die Medikamente aus uns ja auch keine Roboter oder Perfekt-Fuktionier-Maschinen machen....

LG, Karin

von Karenina - am 01.12.2003 10:13
Hallo Claudia,

stehe ich unter Stress, wirken auch einige andere Medikamente nicht wirklich gut bei mir. Ich stelle mir das dann immer so vor, als ob meine Muskeln wegen des Stress` angespannt sind und dann die Wirkung des Medikaments nicht wirklich aufnehmen kann. Klar, ist nur eine Laien-Vorstellung, aber ich empfinde meine Erfahrungen so. Was sagen die Mediziner dazu?

Marisa

von Marisa - am 01.12.2003 13:02
Hallo Marisa und Karenina,

also die Mathearbeit ist voll daneben gegangen. Er hatte rasende Kopfschmerzen, war völlig blockiert und bekam die Füsse nicht mehr auf den Boden. Dann liest er auch die Fragen nicht richtig, weiß nicht mehr, was er machen soll, und das Thema ist gelaufen :-(.

So war es bei der letzten Mathearbeit auch. In der Arbeit völliges Blackout. Ergebnis 5. Die Berichtigung wurde ein paar Tage später von ihm ganz alleine in einem Rutsch runtergeschrieben und es war alles richtig. Ich musste nicht dabeisitzen, nichts erklären, es ging alles von alleine.

Wir haben die ganze letzte Woche geübt. Er hat alle Aufgaben zum Thema aus dem Mathebuch gerechnet. Er hat das alles gekonnt, da bin ich mir ganz sicher. Die Berichtigung wird genauso laufen, wie die bei der ersten Arbeit.

Wenn er unter Stress steht und Medis genommen hat, bekommt er diese rasenden Kopfschmerzen. Zu "normalen" Zeiten nicht, dann geht es ihm richtig gut. Aber dieser Stress ist hausgemacht, er kommt nicht von uns. Seine Schwester sagte so schön: Das Gespenst sitzt in deinem Kopf. Das kommt nicht von außen. Aber was nützt das?

Was soll ich nur tun. Ich fühle mich da völlig hilflos, zumal das ja auch ziemlich blöd klingt, wenn jemand eine Arbeit nach der anderen versemmelt und die Mutter sagt: Der kann das aber!

Bitte bitte einen guten Tipp.

Liebe Grüße

Claudia

von ClaudiaW - am 01.12.2003 14:17
Hallo Claudia ! Ich habe auch deine Frage im ADD-Online Forum gesehen, antworte mal hier :-)

Also... Eine direkte Studie zum Thema ist mir nicht bekannt. Ich "glaube" auch nicht, dass nun Methylphenidat bei Stress anders abgebaut wird oder anders verstoffwechselt wird.

Was wir aber alle wissen ist doch, dass ADHS nicht nur eine biologische Veranlagung oder "Abweichung" (von einer Norm) ist, sondern eben auch ganz erheblich von Stressfaktoren abhängig ist. Das kann man sich vereinfacht wie ein Fass vorstellen, was irgendwann überläuft. Oder eine Schwelle, die irgendwann erreicht ist und dann knallst...

Ein ADHSler in geordneten Bahnen und ohne Stress (gibt es das überhaupt?) würde nun noch relativ viel an sog. Stressoren, d.h. Belastungen, Veränderungen etc. ausgleichen und wegstecken können. ADHSler reagieren aber heftiger und ungebremster auf Stress, d.h. bei Ihnen ist viel schneller mal ein "HB-Männchen-Effekt" erreicht. Und sie brauchen länger, bis sie wieder relaxt sind. Das bedeutet aber auch, dass sie häufig schon im Ruhezustand ein weit erhöhtes Stressniveau haben. Dann reichen Kleinigkeiten, um sie aus der Fassung zu bringen.

Methylphenidat kann nun "entschärfend" wirken, d.h. es kann die Selbstregulationsfähigkeiten und auch in gewissen Massen die Impulsivität und das überschiessende Verhalten ein wenig "bremsen" oder besser kontrollieren. Aber halt nur, wenn nicht schon insgesamt der Pegel an der Oberkante angekommen ist. Dann hilft es nach meiner Erfahrung vergleichsweise wenig. Es kann sogar der gegenteilige Effekt eintreten. Man sollte ja nicht vergessen, dass Stress auch "aktivierend" auf das Gehirn wirkt, also quasi eine Art "natürlicher" Stimulans darstellt. Ist das Gehirn schon auf 180 gereizt und kommt dann noch ein medikamentöses Stimulans dazu, kann es zu jeglichen unerwünschten Effekten kommen. Meistens wirken die Kids oder Erwachsenen dann überspannt, reagieren merkwürdig oder überdreht. Das Methylphenidat ist dann eben nicht mehr "bremsend" sondern eher eben aufpuschend.

Stark vereinfachend ist es wohl häufig so, dass man mit Methylphenidat zwar weniger Stress hat bzw. Stress besser bewältigen kann. Verhindern kann dies Medikament Stress aber nicht. Eigentlich reagieren dann aber ADHSler und nicht-ADHSler gleich. Unter massiven Stress tritt eben eine urzeitlich begründete Aktivierungs- und Stressreaktion auf, die letztlich nicht mehr "vernünftig" ist....

von Martin Winkler - am 01.12.2003 18:56
Hallo Martin,

vielen Dank für Deine Antwort. Die Erklärung ist auch völlig einleuchtend. Jetzt ergibt sich für mich die Frage nach dem "Was-tun?"

Wie schon auch gesagt, herrscht bei uns eine gewisse Therapiemüdigkeit. Was aber kann ich gegen diesen hausgemachten Stress tun? Yoga? Autogenes Training? Das Problem ist, dass er sich selbst so unter Druck setzt und sich dann sprichwörtlich an sich selber hochzieht.

Helfen solche Trainings in diesen Situationen? Was tun AD-ler bei Prüfungsangst. Er muss das doch irgendwie bekämpfen, denn es wird noch viele Prüfungen geben.

Ratlose Grüße

Claudia

von ClaudiaW - am 01.12.2003 19:12
Ich habe da auch keine pauschale Antwort drauf, obwohl ich sogar Vorträge speziell zu diesem Themengebiet halte...

Grundsätzlich sehe ich es so, dass :
1. Jede Stress-Situation eine ÜBUNGSsituation ist, d.h. man sammelt auch Erfahrungen und kann schauen welche Strategien gut oder weniger gut geeignet sind
2. Man sich mehr GUTES tun sollte. D.h. weniger gegen ADHS oder Stress kämpfen und mehr für sich selbst tun. Damit anfangen, sich 5 oder 10 min täglich zu gönnen. Druck rausnehmen. Dann auch die Erwartungshaltung in Hinblick ADHS beim Kind relativieren. Es muss nicht zwingend alles unternommen werden, damit sich was bessert. Glücklicherweise bessert sich Vieles spontan oder es gibt auch mal so bessere Zeiten...
3. Stressimpfungstrainings oder Kurse für Prüfungsangst sind sehr zu empfehlen. Aber eben nur, wenn gerade kein Stress oder keine Prüfung ist...
4. Ich rate dazu, keine Tips von Fachleuten für wahre Münze zu nehmen ;-)

Zur eigenen Stressbewältigung höre ich mal auf... Morgen soll ich in meiner Heimatstadt Lüneburg einen Vortrag zu ADHS bei Erwachsenen halten... Dann am Sonntag in Genf mal nicht zu ADHS (sondern mein Arbeitsgebiet www.web4health.info). Also, heisst es jetzt Pause machen und ....ABSCHALTEN

von Martin Winkler - am 01.12.2003 19:21
Hallo Martin,

Martin Winkler schrieb:

Zitat

(....) Zur eigenen Stressbewältigung höre ich mal auf... Morgen soll ich in meiner Heimatstadt Lüneburg einen Vortrag zu ADHS bei Erwachsenen halten... Dann am Sonntag in Genf ( ... ) Also, heisst es jetzt Pause machen und ....ABSCHALTEN


Formulierung in Anlehnung an Peter Lustig?

Hat mir immer schon gut als Schluß-Aktion seiner Sendungen gefallen ( hi hi hi ..)

Marisa

von Marisa - am 01.12.2003 20:22
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