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ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
8
Erster Beitrag:
vor 13 Jahren, 9 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 13 Jahren, 9 Monaten
Beteiligte Autoren:
Baba Mama, Britta F., Marisa, ErichW, Angelika (TanteGela), ClaudiaW

Schuldgefühle – ADS an sein Kind vererbt zu haben?

Startbeitrag von Baba Mama am 14.11.2004 13:59

Hallo,

zunächst habe ich mich ja vehement gegen den Gedanken, ich selbst könnte auch ADS haben, gewehrt. Anhand der im Internet verfügbaren Fragebögen für Erwachsene war dies auch wirklich nicht erkennbar.

Bei dem Beitrag „Julia will Bad putzen“ kam dann die endgültige Erleuchtung: ich musste schmunzeln, denn das kannte ich doch: Mal eben die Spülmaschine ausräumen, ach herrje, der Besteckkasten müsste auch mal wieder ausgewaschen werden ...

Ehrlich gesagt, fand ich das nie in irgendeiner Form negativ, im Gegenteil, auf diese Weise wurden doch auch Dinge mal so eben nebenher erledigt, an die man sonst nicht ganz bewusst herangegangen wäre. Und ich dachte immer, ich wäre gut organisiert (hi hi hi) – und das will ich auch weiterglauben!

Ich habe meinen Haushalt trotz dieser „Fehlsteuerung“ immer ganz gut „in Schuss“, erst letzte Woche hat mein Sohn einer anderen Mutter gesagt, wie unordentlich es doch dort zu Hause aussehen würde. Gott sei Dank konnte diese Mutter über den Spruch meines Sohnes lachen!

Ein Problem habe ich eigentlich nur dann, wenn ich mal keine Lust hatte, etwas zu tun, und die Arbeit liegen geblieben ist. Der Anblick von „Bergen von Arbeit“ sind für mich der Horror, weil dann setze ich mich selbst unter Druck, weil ich diesen Anblick schlecht ertragen kann. Gott sei Dank habe ich mich soweit im Griff, dass es nur noch äußerst selten vorkommt.

Und im Büro scheint sich diese Arbeitsweise auch nicht negativ auszuwirken: Da ich für die allgemeine Administration verantwortlich bin, kommen tagtäglich neue Dinge auf meinen Tisch, die ich je nach Dringlichkeit dann erledige. Dann fällt es nicht auf, wenn unwichtigere Dinge liegen bleiben, die ich nicht so gerne mache. Und wenn ich mir die Schreibtische meiner „normalen“ Kollegen anschaue, dann bleiben dort auch genau die Dinge liegen, die sie nicht gerne erledigen.

Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, kann ich mich nicht an irgendwelche Probleme erinnern. Wenn ich wollte, konnte ich sogar ehrgeizig sein, wenngleich auch manchmal aus sehr seltsamen Beweggründen: Als ich damals meine Ausbildung zur Bürokauffrau machte, wollte ich unbedingt einmal mit Foto in der Zeitung stehen. Also büffelte ich für einen Abschluss mit einer „1“. Und ich habe es geschafft, ich kam in die Zeitung! Das ist jetzt 30 Jahre her.

Mein Beruf war immer ein gewisser Halt, hier habe ich die Anerkennung gefunden, die mir von Seiten der Menschen, insbesondere meiner Eltern, nie entgegengebracht wurde.

Meine Kindheit ist der wundeste Punkt in meinem Leben. Liebe und Geborgenheit sind Dinge, die ich nie erfahren konnte. Meine Mutter hat mich, als ich 8 Jahre wurde, in die Obhut meiner Oma (ein besonders kalter Mensch) gegeben, weil sie meinen Stiefvater geheiratet hat und der mich nicht haben wollte. Später dann hat man mich in die „Familie“ zurückgeholt, aber das war der blanke Horror. Es existieren Tagebücher aus dieser Zeit, sie liegen irgendwo im Keller. Ich habe sie vor 15 Jahren mal gelesen, ich habe geweint, einfach nur geweint – denn als Kind verdrängt man die Wirklichkeit, man besitzt die Fähigkeit, in eine eigene Traumwelt abzutauchen, fernab der Realität. Aber all das und vieles mehr habe ich überlebt. Mein Kindheit ist Vergangenheit, was zählt, ist das Heute.

Ich bin jetzt 48 Jahre jung und habe einen Weg gefunden, meinen Weg, mit ADS zu leben. Und ich komme doch ganz gut klar, auch habe ich im Laufe der Jahre immer mehr innere Gelassenheit entwickeln können. Ja, ich kann eigentlich nur sagen, dass es mir persönlich ganz gut geht – diesen Zustand habe ich aber auch erst im Laufe der letzten 10 Jahre erreicht. Deswegen bin ich der Meinung, ich brauche keine Diagnose vom Psychiater und komme auch ohne Medis zurecht. Auch möchte ich nicht, dass jemand vielleicht meine Kindheit aufwühlt und Wunden erneut aufreißt, für mich zählt das alles längst zur Vergangenheit.

Das einzige, was mir jetzt ein wenig zu schaffen macht, sind Schuldgefühle gegenüber meinem Kind. Ich habe ihm diese Krankheit vererbt, und er leidet darunter ja so schrecklich. Wie geht ihr mit diesem Gedanken um?

Liebe Grüsse
Baba Mama

Antworten:

Hallo Baba Mama!

Nur eine Frage: hättest Du die Vererbung verhindern können?

So weit sind wir ja (Gott sei Dank) noch nicht, und insofern meine ich, dass Schuldgefühle völlig fehl am Platz sind.

Schuldgefühle sollten Eltern haben, die ihre Kinder seelisch oder körperlich misshandeln, missachten, oder sonstwie schädigen.

Das sind Dinge, die zumeist mit Absicht geschehen, und für die sich Menschen - sofern sie in der Lage dazu sind - schämen sollten.

Angelika (TanteGela)



von Angelika (TanteGela) - am 14.11.2004 14:14
Hallo Angelika,

ich weiß ja, dass ich es hätte nicht verhindern können. Und dennoch komme ich im Moment damit nicht (noch nicht) so recht klar.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es im Moment alles ein bißchen viel ist und es mir schwer fällt, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren.

Liebe Grüsse
Baba Mama

von Baba Mama - am 14.11.2004 14:37
Hallo Bba Mama!

Wenn Du ADS für eine Erbkrankheit hältst ist, sind solche Gedanken nachvollziehbar. Ob man sie allerdings haben sollte, steht auf einem anderen Blatt.

Ausgerechnet bei ADS ist die Sache aber komplizierter. Die wesentlichen ADS-Merkmale werden erst im Übermaß krankheitswertig. Um einige zu nennen: Kreativität, Offenheit, Spontanität, Einfühlsamkeit.

Das nächste Problem ist, dass die Eigenschaften nicht stabil weiter vererbt werden. Der Zappelphilipp und die Traumsuse können durchaus Kinder haben, die entweder "voll normal" sind, oder eben auch solche mit genau der richtigen Mischung für den nächsten Einstein, Mozart, Edison.

Es sollte immer wieder zu denken geben, dass in Wissenschaft und Forschung, dort wo die ganz neuen Dinge entstehen, in allen Kreativberufen, bei Existenzgründern und Pionieren, ADSler-Typen teilweise regelrecht dominieren.

Das heißt nicht, dass aus jedem ADSler ein glücklicher und für seine Umgebung nützlicher Mensch wird. Es gibt eben solche die das Pech haben, ein Übermaß an negativen Merkmalen auf den Lebensweg mitbekommen zu haben. Daran ist nichts zu beschönigen.

Ich glaube, dass man mit diesen Spannungen leben muss. Was wäre schon ein Leben ohne Spannungen.

FG Erich

von ErichW - am 14.11.2004 14:39
Liebe Baba Mama,

ich persönlich bin ein ausgesprochener Fan von Thom Hartmann, habe viele seiner Bücher in meinem Regal stehen und bin auch noch begeisterter Hörer seiner Sendungen im webradio.

Mein absolutes Lieblingsbuch ist "Eine andere Art, die Welt zu sehen" - ein Buch über die Jäger in der Farmerwelt. Er hat noch eins draufgesetzt mit "The Edison Gene".

Nun ist sicherlich nicht jeder ADS-ler ein Edison, aber ich habe in unserer Familie festgestellt, dass an dieser Hunter-Farmer-Theorie mehr als nur "was dran" ist.

ADS-ler sind eben anders, aber mindestens genauso intelligent wie andere.

Ich denke, man sollte sich endlich mal davon verabschieden, dass Kinder so oder so zu sein haben. Gerade in unserer fertig vorgerasterten Welt ist das ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Deshalb müssen aber unsere Kinder dieses Raster nicht vollständig übernehmen, um gut zu geraten.

Wichtig ist hier der gangbare Weg, der für uns z. B. heißt: Es gibt einige Dinge, die MUSS er lernen, damit er später in dieser Farmerwelt klar kommt. Deswegen muss trotzdem nicht zwangsweise aus dem Jäger ein Farmer gemacht werden, was ohnehin nicht geht. Aber er muss sich zurechtfinden, Mechanismen erlernen, wie sich diese hohe Gedankengeschwindigkeit optimal steuern lässt. Hat er diese Kniffe erst einmal für sich akzeptiert und kann sie anwenden, kann er sein "Jägerdasein" sehr wohl ausleben. Es gibt auf unserer Erdkugel zwar kein "Go West" mehr, aber es gibt immer Nischen, in denen ADS-ler ganz besonders gut aufgehoben sind und dann auch noch auf ihresgleichen treffen. Werbebranche z. B., IT-Branche, um nur mal zwei zu nennen.

Und bei alledem gilt für mich persönlich immer: Man muss nicht alles können, man muss sich nur zu helfen wissen. Man muss nicht alles wissen, manchmal reicht es aus, wenn man weiß, wo es geschrieben steht.

Eines ist jedoch sicher ganz wichtig: die Berufswahl. Man sollte gut aufpassen, dass ein Jäger keinen Farmerjob bekommt. Das geht schief. Also ich denke z. B., dass aus unserem Junior NIEMALS ein Buchhalter oder Steuerberater würde. Förster vielleicht (weil er Tiere so mag), IT-Fachmann (weil er Computer mag) oder andere jobs mit regelmäßigem input und ständig wechselnden Eindrücken.

Also Kopf hoch. ADS kann sehr vorteilhaft sein, wenn man durch die Schule durch ist und die Basis beherrscht. :-))))

Viele Grüße

Claudia

von ClaudiaW - am 14.11.2004 14:47
Hallo Baba Mama,

Baba Mama schrieb:
Zitat

Das einzige, was mir jetzt ein wenig zu schaffen macht, sind Schuldgefühle gegenüber meinem Kind. Ich habe ihm diese Krankheit vererbt, und er leidet darunter ja so schrecklich. Wie geht ihr mit diesem Gedanken um?


locker.
Was kann denn ich dafür, daß mein Sohn ADS hat?
Ich nehme ihn so wie er ist, ein echt toller Typ. Mit Macken. Na und? Die hätte er auch woanders herbekommen können.

Ich stelle mich einfach auf das ein, wa sich vorfinde und helfe ihm, sich selber zu verstehen und seinen Weg zu finden und zu gehen.

Außerdem ist es gerade bei uns beiden (wir leben zu zweit) eine echt prima Sache, daß wir beide ADS haben. Smit kann ich ihn sehr gut verstehenm was in ihm vorgeht. Nicht daß ich das jedes Mal weiß. nee, ich kann ja schlißelich nicht in seinen Kopf reinscheuen. Aber ich kann ihn fragen und das, was er erzählt, kann ich nach vollziehen. Seine Art zu denken ist mir sehr vertraut und ich kann ihm heute Tipps für seinen weg geben, die ich selber gerade erst erlerne. Das macht auch Spaß. Denn ich gebe ja immer brandaktuell meine neusten erfahrungen an ihn weiter.

Bei uns ist es so: i c h bin der Coach, der sich fachlich informiert und als Erwachsener genügend Wissen und Lebenserfahrungen hat, um dem jungen Menschen (mein Sohn ist gerade 10 geworden) weiter zu helfen. Und dieser junge Mensch profitiert von meinem aktuellen Engagement.

Ich könnte auch so sagen: unser ADS ist ein spannenders Gesprächs-Thema, an dem man auch schnell über andere Themen redet. Z.B. "Was ist Respekt?" Was sind Außenseiter? Welche Stärken haben wir und wie setzen wir sie gut ein?

Ich persönlich würde fast schon sagen, daß ich es sauschön finde, daß wir beide ADS haben. Da macht das Leben echt Spaß: wir verstehen uns, necken uns bei unseren Macken, unterstützen und gegenseitig ("Mama, denk noch an den Schlüssel!!") und ziehen gemeinsam über andere repektlose Menschen her.

Nimm`s locker, Baba Mama. Man macht sich ja auch keine Vorwürfe darüber, daß das Kind genau den gleichen doofen Pickel vererbt bekam, wie man ihn selber hat. Und die anderenhaben ja auch schon wunderbare Sätze gesagt.

Eine Woche mit viel "Kopf-hoch" wünsche ich Dir.

Marisa

von Marisa - am 14.11.2004 23:20
Hallo Baba Mama,

also, Schuldgefühle habe ich nicht, weil ich glaube, daß mein Mann und ich unserem Sohn auch noch viele andere gute Dinge außer ADHS vererbt haben; nämlich schöne Augen, ein sensibles, liebenswertes Wesen, eine tolle Singstimme etc.
Ein schlechtes Gewissen kann man meiner Meinung nach auch nur haben, wenn man WISSENTLICH etwas "verbockt" hat; also z.B. hat es mir lange Zeit zu schaffen gemacht, daß ich in der Schwangerschaft noch drei Zigaretten am Tag geraucht habe und Leon nicht stillen konnte (Depressionen nach der Geburt); ich denke, daß ich ihm vielleicht schon einiges an Allergien hätte ersparen können (oder abmildern). Aber selbst das ist ungewiß...meine Freundin stillte ihre Kinder beide über ein Jahr und beide haben Neurodermitits und einer auch noch Asthma.
Wenn ich ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, hätte ich auch nicht noch ein zweites Kind bekommen können. Und das hat kein ADS. Der einzige Grund für mich, kein drittes Kind haben zu wollen, ist, daß ich damit wohl hoffnungslos überfordert wäre-aber nicht, weil ich nicht nochmal jemandem mein/unser ADS vererben will.
Nichtsdestotrotz glaube ich, daß man solche Gefühle ab und an mal hat und auch zulassen sollte. Es geht wieder vorbei.
Think pink!

Liebe Grüße,
Britta

von Britta F. - am 15.11.2004 09:07

Dank für die vielen Sichtweisen ...

... irgendwie hat man ja manchmal einen "Tunnelblick", sieht vor lauter Negativem nicht mehr das Positive.

Meine Gedanken der Schuldgefühle bezogen sich eher auf die jetzige Phase der Kindheit, in der er doch sehr leidet -
für die Zukunft mache ich mir auch weniger Sorgen, ich denke, wenn sein Selbstwertgefühl erst einmal wieder soweit gestärkt ist, wird er sich auch als "Persönlichkeit mit wunderbaren Charaktereingenschaften" identifizieren können.

Wie Marisa so treffend schreibt, hat die Tatsache, dass wir beide ADS haben, den Vorteil, dass ich meinen Sohn sehr gut verstehen kann und auch seine Gefühle nachempfinden kann. Ja, wir sind uns in der Tat sehr ähnlich (wie z.B. einfühlsam, offen, ehrlich und aufrichtig, nicht nachtragend und lieben die Natur und Tiere etc.). Ja, wir beide verstehen uns und sind ein gutes Gespann.

Britta sei dank für den "Pickel" - hat mich zum Lachen gebracht. Ich denke auch, dass es ganz normal ist, dass man solche Schuldgefühle manchmal hat - und auch zulassen sollte.

Liebe Grüsse
Baba Mama

von Baba Mama - am 15.11.2004 17:09
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