Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
8
Erster Beitrag:
vor 13 Jahren, 2 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 13 Jahren, 2 Monaten
Beteiligte Autoren:
Britta F., Apfelsine, Mottensprotte, Freudi, ini 2

Meine Geschichte - wollt ich doch immer schon erzählen...(lang!)

Startbeitrag von Britta F. am 26.04.2005 06:35

Hallo zusammen!

Wie schon des öfteren angekündigt, wollte ich mal meine ganz persönliche Geschichte hier zum Besten geben, denn momentan geht mir ob meines neuen Jobs im Mai mal wieder der A... auf Grundeis!

Also, ich fange am besten ganz vorne an (tolle Einleitung!). Ich wurde mit knapp sechs Jahren als jüngstes Kind des gesamten Jahrgangs eingeschult, entgegen der Bedenken des Gesundheitsamtes. Ich war nämlich gerade mal siebzehn Kilo schwer und meine Mutter sagt heute noch, ich sei so klein gewesen, daß man nur einen "Ranzen auf Beinen" gesehen habe.

Eine große Klappe hatte ich aber immer und in der Schule einen "Mädchenbonus". Tough, die Kleine und sprachlich sehr begabt. (Zeugnis, 2.Klasse: ...lernt außerordentlich schnell auswendig und ihr Sprachschatz ist weitaus versierter als der ihrer Mitschüler...aber auch: ...arbeitet zu langsam, verkrampftes Schriftbild, abnorme Stifthaltung...kann ihren Äußerungsdrang nicht steuern-stand jedes Jahr im Zeugnis!!!).

Ich wechselte ohne Umwege auf`s Gymnasium. Was mich interessierte, habe ich gemacht, was ich blöd fand, habe ich gemieden. Immer gab es schwarz oder weiß, aber kein "dazwischen": entweder, man mochte mich oder man mochte mich nicht (das ist bis heute so).

Hatte dann nach der 12 keine Lust mehr und bin mit gutem Notendurchschnitt abgegangen, da ich meine soziale Ader entdeckt hatte und für ein Studium der Sozialpädagogik kein Abi brauchte. Habe dann ein Jahr in einer Behindertenwerkstatt ein berufsgelenktes Praktikum gemacht und noch ein Freiwilliges Soziales Jahr drangehängt. Dann bekam ich den heißersehnten Studienplatz; allerdings an der Katholischen Fachhochschule in Paderborn und da ich einen Freund im Rheinland hatte, habe ich den Platz nicht genommen. Bin nach Düsseldorf gezogen (mit 20) und habe eine Lehre zur Krankenschwester begonnen, nach sechs Wochen abgebrochen, weil mir alles zuviel wurde: plötzlich mehr als 100 km von zuhause weg, unbekannte Leute und das Elend im Krankenhaus...

Bin hoppladihopp zu meinem Freund gezogen, weil ich ja aus dem Schwesternwohnheim ausziehen mußte, habe dort ein halbes Jahr gelungert und dann in einem Altenheim halbtags gejobbt. Dann habe ich meine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin begonnen. Das war endlich absolut mein Ding...

Dann, nach dem ersten Jahr der Schock: schwanger. War zu der Zeit schon verheiratet, und war in meinen Beziehungen eigentlich immer sehr beständig. Bin seit 12 Jahren mit meinem Mann zusammen, seit zehn verheiratet.

Dann also Lehre wieder abgebrochen und mit 21 Mutter geworden. Ja, und dann DAS Kind!! Ein Jahr nur Geschrei und danach der übliche Weg, den Ihr alle hier ja so gut kennt! Selbstzweifel ohne Ende, das Gefühl, absolut unfähig zu sein...

Als Sohnemann dreieinviertel ist, bekommt er sein Schwesterchen, danach geht es für mich etwas bergauf, denn endlich klappt, was bei Sohnemann nicht klappte: Stillen, Schlafen, später Essen und Trinken...endlich hatte ich mal das Gefühl, was richtig zu machen!

Trotzdem habe ich - auch heute noch! - oft das Gefühl, mich übernommen zu haben mit den zwei Kindern. Die Verantwortung erschlägt mich manchmal, dann bin ich mutlos und fühle mich klein.

Seit meine Tochter in den KiGa und Sohnemann in der Schule ist, habe ich noch zwei Tageskinder, die noch bis Sommer hier sind. Nun ergab sich, daß ich ab Mai bei der Lebenshilfe hier am Ort als geringfügig Beschäftigte beginnen kann...also zwei Monate mit zwei Jobs...

Und dann kommen sie wieder, meine Selbstzweifel und ich habe das Gefühl, völlig überfordert zu sein...wie soll ich das nur schaffen??? Und dann sehe ich:andere schaffen es auch, warum ICH dann nicht? Warum bin ich immer so schnell genervt und ungeduldig, warum bin ich so wenig kritikfähig, warum habe ich noch nie "was zuende gebracht"?? Keine Ausbildung, kein Abi? Obwohl ich doch keine Dumpfbacke bin!?

Und dann hält Sohnemann mir den Spiegel vor und irgendwann im letzten Jahr beginne ich, zu begreifen, was mit mir los ist. Bin zwar nicht so schwer betroffen wie manch anderer hier, aber manchmal merke ich mein "Anders-Sein" schon ganz deutlich. Auch wenn ich inzwischen die Vorteile sehe und zu schätzen weiß: Kreativität, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit...

Das war mal nur ein kurzer Abriß, denn sicher haben noch mehr Ereignisse meinen "Werdegang" beeinflußt...

Tja, und jetzt stehe ich wieder mal hier und habe Angst vor der eigenen Courage und würde am liebsten den neuen Job hinwerfen aus lauter Angst, es nicht auf die Reihe zu bekommen, nicht allen gerecht werden zu können, was falsch zu machen und kritisiert zu werden...

Kennt Ihr das???

Sorry, war sehr lang...Liebe Grüße von

Britta, die zur Zeit ziemlich deprimiert durch die Gegend schleicht...

Antworten:

Hallo Britta!

Kopf hoch, liebe Britta, Du schaffst das schon!

Ich kann aber Deine Ängste und Sorgen gut verstehen.
Als ich den Job hier angenommen habe (und auch noch einen, den ich gar nicht erlernt habe) ging es mir genauso. Selbstzweifel und die Angst, was wohl auf mich zukommen wird. Schaff ich das, was die von mir wollen? usw.

Klar, dass Du nervös bist und nicht weisst, ob Du lachen oder weinen sollst. Ich denke, da musst Du jetzt einfach durch und "aller Anfang ist schwer" - wie es so schön heisst.

Aber ich glaube auch, wenn Du jetzt durchhälst, die Dinge die da kommen einfach mal abwartest (schwer, ich weiss!), wirst Du Dich irgendwann auch mal besser fühlen: Stolz auf das, was Du leistest, machst und tust!

Als Du mir die tolle Nachricht vom "neuen Job" geschrieben hast, habe ich mich tierisch für Dich gefreut. Alles klang so positiv! Warum also zweifeln? Du hast Dich ja auf einen Job beworben, der Dir zusagt und wo Du Dir vorstellen kannst, dass Du die an Dich gesetzten Erwartungen umsetzen kannst!

Und: DU hast den Job bekommen. Sie wollen DICH dafür und keine andere! Das sagt doch wohl alles in der gerade heutigen schwierigen Zeit.......
DU hast den Job bekommen, weil sie DICH dafür wollen und als geeignet ansehen. So musst Du die Sache jetzt mal betrachten!

Liebe Britta, ich fühle mit Dir und hoffe, dass Dich meine Worte etwas aufbauen konnten. Halte durch, es wird sich bestimmt lohnen: Wer wagt, gewinnt!

Ganz liebe Gedanken an Dich
Ini

von ini 2 - am 26.04.2005 07:01
Hallo Britta,

Du hast mich schon ein bißchen verwirrt...

ganz am Anfang... 6 Jahre... mit 17 Kilo... in die Welt geworfen? Die arme Mutter!

Aber mal im Ernst: wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ein einzelnes Kind für seine Mutter eine wesentlich größere Belastung darstellt als mehrere! Du hast es doch auch selber erfahren! (ich denke nicht, daß Du Deine Tageskinder NUR wegen des Geldes hast!)

Und noch was: Du hast Angst, Fehler zu machen. Natürlich wirst Du Fehler machen. Jeder, der was macht, macht auch Fehler! Und nur aus Fehlern können wir wirklich lernen.

Freu Dich drauf, was lernen zu können, dann werden die Fehler gleich weniger angsteinflößend! Clever genug bist Du ja, das weißt Du!

Alles ist gut!

Georg

von Freudi - am 26.04.2005 07:01
Hallo Britta,

Danke für Deine Geschichte!

Ich kenne dieses Gefühl "alle anderen schaffen es, nur ich nicht!"

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt bestimmt viele, die schaffen es ganz toll und die beneide ich auch; aber ganz viele schaffen es meiner Meinung nach nur mit Hilfe von Alkohol, Zigaretten, Tabletten, Workoholismus, Esssucht,schlechter Laune etc.

Ich habe auch manchmal Angst, dass ich nie einen Zustand erreiche, wo ich alles dauerhaft vernünftig schaffe. Kind (mit ADS) und mich (mit wahrscheinlich ADS) und Job. Aber in letzter Zeit lerne ich mehr und mehr, geduldig mit mir zu sein und meine (Leistungs)grenzen zu respektieren. Man lebt nur einmal. Und dieses eine Mal möchte ich nicht mehr damit verbringen, mich konform zu machen und mich zu rechtfertigen.

Und wenn Du das Gefühl hast, es wird Dir etwas zuviel, dann halte doch mal inne und spüre nach, ob es wirklich zuviel wird. Wenn dem so ist, dann versuche Aufgaben abzugeben. Ich "funktioniere" in Sinuswellen. Ich kann mal ganz viel leisten und dann wieder nur ganz wenig. Ich versuche, meine Aufgaben besser zu verteilen und vor allem mich oft auszuruhen. Also meine Wellen (die hochs und tiefs) zu glätten.

Ich drücke Dir auf jeden Fall die Daumen für Deinen neuen Job!!! Und ich kann mich nur meiner Vorschreiberin anschließen: Sie wollten DICH und niemand anderen!!!

Liebe Grüße,

Mottensprotte

von Mottensprotte - am 26.04.2005 07:58
Hallo, Ihr drei!

Ganz lieben Dank für Eure mutmachenden Antworten! Im Grunde weiß ich ja auch, daß der Job genau mein Ding ist und ich versuche auch, mich nicht unter Druck zu setzen bzw. setzen zu lassen. Schließlich ist es nur ein Job und unsere Zukunft hängt nicht maßgeblich davon ab, so wie sie von der Arbeit meines Mannes abhängt...was habe ich also zu verlieren?

Aber da ist dann eben noch dieses andere Gefühl, das ich erst mal bekämpfen muß, nämlich das Gefühl, es allen recht machen zu wollen oder etwas beweisen zu wollen. Und das macht mir schwer zu schaffen! Ich war immer schon jemand mit einem immens hohen Anspruch an sich selbst und nur sehr begrenzt in der Lage, Dinge zu delegieren. Und es ist so schwer, das zu lernen!

Und immer meine ich, jemand komme zu kurz durch meine Unfähigkeit, mich allen Dingen gleich intensiv zuzuwenden...auch wenn ich weiß, daß das Quatsch ist! Leider bin ich ein Perfektionist; nicht in haushaltstechnischer Hinsicht, leider!, aber ich komme beispielsweise nie zu spät. Wirklich nie. Nichtmal, als meine Kinder noch klein waren und meine Tochter gestillt werden mußte, ich war mit Sack und Pack immer pünktlich, auch wenn jeder in dieser Situation verstanden hätte, wenn ich mal zu spät gekommen wäre. Dementsprechend verabscheue ich Unpünktlichkeit zutiefst und fühle mich persönlich gekränkt, wenn mich jemand warten läßt. Das ist schon richtig extrem!

Aber bevor ich jetzt zu sehr abschweife: ich sehe ja schon wieder klarer als heute morgen und wenn die nächsten zwei Monate mit der Doppelbelastung von zwei Jobs gleichzeitig erst mal hinter mir liegen, werde ich den neuen Job auch sicher klasse finden. Und bis dahin Zähne zusammen beißen und durch.

Es dankt Euch nochmals

Britta

P.S.: Ist dieses "Nichts-zu-Ende-bringen-können-und-kurz-vor`m-Ziel-alles-hinwerfen" eigentlich charakteristisch für ADSler? Und wie steht es mit Prüfungsangst? Ist bei mir sehr ausgeprägt, auch wenn mir das keiner, der mich persönlich kennt, glauben würde!

von Britta F. - am 26.04.2005 12:08
Hallo Britta,

du hattest mir ja neulich schon einmal geschrieben, dass du dich in einigen meiner Äußerungen wiedererkennst. Nun musste ich beim Lesen deiner Beiträge doch grinsen, denn deine Geschichte ähnelt meiner (wobei ich das "Glück" (?) hatte, meine Ausbildungen stets zu Ende führen zu können). Aber angefangen von der Einschulung (ich war 5 und man wollte mich zunächst aufgrund meines geringen Gewichts und meiner Größe nicht einschulen), über die vergleichsweise unproblematische Schullaufbahn (nur Schönschreiben war eine Katastrophe) bis hin zum gewaltigen Ehrgeiz, im Job und als Mutter alles möglichst "perfekt" machen zu wollen, und dem Hang zur Pünktlichkeit kann ich mich in deinem Bericht wiederfinden. Auch ist mein Haushalt längst nicht so perfekt wie der von anderen - aber ich tröste mich damit, dass mir die Zeit für die Kinder wichtiger ist und dass ich zudem noch freiberuflich von zuhause arbeite und das ja auch Zeit braucht. Ich glaube auch, dass unser kleiner ADSler hier sehr viel von mir hat - das meint mein Mann auch immer.

So, aber nun zu deinen Fragen: Deine Angst vor dem neuen Job ist verständlich, aber du wirst sicher alle Erwartungen erfüllen, nicht zuletzt deshalb, weil es dir wegen deines Sohnes (und vielleicht auch deiner eigenen Geschichte) sicher leichter fallen wird, dich in die Probleme der Kinder hineinzuversetzen und mit ihnen zu arbeiten. Und viele Schwierigkeiten kennst du und kannst bestimmt wertvolle Tipps geben (auch wenn es sich bei den Kindern längst nicht immer um ADSler handeln wird). Ob du deine eigenen Ansprüche erfüllen kannst, weiß ich natürlich nicht - es wird immer mal wieder Rückschläge oder Situationen geben, in denen du dich im Nachhinein lieber anders verhalten hättest - aber die gibt es überall. Und sicher kann man alles anders machen, aber ob es deshalb unbedingt besser ist?

Liebe Britta, du schaffst das - da bin ich mir sicher. Vor allem, weil es für dich schon lande ein Traum war, so arbeiten zu können, wie du es tun wirst. Und was heißt, ob es typisch für ADS ist, nichts zu Ende zu bringen? Ich hatte nicht den Eindruck, dass du "nichts zu Ende" gebracht hast, sondern im Gegenteil ziemlich viel geschafft hast.

Liebe Grüße schickt dir

Simone

von Apfelsine - am 26.04.2005 14:54

Re: Meine Geschichte - wollt ich doch immer schon erzählen...(lang!)@Apfelsine

Hallo Simone,

vielen Dank für Deine Antwort; habe mich sehr gefreut! Sicher hast Du recht, es freut mich sehr, daß ich jetzt endlich wieder "draußen" arbeiten werde (wenn auch nicht mit Kindern, wie Du angenommen hast, sondern mit leicht geistig behinderten Erwachsenen, die in einer Außenwohngruppe leben und dort auf ein selbständiges, selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden; Ziel ist, daß diese Menschen irgendwann allein oder auch als Paar zusammen in einer Wohnung leben können).

Nur manchmal verläßt mich eben der Mut und daß ich nichts zuende gebracht habe, stimmt schon irgendwie. Viel geschafft habe ich aber schon, da hast Du wirklich recht! :-))

Ich wünsche Dir einen schönen Abend und danke nochmal für die lieben Worte; ich freu mich immer, von Dir zu lesen!

Liebe Grüße, Britta

von Britta F. - am 26.04.2005 16:59

Uuups

Hallo Britta,

das kommt davon, wenn man die Lebenshilfe immer nur mit der Frühförderung in Verbindung bringt - da denkt man automatisch an Kinder, wenn man Lebenshilfe hört ;-)

Wie auch immer: Ich denke jedenfalls, dass du da an der richtigen Stelle bist! Und ich wünsche dir alles, alles Gute - insbesondere für die stressige Zeit mit 2 Jobs!

Liebe Grüße

Simone

von Apfelsine - am 26.04.2005 18:42
Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.