Diese Seite mit anderen teilen ...

Informationen zum Thema:
Forum:
ADHS ADS Selbsthilfe
Beiträge im Thema:
5
Erster Beitrag:
vor 11 Jahren, 7 Monaten
Letzter Beitrag:
vor 11 Jahren, 7 Monaten
Beteiligte Autoren:
Cornelia, Michaela#, Chris G, Mari66

Bin ganz neu

Startbeitrag von Mari66 am 06.03.2006 22:39

Hallo zusammen,

habe heute erfahren, dass mein 10-jähriger Sohn unter ADS leidet, er ist ein sogenannter Mischtyp.

Gleichzeitig wird angenommen, dass er unter einer Temporallappenepilepsie leidet, die nur unter physischem Stress, sprich bei Krankheit oder zu wenig Schlaf, auftritt. Das lezte Mal war das vor ca. 9 Monaten. Im EEG konnte nichts nachgewiesen werden, dies müsste man dann erst unter ärztlicher Aufsicht provozieren.

Mir wurde heute vom Arzt der Vorschlag gemacht ihn mit Ritalin behandeln zu lassen. Bisher habe ich mit diesem Namen nichts Gutes verbunden (habe mich aber auch nie ausreichend informiert, immer nur die üblichen Schlagzeilen diesbezüglich gelesen) und ich bin auch nicht unbedingt ein Freund von Medikamenten.

Weiterhin sagte der Arzt, dass er es nicht verantworten könnte Ritalin zu verordnen ohne gleichzeitig ein Medikament zur Vorbeugung weiterer Anfälle zu geben, da diese unter der Gabe von Ritalin wieder auftreten oder auch große Anfälle provozieren können.

Ich bin jetzt völlig rat- und hilflos, denn er überlässt mir die Entscheidung was zu tun ist, da unser Sohn weder ein auffälliges EEG zeigt und auch keine 100% ige ADS hat, wobei dieses Krankheitsbild ja wohl viele Facetten hat und doch einige auf ihn zutreffen.

Kann mir hier jemand einen Rat geben oder ist vielleicht hier jemand, der das gleiche Problem hat und auch schon Erfahrung damit hat?

Viele Grüße nach einem absolut anstrengenden und verwirrenden Tag!

Antworten:

Hallo Mari66,
herzlich willkommen hier!

Schau mal hier:
[www.autismus-etcetera.de]

Da findest Du vieles über Epilepsie und gleichzeitigem ADS.

Viele Grüsse, Chris G

von Chris G - am 06.03.2006 23:49
Hallo,

die Seite ist zur Zeit leider nicht online, die Besitzerin ist gerade umgezogen, der alte Server abgestürzt oder so. Sie wird die Seite auf jeden Fall wieder einstellen, aber ein wenig Geduld ist wohl erforderlich :-(

(Nein, ich bin nicht die Besitzerin)

Viele Grüße

Michaela

von Michaela# - am 07.03.2006 07:27
Hallo zusammen,

aber ich bin's *grins*.

Herzlich willkommen, Mari.

Mein Sohn hat(te) auch eine Epilepsie, darum habe ich mich zu Ritalingabe (also dem Wirkstoff Methylphenidat, kurz auch Mph genannt) bei Epilepsie intensiv informiert.

Um es klar zu sagen: Dein Arzt erzählt da ziemlichen "Stuss" oder vielmehr sind seine Informationen dazu veraltet.

Ich kopiere dir mal am besten kurz hierher, was ich auf meiner Website dazu stehen hatte:

"Treten ein ausgeprägtes ADS (ADHS, ADD, ADHD, POS, HKS, MCD, ...) und Epilepsie gemeinsam auf, so sind die Eltern oft sehr besorgt.

Heißt es doch immer wieder, dann dürften gegen das ADS keine Medikamente gegeben werden, auch wenn es “eigentlich” nötig wäre.
Und auch im Beipackzettel der Stimulanzien steht ein Warnhinweis.



Nun ist es so, dass man dies früher auch wirklich gedacht hat.
Inzwischen hat man dazu Studien durchgeführt und weiß deutlich mehr darüber.

Eine Metaanalyse (Zusammenfassung der Ergebnisse verschiedener Studien) solcher Studien aus dem Jahre 2000 finden Sie hier:

Ist die Gabe von Methylphenidat bei Komorbidität von Epilepsie und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung kontraindiziert oder nicht?
(publiziert in: Aktuelle Neurologie 27 (2000) 72-76)
von Klaus-Henning Krause und Johanna Krause
[www.hyperaktiv.de]

Fazit:

Bei Menschen mit Epilepsie, die gut medikamentös eingestellt und darunter anfallsfrei sind, führte die zusätzliche Gabe von Methylphenidat (dem Wirkstoff in den gängigen Medikamenten, die bei AD(H)S verordnet werden) nicht zu einem erneuten Auftreten von Anfällen.

Bei denjenigen, bei denen keine Anfallsfreiheit bestand, zeigte sich in einer einzigen Studie eine leichte Erhöhung in der Häufigkeit der Anfälle. Alle anderen Studien fanden auch hier keine Verschlechterung des Anfallsleidens.

Bei zwei bestimmten Sorten von Epilepsie, der kindlichen Absencen-Epilepsie und der juvenilen myoklonischen Epilepsie kam es sogar zu einer deutlichen Verbesserung des Anfallsleidens!
Dies wurde schon vor Jahrzehnten auch bei anderen Stimulanzien beobachtet (d-Amphetamin und Benzedrin)

Insofern ist eine Gabe von Methylphenidat bei Kindern mit dieser Epilepsieform also nicht nur zu tolerieren, sondern sogar ausdrücklich empfehlenswert, wenn sie zusätzlich unter AD(H)S leiden.

Bei allen anderen gilt, dass nach Datenlage in der Literatur keine Bedenken bestehen, Methylphenidat zu geben, wenn durch Medikamentengabe Anfallsfreiheit erreicht wurde.

Wenn keine Anfallsfreiheit besteht, ist möglicherweise im Einzelfall mit einer geringen Erhöhung der Anfallsfrequenz zu rechnen, was bedeutet, dass hier individuell Nutzen und Risiko abgewogen werden muss. Bei einer Gabe von Methylphenidat sollte bei solchen Patienten das Anfallsgeschehen sicherheitshalber gut beobachtet werden.


--------------------------------------------------------------------------------

Meine eigenen Erfahrungen bestätigen diese Ergebnisse.

Als bei meinem Sohn Lugia die Epilepsie sich Anfang 1997 zu einem Pseudo-Lennox-Syndrom mit ESES auswuchs, geriet prompt zunächst das wegen seines ausgeprägten ADHS gegebene Ritalin in Verdacht, schuldig zu sein. Es wurde sofort abgesetzt, mit katastrophalen Folgen für sein Verhalten.

Erst etwa ein halbes Jahr später versuchte man erneut, es zu geben, da sein Verhalten wirklich kaum einzugrenzen war. Die vielfältigen Anfälle des Pseudo-Lennox konnten inzwischen medikamentös aufgefangen werden, das ESES und atypische Absencen bestanden jedoch weiterhin. Man verglich das EEG ohne und mit Ritalin und stellte keine weitere Verschlechterung fest. Dass sein Verhalten sich tatsächlich durch das Ritalin deutlich besserte, überprüfte man durch eine doubleblind-Gabe von Placebo. (D.h. weder mir noch den verabreichenden Schwestern wurde gesagt, dass Placebo gegeben wurde, erst nach den vielen verwunderten Rückmeldungen über sein wieder stark verschlechtertes Verhalten lüftete man das Geheimnis.)

Später wurde die Dosis erhöht, da er anfangs - entgegen den neueren Erkenntnissen - nach Gewicht dosiert wurde und damit noch stark unterdosiert war. Sein Verhalten besserte sich weiter und das EEG verschlechterte sich auch dabei nicht.



--------------------------------------------------------------------------------

Inzwischen gibt es auch neuere Studien zu diesem Thema, mit ähnlich erfreulichem Resultat.

Auf einer Tagung in Saarbrücken im September 2003 trug Prof. Dr. A. Warnke von der KJPsychiatrie und - Epilepsie-Ambulanz der Uni Würzburg diese vor:

So lag bei einer Studie von Hammer 2001 an Patienten ohne Epilepsie bei Mph-Behandlung die Anfallshäufigkeit mit 1 aus 175 Patienten genauso hoch wie bei der Normalpopulation. Prof. Warnke hat die Fälle in seiner Uniklinik retrospektiv ausgewertet und kam auf einen Wert unterhalb des Risikos in der Normalbevölkerung.

Eine ganz neue Studie von Gucuyoner et al. vom Februar 2003 hat sogar signifikant positive Ergebnisse bei ADHS bei nicht erhöhter Anfallshäufung ergeben.

Den englischen abstract dazu finden Sie hier:
[www.ncbi.nlm.nih.gov] t_uids=12693777

bzw. hier:

[www.ncbi.nlm.nih.gov] t_uids=12693777&itool=iconabstr

J Child Neurol. 2003 Feb;18(2):109-12. Related Articles, Links

Use of methylphenidate for attention-deficit hyperactivity disorder in
patients with epilepsy or electroencephalographic abnormalities.

Gucuyener K, Erdemoglu AK, Senol S, Serdaroglu A, Soysal S, Kockar AI.

Department of Pediatric Neurology, Faculty of Medicine, Gazi University,
Ankara, Turkey.

Methylphenidate is commonly believed to lower seizure threshold. The safe
use of methylphenidate has not been clarified in patients with
attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD) and concomitant active
seizure or electroencephalographic (EEG) abnormalities. Patients with ADHD
and active seizures (n = 57) and patients with ADHD and EEG abnormalities (n
= 62), 6 to 16 years of age, were included in the study. The safety and
efficacy of treatment with antiepilepsy drugs combined with methylphenidate
were determined by assessing seizure frequency, changes in ADHD symptoms,
the Conners' Rating Scales, EEG differences, and side effects. The Conners'
Rating Scales, performed by parents and teachers, and mean total ADHD
symptom scores at the beginning of the study and at the end were
significantly different (P = .05 for the Conners' Rating Scales and P = .001
for ADHD symptom scores). Methylphenidate had a beneficial effect on EEG.
Seizure frequency did not change from baseline. The side effects of
methylphenidate were mild and transient Methylphenidate is safe and
effective in children with ADHD and concomitant active seizures or EEG
abnormalities.

Publication Types:
Clinical Trial

PMID: 12693777 [PubMed - indexed for MEDLINE] "



Grundsätzlich spricht eine Epilepsie also keineswegs gegen die Gabe von Methylphenidat. Ärztlich überwacht werden sollten Kinder mit Epilepsie ja ohnehin und sollte es tatsächlich wider Erwarten zu Problemen kommen, kann Methylphenidat auch problemlos von heute auf morgen jederzeit wieder abgesetzt werden.


Darüber hinaus ist aber ja auch noch gar nicht sicher geklärt, ob dein Sohn tatsächlich an Epilepsie leidet. Welche Symptome haben denn zu dem Verdacht Anlass gegeben?
Und wenn das letzte Auftreten so lange her ist, dann mag es auch sein, dass es nie wieder zu einem Anfall kommt.

Grundsätzlich kann jeder - auch ein gesunder - Mensch bei Stress oder Schlafmangel einmal einen sogenannten "Gelegenheitsanfall" haben, ohne dass dies bereits einen pathologischen wert hat. erst wenn solche Anfälle mehrfach auftreten, beginnt man, über das Vorliegen einer epilepsie nachzudenken.

Auf dieser sehr guten Seite eines Epileptologen [www.anfallskind.de] findest du hier Informationen zu Gelegenheitsanfällen:

[www.anfallskind.de]

Wenn im EEG nichts nachweisbar ist, spricht das zwar nicht generell gegen das Vorliegen einer Epilepsie, bei einigen Formen ist das EEG zwischen den Anfällen tatsächlich unverändert, aber es sollte gerade auch bei den Symptomen einer Temporallappenepilepsie

[www.anfallskind.de]
[www.anfallskind.de]

auch an die Abgrenzung zu einer Migräne gedacht werden, die sehr ähnlich erscheinen kann und ja ebenfalls durch Stress udn Schlafmangel forciert werden kann, oder zu anderen nichtepilepstischen Anfallsformen (siehe unten bei Schulkindern bzw. Jugendlichen):
[www.anfallskind.de]


In jedem Fall aber sollte der Arzt, wenn er an eine Schlafmangel- und stressgebundene Epilepsie denkt, einmal ein Schlafentzugs-EEG durchführen, um das zu verifizieren, also zu bestätigen. Und natürlich auch versuchen, durch Hyperventilieren (also schnelles, tiefes Atmen ohne gleichzeitige körperliche Belastung) und ein Stroboskop (Flackerlicht) beim Schreiben des EEGs eine Reaktion des Gehirns zu provozieren.


Rein vorbeugend ein Medikament gegen Anfälle zu geben ohne sicher zu sein, ob überhaupt wirklich eine Epilepsie vorliegt, ist meines Erachtens nicht nur überflüssig, sondern durchaus auch bedenklich, da praktisch alle Medikamente gegen Epilepsie zu einer ganzen Palette von unangenehmen Nebenwirkungen führen können.
[www.anfallskind.de]

Sollten hingegen in der Folge weiterhin Anfälle auftreten, die Abstände sich verkürzen oder die Anfälle schwerer werden oder lange dauern, dann werdet ihr vermutlich ganz unabhängig von einer Gabe von methylphenidat (die trotzdem stattfinden kann) um eine medikamentöse Therapie nicht herumkommen, da echte epileptische Anfälle unbehandelt meist mit der Zeit an Häufigkeit und Stärke zunehmen (man sagt dazu, ein Anfall bereite das Auftreten des nächsten vor).
Dazu jedoch bedarf es einer möglichst genauen Diagnose und ich würde gegebenenfalls dann auch zum Einholen einer zweiten Meinung raten, vielleicht bei einer speziellen Epilepsieklinik.


Und - keine Angst, in den allermeisten Fällen sind Epilepsien zwar lästig und behandlungsbedürftig, aber nicht im eigentlichen Sinne gefährlich:
[www.anfallskind.de]



Liebe Grüße und alles Gute
Cornelia



von Cornelia - am 08.03.2006 13:53
Ach so, hier noch eine Erklärung, warum im Beipackzettel trotzdem weiterhin die Warnung steht:

------------
Warum warnen die Beipackzettel mancher Medikamente vor Gefahren, die so gar nicht existieren oder übertreiben das Risiko?

Das hat einen ganz profanen Grund:

Auf den Beipackzetteln müssen alle Symptome stehen, die die Testpersonen während der Zulassungsstudie zeigten, und zwar unabhängig davon, ob das Medikament wirklich nachweislich die Ursache dafür war, oder ob es tatsächlich ganz andere Gründe dafür gab.
Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, die gesetzlich vorgeschrieben ist.

Leider werden die Beipackzettel später nur in negativer Hinsicht verbessert, d.h. wenn jemand unter der Behandlung Nebenwirkungen zeigt oder Wechselwirkungen auftreten, die bisher noch nicht bekannt/erwähnt waren, dann werden diese, falls sie häufig oder schwerwiegend sind, hinzugefügt.
Denn für bislang unbekannte Neben- und Wechselwirkungen besteht eine Meldepflicht für Ärzte und auch Apotheker, es gibt eine spezielle Stelle, die diese Meldungen sammelt und auswertet und die regelmäßig auch Warnungen an alle Ärzte herausgibt, falls besondere Risiken auffallen, die bisher noch nicht bekannt waren.
Dabei werden weltweite Rückmeldungen berücksichtigt.
Und auch die Pharmafirmen sammeln entgegen aller Gerüchte solche Hinweise und veröffentlichen sie in Fachkreisen.

Solche Warnungen sind auch online nachzulesen, hier z.B.:

[www.aekno.de]

Aber leider gilt dies umgekehrt nicht so!

Es werden spätere Erkenntnisse, dass anfängliche Befürchtungen nicht zutreffen, zwar in Fachkreisen veröffentlicht, aber dennoch bei Medikamentenbeipackzetteln nicht "einfach" ergänzt, egal wie viele und wie eindeutige Belege es dafür gibt, sondern dazu müssten die Pharmafirmen eine neue, sehr teure spezielle Studie durchführen lassen, ähnlich der Zulassungsstudie.
Und darauf verzichten sie dann meist lieber.
Und darum stehen auf Beipackzetteln oft auch Warnungen, die längst relativiert werden sollten oder gar völlig überholt sind.


Gruß
Cornelia



von Cornelia - am 08.03.2006 13:57
Zur Information:
MySnip.de hat keinen Einfluss auf die Inhalte der Beiträge. Bitte kontaktieren Sie den Administrator des Forums bei Problemen oder Löschforderungen über die Kontaktseite.
Falls die Kontaktaufnahme mit dem Administrator des Forums fehlschlägt, kontaktieren Sie uns bitte über die in unserem Impressum angegebenen Daten.