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vor 8 Jahren, 3 Monaten
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Stefan Zweifel - dasmagazin.ch

Paul Parin, Psychoanalytiker, über die Sucht der Macht

Startbeitrag von Stefan Zweifel - dasmagazin.ch am 01.06.2009 19:51

"Man sollte die Macht-Süchtigen vielleicht behandeln wie Drogen-Süchtige:
ein kontrollierter Entzug"
Paul Parin


(Ein kurzer Auszug aus seinem letzten Interwiew)

«Schaut, ich rauche, seit ich sechzehn bin. Das ist meine Sucht, übrigens keine besonders schlimme. Und jetzt will man sie mir nehmen. Weshalb? Man kann den Kampf gegen eine Sucht als politisches Instrument einsetzen — letztlich, um von der verheerendsten aller Süchte abzulenken, der Sucht nach Macht.

Freilich gehört die Sucht zum menschlichen Wesen — und ich würde auch das Recht auf Sucht für alte Menschen fordern, denen man mit chemischen Mitteln Schmerzen nehmen kann. Ich nannte sie einmal ‹Pharmagreise›.

Ich sagte mir: Weshalb soll ich nicht mit chemischen Mitteln meine Schmerzen eindämmen, mich wach machen, aufheitern? Da gibt es sehr nützliche Drogen. Und es gab ja kaum je ein grosses Volk, das auf den Einsatz von Drogen verzichtet hätte: Napoleon unterlag den Truppen des zaristischen Russland, die alle drogiert waren, vom Soldaten bis hinauf zu den Generalen tranken sie Wodka, um sich aufzuputschen für das Gemetzel, wie man später die GIs in Vietnam aufputschte mit Psychopharmaka. Doch während man sich im Krieg der Sucht bedient, wird sie in Friedenszeiten von den Mächtigen bekämpft.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion suchte man mit Suchscheinwerfern nach einem inneren Feind, um sagen zu können: Da gibt es eine Gefahr und wir, wir Regierenden, können euch davor beschützen. Und fand das Rauchen.

Die Machthaber sagen: Wir schützen euch vor der Vogelseuche oder den Rauchern. Aber sie sagen nie: Wir schützen euch vor uns.

Schon Einstein hat 1932 an Sigmund Freud geschrieben, ob man Krieg und Barbarei mit dem neuen Wissen über das Unbewusste nicht verhindern könne. Freud war da nicht so optimistisch.

Ich suchte in der psychoanalytischen Theorie der Triebe nach Gründen für jenes Suchtverhalten der Politiker und Manager, denen Macht rätselhafterweise wichtiger wird als alles im Leben: als Liebe, Freundschaft und dergleichen. Sie wirken dann auf der einen Seite wie Heroinsüchtige, auf der anderen wie Geisteskranke, die ausser ihrem Wahn gar nichts zur Kenntnis nehmen können.

Doch die klassische Libido-Theorie reicht nicht hin, das zu erklären. Und da sich die Mächtigen nicht auf die Couch legen, sehe ich vorerst keine andere Möglichkeit als all das, was man über Suchtverhalten weiss, endlich auf die Probleme der Tagespolitik, auf Probleme der Wirtschaftspolitik anzuwenden.
Mir schwebt eine Institution vor, die den Mächtigen wieder die Macht entzieht. Uns alle quasi als Passivraucher vor ihnen schützt. Eine solche Plattform zu bilden, wäre die Aufgabe der Medien, aber die sind ja nach demselben Stoff süchtig.»

Und entlässt uns mit einem Rauchring in die Nacht.




Paul Parin wurde am 20. September 1916 im heutigen Slowenien geboren und starb am 18. Mai in Zürich. Für seine Forschungen wurde er mit dem Internationalen Sigmund-Freud-Preis ausgezeichnet, für sein literarisches Werk mit dem Erich-Fried-Preis.

Dieser erste Teil ist ein Auszug eines fünfstündigen Gesprächs mit Paul Parin, das der Publizist Stefan Zweifel (gemeinsam mit «Magazin»-Redaktor Rico Czerwinski) im Sommer 2008 führte.

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