Reinkarnation - Haben wir mehr als ein Leben?

Startbeitrag von P.M. Magazin am 31.08.2009 19:42

Der Glaube an die Reinkarnation kehrt zurück. Genauer gesagt: Er war in Wirklichkeit nie verschwunden. Denn für viele Menschen ist die Seelenwanderung die plausibelste Antwort auf die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen.



»Du hast nur ein Leben – mach’ was daraus!« : Diese Maxime ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, gehört zu den scheinbar unumstößlichen Wahrheiten unserer Kultur. Doch für große Teile der Menschheit galt und gilt sie bis heute nicht. Hindus und Buddhisten leben in einem völlig anderen Bewusstsein, und auch im Westen ist eine wachsende Anzahl Menschen von einer anderen Wahrheit überzeugt. Nach einer Umfrage des französischen Magazins EXPRESS glaubt jeder vierte Europäer an die Reinkarnation (lat.: Rückkehr ins Fleisch). Ein Weiterleben nach dem Tod (in welcher Form auch immer) halten – laut einer Online-Umfrage der Zeitschrift SPIEGEL – auch 52 Prozent der Deutschen für realistisch, bei den unter 29-Jährigen sind es sogar 64 Prozent. Woher kommt der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele? Was ist dran an der Theorie von den Leben nach dem Leben?

Ist die Seele unsterblich?

Sehr früh müssen die Menschen gespürt haben, dass es eine Instanz in uns gibt, die nicht identisch mit dem Körper zu sein scheint. Bereits die Steinzeitmenschen, so vermuten Archäologen, lebten in diesem Bewusstsein. Sie hielten ihre Verstorbenen nicht für völlig »tot« und betrieben Formen des Ahnenkults. Spuren eines uralten Reinkarnationsglaubens finden sich bis heute in unserer Sprache: Das Wort Enkel bedeutet sinngemäß »alter Großvater«. In vielen archaischen Gesellschaften herrschte die Vorstellung, dass sich die Seelen in der eigenen Sippe wiederverkörpern.

Zwar hat jede Kultur und jede Zeit eigene Seelen-Mythen entwickelt, doch der Glaube an eine unsterbliche Essenz ist universell und über Jahrtausende konstant geblieben. Dann aber kamen die Aufklärung und die modernen Naturwissenschaften und führten in rund 200 Jahren die alten Mythen scheinbar allesamt ad absurdum. Der entscheidende Schritt dahin: Der hochkomplexe Begriff »Seele« wurde gleichgesetzt mit dem Ich-Bewusstsein und an das – sterbliche – Gehirn angekoppelt.

Für Anhänger der unterschiedlichen Reinkarnationslehren ist das allerdings eine unlautere Vereinfachung. Man könne, meint der Münchner Psychologe Thorwald Dethlefsen, ja auch nicht ein Gemälde von Rembrandt reduzieren auf die Moleküle der benutzten Pigmente, die Fasern der Leinwand und die Summe der beim Malen ausgeführten Bewegungen. Gehirn und Nervensystem seien nicht identisch mit dem Selbst, sondern lediglich dessen materielle Träger für die Dauer des Lebens.

Nur ein Leben – oder viele?

Der Glaube an eine unsterbliche Seele beinhaltet nicht zwangsläufig den an die Reinkarnation. Für gläubige Christen (ebenso wie Juden und Muslime) gibt es nur ein Leben, das unmittelbar nach dem Tod in den Himmel, ins Fegefeuer oder in die Hölle mündet. Anders als oft vermutet, glaubten auch die alten Ägypter nicht an Wiederverkörperung – für sie trennte sich das unsterbliche »Ka« nach dem Tod zwar vom Leib, blieb aber auf okkulte Weise mit ihm verbunden.

Die ältesten schriftlich überlieferten Reinkarnationslehren sind in altindischen Weisheitstexten (Veden) zu finden und stellen Glaubenspfeiler des Hinduismus und des Buddhismus dar. Aber auch in der westlichen Kultur ist die Reinkarnationslehre zu Hause: Ihre Wurzeln reichen ins klassische Griechenland. Der Mathematiker und »Guru« Pythagoras (570 – etwa 496 v. Chr.) sowie später der Philosoph Platon (427 – 347 v. Chr.) prägten mit ihren Lehren von der Seelenwanderung die gesamte europäische Philosophie. Zum Reinkarnationsglauben bekennen sich bei uns heute die Anthroposophie (gegründet von Rudolf Steiner) und alle jene Richtungen, die undifferenziert unter dem Begriff Esoterik zusammengefasst werden.

Warum muss die Seele mehrmals wiederkommen?

Im Glaubenssystem des Hinduismus und Buddhismus ist die von Gier, Hass und Verblendung getriebene Seele an das »Rad der Wiedergeburten« gekettet – die Rückkehr in eine irdische Existenz wird als große Mühsal, als eine Art Verdammnis, empfunden. Dagegen betonen die westlichen Reinkarnationslehren weniger den Aspekt des Leidens als vielmehr den des Lernens.

Die einzelnen Leben werden oft mit Schulklassen verglichen, in denen sich die Seele langsam, nach vielen Misserfolgen und Prüfungen, zur Vollkommenheit verfeinert. Eine skurrile aber gelungene Interpretation dieses Gedankens hat der Erfolgsfilm »Und täglich grüßt das Murmeltier« (1993) inszeniert. Der egoistische, zynische TV-Wetterreporter Phil Connors (Bob Murray) ist dazu verurteilt, immer wieder denselben Tag in einer amerikanischen Kleinstadt zu durchleben. Zig Mal wiederholt er die gleichen Fehler, durchläuft schwere Krisen, entwickelt aber mit der Zeit Talente und Güte.

Wo ist die Seele zwischen den Leben?

Sehr präzise Vorstellungen hat dazu der tibetische Buddhismus: Er beschreibt unterschiedliche Seins-Zustände, die das vom Körper getrennte Selbst im »Bardo« nach dem Tod durchwandern muss. Gemeinsam allen Reinkarnationslehren ist die Vorstellung, dass die Zwischenzeit eine Phase der Läuterung darstellt.

Das knüpft an einen zentralen Gedanken der menschlichen Ur-Religion an: Kern aller schamanistischen Traditionen sind »Reinigungsrituale«, bei denen die Seele in ihre wahre Bestimmung eingeweiht wird. Auch in der christlichen Vorstellung vom Fegefeuer geht es um Läuterung nach dem Tod, allerdings führt diese nicht zurück auf die Erde, sondern zu Gott.

Können wir uns aussuchen, wo wir wiedergeboren werden?

Zu den guten Wünschen, die Buddhisten untereinander austauschen, gehört traditionell der nach einer »guten Wiedergeburt«. Seelen, die im Zustand von Gier, Unwissenheit und Hass gelebt haben und gestorben sind, verbinden sich unbewusst und wahllos mit irgendeinem Körper; tugendhafte Seelen dagegen verkörpern sich in einer Existenz, die spirituelle Weiterentwicklung ermöglicht. In dieser Vorstellung wurzelt auch das tibetische System der »Tulkus«, der spirituellen Lehrer, die sich gezielt in einer langen Kette von geistigen Führern reinkarnieren.

In den westlichen Lehren ist die Vorstellung populär geworden, dass sich jede Seele die für ihren Entwicklungsstand passende nächste Existenz aussucht. Körperlich behindert oder in schlechten sozialen Bedingungen auf die Welt zu kommen, ist demnach kein Unglück und keine Strafe, sondern bietet genau die Lernmöglich-keiten, welche die Seele braucht.

Können wir als Tier wiedergeboren werden?

2004 gab es in der kanadischen Provinz Ottawa ein seltsames Tauziehen um einen fünfjährigen Schwertwal, der sich seit drei Jahren vor der Westküste von Vancouver Island tummelte. Kurz bevor der junge Meeressäuger das erste Mal gesichtet wurde, war der Häuptling der Mowachaht-Muchalaht-Indianer gestorben, mit der Prophezeiung, als Schwertwal wiederzukommen. Die Behörden fingen das Tier ein, um es zu seiner Familie, Hunderte von Kilometern weiter südlich zu bringen. Doch immer wieder befreiten die Indianer in Nacht-und Nebelaktionen ihren »Häuptling«, bis die Behörden schließlich nachgaben. (Der auffallend menschenfreundliche Wal starb letztes Jahr, nachdem er in eine Schiffsschraube geraten war).

Reinkarnation in einer nicht-menschlichen Form wird in Kulturen für möglich gehalten, die Tiere nicht als so minderwertig achten wie das westliche Weltbild mit seinem Dogma vom Menschen als »Krone der Schöpfung«. Im tibetischen Buddhismus gilt eine Existenz als Tier allerdings als Unglück, weil eine spirituelle Weiterentwicklung mit der Aussicht auf Erlösung aus dem »Rad der Wiedergeburten« weniger möglich ist.

Was sind alte Seelen?

Die Unterscheidung in alte und junge Seelen gehört zu den populärsten Annahmen vor allem in den westlichen Reinkarnationslehren. Alte Seelen haben schon viele Existenzen durchlaufen, junge stehen noch am Anfang. Eine Wertung verbindet sich damit nicht, denn – so heißt es – jeder kann auf seiner Entwicklungsstufe große Forschritte erzielen. In diesem Glaubenssystem bekommen auch solche Phänomene wie Wunderkinder eine Erklärung: Was wir in vielen Leben schon viel geübt haben, bringen wir als (Hoch-)Begabung ins nächste mit. Auch die unerklärliche Vertrautheit mit eigentlich fremden Personen oder Orten (Déja-Vu-Erlebnisse) lassen sich als Mitbringsel aus frühren Leben erklären.

Im Buddhismus spielen solche Überlegungen keine große Rolle. Die Vorstellung des sich immer wieder aufs Neue verkörpernden Geists ist dort viel abstrakter. Der Dalai Lama hat den Vorgang der Reinkarnation einmal damit verglichen, dass eine Flamme von einer Kerze zur nächsten wandert.

Allerdings kennt auch der tibetische Buddhismus das Konzept von »alten« Seelen: Als Boddhisatvas werden erleuchtete Wesen bezeichnet, die freiwillig auf die Erde zurückkehren. Sie wollen dazu beitragen, dass die gesamte Schöpfung – Menschen und Tiere – erlöst wird.

Warum vergessen wir unsere früheren Existenzen?

Obwohl das Christentum offiziell keine Reinkarnation kennt, erzählt eine populäre Legende das Folgende: Engel bringen die Seelen auf die Erde und geben ihnen einen Nasenstüber, damit sie vergessen, woher sie kommen. In der griechischen Mythologie trinken die Seelen der Verstorbenen aus dem »Fluss des Vergessens« (Lethe), Spuren des vergangenen Lebens werden dabei weggespült. Auch aus Sicht der Buddhisten wird die Seele in den Zwischenreichen von Erinnerungen gereinigt, diese sind unwichtig für den weiteren Weg. In seinem Longseller »Schicksal als Chance« zieht der Psychologe Thorwald Dethlefsen abermals den Vergleich mit einer Schule heran: Als Schulkinder lernen wir viele konkrete Dinge, die wir schon in den höheren Klassen meist nicht mehr wissen. Doch der Effekt des Lernens – die seelische Reifung – geht dadurch nicht verloren. Immer scheint dieses totale Vergessen allerdings nicht zu funktionieren: Aus der ganzen Welt sind Fälle bekannt von Menschen, die sich bruchstückhaft an Vorleben zu erinnern scheinen. Vor allem Kinder.

Erinnern sich Kinder noch besser an frühere Leben?

Seit dem Erfolgsfilm »Little Buddha« (1993) kennen auch Menschen, die ansonsten wenig vom Buddhismus wissen, eine in Tibet übliche Tradition: Kleine Kinder erinnern sich an ihr Leben als Abt in einem Kloster, erkennen Gegenstände aus ihrer »alten Zeit« und geben sich so als Wiedergeburt eines verstorbenen Lama zu erkennen. Aber nicht nur »kleine Buddhas« haben Erinnerungen. 64 Fälle von Kindern, die behaupten schon gelebt zu haben, hat der isländische Forscher Professor Erlendur Haraldsson unter die Lupe genommen, die Sammlung des amerikanischen Psychiaters Ian Stevenson enthält sogar mehr als 3000 Berichte.

Eines von zig Beispielen: Ein dreijähriges Mädchen aus Sri Lanka erinnert sich an ein früheres Leben in der Stadt Akuressa. Als junge Schwangere sei sie von einer Hängebrücke in den Fluss gestürzt und ertrunken. Auch den Namen ihres vorherigen Vaters kennt sie. Als Haraldsson den Fall überprüft, entdeckt er, dass neun Jahre vor der Geburt des Kindes tatsächlich ein solches Unglück in Akuressa passiert ist. Von 27 Details, die das Kind über sein früheres Leben aussagt, stimmen 20, sieben sind falsch.

Ein Beweis für die Reinkarnationslehre? Oder alles nur Zufall, gepaart mit kindlicher Fantasie? Mit den Worten Haraldssons bietet die Reinkarnationstheorie »die einfachste, schlüssigste und eleganteste Erklärung« für zahlreiche Phänomene, die sich ansonsten schwer deuten lassen. Nach seinen und Stevensons Beobachtungen sind es vor allem Kinder unter sieben Jahren, die spontan von Vorleben erzählen. Später machen sich solche Erinnerungen rar. In der Sprache der Reinkarnationsanhänger: Je solider sich die Seele in ihrem neuen Leben verkörpert hat, desto dichter schließen sich die Tore zu anderen Seinsbereichen.

Können wir in ein Vorleben zurückgeführt werden?

Der Bericht des deutschen Schauspielers Hape Kerkeling über die Rückführungssitzung bei einem Reinkarnationstherapeuten hat Anfang dieses Jahres einen riesigen Medienrummel ausgelöst. Kerkeling erinnerte sich präzise an ein Leben als Mönch, der von Nazischergen erschossen wurde. Die Reinkarnations- oder auch Regressions-Therapie existiert schon seit über 30 Jahren. Früher wurde sie in Hypnose ausgeführt, heute nur in tiefer Entspannung. Dabei zeigt sich, dass fast alle Menschen relativ leicht Bilder und Szenarien sehen und durchleben, die aus einer anderen Zeit, von einer anderen Existenz zu kommen scheinen.

Ob es sich bei diesen Erfahrungen auf der Couch aber wirklich um frühere Leben handelt, das beurteilen Menschen, die Rückführungen gemacht haben, unterschiedlich. Eindrucksvoll sind die Erlebnisse jedoch in jedem Fall, und die therapeutische Wirkung der Methode unumstritten. Der heilende Effekt kann schon deshalb eintreten, weil das aktuelle Leben in einen größeren Bezugsrahmen eingebettet wird – die Dinge bekommen mehr Sinn.

Übrigens: In Rückführungen erleben sich die allermeisten Menschen keineswegs – wie Spötter gerne behaupten – als große historische Persönlichkeiten. Sie sind, wie im aktuellen Leben, ganz »normale« Bürger.

Wann ist der Weg zu Ende?

Als ein kosmisches Nichts, als See der Ruhe, hat Buddha den Endpunkt beschrieben. Ein Echo dieses Bildes findet sich in unserem Wort Seele, das ursprünglich »zum See gehörig« bedeutet. Egal ob die unterschiedlichen Traditionen diesen letzten Zustand als Verschmelzung mit Gott, als Tao oder als Nirvana bezeichnen – einig sind sich alle, dass diese Seinsform vom irdischen Bewusstsein nicht erfasst werden kann, da sie sich außerhalb von Zeit und Raum befindet.

Der Weg dahin ist lang. Erst wenn die Seele frei geworden ist von irdischen Verstrickungen und den Grad höchster geistiger Reife und Demut erreicht hat, wird sie aus dem Rad der Wiedergeburten erlöst und kehrt in die ursprüngliche Einheit zurück. Schön und griffig hat es der Film »Und täglich grüßt das Murmeltier« dargestellt. Hier kommt die Befreiung aus der quälenden »Zeitschleife«, als der zynische TV-Mann nach vielen Mühen zur Liebe und zum Mitgefühl gefunden hat.


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